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Einleitung
Als Andrew Cohen aus Australien anrief und uns fragte, ob wir ein Interview mit Swami Chidananda über die Rolle der Enthaltsamkeit im spirituellen Leben machen könnten, war unsere erste Reaktion: "Wann wird Swamiji jemals Zeit dafür haben?" Unsere zweite Reaktion war allerdings: Wenn es irgend jemanden auf der Welt gibt, der ein praktisches Verständnis von Enthaltsamkeit hat, dann ist es Swamiji, und deshalb sollten wir um das Interview bitten. Als Swamiji also einige Tage später zu den fünf Tage dauernden Feiern anläßlich Navaratri in den Ashram zurückkam, wurde ihm unser schriftliches Ansuchen übergeben. An diesem Abend wandte er sich nach dem Satsang (Zusammensein mit einem spirituellen Lehrer) an mich und sagte, daß es ihm zwar unmöglich wäre, in den nächsten Tagen Zeit zu finden, daß wir ihn aber, wenn wir die Mühe nicht scheuten, in zwei Wochen an einem Ort in der Nähe von Delhi treffen könnten. Es handelte sich um ein neues Haus auf dem Land, das man ihn gebeten hatte, offiziell zu eröffnen und einzuweihen, wo wir dann einige Tage verbringen könnten. Wir stimmten begeistert zu. So kam es, daß wir Ende Oktober vier volle Tage lang nicht nur ein wenig informelle Zeit mit ihm verbringen konnten, sondern es uns auch noch gelang, fünf Stunden Gespräch zum Thema dieser Ausgabe von Was ist Erleuchtung? aufzunehmen. Das Interview sollte am späteren Vormittag des ersten Tages beginnen, aber Swamiji war zu müde, und so sahen wir ihn zum ersten Mal, als er sich uns bei Sonnenuntergang zu einem Spaziergang anschloß. Als wir so langsam die Landstraße entlanggingen, kamen wir an einem Torwächter vorbei. Swamiji blieb stehen und sprach fünfzehn Minuten mit ihm. Wir verstanden kaum etwas von dem Hindi, das sie sprachen, aber wir wußten, daß er dem Mann Fragen über seine Familie und sein Leben stellte. Im Weitergehen wurde uns bewußt, daß ein weiteres Leben von einem Menschen berührt worden war, der im Herzen noch immer ein einfacher Mönch war, dessen Lebensziel es ist, so vielen Menschen wie möglich so viel Gutes wie möglich zu tun. Als wir nach dem Spaziergang die Treppe hinaufstiegen, sagte Swamiji zu uns: "Das Thema von Brahmacharya, Zölibat oder Enthaltsamkeit, steht in der Hindugesellschaft nicht unbedingt mit dem spirituellen Leben, dem Sadhana (spirituelle Praxis) oder der Selbstverwirklichung, in Verbindung. Es wird für gewöhnlich nicht ausschließlich aus der Sichtweise heraus diskutiert oder empfohlen, um das spirituelle Leben zu fördern." Wir waren oben an der Treppe angekommen und gingen in seinen Raum. Swamiji beschrieb uns das traditionelle Leben der Hindugesellschaft und die Beziehung zum Thema Brahmacharya und sexuelles Leben, um uns den umfassenderen Zusammenhang zu verdeutlichen, in dem Brahmacharya in der Hindutradition gesehen wird. Im alten Indien, erklärte er, wurde ein Menschenleben mit hundert Jahren angesetzt und in vier Phasen geteilt. Die erste Phase war die Zeit als Schüler, die Zeit von Brahmacharya, wo vom jungen Menschen erwartet wurde, daß er sich intensiv seinen Studien widmete, seinen Körper gesund und kräftig machte und sich in jeder Hinsicht auf das darauf folgende Leben als Erwachsener vorbereitete. In diesem Abschnitt war Enthaltsamkeit geboten. Der zweite Abschnitt war das Leben als verheirateter Mensch in der Familie, wo die Ausübung der Sexualität Voraussetzung und legitimer Teil des Lebens des Menschen ist; es wurde als die fundamentale Pflicht einer Familie betrachtet, Nachkommen zu haben, die dann die nächste Generation bilden würden. Swamiji fuhr fort: "Natürlich war damit nicht die Praxis ungezügelter Sexualität gemeint; das wäre erniedrigend. Aber das geschlechtliche Leben an und für sich war gesellschaftlich voll akzeptiert." "Der dritte Lebensabschnitt war die Zeit des Lebens in Abgeschiedenheit, wenn das Ehepaar die Pflicht zum Erwerb des Lebensunterhalts in die Hände der Kinder legte und den Geist auf Höheres richtete", erklärte Swamiji. Nun wurde die Praxis von Brahmacharya wieder Teil ihrer Sadhana. "Dann, im vierten Abschnitt, wurde das Leben gänzlich Gott gewidmet. Man wurde Sannyasin, Mönch, und dann war das Zölibat natürlich automatisch. Ihr seht also, das Konzept von Brahmacharya war integraler Bestandteil der indisch-hinduistischen Gesellschaftstradition. Im engeren Sinn bedeutet Brahmacharya absolute Enthaltsamkeit, aber in weiterem Sinn bedeutete es in seiner Anwendung auf das Leben in der Familie Selbstbeherrschung, keinen Mißbrauch der Sexualität und strikte Treue dem Partner gegenüber." Dann wechselte unser Gespräch zu dem Thema der spirituellen Praxis, welche Rolle sie spielt und in welcher Weise sie dabei helfen könnte, das Bewußtsein durch Verstärken der in uns liegenden höheren Tendenzen zu erweitern. "Die meisten Menschen sind nichts anderes als Tiere in Menschengestalt", sagte Swamiji. "Sie sind gänzlich im Körperbewußtsein verwurzelt. Sie haben keine Vorstellung davon, daß sie etwas anderes sind. Auch ihr Geist funktioniert auf instinktive Weise. Alle Dinge geschehen als Reaktion auf das, was ihnen passiert, nicht als beabsichtigte freie Ausübung ihrer geistigen Kapazitäten. Dafür ist keine Zeit. Sobald sie morgens aufstehen, werden sie von den Aktivitäten des Alltags aufgesogen." "Und im ganzen spirituellen Leben", sagte er weiter, "geht es darum, allmählich das Tier im Inneren zu eliminieren und auszumerzen und die gesamte menschliche Natur zu verfeinern, zu reinigen und heranzubilden, damit sie aufhört, sich in alle möglichen Richtungen zu bewegen, und anfängt, eine Richtung einzuschlagen, die vertikal nach oben führt. Sobald der menschlichen Natur eine ansteigende Richtung gegeben wurde, beginnt gleichzeitig, mittels spiritueller Übungen, die schlummernde Göttlichkeit zu erwachen. Wenn man weiß, daß der spirituelle Prozeß, das spirituelle Leben, darin besteht, das Tierische zu beseitigen, das Menschliche zu verfeinern und aufwärts zu lenken und das Göttliche zu erwecken und zu entfalten, erhalten alle spirituellen Praktiken, einschließlich der Rolle, die Brahmacharya spielt, den richtigen Stellenwert." Offensichtlich hatte Swamiji an unserem ersten Gespräch Gefallen gefunden. Er lächelte und sagte: "Wir müssen Andrew Cohen also dankbar dafür sein, denn letztlich steht er dahinter, ist er die Wurzel. Morgen werden wir dann eine Frage nach der anderen besprechen." Die Gespräche, die wir in den nächsten Tagen mit Swamiji führten, enthüllten eine Seite von ihm, die man nicht oft zu sehen bekommt. Normalerweise sieht man in ihm das, was man von einem Heiligen erwartet - heilige Würde, Milde, Freude, die ständige Sorge um den anderen, Schönheit der Bewegungen und eine Präsenz, die sich auf subtile Weise in den Herzen derer, die seinen Weg kreuzen, erkennbar macht. Das folgende Interview zeigt, aus welchem Stoff ein Heiliger tatsächlich gemacht ist. Es trägt zur Vervollständigung des Bildes bei. Bill Eilers und Susan Eilers (Swami Atmaswarupananda und Swami Amritarupananda) wurden in Kanada geboren. Beide leben schon lange im Sivananda Ashram, und beide haben das lebenslange Mönchsgelübde abgelegt. Nebst anderen Aktivitäten arbeiten sie gemeinsam an der Bearbeitung von Swamijis Vorträgen für die Veröffentlichung.
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