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Frage: Meinen Sie angesichts der zahlreichen Entgleisungen und Fehltritte von Menschen, die das lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde abgelegt haben, sowohl im Westen als auch im Osten, daß diese Praxis eventuell auf Menschen beschränkt sein sollte, die schon einen bestimmten Grad an spiritueller Reife erreicht haben? Swami Chidananda: Diesen Standpunkt würde ich nicht zu hundert Prozent teilen, denn es ist ganz sicher so, daß Menschen, die über einen bestimmten Grad an spiritueller Reife verfügen, diese zuerst einmal wenigstens zum Teil aufgrund von Brahmacharya erreicht haben. Allein die Tatsache, daß sie einen gewissen Grad an spiritueller Reife erlangt haben, zeigt, daß Brahmacharya, zumindest in seiner weiteren Bedeutung, Teil ihrer Natur oder Teil der Methode war, mittels welcher sie zu diesem Grad von Reife gelangt sind. Und ich zögere nicht zu sagen, daß die Verfehlungen und Fehltritte, von denen ihr sprecht, den Wert des Konzepts und die Tradition von Brahmacharya in keiner Weise zu schmälern vermögen. Sie sind einzig und allein auf die Unvollkommenheit des Menschen zurückzuführen. Andererseits muß ein Mensch, der ein lebenslanges Entsagungsgelübde ablegt, sicher sein, daß er dazu berufen ist; es muß ein innerer Ruf zu diesem Leben und zum Aufnehmen des Zölibats vorhanden sein. Es kann nicht eine Entscheidung sein, die auf einem Gefühl und auf emotionaler Euphorie beruht, es ist vielmehr ein Urteil, das durch eine rationale und logische Einschätzung dieses Lebens getroffen wurde. Des weiteren bestehe ich darauf, daß ein Mensch kein Mönchsgelübde ablegen sollte, solange er nicht alt genug ist, um seine Biologie zu verstehen, und die Erfahrung dessen gemacht hat, was in seinem Inneren vorgeht und womit er sich auseinanderzusetzen hat. Man muß sich damit ehrlich auseinandersetzen. Ich würde auch vorschlagen, daß ein Mensch das lebenslange Enthaltsamkeitsgelübde erst dann ablegen kann, wenn er eine Zeitlang beobachtet und geführt worden ist. In der Ramakrishna-Mission zum Beispiel ist ein Mensch ein volles Jahr lang im Vornovizenstadium. Darauf folgt ein mindestens acht Jahre dauerndes Noviziat. Erst dann ist er dazu berechtigt, darum zu bitten, ein wirklicher Swami zu werden. Diese Art der Aufnahme, des Siebens und Beobachtens würde vielleicht viele dieser Fehltritte und Verfehlungen verhindern. Einem Menschen wird erst nach einer bestimmten Phase im spirituellen Leben gestattet, das Gelübde abzulegen. Und trotzdem, auch wenn alle Bedingungen, von denen ich gesprochen habe, erfüllt wurden, ist noch immer extreme Vorsicht geboten, so lange, bis eine Phase erreicht ist, wo Brahmacharya zum normalen und natürlichen Zustand des Menschen geworden ist. Brahman, das Absolute, ist der höchste Brahmachari, denn Es ist eins ohne ein Zweites, und wenn man in Brahman fest verwurzelt ist, befindet man sich in eben diesem selben Zustand - wo es kein Zweites gibt, wo es nichts anderes gibt. Es kommt eine Phase, wo man absolut frei und ohne sexuelle Gedanken ist. Es gibt nicht Sex oder Mann oder Frau oder dies oder das, weil sich die Sichtweise geändert hat. Ganz getrennt von allem, was um ihn herum ist - die Welt, in der er lebt - hat sich der Mensch vollständig verändert. Das Bewußtsein ist nicht mehr auf dieser Ebene, wo diese Dinge wichtig und von Bedeutung sind. Wenn sich das Bewußtsein an einem anderen Ort befindet, dann sieht man zwar die Dinge, man nimmt sie wahr, aber sie sind uninteressant. Man sieht dies und man sieht jenes; man sieht alles, aber es kommt dadurch zu keiner Veränderung im Bewußtseinszustand, der immer derselbe bleibt. Das ist die letztendliche Transzendenz, eine Möglichkeit und ein Ideal, die man anstreben und erreichen muß. Das wünscht der Guru für den Schüler. Das wünscht der Heilige für den normalen Menschen. Aber bevor es soweit kommt, besteht immer das Risiko zu fallen. Deshalb sagen unsere Heiligen, daß bis zum letzten Atemzug Vorsicht geboten ist. Frage: Was ist der Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya? Swami Chidananda: Es kommt darauf an, wie du es betrachtest! Zuerst einmal kommt es darauf an, wie man es versteht. Brahmacharya bedeutet, die Richtung zu ändern, sich auf ein höheres Ziel auszurichten und das fundamentale Basisenergiepotential des Universums, das im Individuum anwesend ist, zu nutzen. Es ist der individualisierte und mikrokosmische Aspekt der unbegrenzten, unendlichen kosmischen Urkraft, welcher der makrokosmische Aspekt, der dynamische Aspekt der einen, nichtdualen Realität ist. Bekanntlich ist der statische Aspekt Brahman, die transzendentale nichtduale Realität. Und der kinetische oder dynamische Aspekt ist dasselbe in Manifestation oder im Ausdruck, in Bewegung. Der individualisierte Aspekt dieser Urkraft, der in allen Wesen ist, ist dieses Potential für das ungebrochene Weiterbestehen der Existenz. Dieses Potential ist praktisch überall. Der bloße Umstand, daß man in der Lage ist, es zu beschreiben, zu definieren und mit Begriffen der modernen Physik oder Chemie zu erklären, verändert in keiner Weise die tatsächliche metaphysische oder philosophische Tatsache seiner wahren Natur. Physikalisch ist es vielleicht mit Begriffen von Druck etc. zu erklären, aber das ist nichts als eine Erklärung für etwas, das bereits ein transformierender kontinuierlicher Prozeß von Sein und Werden, Sein und Werden ist. Dieses schöpferische Potential, die Schöpfungskraft, ist überall im Pflanzen- und im Tierreich vorhanden. Es ist nichts anderes als das, was sich als all die verschiedenen Kräfte im Menschen manifestiert - die Kraft zu handeln, die Kraft zu denken, die Kraft zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, zu verdauen, zu atmen - alles. Und genau das ist auch in beiden Geschlechtern als sexuelle Energie vorhanden. Da diese Kraft nun der Schlüssel des Lebens ist, ist ihre Bedeutung leicht einzusehen, und man kann sich auch vorstellen, von welch hoher Qualität sie ist. Wenn man es so verstehen kann - d.h. die wahre heilige kosmische Natur als mikrokosmischen Aspekt der makrokosmischen Shakti erkennt -, nimmt man diesem Phänomen gegenüber eine gesunde Haltung der Verehrung ein. Es ist nicht etwas, was man einfach ausspuckt. Kleingeld mag man vielleicht ohne weiteres ausgeben, wenn man aber Goldmünzen hat, trennt man sich nicht so leicht von ihnen. Ehrfurcht ist also die Frucht dieses Verstehens. Außerdem erkennt der Suchende und sieht klar: "Da gibt es für mich etwas sehr Wichtiges zu tun. Ich habe ein großes Ziel zu erreichen, und ich brauche alle Energie, die mir zur Verfügung steht, für mein spirituelles Streben. Ich kann es mir nicht leisten, sie in andere Kanäle fließen zu lassen, um ein geringeres Ziel zu erreichen." Mit den Worten von Swami Krishnananda: "Es ist besser, auf einen Löwen zu zielen und ihn zu verfehlen, als auf einen Schakal und ihn zu treffen." Der erste Schlüssel zum Erfolg in Brahmacharya besteht also darin, das Heilige und Wertvolle des vorhandenen Energiepotentials zu erkennen und zu verstehen. Wenn man klar erkannt hat, daß es dazu da ist, bewahrt, erhalten und zum Allergrößten gelenkt zu werden, das man erlangen kann, dann hat man den Wunsch, Brahmachari zu sein. Dann wird es als etwas höchst Positives gesehen. Ein zweiter Schlüssel zum Erfolg und eine Möglichkeit, sowohl Brahmacharya als auch Sexualität zu betrachten, ist sogar noch grundlegender, und es handelt sich dabei um einen der beiden Faktoren, die ich weitgehend selbst angewandt habe. Es ist das klare Erkennen, daß in allererster Linie das, was man als das männliche Geschlechtsorgan bezeichnet, überhaupt kein Geschlechtsorgan ist. Es ist nichts anders als ein Rohr zur Harnausscheidung. Das ist es, und das ist seine Hauptfunktion von dem Augenblick an, wenn das Kind den Mutterschoß verläßt, bis ins Grab. In der Tat ist Sex genaugenommen nicht eigentlich Teil unserer Anatomie. Sex ist nicht im Harnausscheidungsorgan; Sex ist im Geist des Menschen. Es ist also eine Frage der geistigen Einstellung. Wenn man davon überzeugt ist und der Geist darauf trainiert wird, es gesund und rational zu sehen - dieses Organ ist nur etwas zum Ausscheiden; sein Hauptzweck ist nicht der, der die Welt beherrscht und verrückt macht - dann ist man bereits frei davon. Es übt dann keine Obsession mehr aus, weil man es dann nicht so sieht, wie der Großteil der unglücklichen menschlichen Gesellschaft es zu sehen veranlaßt wurde. Wenn man darüber nachdenkt, dann ist die Hauptfunktion des Geschlechtsakts der höchst wichtige und unerläßliche Prozeß der Fortpflanzung. Von einem höheren metaphysischen Standpunkt aus gesehen kooperieren Mann und Frau mit dem Schöpfer zur Erhaltung der Art, damit die Schöpfung fortbestehen kann. Das ist die Hauptfunktion, nicht die Erfahrung von Genuß, die damit verbunden ist. Das ist eine sekundäre Erscheinung. Warum wurde diese Erfahrung also so genußvoll gemacht? Es mußte so sein. Die Funktion der Fortpflanzung, das Weiterbestehen der Art ist durch den Geschlechtsakt garantiert, und wenn dieser nicht mit einer Supererfahrung von Freude und Genuß kombiniert wäre, hätte sich niemand dafür interessiert, und er hätte seinen Zweck verfehlt. Also kombinierte Mutter Natur in ihrer übergroßen Weisheit die beiden Dinge.
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