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Das göttliche Leben


Ein Interview mit Swami Chidananda
von Bill Eilers und Susan Eilers
 

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Swami Chidananda: Wenn man nach Authentizität und Aufrichtigkeit strebt und wenn das Streben die Form eines totalen Engagements für die spirituelle Erfahrung und vollen Einsatz in diese Richtung hin annimmt, dann darf man nur in diese eine Richtung gehen. Man kann nicht zwei Dinge gleichzeitig verfolgen. Das wäre ein Schritt vorwärts und einer zurück, ohne daß man je wirklich weiterkäme.

Das spirituelle Leben beginnt mit der Erkenntnis, daß man keinen Schritt vorankommt, wenn man sich blindlings in das Streben nach Sinnesbefriedigung und Vergnügen stürzt. Dann bleibt alles akademisch und theoretisch. Das Bemühen und der Wunsch nach spirituellem Leben bestehen dann nur in der Theorie - eine Laune und ein Gefühl. Man hat gar nicht begonnen. So ist also die Anfangsphase des spirituellen Lebens an und für sich eine Abkehr von Sinnesbefriedigungen und -erfahrungen und ein Start in die entgegengesetzte Richtung.

Swami Sivananda sagte: "Brahmacharya ist die Grundlage für Unsterblichkeit." Und an vielen Stellen in den Upanishaden heißt es: "Man kann keine Weisheitserfahrung machen, wenn man seine Sinne nicht beherrschen und die Wechselhaftigkeit seines wandernden Geistes nicht kontrollieren kann." Ich denke also, es ist nicht in irgendeiner Phase des spirituellen Lebens, sondern immer bedeutend. Denn im spirituellen Leben geht es um das Transzendieren der menschlichen Natur und des menschlichen Bewußtseins. Und wenn es ein Transzendieren ist, muß man all das hinter sich lassen, was die menschliche Natur, die Körperlichkeit, ausmacht. Man muß damit beginnen und damit weitermachen. Du siehst Enthaltsamkeit als etwas Positives und nicht als etwas Unnatürliches. Du hast in keiner Weise das Gefühl, daß du dir irgendeine Gewalt antust.

Letztendlich, vom rein wissenschaftlichen und technischen Standpunkt aus gesehen, ist einer der Yogas, bei dem die Enthaltsamkeit absolut unabdingbar ist, Kundalini Yoga (die Praxis des Erweckens der Lebensenergie). Da gibt es keinen Kompromiß. Von allem Anfang an ist sie absolut wichtig und unerläßlich. Es kann ansonsten gefährlich sein. Soviel zum "Nein-Teil" der Antwort.

Was das "Ja" betrifft, ist zu sagen, daß es im gesamten Kontext des spirituellen Lebens in Indien gewisse Phasen und Situationen gibt, wo man hoch spirituell sein und trotzdem ein normales sexuelles Leben führen kann. Das gilt vor allem für den Bhakti-Weg - Menschen, die den Weg der Liebe zu Gott gehen: Frömmigkeit, Gebet und Gottesdienst, das Wiederholen des göttlichen Namens und Singen Seiner Herrlichkeit. Dieser Pfad macht keinen Unterschied zwischen einem zölibatären Brahmachari, einer verheirateten Person mit Familie oder einem Paar, das sich von der Welt zurückgezogen hat und seinem Leben eine spirituelle Ausrichtung gibt, nachdem die Pflichten innerhalb der Familie erfüllt sind. Der Pfad der Frömmigkeit scheint eine Dimension des spirituellen Lebens in Indien darzustellen, wo nicht auf dem absoluten Zölibat in seiner Form als totaler Enthaltsamkeit bestanden wird. Es wird nicht abgelehnt, aber es wird auch nicht darauf bestanden. Da der Geschlechtsakt aber ein großes Maß an Prana-Energie verbraucht, ist auch hier eine natürliche Zurückhaltung erforderlich. Und Sex mit verschiedenen Partnern wurde niemals unterstützt, niemals positiv gesehen. Es kann also auch eine Form von Zurückhaltung durch Selbstbeherrschung und Treue in der sexuellen Beziehung zum gesetzlich anerkannten Partner als Brahmacharya gesehen werden.

Und dies war bei so vielen Gläubigen der Fall, bei Menschen, die Gott liebten, und im spirituellen Indien mangelt es dafür nicht an Beispielen. In ganz Indien sahen wir das Phänomen großer Gemeinschaften von ekstatischen Gottesverehrern, und die meisten oder fast alle waren verheiratet und führten ein normales sexuelles Leben; trotzdem gingen sie vollkommen in der Liebe zu Gott auf. Soviel also zum "Ja". In dieser Situation scheint Sexualität keinesfalls verboten oder mit dem spirituellen Leben unvereinbar zu sein.


Frage: Ich nehme an, daß die vedantische Untersuchung, der eher intellektuelle Zugang zum spirituellen Leben, ebenfalls nicht unvereinbar mit einem normalen Eheleben wäre.

Swami Chidananda: Ja, ja. Aber in einem vedantischen Leben würde der Mensch allmählich, unbewußt und ohne es überhaupt zu beabsichtigen, im Laufe der Zeit zu einer Bewußtseinsebene gelangen, wo Sex überflüssig zu erscheinen beginnt. Weil es ja der Grundthese der Vedanta widerspricht: "Ich bin nicht dieser Körper. Ich bin nicht die fünf Elemente. Ich bin nicht die begrenzenden Hüllen. Ich bin etwas ganz anderes." Und für dieses andere Etwas ist Sex bedeutungslos. Denn es befindet sich nicht im Bereich des physischen Bewußtseins und der physischen Funktionen.

Frage: Enthaltsamkeit wird im modernen Westen oft als unzeitgemäße und altmodische Praxis betrachtet. Sie wird oft für repressiv und lebensverneinend gehalten - ja, sogar als Antithese zu dem, worum es in der spirituellen Praxis eigentlich geht. Viele spirituelle Autoritäten im Westen lehren jetzt, daß wir unsere Sexualität annehmen müssen, um unser volles Potential als Menschen auszuschöpfen, und sie in keiner Weise verdrängen oder unterdrücken dürfen. Diese Ansichten stehen in sehr krassem Widerspruch zu dem, was die großen Traditionen immer gelehrt haben. Was sagen Sie zu diesem Punkt?

Swami Chidananda: Ich stimme nicht mit dieser allgemeinen Meinung, die gerade zum Ausdruck gebracht wurde, überein. Es wurde verabsäumt, den Platz von Brahmacharya im spirituellen Leben in Betracht zu ziehen. Es ist nicht unzeitgemäß; es ist überhaupt nicht altmodisch, und es ist nicht repressiv oder lebensverneinend. Im Gegenteil, es wird zur Plattform für ewiges und immerwährendes Leben. Diese Sicht des Lebens scheint sehr eingeschränkt und eng zu sein. Das Leben hier ist nicht das einzige Leben. Wenn man einen kleinen Eindruck, eine Idee davon erhält, was Leben wirklich ist, wird man ganz einfach verblüfft sein. Dieses gegenwärtige Leben ist ohne Bedeutung. Es ist eine unbedeutende Lappalie, ein Nichts, wenn es nicht in seiner Funktion als Sprungbrett zum Abheben in ein größeres Leben verstanden wird. Dieses Leben ist ein Mittel, um das großartige, erhabene und große Ziel und den Zweck der menschlichen Existenz zu erfüllen, nämlich in ein Leben einzugehen, das das Leben Gottes ist, das eins ist mit dem Leben Gottes, mit dem Königreich des Himmels. Das ist der einzige Sinn der menschlichen Existenz. Das menschliche Leben wurde uns als ein Übergang zur Göttlichkeit gegeben, als Übergang zum ewigen Leben.

Brahmacharya bedeutet also weder Unterdrücken noch Verdrängen von Sexualität. Die Sexualität wird umgangen - und dieses sexuelle Potential wird für etwas verwendet, das zehnmal, hundertmal großartiger ist. Deshalb ist es ein Mißverständnis, von Unterdrückung oder Verdrängung zu sprechen. Das liegt an einem mangelnden Verständnis dafür, was es mit der wirklichen spirituellen Suche auf sich hat. Wenn man es richtig versteht, wird man nicht so darüber sprechen. Wir sind nicht einfach Menschen, wir sind mehr als Menschen. Unsere Erscheinungsform als Menschen ist nur ein schwacher Widerschein dessen, was wir in Wahrheit sind. Der einzige Grund, warum unsere Erscheinungsform als Menschen von Bedeutung und Wichtigkeit ist, besteht darin, daß sie uns, wenn sie richtig verwendet wird, erhebt und dahin bringt, wohin wir eigentlich gehören, in das Königreich - auf das wir ein Geburtsrecht haben.

Doch ist die Vorstellung im Westen, daß Brahmacharya Unterdrückung ist, zumindest in einer Hinsicht nicht ganz abwegig. Wenn ein natürliches Potential unterdrückt oder verdrängt wird, kann das unerwünschte Veränderungen in der Persönlichkeit hervorrufen. Wenn Brahmacharya einem Menschen gegen seinen Willen und gegen seine Überzeugung aufgezwungen wird, können daraus natürlich abnorme Zustände resultieren, weil der Mensch dazu veranlaßt wird, etwas zu tun, was er oder sie tief im Inneren nicht tun will - gezwungen von anderen, von sozialen Zwängen oder durch das Ablegen von Gelübden, die er oder sie nicht hätte ablegen sollen, ohne vorher genau und gut überlegt zu haben, was damit verbunden ist.


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WIE Ausgabe 2:
Unsere Ausgabe zum Thema Sex & Spiritualität?


Interviews mit: Miranda Shaw, Margot Anand, Barry Long, Rabbi Zalman Schachter-Shalomi, Pater Thomas Keating, Bhante Henepola Gunaratana, Swami Chidananda




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