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Bei der Arbeit an dieser Ausgabe haben wir mit Verwunderung festgestellt, daß das Thema Zölibat ein größeres Tabu ist als tantrische Sexualität. Bei genauerem Hinsehen wurde offensichtlich, daß sich im allgemeinen die Frage des Zölibats für Menschen, die Interesse an Spiritualität haben, nicht oft stellt. In der Tat wird Entsagung, ganz gleich welcher Art, auf dem postmodernen spirituellen Marktplatz kaum diskutiert. Wenn man bedenkt, daß das Interesse am Buddhismus, einer 2500 Jahre alten monastischen Tradition, ständig wächst, daß der verehrte Name des modernen indischen Heiligen und legendären zölibatären Mönchs Ramana Maharshi in den Herzen und im Geist einer stets größeren Anzahl von Suchenden Ehrfurcht hervorruft, daß man von Jesus selbst annimmt, daß er ein Leben in Keuschheit gelebt hat, und daß der Dalai Lama, ein zölibatär lebender Mönch, universell als die lebende Verkörperung von Reinheit und Mitgefühl angesehen wird, dann ist es schon sehr eigenartig, daß sich nur so wenige moderne Suchende überhaupt Gedanken über die Rolle des Zölibats im spirituellen Leben machen. Was ist die Rolle des Zölibats auf dem spirituellen Weg? Wir baten drei außergewöhnliche Menschen, die sich völlig dem spirituellen Leben verschrieben haben, ganz offen über ihre Erfahrungen hinsichtlich der Bedeutung des Zölibats zu sprechen. Wir haben uns bewußt dafür entschieden, mit diesen wenigen Menschen zu sprechen - die nicht nur lebendige Beispiele für Erfolg auf dem spirituellen Weg sind, sondern auch ihr ganzes Leben im Zölibat gelebt haben -, weil wir das Gefühl hatten, daß nur sie in der Lage sein würden, Licht auf dieses kaum diskutierte und häufig mißverstandene Thema zu werfen. Ihre Aussagen sind äußerst herausfordernd für jeden, der ernsthaft versucht, den spirituellen Weg zu beschreiten. Pater Thomas Keating, Trappistenmönch, ehemaliger Abt und Mitbegründer einer kontemplativen Gebetsbewegung (The Centering Prayer Movement, A. d. R.), der seit mehr als fünfzig Jahren im Zölibat lebt, erklärt mit bewegenden Worten: "Keuschheit verstärkt und erweitert die Fähigkeit zu lieben. Sie versetzt uns in die Lage, das Heilige in allem Existierenden zu sehen, ganz besonders in anderen Menschen. Aber um dorthin zu gelangen, muß das Individuum einen Prozeß durchlaufen, der von der herkömmlichen Intimität mit anderen wegführt und zu einer anderen Art der Vertrautheit hinführt, bei der … die Menschen nicht aus einem eigennützigen physischen Beweggrund geliebt werden. Als Konsequenz daraus respektiert man die Würde anderer Menschen, und man könnte sie nicht für die eigene sexuelle oder emotionale Befriedigung benutzen." Der hoch verehrte Swami Chidananda, Nachfolger des verstorbenen Swami Sivananda aus Rishikesh, spricht die Warnung aus: "Das spirituelle Leben beginnt damit, daß du anerkennst, daß du keinen einzigen Schritt weiterkommst, solange du nicht aufhörst, dich weiterhin kopfüber in die Suche nach Sinnesbefriedigung und Genuß zu stürzen. Dann hättest du nicht einmal angefangen. Die eigentliche Anfangsphase im spirituellen Leben ist ein Abwenden von sinnlicher Erfahrung und Sinnengenuß und der Beginn einer Bewegung in die entgegengesetzte Richtung." Und schließlich stellt der siebzigjährige buddhistische Abt und Gelehrte Bhante Henepola Gunaratana, der mit 12 Jahren das Zölibatsgelübde ablegte, unmißverständlich fest: "Der Buddha lehrte, daß man kein Interesse daran hat, sich mit der Praxis des spirituellen Lebens zu beschäftigen, solange man sexuell aktiv ist; die beiden Dinge passen einfach nicht zusammen." Die Worte dieser in Enthaltsamkeit lebenden Personen unserer Zeit haben die Unterstützung und Bestätigung eines jahrtausendealten Vermächtnisses des Zölibats, eine Hinterlassenschaft von vielen der größten Verwirklichten auf der ganzen Welt. Daher verdienen sie ganz sicher unsere Aufmerksamkeit. Ist aber für alle Menschen, die sich nach spiritueller Befreiung in diesem Leben sehnen, die Praxis des Zölibats absolut unerläßlich, um letzten Endes Erfolg zu haben? Wir geben zu, daß wir manchen Zweifel daran haben; aber eines ist sicher - es gibt vieles, worüber wir alle nachdenken müssen.
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