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1 | 2 Artikel In diesem Sommer wird der amerikanische Philosoph Ken Wilber sein Buch Integral Spirituality veröffentlichen. Dieses Buch hat das Potenzial, unser Verständnis der spirituellen Dimension des Lebens tief greifend zu verändern. In einem Special Feature begibt sich WIE in dieses ehrgeizige Projekt und ergründet das außergewöhnliche Werk eines Mannes, dessen visionäre Sicht den ganzen Kósmos zu umfassen vermag. Er diskutiert nicht auf CNN mit den führenden
Persönlichkeiten des Weltgeschehens. Wilber ist nicht der Begründer des noch relativ embryonalen Forschungsfeldes der integralen Philosophie. Diese Auszeichnung gebührt eher dem indischen Weisen Sri Aurobindo oder vielleicht dem Philosophen Jean Gebser. Einige würden sogar zurückgehen bis zu Hegel, obwohl der deutsche Idealist diese Bezeichnung nie verwendet hat. Aber gegenwärtig ist Wilber der bedeutendste Vertreter der integralen Welt. Sein Werk hat die integrale Theorie transformiert und aus einer losen Kollektion von Ideen, zusammengetragen von einer Hand voll Visionären, eine wichtige Bewegung gemacht, eine mächtige Sammlung fundamentaler Ideen über die Realität, die beginnen, auf höchster Ebene Einfluss zu haben. Denken sie nur an Bill Clintons Bezugnahme auf Wilbers Werk, der während seiner Rede in Davos den integralen Ansatz erwähnte und ihn als mächtiges Prisma beschrieb, durch das hindurch unsere globalisierte Welt verstanden werden könne.
Der Reiz der integralen Theorie besteht in ihrer Vollständigkeit, ihrer umfassenden Gültigkeit, ihrer Fähigkeit, die enorme Bandbreite des menschlichen Wissens in einem praktischen Zusammenhang neu zu organisieren. Ken Wilber ist allen voran derjenige, der ihr diesen Ruf verschafft hat. Mit seinem brillanten und weit reichenden Intellekt ist er ein Mann, der ebenso vertraut damit ist, die Dynamik der Psychologie nach C.G. Jung zu diskutieren wie die Epistemologie des Foucault, die schwierigen Probleme der kognitiven Wissenschaften und das Wesen der Leere im Vajrayana-Buddhismus. Über all das schreibt er in einem verständlichen Stil, der selbst dem Laien zugänglich ist und vollkommen neue und komplexe Perspektiven auf die Realität vermittelt. Wilber begann seine Laufbahn, indem er die Zusammenhänge zwischen der Psychologie und den östlichen spirituellen Traditionen untersuchte und den kühnen Schritt unternahm, die Einsichten beider in einem zusammenhängenden "Spektrum des Bewusstseins" zusammenzufassen, einer Landkarte der psychologischen und spirituellen Entwicklung von der Geburt bis zur Buddhaschaft. Solche Verbindungen zu knüpfen war zur damaligen Zeit radikal, es brachte ihm weite Anerkennung und hat wesentlich zur Entstehung der transpersonalen Psychologie beigetragen (von der er sich inzwischen distanziert hat). Es etablierte ihn auch als profunden Kenner der großen Traditionen der Erleuchtung im Osten wie im Westen, und er vertrat die Ansicht, dass diese eine Quelle des Wissens darstellen, mit der sich jede wirklich "integrale" Theorie auseinander zu setzen hat. Es ist eine tief gefühlte Passion, und eine persönliche noch dazu, denn Wilber ist selbst spirituell Praktizierender und hat Erfahrung mit verschiedenen Wegen, vor allem dem Zen und tibetischen Buddhismus. Er selbst nennt sich einen "Pandit" und benutzt die indische Bezeichnung des Gelehrten, der die Wahrheit des Dharma* gegen alle verteidigt, die ihr schaden wollen. Dieses unermüdliche Engagement hat ihm tiefe Anerkennung und Respekt bei denjenigen Menschen eingebracht – die Redaktion dieses Magazins mit eingeschlossen – , die der Meinung sind, dass ein intensiver religiöser und spiritueller Diskurs für die Gesundheit unserer gegenwärtigen Kultur und für ihre weitere Entwicklung unerlässlich ist. Natürlich hat sich Wilber mit der Platzierung der Spiritualität im Herzen seines philosophischen Systems bei den westlichen Intellektuellen nicht beliebt gemacht. Und schon zu Beginn wusste er, dass seine eigene Philosophie den vorherrschenden Zeitströmungen entgegen gehen würde: Eines wurde mir sehr deutlich, als ich mit der Frage rang, wie mit einem intellektuellen Klima umzugehen sei, in dem alles dekonstruiert wird. Ich müsste ganz an den Anfang zurückgehen und versuchen, ein Vokabular für eine konstruktivere Philosophie zu finden. Jenseits des pluralistischen Relativismus liegt der universelle Integralismus; ich habe also danach gesucht, eine Philosophie des universellen Integralismus zu umreißen. Anders ausgedrückt habe ich nach einer Weltphilosophie gesucht. Ich habe nach einer integralen Philosophie gesucht, eine, welche glaubhaft die vielen pluralistischen Kontexte von Wissenschaft, Moral, Ästhetik, östlicher sowie westlicher Philosophie und die großen Weisheitstraditionen zusammenwebt. Nicht auf der Ebene der Einzelheiten – das wäre unmöglich; sondern auf der Ebene von Orientierungsverallgemeinerungen: auf eine Weise, die aufzeigt, dass die Welt wirklich ein ungeteiltes Ganzes und auf allen Ebenen mit sich selbst verbunden ist: eine holistische Philosophie für einen holistischen Kósmos: eine Weltphilosophie, eine integrale Philosophie. In diesem Herbst wird Wilber eine vierjährige Veröffentlichungspause mit der Herausgabe seines dreiundzwanzigsten Buches Integral Spirituality beenden. In diesem Buch versucht er, ein grundlegend neues Licht auf die Rolle und die Bedeutung von Spiritualität und Religion in der modernen und postmodernen Welt zu werfen. In diesem trügerisch dünnen Buch präsentiert er einen kraftvollen Kontext, in dem die zentralen Dilemmata der religiösen Traditionen von heute dargestellt werden: ihr zurückgehender Einfluss, ihre fortwährenden Auseinandersetzungen mit der Wissenschaft, ihr Kampf mit verschiedenen Formen des Extremismus und so fort. Er versucht die Schlüsseleinsichten der Religionen wieder zu beleben, indem er sie von veralteten mythischen Glaubensstrukturen befreit, die für die meisten Traditionen immer noch typisch sind. Das Buch behandelt auch viele der wesentlichen Probleme, denen sich postmoderne spirituelle Sucher gegenübersehen: die Rolle von Psychotherapie, die Grenzen von Meditation, verschiedene Aspekte und Arten von Erleuchtung, pluralistische Interpretationen von Gott und die Herausforderungen, denen sich der westliche Buddhismus gegenübersieht. Obwohl Wilber in der spirituellen East-meets-West-Subkultur, in der transpersonalen Psychologie und unter den vielen so genannten kulturell Kreativen schon den Status einer Legende hat, ist Integral Spirituality ein Werk, das ihn auch in der Mainstream-Kultur bekannt machen könnte. Je mehr sich zeigt, in welchem Maße das integrale Model dazu in der Lage ist, die komplexesten und wichtigsten Bereiche des menschlichen Lebens sinnvoll zu erklären, desto mehr Aufmerksamkeit mag Wilber sich auch vom größten aller Kritiker verdienen – der Geschichte. Im Alter von 57 Jahren ist Wilber produktiver denn je. Seine "Gesammelten Werke" wurden verlegt und sind Beweis für die Fülle des Materials seiner Bücher und Schriften, die dieser Weise der Synthese in weniger als drei Jahrzehnten zustande brachte. Erst kürzlich hat er Band 2 eines dreiteiligen Buchprojekts fertig gestellt, das die Kernideen seiner Philosophie erläutern wird. Der erste Teil dieser von ihm so genannten "Kósmos-Trilogie" war der 1995 erschienene Band Sex, Ecology, Spirituality, der 1996 als Eros, Kosmos, Logos auf Deutsch herauskam. Der zweite Band mit dem vorläufigen Titel "Kosmic Karma and Creativity" wird 2007 veröffentlicht, zusammen mit dem dritten Band "God, Sex, and Gender", der bereits teilweise vorliegt. Zwischen diese gewichtigen intellektuellen Abhandlungen hat Wilber verschiedene andere Schriften und Bücher eingestreut, von denen sich einige speziellen Gebieten widmen, wie zum Beispiel Integrale Psychologie (2000), andere behandeln gegenwärtige kulturelle Themen wie Boomeritis (2002) und The Many Faces of Terrorism (angekündigt). Auch leichter zu lesende Versionen seiner Kerntrilogie hat Wilber veröffentlicht, v.a. das bekannte A Brief History of Everything (1996), in deutscher Übersetzung 1997 als Eine kurze Geschichte des Kosmos erschienen. ![]() Ganz nach dem Vorbild der großen griechischen Tradition hat Wilber ebenfalls seine eigene Akademie gegründet. Integral Institute heißt diese Einrichtung, zugleich hochkarätiger Think Tank und Bildungsinstitut, welches die integrale Theorie in den verschiedensten Wissensbereichen verbreitet und anwendet. Wilbers Denken war schon immer zu expansiv und grenzüberschreitend, um in der konservativen und spezialisierten Umgebung der konventionellen akademischen Welt anerkannt zu werden. Und so hat er ursprünglich seine Ideen direkt an die Leute gebracht, indem er für ein allgemeines, wenn auch sehr gebildetes Publikum schrieb. Aber mit dem großen Erfolg kommen auch die großen Gelegenheiten: Seine steigende Popularität und die tiefe Wertschätzung, die seinem Werk mittlerweile entgegen gebracht wurde (man hat ihn bekanntlich den "Einstein des Bewusstseins" genannt) erlaubten es ihm, seinen Status als unabhängiger Philosoph zu transzendieren und Beziehungen zu Persönlichkeiten aus den Mainstream-Institutionen in Regierung, Wirtschaft und höherer Bildung aufzubauen. Das zurzeit beeindruckendste Beispiel für ein praktisches Ergebnis dieser Beziehungen ist wohl die Integral University, eine gerade erst ins Leben gerufene Online-"Lerngemeinschaft" mit enorm ehrgeizigen Zielen. Mit der Unterstützung des Integral Institute und unter der Führung Wilbers hat sie sich zum Ziel gesetzt, eine anerkannte Universität zu werden, die neue Wege geht und ein globales Netzwerk von Gelehrten, Theoretikern, Praktizierenden und Unterstützern zusammenbringt. Sie alle werden in einem disziplinierten Kontext gemeinschaftlich und in ständigem Austausch zusammenarbeiten, um die Entwicklung und Ausweitung der integralen Theorie in mehr als zwanzig einzelnen Disziplinen voranzutreiben. Inmitten all dieser Aktivitäten, entwickelt sich das integrale Modell kontinuierlich weiter. Einer der erstaunlichsten Aspekte von Wilbers Arbeit ist in der Tat ihre fortwährende Weiterentwicklung, in der er voneinander getrennte Theorien, Ideen und Erkenntnisse in seiner theoretischen Matrix miteinander vereint – und das in einem furiosen Tempo. Er sieht integrale Theorie nicht so sehr als ein neues Forschungsfeld an sich, sondern mehr als einen überspannenden Kontext, der auf jedes Forschungsgebiet angewendet wie ein erkenntnistheoretischer und ontologischer Filter dient, der veraltete Annahmen über das Wesen der Realität, die es in dem betreffenden Gebiet noch geben mag, herausfiltert, um zugleich die gewonnenen Erkenntnisse im Lichte einer umfassenderen und weiteren Weltsicht zu reorganisieren. Unermüdlich bemüht er sich, von Ökologie, Anthropologie, Kunst, Politik, Ökonomie, Recht, Wissenschaft, Psychologie bis hin zur Spiritualität die wichtigsten Kategorien des menschlichen Wissens integral zusammenzufassen. ALLE QUADRANTEN, ALLE EBENEN Eines der besten Beispiele dafür, wie die integrale Theorie Integration ermöglicht, ist eine von Wilbers Kernideen (vorgestellt in Eros, Kosmos, Logos): die vier fundamentalen Perspektiven der Realität, ein bahnbrechendes Modell, das er die Vier Quadranten nennt (vgl. Diagramm S. 36). Ausgehend von den tatsächlichen Perspektiven, aus denen wir die Welt um uns herum wahrnehmen – die der ersten, zweiten und dritten Person – bieten diese Quadranten einen einzigartigen umfassenden Rahmen, in dem wir so gut wie alles genauer untersuchen können. Die Entstehung dieser Einsicht war keine plötzliche Offenbarung oder göttliche Führung. Es war in der Tat mehr Mut als Gnade. Entschlossen herauszufinden, wie verschiedene Wissenssysteme zusammenpassen, hat Wilber Jahre damit zugebracht, die tatsächlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Disziplinen und Forschungsfeldern zu untersuchen. Doch schien jede Denktradition ihre eigenen Ansätze zu haben, die Wirklichkeit zu ordnen und zu verstehen, und ihre eigenen Vorstellungen darüber, wie das vorhandene Wissen hierarchisch abgestuft und organisiert werden kann. Auf seiner Suche nach einem holistischen System hat Wilber unermüdlich damit gerungen, diese enorm voneinander abweichenden Systeme zu verstehen und miteinander in Beziehung zu bringen: An einem bestimmten Punkt hatte ich über zweihundert Hierarchien auf Zettel geschrieben und überall auf dem Fußboden verteilt, und versuchte herauszufinden, wie all diese Systeme zusammenpassen könnten ... Da gab es linguistische Hierarchien, kontextuelle Hierarchien, spirituelle Hierarchien. Es gab Entwicklungsstufen in der Phonetik, in stellaren Systemen, kulturellen Weltbildern, autopoetischen Systemen, technologischen Modi, ökonomischen Strukturen, phylogenetischen Entwicklungen, überbewussten Wahrnehmungen ... Aber sie haben sich einfach geweigert miteinander übereinzustimmen ... Gegen Ende dieser dreijährigen Phase fand ich heraus, was los war. Mir wurde klar, dass die verschiedenen Hierarchien unter vier Hauptbereiche fallen (das, was ich später die vier Quadranten nannte); einige dieser Hierarchien beziehen sich auf Individuen, andere auf Gemeinschaften, einige befassen sich mit äußeren Realitäten, andere mit inneren, und sie alle passen nahtlos zusammen. Und der Rest ist Geschichte. Das Vierquadrantenmodell ist wahrscheinlich die Einsicht, die am meisten zu Wilbers Ruhm beigetragen hat. Und das zu Recht. Wilber erklärt, dass so gut wie alles mithilfe dieser vier grundlegenden Perspektiven betrachtet werden kann – die inneren und äußeren Perspektiven des Individuums und die inneren und äußeren Perspektiven des Kollektivs. Wollen Sie wissen, warum Wissenschaft und Religion Schwierigkeiten haben sich miteinander zu verständigen? Warum der Marxismus scheiterte? Warum die Neurowissenschaften auf ihrer Suche nach Gott in die falsche Richtung gehen? Warum die linguistische Wende in der Philosophie des 20. Jahrhunderts so wichtig war? Sie finden alles in diesen einfachen, aber bemerkenswert umfassenden vier Quadranten. Man kann sich eine Zukunft vorstellen, in der Schüler auf dieses Modell der Realität genauso gedrillt werden wie heutzutage auf das Periodensystem der Elemente. *Dharma ist Sanskrit und bedeutet so viel wie natürliches Gesetz oder Wirklichkeit. Im Zusammenhang mit Religion und Spiritualität beschreibt es den natürlichen Zustand des Seins, der universellen Gesetzen oder dem wahren Wesen der Dinge entspricht..
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