Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
||||||||||||||
|
Einleitung
Sie schreibt: "Man hört fast das zarte Klicken ihres filigranen knöchernen Schmucks und spürt geradezu die Brise, die von den regenbogenfarbenen Schals aufgewirbelt wird, wenn sie durch die Landschaft des tantrischen Buddhismus fliegen." Die Begegnung mit diesen Bildern auf einer Kunstausstellung in ihrem zweiten Studienjahr am College fesselte ihre Phantasie und ließ in ihr eine Neugier entstehen, die zum Motor der ersten wichtigen Arbeit in ihrem Leben wurde - eine Forschungsreise, die sie von der Harvard Divinity School in die entlegensten Winkel des Hochplateaus von Tibet führte, auf der Suche nach einem Verstehen, das authentisch und aus erster Hand Theorie und Praxis des Tantra vermittelt. Miranda Shaw wuchs in einer Methodistenfamilie in einer Kleinstadt in Ohio auf und begann im Alter von vierzehn Jahren sich für östliche Religionen zu interessieren, als ein Freund der Familie ihr eine Ausgabe der Bhagavad Gita zeigte. Obwohl ihre Erziehung sie nur in sehr geringem Maß mit religiösem Gedankengut konfrontiert hatte, war sie geradezu hypnotisiert und konnte das Buch nicht weglegen. Es war der Beginn einer Liebesgeschichte mit religiöser Literatur, und die Zitate daraus zieren auch heute noch die Gänge und Räume ihrer kleinen Wohnung nahe der Universität von Richmond, wo sie jetzt Assistenzprofessorin für Religion ist. Ihre Begeisterung für religiöse Studien katapultierte sie schließlich in das Doktorandenprogramm in Harvard, wo sie während der Arbeit an ihrer Dissertation zum Doktor der Philosophie bis zur vordersten Front der Forschung über tantrischen Buddhismus vorstieß. Diese Forschungsarbeit fand ihren Abschluß schließlich 1994 in ihrem Buch Passionate Enlightenment: Women in Tantric Buddhism, das als bahnbrechender Beitrag zur Forschung über die Geschichte von Tantra gepriesen wird und gerade in der vierten Auflage erscheint. Das Buch stützt sich sowohl auf ihre erschöpfenden Studien der wichtigsten Tantra-Texte in deren Originalsprache als auch auf zweieinhalb Jahre Feldstudium in Indien und Nepal und stellt eine revolutionäre Neuuntersuchung des Wesens tantrischer Praktiken dar, wobei es immer um einen zentralen Punkt geht: Ebenso wie es dem spirituellen Fortschritt der Männer diente, war Tantra auch für die Erleuchtung der Frauen da. Während es im letzten Vierteljahrhundert sehr viele Untersuchungen sowohl zum Buddhismus als auch zu Tantra gab, die der Arbeit Shaws vorangingen, lag ihnen jedoch immer die Annahme zugrunde, daß Frauen nur in dem Maße in tantrische Praktiken mit einbezogen wurden, wie sie Männern bei deren Suche nach Erleuchtung dienlich sein konnten. Shaw schloß diese Annahme aus, bezog sowohl schriftliche als auch lebende Quellen auf eine neue und tiefgehende Weise mit ein und entdeckte auf diese Weise eine Welt, in der Frauen bei ihrer Suche nach spiritueller Transformation nicht nur auf derselben Stufe mit Männern lebten und praktizierten, sondern in vielen Fällen sogar den Ton angaben. Tatsächlich erfuhr Shaw, daß der ernsthafte männliche Tantra-Praktiker die Frau anbeten, verehren und respektieren muß, da sie es ist, die die für die Erleuchtung notwendige Energie in die Welt bringt. Durch diese revolutionäre Neuinterpretation der Tantra-Texte konnte Shaw schließlich vielen der scheinbar verworrenen und widersprüchlichen Linien dieser komplexen Tradition einen Sinn verleihen und so die Grundlage legen für ein neues Kapitel im Wissen um Theorie und Praxis von Tantra. Diese Ausgabe von Was Ist Erleuchtung? beschäftigt sich zwar nicht direkt mit dem Zusammenhang zwischen dem Geschlecht und spiritueller Praxis, aber als wir Miranda Shaws Buch lasen, war uns sofort klar, daß wir mit ihr sprechen wollten. Als Vordenkerin und auch Forscherin auf ihrem Gebiet, die aus erster Hand Erfahrungen bei traditionellen Lehrern machte, schien sie deshalb wie kein anderer geeignet, uns auf unserem Weg durch die verwirrende Botschaft des zeitgenössischen Tantra behilflich zu sein. In einer für Gelehrte unüblichen Wortwahl enthüllt ihre spontane Prosa ein dynamisches und wie es scheint sehr persönliches Interesse an ihrem Thema. Wir waren jedoch vor allem von der absoluten Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit beeindruckt, mit der sie in der Lage war, von subtilen, tiefgründigen Erklärungen über esoterische, buddhistische Lehren zu detaillierten Beschreibungen der mehr bildhaften Dimensionen der tantrischen Sexualpraktiken überzugehen, ohne ins Stocken zu geraten. Miranda Shaw, so dachten wir, muß eine ungewöhnliche Dozentin sein. Ich hatte zwar ihr Buch gelesen und einige Male mit ihr telefoniert, trotzdem hatte ich sehr wahrscheinlich eher eine Person erwartet, die mehr dem Bild des Bücherwurms entsprach, als die attraktive, geistreiche Frau, die mich, als sie mich vom Richmond Airport abholte, so begrüßte: "Ich hatte nicht erwartet, daß Sie so jung sind!" sagte sie, schüttelte mir die Hand und lächelte warm. Und als wir vom Flughafen in die Stadt rauschten, wobei mindestens in einer Kurve die Reifen quietschten, bekam ich eine Ahnung von der Miranda Shaw, die von den Darstellungen der himmels-tanzenden Tantra-Heldinnen so sehr inspiriert worden war. Später saß sie im Lotussitz im Wohnzimmer ihrer Wohnung, umgeben von erotischer Ikonographie, sowohl aus der klassischen als auch aus der zeitgenössischen Kunst, und berichtete mir von ihrem Verständnis über die Ansichten und Praktiken im buddhistischen Tantra und auch über ihre persönliche Leidenschaft für ihr Gebiet, das sie in die entferntesten Winkel der Erde geführt hatte.
|
||||||||||||||