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Was der Buddha lehrteEin Interview mit Bhante Henepola Gunaratana von Simeon Alev |
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Einleitung In einer perfekten Welt müßte der erste Satz dieser Einleitung wohl lauten: "Diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? wäre nicht vollständig ohne das folgende Interview mit dem Buddha." Nun ist dies natürlich keine perfekte Welt, aber Was ist Erleuchtung? ist immer um Perfektion bemüht, und wir waren sicher, daß der Buddha, eine der berühmtesten im Zölibat lebenden Figuren der Geschichte, uns hinsichtlich der Beziehung zwischen Sexualität und Spiritualität Aufschluß hätte geben können, und es hätte auch bestimmt nicht an Kommentaren zum Niedergang des Zölibats und der steigenden Beliebtheit von Tantra in der modernen spirituellen Welt gemangelt. Wie, fragten wir uns, kann unsere Zeitschrift ohne ihn jemals Anspruch auf Vollständigkeit erheben? Als wir jedoch mit Bhante Henepola Gunaratana sprachen - "Bhanteji", wie ihn seine Schüler liebevoll nennen -, waren wir erleichtert. Bhante Gunaratana war im Alter von 12 Jahren in seinem Geburtsland Sri Lanka zum zölibatären buddhistischen Mönch geweiht worden und ist heute, im Alter von siebzig Jahren, ein bekannter buddhistischer Gelehrter, Autor und Oberhaupt der Bhavana Society, einem klösterlichen Retreat-Center im Shenandoah Valley in West Virginia. Nach Ansicht des Bhante hätte unser Interview mit dem Buddha keine wirklichen Überraschungen gebracht, denn dort, wo Spiritualität und Sexualität zur Diskussion stehen, haben sich die Dinge seit den Zeiten des Buddha nicht sehr verändert. In unserer Zeit gibt es vergleichsweise noch immer sehr wenige Mönche, noch immer sehr viele Menschen, die im Familienverband leben, und nach wie vor - und der Bhante ist der Meinung, daß es sie immer geben wird - doch eine beachtliche Zahl abenteuerlustiger Seelen, die davon überzeugt sind, daß Sexualität, und nicht Entsagung, sie zu den höchsten Höhen menschlichen Bewußtseins bringen kann. Und im Laufe seines Lebens gab der Buddha Lehren, Vorschriften und Gebote, die sich an die spirituellen Bedürfnisse von Menschen aller drei Kategorien richteten. Was waren also die Ansichten des Buddha zu Spiritualität und Sex? Bhante Gunaratana, der von Jugend an im Dharma (der spirituellen Lehre) verwurzelt ist, beantwortete alle unsere Fragen mit einer Überzeugung, die jeden Zweifel ausschloß, und mit einem sanften und ansteckenden Humor, der das Gespräch mit ihm zu einem reinen Vergnügen machte. Und zum Ende der für uns reservierten Stunde beschrieb er die Erfahrung seines eigenen Lebens im Zölibat - die Herausforderungen und die Belohnungen, die darin liegen - mit einer Milde und einem Enthusiasmus, die aus der Sicherheit erwachsen, daß es einem Leben von absoluter Entsagung an absolut nichts mangelt. Interview WIE: Als wir dieses Interview planten, meinten wir zum Scherz, daß wir im Idealfall tatsächlich ein Interview mit dem Buddha selbst haben müßten; aber es ist sicher die nächstbeste Lösung, mit Ihnen darüber sprechen zu können, was der Buddha lehrte. Bhante Gunaratana: Ich würde mir wünschen, daß wir alle mit dem Buddha zusammensitzen und mit ihm diese Fragen erörtern könnten! WIE: Es ist eine Tatsache, an der niemand vorbeigehen kann, der sich heutzutage für Buddhismus interessiert, daß der Buddha ein Mönch war und eine klösterliche Tradition begründet hat; und diese Tradition ist es auch, für deren Verbreitung im Westen Sie selbst so viel Zeit und Energie investiert haben. Warum war dem Buddha das Zölibat so wichtig? Warum glaubte er, daß es eine so große Bedeutung hat? BG: Weil Menschen, die Befreiung von Dukkha, dem Leiden, finden möchten, bestimmte Prinzipien beachten müssen. In der Tat ist das Zölibat unerläßlich für Menschen, die ein klösterliches Leben zu führen wünschen. Denn wenn sie auf alle mögliche Art sexuell aktiv sind, unterscheiden sie sich nicht von Laien, die in den verschiedensten Problemen stecken, die auf die Sexualität zurückzuführen sind. Und ein Mensch, der sich für ein klösterliches Leben interessiert, strebt auch nach einem sehr einfachen Leben - das ist Sinn und Zweck aller monastischen Traditionen -, denn letztlich können wir einzig und allein dadurch, daß wir uns von Habgier, Lust und Verlangen befreien, Befreiung vom Leiden finden. Sehen Sie, wenn wir die Absicht haben, unser Leiden loszuwerden, dann müssen wir die Ursache des Leidens beseitigen, und Lust ist eindeutig die Ursache des Leidens. Wer also ein monastisches Leben zu führen wünscht, muß sie beseitigen, um so zu leben, daß er die Wurzeln der Begierde nicht weiter nährt. WIE: Wäre es also richtig zu sagen, daß es für einen Menschen, der kein monastisches Leben lebt, also für einen Laien, sehr viel schwieriger oder sogar unmöglich wäre, das zu tun? BG: Auch Laien müssen einer Disziplin im Leben folgen; sie müssen eine gewisse Beherrschung üben. Deshalb gibt es auch Vorschriften für Laien; aber normale Laien müssen nicht enthaltsam sein. Laien können bestimmte Stufen der Erleuchtung erreichen - wir nennen sie "Mitfließende" oder "Einmal-Wiederkehrende" - , bevor sie für sich selbst erkennen, daß sexuelle Aktivität unausweichlich Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringt. Laien können sogar die dritte Stufe der Heiligkeit erreichen, wir nennen sie "Nie-Zurückkehrende". Aber sobald sie einmal diese Stufe erreicht haben, werden sie selbst aus ihrer eigenen Erkenntnis heraus entscheiden, daß eine Verstrickung in Sexualität den Fortschritt in ihrer spirituellen Praxis blockiert, und sobald sie das erkennen, werden sie ganz freiwillig aufhören, sexuell aktiv zu sein. Wie Sie sehen, ist Zölibat also nicht etwas, das mit Zwang oder durch ein Gebot auferlegt werden kann. WIE: Könnten Sie etwas genauer beschreiben, warum Sexualität an sich transzendiert werden muß, damit Fortschritte auf dem spirituellen Weg gemacht werden können? BG: Weil der Geist in Unordnung, getrübt und verwirrt ist, solange man sich damit beschäftigt, und weil man sich in Eifersucht, Furcht, Haß, Spannung usw. verstrickt - in all diesen Problemen, die aus der Lust entstehen. Wenn man also von alldem befreit werden möchte, muß zuerst die Lust beseitigt werden. Nun gefällt vielen Menschen das Wort "beseitigen" nicht; manche bevorzugen Worte wie "transzendieren" oder "transformieren". "Klar", sagen sie, "man kann ,Lust' in ,Nicht-Lust' transformieren!" WIE: Und wo ist der Unterschied zwischen "transzendieren" und "beseitigen"? BG: Einige Begriffe kommen der eigentlichen Bedeutung etwas näher, und andere könnte man euphemistisch nennen, also Begriffe, die nicht so negativ sind. Diese Leute sagen lieber "transzendieren" oder "transformieren" als "beseitigen", weil sie Worte brauchen, die eine Zuckerglasur haben und ihnen deshalb vom Gefühl her angenehmer sind. WIE: Aber worüber wir wirklich sprechen, ist das Beseitigen der Lust? BG: Richtig. Aber wenn man "beseitigen" sagt, dann ist das so stark, so negativ, daß sich die Leute fragen: "Wie kann ich etwas beseitigen?" Wenn man aber sagt: "Transformieren wir es in etwas anderes", dann können sie damit etwas anfangen. WIE: Wurde in der Lehre des Buddha die Sexualität als von Grund auf negativ angesehen? BG: Der Buddha lehrte, daß solange der Mensch sexuell aktiv ist, er kein Interesse an der Praxis des spirituellen Lebens hat; die beiden Dinge passen einfach nicht zueinander. Aber in seiner Lehre über die schrittweise Erleuchtung sagte er auch, daß das Empfinden von Lust und Sexualität Genuß beinhaltet. Er verleugnete den Genuß nicht. Genuß ist dabei. Aber, sehen Sie, dann verändert sich dieses Vergnügen in Mißvergnügen, und allmählich, langsam, sobald sich das anfängliche Feuer der Lust abgenutzt hat, beginnen die Menschen zu kämpfen. Denn aus Lust erwächst Furcht; aus Lust erwächst Habgier; aus Lust erwachsen Eifersucht, Zorn, Haß, Verwirrung und Kampf; all diese negativen Dinge erwachsen aus der Lust. Und deshalb sind all diese negativen Dinge in der Lust beinhaltet. Und, wissen Sie, wenn wir das sehen möchten, dann brauchen wir gar nicht weiter zu schauen als in unsere eigene Gesellschaft. Machen Sie nur die Augen auf und sehen Sie sich um. Wie viele Millionen Menschen kämpfen? Und das ist nur in ihrer Lust und Gier begründet - Ehemänner mit Ehefrauen; Freunde mit Freundinnen; Freunde mit Freunden; Freundinnen mit Freundinnen - usw., nicht wahr? Es macht keinen Unterschied, ob die Menschen heterosexuell, homosexuell oder bisexuell sind, das ist ganz egal. Solange du darin verstrickt bist, ist es unvermeidlich, daß du diese Probleme hast - Kampf, Enttäuschung, Zorn, Haß, Töten - all das ist damit verbunden. Weil also der Buddha das Problem sah, das der Sexualität innewohnt, sagte er, daß es besser ist, die Sinne zu disziplinieren und zu kontrollieren, um ein ruhiges und friedvolles Leben zu haben. Aber das muß schrittweise erfolgen, langsam, begründet auf Verstehen, nicht unvermittelt. Es kann nicht erzwungen werden. Es muß allmählich geschehen und mit tiefem Verständnis. Wenn Menschen es nicht verstehen und versuchen, ganz unvermittelt damit Schluß zu machen, werden sie nur noch mehr Frustration, Furcht usw. haben. Und deshalb sagte er in seiner schrittweisen Lehre, daß es zuerst Genuß schenkt, sexuell aktiv zu sein, dann aber gibt es Nachteile, dann gibt es Probleme. Und erst dann, wenn man die Probleme sieht, beginnt man zu erkennen, daß diese Nachteile und diese Negativität der Sexualität innewohnen - sie sind davon nicht zu trennen. Die Lust beinhaltet diese Schwierigkeiten und Probleme. WIE: Besonders in der heutigen Zeit würde das als ein sehr radikaler Standpunkt angesehen werden. BG: Oh, sicher. Aber wissen Sie, nur wenn Menschen sich von diesen Dingen abwenden, nur wenn sie sich von dieser Art von Lehre fernhalten und räumlich und zeitlich Millionen von Meilen weit weg sind und sich dann umdrehen und auf die Wurzeln ihres Problems sehen, dann erscheint es radikal. Sie haben sich so lange abgewandt und in Raum und Zeit so weit entfernt, daß sie denken, wenn sie zurückschauen: "Um Himmels willen, wie kann ich das jetzt beseitigen? Ich habe mich so weit darauf eingelassen und ich bin jetzt darin so verstrickt." Deshalb erscheint es ihnen radikal. Klar ist es radikal! WIE: Während Sie sprachen, ertappte ich mich bei dem Gedanken, daß Sie den Genuß in der Sexualität so kurz besprachen, all ihre Nachteile aber so ausführlich; viele Leute - BG: Ja, genau! So viel Schmerz wegen ein bißchen Genuß, nicht wahr? WIE: Genau. BG: Aber Sie haben recht. Die Menschen möchten nicht daran denken. Die Menschen möchten immer das hören, was sie gerne hören. Aber das wollen wir nicht sagen! Ob es den Menschen nun gefällt oder nicht, wir wollen die Wahrheit sagen. Und wir sollten uns nicht davor fürchten, die Wahrheit zu sagen. Ob die Welt sie nun akzeptiert oder nicht ... das ist dann wieder etwas anderes. Was kann man da machen? WIE: Als wir nach einem Zitat des Buddha suchten, das seine Einstellung zur Sexualität wiedergibt, stießen wir auf diese Passage aus Das Leben des Buddha: "Irregeführter Mann, der du schon so weit weg bist, es wäre besser für dich, dein Glied würde in den Mund einer abscheulichen giftigen Viper eindringen als in eine Frau. Es wäre besser für dich, dein Glied würde in einen Haufen brennender, heißer und glühender Kohlen eindringen als in eine Frau. Warum ist das so? Im ersten Fall würdest du den Tod oder ein tödliches Leiden riskieren, aber du würdest nicht, wenn sich der Körper nach dem Tode auflöst, in einen Zustand von Elend wiedergeboren, in ein unglückliches Schicksal, in Verdammnis, vielleicht sogar in die Hölle." Ich glaube, daraus erhält man einen recht deutlichen Eindruck davon, welche Einstellung der Buddha zur Sexualität hatte. Aber wie Sie wissen, werden im Westen heute viele Variationen des Buddhismus gelehrt und praktiziert, und viele Praktizierende im Westen scheinen die Behauptung des Buddha nicht zu teilen, daß Lust - die er, wie Sie vorhin sagten, als Manifestation der Begierde sah - per definitionem transzendiert werden muß, um Erleuchtung zu erlangen. Noch dazu tendiert das liberale Klima des heutigen Amerika dazu, Sexualität als etwas sehr Gutes, sehr Gesundes und als einen sehr natürlichen Ausdruck nicht nur unseres Menschseins, sondern sogar unserer Spiritualität zu sehen. Was hätte der Buddha Ihrer Meinung nach dazu gesagt? BG: Bevor ich darauf antworte, möchte ich dieser Übersetzung noch eine kleine Fußnote anfügen. Sie wissen, daß der Buddha, wenn er vom Zölibat sprach, nicht nur vom Zölibat für Männer, sondern auch für Frauen sprach. Wenn er also zum Beispiel sagte, es sei besser, eine glühende Eisenkugel zu schlucken, als sexuell aktiv zu werden, dann gilt das auch für Frauen. Das muß klar sein; sonst könnten sich Frauen brüskiert fühlen. Sie würden sonst vielleicht denken, daß der Buddha Frauen haßte, aus diesem Grund Männer von Frauen fernhalten wollte und deshalb von Männern verlangte, enthaltsam zu sein. Wenn aber eine Frau enthaltsam sein möchte, dann muß sie sich aus demselben Grund von Männern fernhalten. Das ist der erste Punkt, den ich klarstellen wollte. Der zweite Punkt ist, daß das Leben innerhalb der Familie mit einem Ehegatten usw. vom Buddha nicht verurteilt wurde; ein gesundes Sexualleben innerhalb der Ehe ist Laien gestattet, auch wenn es, wie ich schon sagte, niemals zu voller Erleuchtung führen kann. Um Ihre Frage zu beantworten: nicht nur in der Gesellschaft von heute, sondern genauso zu Buddhas Zeiten gab es Menschen, die glaubten, daß Sexualität etwas Heiliges, Edles, Geweihtes und Wunderbares ist. Das ist also nicht nur ein soziales Phänomen des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Mentalität der Menschen hat sich seit unerdenklichen Zeiten nicht geändert, bis heute nicht, und sie wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Es gibt immer Menschen, die meinen, daß sie mittels Sexualität Befreiung finden könnten; wir nennen das eine verzerrte Sicht, ein verzerrtes Denken. WIE: Diese "verzerrte Sicht", wie Sie es nennen, ist zwar zeitlos, scheint aber derzeit besonders vorzuherrschen. Ich meine damit den immer populärer werdenden Standpunkt, daß Sexualität an und für sich, wenn man es bis zum Ende verfolgt, der eigentliche Ausdruck von Erleuchtung ist - und daß man eigentlich nicht wirklich hoffen kann, das letztendliche Ziel zu erreichen, wenn man der Sexualität in irgendeiner Weise aus dem Weg geht, da sie der Weg zur Befreiung ist. Wenn es möglich ist, würde ich Sie bitten, uns möglichst klar darzustellen, wie der Buddha auf diesen Standpunkt reagiert hätte. BG: Damit bin ich ziemlich gut vertraut. Er sagte - ich übersetze aus dem Pali: "Egal, was du tust oder erlangst - du kannst in einer Höhle oder an einem abgeschiedenen Ort leben, und du magst alle Sutras auswendig gelernt haben; du magst ein gelehrter Redner sein; du magst auch Moral üben und so weiter und so fort - egal, was du sonst noch tun magst, solange du Lust, Haß und Unwissenheit nicht losgeworden bist, wirst du niemals Erleuchtung erlangen." Das lehrt der Buddha. Je mehr man also sexuell aktiv ist, desto tiefer geht man in Lust, Verwirrung und Eifersucht hinein. Wenn ein Mensch, Frau oder Mann, gleichzeitig mit mehreren Personen sexuellen Verkehr haben will, dann wird er oder sie in gleicher Weise auf unterschiedlichste Art leiden: aus Eifersucht, Angst, Spannung, Kummer. Das ist ein sehr ungesundes, sehr ungesundes Leben. Wenn jemand daran denkt, mit allen möglichen Personen die ganze Zeit auf verschiedenste Art und Weise sexuellen Verkehr zu haben, dann wird dieser Mensch als Ergebnis solch ungesunden Verhaltens sehr bald tot sein. Nun muß man aber auch verstehen, daß in der gleichen Weise eine mäßige, kluge und gesunde sexuelle Betätigung durchaus vertretbar ist. Aber Erleuchtung mittels Sexualität zu erlangen heißt nichts anderes als: man ergeht sich so lange in sexueller Aktivität, bis man stirbt! Und man wird tot sein, bevor man diese Erleuchtung erlangt hat! WIE: In welcher Weise kommt das alles im Kontext wirklicher spiritueller Übung zum Tragen? BG: Ich bin ein Theravada-Buddhist - das wissen Sie, nicht wahr? WIE: Ja. BG: Nun, manchmal bedaure ich es, diese Dinge sagen zu müssen, aber von Theravada-Buddhisten wird Tantra nicht als Buddhismus angesehen. In der buddhistischen Originalliteratur findet man nirgends "Tantrischen Buddhismus". Tantra ist eine spätere Entwicklung. Im ursprünglichen Buddhismus gibt es nichts im Sinne eines tantrischen Buddhismus. Es gab nie so etwas wie tantrischen Buddhismus. Tantra ist Tantra, Buddhismus ist Buddhismus, und diese beiden Dinge werden nie zusammenpassen. Aber manche Menschen, die sehr in Sexualität verstrickt waren und deren Wahrnehmung sehr verzerrt war, wollten die Sexualität glorifizieren, indem sie Buddhismus dazugaben. Und deshalb kombinierten sie Tantra mit Buddhismus. Wahrscheinlich werde ich dafür gehaßt, daß ich das sage, aber ich muß es trotzdem sagen. WIE: Wir haben im Laufe unserer Recherchen festgestellt, daß sich nicht nur der Begriff der geweihten Sexualität gesteigerter Beliebtheit erfreut, sondern auch, daß Menschen aus westlichen Kulturen dem Zölibat häufig mit sehr viel Furcht und Mißtrauen gegenüberstehen. Was, glauben Sie, könnte der Grund dafür sein? BG: Streng enthaltsam zu sein nützt nur dem, der es tut. Man kann kein Institut für Enthaltsamkeit eröffnen. Enthaltsamkeit kann nicht institutionalisiert werden. Sie kann nicht organisiert werden. Wir können keine Gesellschaft von zölibatär lebenden Menschen haben. Es ist eine absolut persönliche und individuelle Praktik. Wenn Menschen also Einwände dagegen haben, richten sich die Einwände vielleicht gegen das Organisieren von Enthaltsamkeit. WIE: Trotzdem scheint es, als müßte jede monastische Disziplin bis zu einem gewissen Grad organisiert werden. Tatsächlich waren wir fasziniert, ja schockiert darüber, als wir beim Lesen in den Patimokkha-Regeln zur Ausbildung von Mönchen feststellten, daß der Buddha offensichtlich eine ganze Reihe von Regeln aufstellen mußte, die seinen Mönchen untersagten, sexuellen Kontakt mit - um nur einige Beispiele zu nennen, die Ihnen ganz sicher vertraut sind - Totenschädeln, Leichen, Tieren … darum geht es da, zu haben. Unseres Wissens gibt es dieses Verhalten heute nicht mehr - davon gehe ich aus, obwohl das nicht unbedingt stimmen muß! - daher fragten wir uns nur: Reagierte der Buddha mit dem Erlassen dieser Regeln auf Sachen, die die Leute tatsächlich machten? - Sogar seine eigenen Schüler und Anhänger? BG: Genau. Wenn der Buddha eine Regel einführte, fanden die Mönche damals bald eine andere Möglichkeit, um dasselbe wieder zu tun. Sie wollten sich irgendwie sexuell betätigen. Wenn der Buddha also eine Regel aufstellte, brachen sie diese Regel nicht, aber sie fanden einen anderen Weg für die sexuelle Aktivität. Und dann mußte Buddha eine weitere Regel aufstellen, um ihnen Einhalt zu gebieten. Es ist wie bei der Polizei und den Verbrechern - wo es ein Gesetz gibt, werden Verbrecher einen Weg finden, es zu umgehen und das Verbrechen zu begehen, und dann brauchen wir ein neues Gesetz. Das geschah auch zu Buddhas Zeiten. Als immer mehr Menschen in den Orden kamen, begannen sie alles mögliche zu tun, und für alle diese Dinge mußte er Regeln aufstellen. Deshalb existieren diese Regeln. Er griff mit diesen Regeln nicht der Zukunft vor. WIE: Und jetzt sind wir hier in der Zukunft, und da Sie sich aufgemacht haben, um die monastische Tradition des Buddha in den Westen zu bringen, frage ich mich, wie Sie die Menschen aus dem Westen erleben, die um Ihrer Lehre willen kommen. Wie verhalten sich moderne westliche Menschen einem monastischen Leben gegenüber? Haben sie Ihrer Meinung nach mehr Probleme damit als zum Beispiel Menschen aus Ihrer eigenen oder einer anderen Kultur? BG: Das ist eine gute Frage, wissen Sie. Wir durchleuchten die Leute gründlich, bevor wir sie für das klösterliche Leben akzeptieren. Wir stellen sie zwei Jahre lang auf eine Art Probe, um festzustellen, ob sie wirklich aufrichtig und ernsthaft daran interessiert sind, sich darauf einzulassen. Denn manchmal kommen Leute nur so zum Spaß, und weil es bei uns sehr ruhig, friedlich usw. ist, glauben sie, daß es ihnen hier vielleicht gefallen könnte und sie Mönche werden möchten. Aber später ändern sie dann ihre Meinung. Und deshalb möchten wir auch nicht leichtfertig damit umgehen; wir wollen wissen, ob sie wirklich aufrichtig und ernsthaft sind. Wenn sie ernsthaft sind, dann nehmen wir sie auf. Aber das sind nur wenige. Viele kommen, viele schreiben uns - und heutzutage schicken sie uns sogar E-mails! - und bitten uns darum, ihnen zu gestatten, Mönche zu werden und hier im Kloster zu leben. Aber wir akzeptieren sie nicht alle, denn wir wissen, daß sie später das Interesse verlieren werden. Es gibt aber auch ein paar aufrichtige Menschen, die tatsächlich Mönch oder Nonne werden wollen. Und das ist kein neues Phänomen. Auch früher gingen von Millionen von Menschen nur einige wenige in die Klöster. Auch heute gehen in buddhistischen Ländern nicht alle ins Kloster. In einigen Ländern wie Thailand, Burma, Laos, Kambodscha usw. gibt es in der Tradition einen Brauch: man geht für kurze Zeit ins Kloster. Aber von denen, die für kurze Zeit ins Kloster gehen, legen die meisten die Robe wieder ab und gehen wieder. Nur eine Handvoll Leute bleibt wirklich. In den westlichen Ländern, wo es diese Traditionen nicht gibt, sind es noch weniger, die ins Kloster kommen. Und von ihnen werden noch weniger beim Klosterleben bleiben. Aber das ist mehr oder weniger überall auf der Welt dasselbe und war zu allen Zeiten so. Wissen Sie, im Westen können immer weniger Menschen den Druck ertragen, den die Gesellschaft auf sie ausübt, sie sind müde - wirklich und wahrhaftig müde -, und deshalb wollen sie weg. Aber nur sehr wenige von ihnen werden bleiben, und die meisten werden wieder in die Gesellschaft zurückgehen. Aber das wußten wir, als wir unser Center errichteten, denn das ist schon immer und überall so gewesen. WIE: Wenn es möglich ist, würde ich gern etwas mehr über Ihr eigenes Leben als Mönch erfahren. Welchen Einfluß hatte zum Beispiel das Zölibat auf Ihre spirituelle Entwicklung? BG: Mein Freund, es schenkt mir enormen Frieden. Und ich sage das ganz ehrlich, wissen Sie. Denn ich kann mit allen Menschen ohne jedes Problem zusammenleben. Nicht eine spezielle Frau oder ein spezielles Mädchen, ein spezieller Junge oder ein spezieller Mann, denn mein Zölibat hilft mir, alle anderen Menschen auf gleiche Weise zu akzeptieren. Und es verhilft meinem Geist zu Frieden. Und ich glaube, so wünschte es der Buddha für uns - eine freundliche, friedliche Beziehung zu allen Lebewesen. Deshalb hat es eine so positive Wirkung auf mein Leben. WIE: Soweit ich verstanden habe, wurden Sie Mönch im Alter von - BG: Zwölf. Und jetzt bin ich siebzig. Seit achtundfünfzig Jahren trage ich diese Robe! WIE: Wenn Sie Menschen einen Rat geben sollten, die daran denken, das Enthaltsamkeitsgelübde abzulegen, was würden Sie sagen? BG: Ich würde sagen: "Wenn ihr ehrlich, aufrichtig und ernsthaft wünscht, ein friedvolles Leben zu haben, ein achtsames Leben, ein Leben ohne Probleme, ein Leben, das im Zeichen des unterschiedslosen Dienens für andere steht, dann ist ein zölibatäres Leben ein sehr gutes Leben, denn wenn man im Zölibat lebt, kann man wirklich wahre Liebe und Güte praktizieren, wahres Mitgefühl. Man kann alles schätzen, was einem begegnet. Der Geist kann gelassen und unvoreingenommen sein. Wenn man aber durch den einen oder anderen Menschen gebunden ist, ist all das nicht möglich. Daher, wenn ihr ernsthaft und aufrichtig diese Dinge praktizieren möchtet, dann ist das Zölibat ernstlich in Betracht zu ziehen." Aber es darf nie so sein, daß es aus gutem Glauben akzeptiert wird oder weil es von jemandem auferlegt wird. Man muß es wirklich verstehen und sehr gründlich über das Zölibat nachdenken, bevor man sich darauf einläßt. WIE: Man muß offenen Auges hineingehen. BG: Genau. WIE: Und muß der Mensch auch eventuell mit vielfachen Herausforderungen rechnen? BG: Sicher, sicher. Wenn man Enthaltsamkeit übt, begegnet man immer Herausforderungen. Es gibt so viele Menschen, die mit dir zusammensein wollen, so viele, die sich dir nähern und dein Zölibat brechen möchten. Denn die anderen wissen, daß du nicht korrupt bist. Du fällst nicht auf jeden Trick herein, du läßt dich nicht auf falsche Dinge ein, bekommst keine Krankheiten usw. Die Menschen verstehen, daß du ein sehr anständiger Mensch bist, ein ordentlicher Mensch. Und manche Menschen sind gerne mit einer sehr anständigen Person zusammen, und das ist eine Herausforderung. Dem muß man sich stellen. WIE: Sie sagten, Sie praktizieren seit achtundfünfzig Jahren Enthaltsamkeit. Wie hat sich ihre Erfahrung hinsichtlich dieser Entscheidung im Laufe der Zeit verändert oder vertieft? BG: Wissen Sie, zuerst war es sehr schwierig, sehr schwierig, besonders als ich jung war, als Teenager und bis in meine späten Zwanziger. Es war wirklich eine Herausforderung. Aber durch die Ausbildung, die ich erhielt, entwickelte ich ein gewisses Verantwortungsbewußtsein für meine Pflichten, meine Arbeit, meine Verpflichtung gegenüber dem Dharma, und hatte überdies Respekt für meine Lehrer und Eltern. Lehrer und Eltern, wir lieben sie sehr, und wir wollen nicht ungehorsam oder respektlos zu ihnen sein. So ging das jahrelang, bis ich wirklich vollständig zur Reife gelangt war. Und dann begann ich, die wahre Bedeutung des Zölibats aus mir selbst heraus zu verstehen. |