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Das göttliche Leben


Ein Interview mit Swami Chidananda
von Bill Eilers und Susan Eilers
 

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Interview

Frage: Zölibat und Brahmacharya nahmen im spirituellen Leben immer einen wichtigen Platz ein, und wir wissen, daß sowohl Swami Sivananda als auch Sie selbst diese Bedeutung unterstreichen. Warum ist das Zölibat wichtig, und welche Rolle spielt es im spirituellen Leben?

Swami Chidananda: Einer der Gründe für die große Bedeutung des Zölibats ist, daß uns unser spirituelles Erbe sagt, es sei eine Grundvoraussetzung, eine Notwendigkeit im spirituellen Leben. Und diese Ansicht wurde über viele Jahrhunderte hinweg, in denen sich die indische Gesellschaft verändert hat und viele andere alte Konzepte abgelegt wurden, weiter gepflegt.

Der Hindu war immer sehr progressiv. Er ist nie vor einer Veränderung zurückgeschreckt, wenn er das Gefühl hatte, daß diese Veränderung seinem Wissen förderlich sein und ihn in eine bessere Richtung lenken könnte. Und durch den Kontakt mit den Ansichten und dem Wissen anderer Kulturen kam es zu einer ständigen Neubewertung unserer alten Konzepte und Standpunkte. Trotz alledem stellen wir fest, daß das Konzept von Brahmacharya und seine bedeutende Rolle im spirituellen Leben weiter bestehen blieb. Es bestand den Test der Zeit; es ist zeitgeprüft. Wäre es nicht etwas, das dauerhaften Wert hat, hätte es sich auch geändert. So ist es aber nicht. So wie es vor Tausenden von Jahren gesehen wurde, so sehen es spirituelle Lehrer, Gurus und Yogis noch heute - mit derselben Einstellung, daß es eine notwendige und wichtige Sache ist.

Ein weiterer Grund dafür, daß ich stets ein Verfechter des Zölibats war, ist, daß die herausragenden Persönlichkeiten, die, seitdem ich denken kann, einen formenden Einfluß auf mein Leben ausgeübt haben - Persönlichkeiten wie Ramakrishna Paramahansa, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo Gosh und natürlich auch Swami Sivananda selbst - alle auf das Zölibat schworen. Sie sagten, es sei höchst wichtig, ja, unerläßlich. Natürlich, wenn diese Personen, die Quelle meiner Inspiration im spirituellen Leben waren, so klar und explizit waren - für sie schien kein Zweifel darüber zu bestehen -, sagte ich mir: o.k., so ist es! Das war für mich ausschlaggebend in meinem Zugang zum spirituellen Leben.

Brahmacharya, oder Zölibat, ist ein rationaler Vorgang zur Bewahrung und Erhaltung wertvoller Energie, damit diese für andere sehr wesentliche und unerläßliche Funktionen zur Verfügung stehen kann. Und wenn sie auf diese Weise bewahrt wird, kann sie umgeformt werden, so wie greifbares grobstoffliches Wasser in Dampf umgeformt werden kann. Dann kann sie Wunder wirken. Ein Fluß an sich hat vielleicht nicht besonders viel Kraft. Es ist vielleicht möglich, ihn rudernd oder schwimmend problemlos zu überqueren. Wenn er aber aufgestaut und das Wasser zurückgehalten wird, hat er, richtig gelenkt, die Kraft, riesige Turbinen anzutreiben. Die glühend heiße Sonne wird normalerweise nicht einmal im Sommer ein Feuer entfachen; wenn die Strahlen aber durch eine Linse gebündelt werden, verbrennen diese Strahlen sofort alles, worauf sie gerichtet sind. Darum geht es eigentlich beim Zölibat.

Die interessante Frage ist nun: Woher kommt diese Energie, was ist ihr Ursprung? Nach Jahren der Theorie und des Forschens sind moderne Physiker zum Schluß gekommen, daß alles das, was in der Natur existiert, nicht greifbare feste Materie als solche ist. Es ist Energie, Energie, die den gesamten Kosmos, den ganzen Raum erfüllt.

Und unsere Vorfahren haben gesagt, daß diese kosmische Energie die Himmelskörper in ihrer Bahn hält. Sie alle werden von dieser geheimnisvollen, unerklärbaren, unbeschreiblichen und unvorstellbaren Energie in Bewegung gehalten. Und sie betrachteten diese Energie als etwas Göttliches, etwas, das weder Anfang noch Ende hat. Sie ist ewig und alldurchdringend. Es gibt keinen Ort, an dem sie nicht ist. Und im Menschen existiert diese Energie als Sexualkraft. Die Hindus betrachteten diese Energie als heilig, als etwas Verehrungswürdiges, das nicht vergeudet werden darf. Sie sagten, diese Energie sei nichts anderes als die Manifestation der Göttlichen Mutter, die kosmische Energie; deshalb muß ihr mit Ehrerbietung begegnet werden.

Diese kosmische Kraft manifestiert sich in unserem System als Prana (Lebensenergie, Lebenskraft). Und Prana ist der wertvolle Vorrat, der dem Suchenden zur Verfügung steht. Jede Sinnesaktivität oder Sinneserfahrung verbraucht eine große Menge Prana. Und die Aktivität, die das meiste Prana verbraucht, ist der Geschlechtsakt. Das höchste aller Ziele im menschlichen Leben, spiritueller Erfolg, erfordert ein Maximum an verfügbarem Prana auf allen Ebenen: geistig, intellektuell und emotional. Prana ist notwendig für spirituelle Reflexion und Unterscheidung. Das Denken muß scharf und der Intellekt durchdringend sein. Es bedarf einer speziellen Art von Intelligenz, um die inneren Implikationen, die in den Anweisungen eines Gurus enthalten sind, zu verstehen. Man mag ein sehr kluger Mensch sein, und man mag die wörtliche Bedeutung einer Aussage des Gurus sofort erfassen, wenn der Guru aber über ein schwer zu verstehendes Thema spricht, das nicht im Bereich der normalen menschlichen Erfahrung liegt, ist dafür eine spezielle Art von Verständnis erforderlich. Und dieses Verständnis entwickelt sich durch Brahmacharya. Wie ich schon sagte, braucht man für alle diese Praktiken Prana, und Enthaltsamkeit garantiert, daß dem Suchenden große Pranareserven zur Verfügung stehen. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet ist das Zölibat sehr vernünftig und positiv.

Das ist der rationale Aspekt von Enthaltsamkeit. Wenn die Lebensenergie bewahrt und in den spirituellen Prozeß der Kontemplation, in philosophisches Studium, Reflexion und Meditation eingebracht wird, werden diese erfolgreich sein, weil die Kraft konzentriert worden ist und man die konzentrierte Kraft steuern und auf die spirituellen Praktiken lenken kann. Wenn sie bewahrt, konzentriert und in bestimmte Kanäle gelenkt wird, kann sie Wunder wirken.

Es gibt noch einen Grund, warum Brahmacharya wichtig ist. Ich spreche jetzt nicht von außergewöhnlichen Menschen, die eine plötzliche Erleuchtung haben und sich dann ein für allemal über die grobstoffliche physische Ebene des Körperbewußtseins zu einer anderen erhoben haben, von der sie nicht mehr zurückkommen. In einem einzigen Augenblick der Erleuchtung wurde Ramana Maharshi im Bewußtsein fest verwurzelt. "Ich bin weder Körper noch Geist, ich bin das unsterbliche Selbst. Ich habe weder Raum noch Zeit, ich wurde nie geboren." Im Bruchteil einer Sekunde - einen Moment vorher war er ein ganz normaler Schüler, und dann weiß er plötzlich, daß er das ist, was die Bhagavad Gita so beschreibt: "Feuer kann dich nicht verbrennen; Wasser kann dich nicht benetzen; Waffen können dir nichts anhaben; der Wind kann dich nicht austrocknen. Du bist nie geboren worden, du bist ewig, jenseits der Zeit. Tod gibt es nicht für dich" - er wurde ein für allemal in dieser Erfahrung gefestigt, und er verließ diesen Zustand nie mehr. Sein ganzes Leben lang ließen ihn die Dinge, die um ihn herum vorgingen, unberührt. Sie hatten keinen Einfluß auf ihn. Aber ich spreche nicht von solchen Menschen.

Schon vor langer Zeit forschte die Vedanta über dieses Thema der menschlichen Situation, und die Weisen sahen klar und deutlich, daß 9.999 von 10.000 vollkommen in diesem Zustand von "Ich bin dieser Körper" gefangen waren. Sie sahen ihre Identität einzig und allein als physisches Wesen mit Händen und Füßen, Augen und Ohren, das ißt, trinkt, schläft, spricht und verschiedene Dinge tut. Sie sind also völlig körpergebunden. Ihr Bewußtsein bewegt sich auf der Ebene des physischen Körpers. Das ist die Situation. Aber der spirituell Suchende strebt nach dem kosmischen Bewußtsein, der inneren Realität, die über Zeit, Raum, Name und Form hinausgeht. Wenn man also ihren gegenwärtigen Bewußtseinszustand der Erfahrung gegenüberstellt, die sie zu erreichen wünschen, kann man sich leicht vorstellen, wie unmöglich dieses Vorhaben wäre, wenn sie sich weiterhin vollständig mit dem physischen Körper und all seinen Funktionen identifizieren würden.

Die meisten körperlichen Vorgänge finden mechanisch statt. Kaum jemand ist sich sehr deutlich bewußt, daß er ißt, trinkt, schläft, ausscheidet. All das hat sich automatisiert. Der einzige Vorgang allerdings, den die meisten Menschen mit Zielstrebigkeit ausführen, nach dem sie großes Verlangen haben - den sie wollen, an den sie denken, den sie planen und hinter dem sie her sind -, ist die sexuelle Befriedigung. Was bedeutet, daß dies ein Vorgang ist, der ihr gesamtes Bewußtsein, ihren ganzen Geist und ihre volle Aufmerksamkeit auf das Körperliche, auf ihre physische Identität lenkt. Einerseits ist der Geschlechtsakt der Gipfel der Körperlichkeit oder Animalität. Es ist ein Prozeß, der notgedrungen die gesamte Aufmerksamkeit auf das Körperliche und noch mehr die volle Konzentration des Wünschens und Strebens auf den Teil der physischen Natur lenkt, den der Mensch mit dem gesamten Tierreich teilt. Wird dies irgendwie dazu beitragen, kosmisches Bewußtsein zu erlangen?

Da ist also ein Mensch, die Krone und erhabener Ausdruck der Schöpfung Gottes, allen anderen Lebewesen weit überlegen, der sich zur grobstofflichen, physischen, materiellen und animalischen Ebene herabläßt und sich ihr völlig hingibt: Er sucht es, er will es, er bemüht sich darum, er tut alles, um es zu bekommen, er läßt sich darin gehen, und er will, daß es immer verfügbar ist. Das heißt, der Mensch bindet sich mit voller Absicht an eine Ebene des physischen Bewußtseins.

Wenn du ein spirituell Suchender bist, kannst du denn nicht erkennen, daß du dir selbst im Wege stehst? Du mußt das Bewußtsein aus den niederen Ebenen befreien und fortwährend zu immer höheren und höheren Ebenen feinerer und immer subtilerer Zustände erheben. Denn wenn der gesamte spirituelle Prozeß von Erleuchtung und Erkenntnis ein Prozeß des sich Erhebens zu einem höheren Bewußtseinszustand ist, impliziert das automatisch, daß man sich aus einem niederen Bewußtseinszustand befreit. Wenn du nach Norden gehen willst, bewegst du dich automatisch vom Süden weg. Und eines der Dinge, die dabei helfen, sich aus der Gefangenschaft auf dieser physischen Ebene zu befreien, ist Enthaltsamkeit. Das kosmische Bewußtsein, das absolute Bewußtsein, ist Lichtjahre entfernt, wenn man nicht die Notwendigkeit erkennt, sich von der absoluten Identifikation mit dem Körper zu befreien.

Frage: Gibt es spezielle Phasen im spirituellen Leben, in denen Enthaltsamkeit besonders wichtig oder sogar unabdingbar wird?

Swami Chidananda: Ja und nein. Einerseits ist Enthaltsamkeit das eigentliche Fundament. Es ist der allererste Abschnitt, die ABC-Phase. Man kann also sagen, daß es nicht irgendwann wichtig oder unerläßlich wird, sondern daß es von Anfang an essentiell ist.


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Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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