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Wenn aber ein intelligenter Mensch die gesamte Situation des Lebens gut durchdacht hat, sich sagt: "Wenn ich etwas Großes und Mächtiges erreichen will, kann ich es mir nicht leisten, die mir zur Verfügung stehenden Energien zu verschwenden. Je mehr ich sie bewahre, desto mehr kann ich sie für diese Absicht einsetzen, und desto besser sind die Chancen auf Erfolg." Wenn der Mensch so denkt und die rationale Seite dessen verstanden hat, und wenn die höchste Errungenschaft, zu der er strebt, ihm das wert ist, wenn er oder sie aus freiem Willen, mit voller Absicht und großer Begeisterung zum Zölibat schreitet, wo ist dann Unterdrückung? Ganz im Gegenteil, das, was als Selbstverleugnung erscheint, gibt effektiv einer höheren Dimension unseres Wesens Ausdruck, in die man sich jetzt begeben hat. Also weit davon entfernt, darauf zu verzichten, sich selbst Ausdruck zu verleihen, gibt es dem Menschen seinen vollen Ausdruck, da er sich nicht länger mit dem geringeren Aspekt seiner Gesamtpersönlichkeit identifiziert. Er identifiziert sich mit dem höheren Aspekt. Es ist eine Art Befreiung und Entwicklung hin zu einem höheren Niveau. Es ist etwas Positives, Kreatives und nicht etwas Negatives. Es ist kein Verneinen, sondern effektiv ein Ausdruck seiner selbst. Wenn das so gesehen wird, irren Freud und die anderen. Sie haben eine solche Situation oder Möglichkeit nie erwogen. Und es ist nicht nur eine Möglichkeit, es ist eine Jahrhunderte oder Jahrtausende alte Tradition - für jemanden, der bereit ist, alles zu tun, alles zu geben und jeden Preis dafür zu bezahlen, um das Höchste zu erlangen. Frage: Warum läßt Ihrer Meinung nach schon allein der Gedanke an das Zölibat die Menschen im Westen heute oft mit Zorn oder Entrüstung reagieren? Swami Chidananda: Ich würde sagen, Andrew Cohen wäre besser in der Lage und kompetenter, diese Frage zu beantworten, als ich, für den diese Frage akademisch und theoretisch ist, während es für ihn ein wirklicher Erfahrungswert ist. Vielleicht ist dieses Konzept für diese Menschen unannehmbar, weil es ihnen das Streben nach Vergnügen verwehren würde, dem hedonistischen Ansatz in ihrem Leben. Es ist etwas, das westliche Menschen normalerweise nicht hören möchten. Es widerspricht ihrem Lebensstil. Wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen, etwas Unsinniges zu tun, fühlen sie sich schuldig. Es ist ihnen sehr unangenehm, und sie werden natürlich zornig. Ich bin sicher, es gibt auch Menschen, die meinen, das Zölibat sei gegen das Gebot der Bibel zur Fortpflanzung. Wenn man also über Brahmacharya in seiner extremen Bedeutung spricht, scheint man gegen das Gebot Gottes zu predigen. Frage: : Tantra, die Praxis von "heiligem Sex", wird heutzutage im Westen sehr stark. Meinen Sie, daß diese Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten? Swami Chidananda: Nein, ich glaube nicht, daß diese Lehren einen authentischen spirituellen Weg anbieten. Warum? Weil die Menschen schwach und beeinflußbar sind. Der menschliche Geist ist so beschaffen, daß er immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt. Er möchte immer den leichten Weg. Tantra ist eine Methode, um mit Hilfe aller möglichen Sinnenfreuden zu Gott zu kommen. Alles wird Gott hingegeben, und so wird alles heilig; nichts ist profan. Der Mensch genießt die Sinnesbefriedigung und sieht sie noch dazu als Teil der göttlichen Wonne. Es gibt einen Standpunkt, und der ist auch nicht ganz von der Hand zu weisen, der sagt, daß in jeder menschlichen Erfahrung Dualität bestehen bleibt - es gibt das Gefühl von "Ich genieße dieses Objekt" -, und in der ultimativen sexuellen Erfahrung zwischen einem wirklich liebenden Mann, der die Frau sehr liebt, und wenn dieses Gefühl von der Frau vollständig geteilt wird, gibt es kein Bewußtsein der eigenen Individualität. Es kommt zu einem totalen Verschmelzen des getrennten Bewußtseins ineinander, und es besteht nur das Bewußtsein der Erfahrung. Niemand erlebt. Es heißt, das wäre möglich, wenn es in Vollendung ausgeführt wird. Die zwei hören auf zu bestehen und es bleibt nur eins, eine nichtduale Erfahrung, eine absolute Erfahrung, ein Bewußtsein von Brahman. Es heißt also, der menschliche Körper wäre ein Werkzeug, das bei richtiger Verwendung dazu verhelfen kann, sich über das Körperbewußtsein zu erheben Für einen unter einer Million trifft das vielleicht zu. Das Streben nach Genuß ist Teil der westlichen Sicht des Lebens - nicht das Verneinen des Vergnügens. Und einer von zehn Lehrern ist vielleicht auch ein authentischer Lehrer, der es ernst meint und etwas anbietet, das dem westlichen Temperament entspricht. Aber neun von ihnen sind berechnende Leute. Sie wissen, daß ein Markt dafür vorhanden ist, und stellen sich darauf ein. Die Methode ist: Du kannst deinen Kuchen haben, und essen kannst du ihn auch. Es darf allerdings nicht vergessen werden, daß es früher einmal in Indien ein authentischer Pfad war, speziell im östlichen Teil. Es gibt ihn auch jetzt noch. Aber er wurde grob verzerrt. Die Menschen verfingen sich darin. Sie sagten, sie würden Tantra praktizieren, aber es war nichts anderes als Wein, Völlerei und sexuelle Befriedigung. Es führte sie nirgendwohin, aber ich nehme an, es führte sie dorthin, wohin sie wollten. Die Methode wurde damals von erleuchteten Menschen auch der "pervertierte Pfad" genannt. Es entstanden zwei Wege: der authentische Pfad, er wurde der "rechtshändige Pfad" genannt, und der pervertierte Pfad, bei dem es nur um den Genuß ging. Er wurde der "linkshändige Pfad" genannt. Es gibt eine Episode aus dem Leben von Sri Ramakrishna, dem Guru von Swami Vivekananda. Er praktizierte alle Yogapfade und auch Christentum, Islam und andere und stellte fest, daß alles letztendlich zur selben Erfahrung von Gott führte. Und in einer Phase seines spirituellen Lebens praktizierte er auch Tantra. Eine Tantrafrau kam zu ihm und sagte: "Ich bin von Gott hierher gesandt worden, um dich in die tantrische Methode einzuweihen, um zu Gott zu gelangen." Tag um Tag legte sie die Methode des Tantra dar. Als sie in die Schlußphase kam, sagte Ramakrishna, der auf Brahmacharya schwor, daß es durch diesen Körper unmöglich ist. Also sagte sie: "Dann werde ich das Ganze vor dir inszenieren." Also nahm sie einen Tantramann und eine Tantrafrau, um den endgültigen Vollzug der Praxis vor ihm darzustellen. Er sah Schritt für Schritt zu, und sie erklärte ihm: "Schau genau. Jetzt siehst du, wie sie in Ekstase sind; sie sind ekstatisch. Sie verlieren das Bewußtsein." Und an diesem Punkt verlor Ramakrishna plötzlich jedes Bewußtsein. Er ging in tiefen Samadhi (ein wonnevoller Zustand nichtdualen Bewußtseins). So bewies er sich selbst aus zweiter Hand, daß diese ultimative sexuelle Erfahrung den Menschen in diesen Zustand des nichtdualen Bewußtseins erheben kann. Die Wissenschaft als solche gibt es also, aber es gibt sehr wenige authentische Gurus, und die Praxis muß unter der persönlichen Anleitung eines echten Gurus genauestens befolgt werden. Wahrscheinlich wird man mich der Unbarmherzigkeit bezichtigen, aber ich glaube, daß die meisten, die diesen modernen heiligen Sex propagieren, daran interessiert sind, für sich selbst daraus Profit zu schlagen.Wie ich schon sagte, die Sexualkraft ist etwas Heiliges; sie ist heilig. Sie ist eines der heiligsten Dinge überhaupt. Aber heiliger Sex ist eine irreführende Bezeichnung. Sobald man in der Sexualität hängenbleibt, sagt man der Heiligkeit Ade. Das ist so, weil die Menschen schwach sind. Deshalb befürworte ich es nicht.
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