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1 | 2 Globale Maßlosigkeit Die Auseinandersetzung mit der Globalisierung wird oft polarisiert geführt. Da gibt es einerseits die Kritiker mit apokalyptischen Visionen und diejenigen, die sich vom Zusammenwachsen unserer Welt eine goldene Zukunft versprechen. Huschmand Sabet dagegen ist es gelungen, eine Globalisierungskritik zu schreiben, die von Zuversicht durchdrungen ist. Schon seine Definition von Globalisierung zeigt, worum es ihm geht: "Im materiellen Bereich ist Globalisierung die Vernichtung der Entfernung; im geistigen Bereich die Vernichtung der Entfremdung." Und er sieht sie in die menschliche Entwicklungsgeschichte eingebettet und zugleich als deren Resultat. Eine dieser Entwicklungsgeschichte innewohnende natürliche Richtung ist die Globalisierung: Sie führt uns zur Zusammengehörigkeit als Menschheit, zur Weltidentität, zum Weltmarkt und zu einer universalen Weltreligion. Aber sind wir wirklich reif für diese radikale Veränderung unserer Identität? Sabet legt den Finger in die offenen Wunden unserer Welt, vor denen wir die Augen gern verschließen oder die wir kaum begreifen können. Er gibt uns Einblick in die Funktionsweise des globalen Kapitalismus, besonders des Investment-Bankings, Hedging und der Entwicklung der Manager-Gehälter. Und er nimmt die Superreichen unter die Lupe und fördert Zahlen zutage, bei denen jegliches Vorstellungsvermögen versagt. So beträgt z. B. im Jahre 2004/2005 das Jahreseinkommen eines der weltweit Ärmsten unter 37 Dollar, im Gegensatz zum Vermögenszuwachs der drittreichsten Person mit 18.800.000.000 Dollar. Dabei beträgt die jährliche Wachstumsrate für die Superreichen ca. 35,7 %, der Vermögensverlust des Weltmittelstands aber gleichzeitig 1,3%. In dieser immer größer werdenden Differenz erkennt Sabet eine große Gefahr, und als Leiter eines mittelständischen Unternehmens sieht er mit dieser Unternehmensform das Rückgrat unseres Wirtschaftssystems ständig und in dramatischen Ausmaßen schwinden. Für den Fall, dass der Mittelstand als wichtigster Leistungsträger weiter zerstört wird und sich die Schere zwischen superreich und superarm immer weiter öffnet, prophezeit Sabet einen ökonomischen Super-GAU, der unsere ganze Kultur bedroht. Aber Sabet geht es nicht darum, Schuldige ausfindig zu machen und anzuprangern, er sucht lieber nach positiven Beispielen und findet jemanden wie Bill Gates, der mit seinen 27 Milliarden Dollar, die er in Stiftungen investiert hat, vormacht, was Sabet vorschlägt: eine freiwillige Nullrunde für die Superreichen. Von den Gewinnern der Globalisierung fordert er ethische Verantwortung und für eine überschaubare Zeitspanne Verzicht auf Wertezuwachs. Dieses Geld könnte dann zur nachhaltigen Bekämpfung der Armut verwendet werden. Es sind die praktischen Lösungsvorschläge, die Sabets Buch zu viel mehr machen als einer deprimierenden oder lähmenden Informationslektüre. Er will "Lust auf Zukunft" machen. Und will aufräumen mit dem "skeptischen Realismus vieler intellektueller Zeitgenossen". Denn wir haben gar keine Ahnung, was möglich ist: "Wir müssen von der weit verbreiteten Zukunftsskepsis abkommen und mit einem gesunden Optimismus eine von uns zu bewirkende erstrebenswerte Zukunft liebevoll umarmen." Und legt gleich einige konkrete Ideen nach, zum Beispiel die Terra-Tax, für die er 1997 den "Planetary Consciousness Award" des Club of Budapest erhielt. Sie beinhaltet, dass die reichen Länder auf alle Waren, die in den armen Regionen der Welt produziert werden, eine Abgabe von zwei Prozent entrichten. Dieses Geld kann dann zur Bekämpfung der Armut verwendet werden. Und wer soll dieses Geld verwalten? Sabets Vorschlag: die Superreichen. Sie verfügen über das Know-how und die Logistik. Aber Sabet belässt es nicht dabei. Er zeigt, wie die demokratischen Staaten, eingebunden in ein Geflecht aus politischen, nationalen, wirtschaftlichen und medialen Machtinteressen, nicht die Fähigkeit haben, eine für alle Menschen akzeptable Weltordnung zu errichten. Das kann nur durch weltweite Organisationen wie die Vereinten Nationen geschehen, die aber finanziell und von ihrem Einfluss her momentan nicht dazu in der Lage sind. (Das Jahresbudget der UN beträgt ein halbes Prozent des jährlichen Vermögenszuwaches der Milliardäre ...) Aber mehr noch: Es fehlt ein ethischer Rahmen. Hier spielen die Weltreligionen für Sabet eine entscheidende Rolle. Dabei gehen ihm interreligiöse Toleranz und z.B. Hans Küngs "Projekt Weltethos" nicht weit genug. Wir brauchen mehr als einen statischen Religionsfrieden oder ein "Einfrieren des Status quo". Denn "im Grunde gab und gibt es nur eine Religion, deren Träger, im Rahmen der ‚fortschreitenden Gottesoffenbahrung', der Menschheit Führung geben". Und ein Aspekt dieser Gottesoffenbahrung ist auch die "Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu einer immer höheren Stufe der Einheit". Laut Sabet findet sie ihren Ausdruck in materiellem und geistigem Wachstum. Hier seine Vision: In einem Zeitraum von 100 Jahren könnte eine Erhöhung der Wertschöpfung um das 340fache realistisch sein. Das Gesamtwissen der Menschheit wird sich auf das 1000fache erhöht haben. Weltweiter Wohlstand führt zur Stabilisierung der Weltbevölkerungszahl. Eine politische und wirtschaftliche Welteinheit wird realisiert und prägt eine Weltkultur. Ein Weltgerichtshof wird im Rahmen einer Weltverfassung Recht sprechen. Eine Welthilfssprache und eine Weltwährung machen das Entstehen und die Festigung einer Weltidentität möglich. Diese Vision ist Ausdruck eines begründeten rückhaltlosen Vertrauens in das positive Potenzial des Lebens und des Menschen. Und Sabet beschreibt dieses Vertrauen als den ekstatischen Urgrund aller Religion: "Ganz im Gegenteil zu den Skeptikern geraten die Stiftergestalten aller Religionen bei der Beschreibung der in Reichweite liegenden machbaren Utopien, und damit der Erfüllung von Sinn und Ziel der geschichtlichen Entwicklung, in Ekstase." Mike Kauschke Einfach Intelligent Produzieren von Michael Braungart und William McDonnough (Berliner Taschenbuch Verlag 2005, broschiert, € 9,90) Vergessen Sie einmal alles, was Sie über Umweltverschmutzung, Recycling, Global Warming oder Nachhaltigkeit gelesen haben. Vergessen Sie auch einmal für einen Moment das Schuldgefühl, wenn die Plastiktonne mal wieder bis zum Rand gefüllt oder wenn Sie, mangels eines Mülleimers oder einfach aus Gedankenlosigkeit den Eiskrembecher in die Landschaft "entsorgt" haben. Und stellen Sie sich stattdessen einmal die folgende Frage: Ist es ein Fehler, uns Menschen die Krone der Schöpfung zu nennen? Sind wir als einzige Spezies letztendlich dazu bestimmt, im besten Fall weniger Schädliches für uns und unsere Mitbewohner auf diesem Planeten zu tun? Kann es für uns tatsächlich nur darum gehen, dessen Resourcen durch Nachhaltigkeit langsamer zu verschwenden? Deckt sich diese Philosophie, die bislang das Menschen- und Weltbild der Umweltbewegung geprägt hat, letztendlich aber nicht besonders inspirierend ist, mit unseren tiefsten Erfahrungen, unserem tiefsten Verständnis unserer selbst, unseren höchsten Zielen? Hinter dem unscheinbaren Titel "Einfach intelligent produzieren" steckt eine echte Revolution. Michael Braungart und William McDonnough, ein deutscher Chemiker mit Greenpeace Erfahrung und ein amerikanischer Architekt, die wir schon in unserer letzten Ausgabe kurz vorstellten ("Design für Utopia"), haben sich das ganze Gedanken- und Produktionssystem, das hinter unserer heutigen Wirtschaft steckt, vorgenommen und hinterfragen es auf eine Weise, die von den althergebrachten Ideen der grünen Revolution nichts mehr übrig lässt. Obwohl man bei der Lektüre manchmal die Zähne zusammenbeißen muss, wenn wieder eine lieb gewonnene Idee über Umweltschutz in die Mülltonne wandert und das bedrohliche Bild, welches von unserer Gesundheit und der der Erde gezeichnet wird, deutlicher denn je umrissen wird, hat all dies letztendlich zur Folge, dass man sich fühlt, als könne man plötzlich freier atmen. Mit ihrer festen Überzeugung und unerschütterlichen Begeisterung für das Potenzial unserer Kreativität, die nicht nur idealistisch sind, sondern in ihrer eigenen Arbeit ganz konkreten Ausdruck finden, erreichen Braungart und McDonnough tatsächlich die Seele–ohne ein einziges Mal die Worte Moral, Spiritualität oder Gott zu benutzen. Nach einem Überblick über die Geschichte der industriellen Revolution, der die Logik ihrer Anfänge in ihrem historischen Kontext verständlich macht, erklären Braungart und McDonnough, warum unsere bisherigen Anstrengungen, die Auswirkungen unserer Geschäftigkeit auf die Erde zu relativieren, zu keiner befriedigenden Lösung geführt haben oder führen können. Sie verschreiben der Menschheit eine zweite industrielle Revolution. Und dabei geht es ihnen nicht um ein Zurück zu Beschränkung, Verlangsamung oder Einfachheit. Im Gegenteil ... ... Nehmen wir die Ameisen–sie sind, nach Biomasse gemessen, viermal so stark wie wir Menschen auf dem Planeten vertreten. Doch mit all ihrer kollektiv fein abgestimmten Produktivität tragen sie auf eine verblüffende Vielzahl von Weisen zum Kreislauf des Lebens und der Ernährung anderer Arten bei. Oder der Kirschbaum–seine Übermenge an Blüten scheint verschwenderisch und uneffizient, doch seine Schönheit und sein Nutzen für die ihn umgebenden Lebenssysteme würde niemand bestreiten. Die Autoren argumentieren, dass es, wenn wir schlau genug sind, Sonden zum Mars und Teleskope immer tiefer ins Weltall zu schicken, keinen Grund dafür gibt, unsere einmalige Erfinderkraft und Ingenuität nicht nur zu unserem eigenen Wohl, sondern gleichzeitig dem des ganzen Lebenssystems einzusetzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn man Verpackungen mit Genuss in die Landschaft werfen könnte, weil sie in Sonne und Regen zerfallen und dabei die in ihnen eingeschlossenen Samen von heimischen Gräsern und Blumen freigeben? Je weiter man den Gedankengängen der beiden Autoren folgt, desto fraglicher erscheinen einem all die als selbstverständlich vorausgesetzten Maxime der bisherigen Umwelt-Philosophie: Plötzlich erscheinen sie fast wie eine Beleidigung des menschlichen Geistes und Potenzials. Dieses Buch bietet allem Zynismus, aller Resignation über unsere Rolle auf diesem Planeten die Stirn und stellt eine aufregendere, kreativere, positivere und menschlichere Alternative vor. An konkreten Beispielen, auch aus ihrer Arbeit mit Firmen unterschiedlichster Branchen auf allen Kontinenten, zeigen Braungart und McDonnough, dass es für uns technisch absolut möglich ist, anzufangen, die Erde in eine neue Ganzheitlichkeit zu führen, in der wir Menschen zum ersten Mal nicht nur nach ganzem Herzen konsumieren, sondern dabei gleichzeitig zur Lebensqualität aller Arten beitragen können. Sie nehmen uns jede Entschuldigung dafür, selbstgerecht oder selbstbemitleidend zu sein. Schuldig sollte sich keiner fühlen–solange wir die Fakten nicht kannten, konnten wir nicht anders. Doch danach–von jetzt an–sind wir alle aufgefordert, unsere außergewöhnliche Erfinderkraft in den Dienst unseres Planeten und seiner Zukunft zu stellen. Indem Braungart und McDonnough so unerschrocken, leidenschaftlich und kompromisslos in die Tiefe ihres Faches gehen, erreichen sie damit so etwas wie eine Aussöhnung mit unserer eigenen Natur. Sie beschreiben den Anfang eines wirklich integralen Weges der Produktion, der es möglich macht, zum Mitgestalter der größten Produktion aller Zeiten zu werden–dem Leben. Uli Nagel NENN MICH DEN SUCHER Auf die Religion in der Popmusik hören ICH BRING' DICH HIN Popmusik und der Drang nach Transzendenz CALL ME THE SEEKER Listening to Religion in Popular Music Herausgegeben von Michael J. Gilmour (Engl., Continuum International Publishing, Group 2005, Taschenbuch, € 22,50) I´LL TAKE YOU THERE Pop Music and the Urge for Transcendence von Bill Friskics-Warren (Engl., Continuum International Publishing, Group 2005, gebundene Ausgabe, € 23,41) Außerhalb der Gospelmusik und dem neuen Trend christlicher Rock-Musik treffen sich Popmusik und Religion eher selten. Aber in einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel Call Me the Seeker. Listening to Religion in Popular Music widersprechen 16 Akademiker dieser landläufigen Meinung. Sie behaupten, dass direkt unter der Oberfläche unserer Lieblingspopmelodien in Wirklichkeit unzählige religiöse Anspielungen und Impulse am Werk sind. Viele der verschiedenen Hypothesen in Call Me the Seeker sind tatsächlich faszinierend: Repräsentieren die einzelnen Songs aus Bob Dylans Album Infidels tatsächlich die 10 Sefirot der Kabbalah, wie der Gelehrte Daniel Maoz sagt? Enthüllt zeitgenössische Country-Musik unser kulturelles Verhältnis zu Jesus und "die Grenzen erlösender Liebe", wie Maxine L. Grossmann vorschlägt? Der Herausgeber Michael J. Gilmour räumt ein, dass Popmusik kein traditioneller Stoff ist, mit dem sich Gelehrte beschäftigen, aber er glaubt, dass "ein 'tiefes' Verstehen von ernsthaften Künstlern sich als lohnend erweist und sogar über die eigentliche Musik hinaus auf etwas hinweist, das wir das ‚Erhabene' nennen können." Unglücklicherweise leidet dieses Buch unter einem weit verbreiteten Symptom, das sich in vielen zeitgenössischen akademischen Texten findet: einem unergründlichen Schreibstil. Zum Beispiel das Kapitel "Metallica und der Gott, der versagte. Eine unfertige Tragödie in 3 Akten", in dem der Autor schreibt: "Während die folgende Abhandlung die Entwicklung von Metallicas Song-Texten methodisch untersucht, sind das Erkennen und Dekonstruieren von Tendenzen zu künstlichen Verallgemeinerungen auf dieser Ebene fundamental wichtig, um den Weg dafür zu öffnen, die Texte in der ihnen eigenen Ausdrucksweise und in ihrem Kontext für sich selbst sprechen zu lassen." So saugt dieser verkopfte und trockene Schreibstil völlig die Kraft aus dem Thema, um das es geht, daher werden viele Musikliebhaber wenig Anreiz empfinden, die akademischen Grübeleien der Autoren oder deren Aufspüren des Religiösen in der zeitgenössischen Musik geduldig mitzumachen. Glücklicherweise erweist sich ein anderes neu erschienenes Buch, das sich dem gleichen Thema widmet, als unwiderstehliches Leseerlebnis und überzeugt dort, wo Call Me the Seeker versagt. Mit dem Titel I´ll Take You There, Pop Music and the Urge for Transcendence untersucht es die tiefen spirituellen und religiösen Impulse im Werk von Musikern wie Johnny Cash, Bruce Springsteen, Al Green und Jimmy Cliff, Public Enemy, The Four Tops und Sleater-Kinney. Der Autor Bill Friskics-Warren argumentiert, dass die Popmusik, obwohl sie oft "als kurzlebig" abgetan wird, seit ihren Anfängen der Frage nach Transzendenz kreativen Ausdruck gegeben hat. Friskics-Warrens Talent und Originalität als Autor finden sich nicht in gelehrter Objektivität, sondern in seiner tiefen Liebe zur Materie, welche sich in der Kreativität seines Schreibens ausdrückt. So schreibt Friskics-Warren beispielsweise über die Musik von Van Morrison: "Wenn Morrison ans Ende eines Textes gekommen ist, bedient er sich ursprünglicher Töne, einer Art inspirierter Rede, in der er, gehalten von einem Groove, klagt, stammelt und um Worte ringt, bis er das findet und aufweckt, was er in einem erschütternden Song ‚den Löwen in mir' nennt." Durch umfassende biografische Forschung zeigt Friskics-Warren, wie das Leben und der historische Kontext von Popmusikern wie Morrison die beständige Suche nach dem Erhabenen veranschaulicht und wie ihre Musik eine zentrale und entscheidende Rolle bei dieser Suche spielt. Musik ist das Medium, so schreibt er, welches "das Ewige aus dem Jetzt heraus anspricht". Während Call Me the Seeker letzten Endes zu sagen scheint, dass die Religion überall in der Popmusik zu finden ist und man nur die letzten 50 Jahre akademischer Theorie von Heidegger bis Derrida auffrischen muss, um zu verstehen wie, betont I´ll Take You There zutreffender und interessanter, dass sich die Verbindung von Religion und Popmusik in der großen Anzahl von Leuten findet, die heute unbewusst in der Musik auf die Art von Transzendenz hören, mit der die Religion uns zu versorgen pflegte. Und wie Friskics-Warren klarmacht: "Es ist der Hunger danach, an etwas Größerem und Dauerhafteren teilzuhaben als dem, was wir haben oder wissen, ...[der] uns als spirituelle Wesen kennzeichnet." Maura O'Connor DIE SINGULARITÄT IST NAH Wenn der Mensch die Biologie transzendiert
THE SINGULARITY IS NEAR When Humans Transcend Biology von Ray Kurzweil (Engl., Viking Adult 2005, gebundene Ausgabe, € 26,80) Schnellere Computer, die neuesten Video-iPods, Kloning-Experimente, bahnbrechende genetische Therapien–den meisten von uns bleibt nicht verborgen, wie stark unser Leben von neuen Technologien beeinflusst wird. Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil behauptet jedoch, dass weit wenigeren Menschen klar ist, in welchem Maße alles daraufhin deutet, dass sich die Geschwindigkeit des technologischen Fortschritts exponentiell erhöht. Setzt sich dieser Trend unvermindert fort, wird er uns schließlich in eine Zeit so schneller technologischer Entwicklung führen, dass wir bald eine nahezu gleichzeitige, nahezu unendliche–ja, unendliche–Entwicklung im virtuell-materiellen Universum sehen werden. Falls Sie sich das nicht vorstellen können: Willkommen in der Welt des Ray Kurzweil, willkommen in der "Singularität". Als bahnbrechender Technologe und visionärer Philosoph der Materie hat es sich Kurzweil zu seiner Aufgabe gemacht, technologisches Wachstum zu verstehen und vorauszusagen. Seine fortwährende Erkenntnis, die besagt, dass sich das "Tempo der Veränderung von Menschenhand geschaffener Technologien" exponentiell vergrößert und es keine Anzeichen für eine Verlangsamung gibt–ist der Schlüssel, sein Konzept einer bevorstehenden Singularität zu verstehen. Er beginnt seine Ausführungen, indem er dieses exponentielle Wachstum ausführlich durch verschiedene Zeitskalen veranschaulicht, mit Beispielen aus der biologischen Evolution und der technologischen Entwicklung und aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Leistungsfähigkeit von Mikroprozessoren, der DNA-Sequenzierung und der Verminderung der Ausmaße von mechanischen Bausteinen. Daraus folgt Kurzweils Definition der Singularität als "einem zukünftigen Zeitraum, in dem das Tempo technologischer Veränderungen so hoch und die Auswirkungen dieser Veränderungen so weit reichend sein werden, dass das menschliche Leben unwiderruflich transformiert werden wird." Er sagt sogar voraus, dass dieser Moment irgendwann Mitte des 21. Jahrhunderts eintreffen wird, weil dann, so schreibt er, "die jährlich erzeugte [nichtbiologische] Intelligenz ... ungefähr eine Milliarde mal leistungsfähiger sein wird als die gesamte menschliche Intelligenz heutzutage. Das wird wahrlich ... eine tief greifende und Unruhe stiftende Transformation der menschlichen Fähigkeiten bedeuten." Um darzustellen, wie tief greifend diese Metamorphose aller Voraussicht nach sein wird, macht Kurzweil mit uns eine atemberaubende und detaillierte Tour durch seine Vision der Zukunft, wobei er den aktuellen Stand der Technologie unter er Annahme exponentiellen Wachstums zugrunde legt. Er behauptet, dass menschliche Intelligenz mit ausreichend fortgeschrittener Computertechnologie nachgebildet werden kann–und dann massiv übertroffen wird. Er beschreibt "drei sich überschneidende Revolutionen" des 21. Jahrhunderts–Genetik, Nanotechnologie und Robotik–, die uns dazu befähigen werden, die Funktionsweisen des menschlichen Gehirns vollständig zu verstehen und damit menschenähnliche Intelligenzprozesse in nichtbiologische Schaltkreise zu integrieren. Außerdem sollen sie es uns ermöglichen, die meisten unserer biologischen Systeme auf Molekularebene neu zu gestalten, unsere Gehirne mit unbegrenzter künstlicher Intelligenz zu verbessern und schließlich so lange zu leben, wie wir wollen–biologisch oder virtuell. Tatsächlich soll unser Leben von innen und von außen von Superintelligenz durchdrungen sein, und sobald wir Schritt für Schritt lernen, uns die optimale Fähigkeit der Materie für Datenübertragung nutzbar zu machen, soll sich unsere Intelligenz mit Lichtgeschwindigkeit (oder sogar schneller) im Universum ausbreiten, was schließlich zu einem erhabenen Erwachen des ganzen Universums führen soll. Es wird jedoch nicht nur eine Schwindel erregende Reise in die Zukunft geboten–in den späteren Kapiteln werden einige der am häufigsten geäußerten philosophischen und moralischen Bedenken bezüglich des zunehmenden technologischen Fortschritts angesprochen. Sollten wir Technologien zu unserer eigenen Sicherheit beschränken, obwohl Millionen von Menschen an potenziell heilbaren Krankheiten sterben könnten? Kann eine superintelligente Maschine jemals wirklich bewusst sein? Wie schützen wir uns gegen bösartige oder versehentliche Vervielfältigung der Nanoroboter? Und könnten Wesen mit künstlicher Intelligenz die Herrschaft übernehmen? Obwohl der Umfang dieser Betrachtungen beeindruckend und aufrichtig ist, lassen sie doch einige wichtige Dimensionen ungeklärt. Die technologische Evolution wird ohne Zweifel viele unserer materiellen Probleme lösen, aber was ist mit den uralten menschlichen Mängeln wie Egoismus und Gier, mit denen diese verbunden sind? Ist es wahrscheinlich, dass sie beeinflusst werden? Wie Kurzweil könnten wir zu der Einsicht kommen, dass "Intelligenz zu kontrollieren grundsätzlich unmöglich ist" und wir deshalb danach streben, unsere Roboter mit "menschlichen Ethiken und Werten" auszustatten. Fraglich bleibt allerdings, ob diese Werte ausreichend in uns entwickelt sind, sodass wir sicher sein können, dass eine Intelligenz, die aus unserer hervorgebracht wurde, die Wahl trifft, diesen Werten treu zu bleiben, obwohl wir das oft nicht tun. Trotzdem brilliert Kurzweil mit einer nachgewiesenen Erfolgsgeschichte als technologischer Visionär, der überzeugt ist von den potenziellen Möglichkeiten der Technologie, das menschliche Leben zu verbessern. Und man muss ihm zugute halten, dass er dazu bereit ist, mögliche Gefahren offen zu kommentieren. Ein Beispiel dafür ist sein anhaltender Dialog mit dem Mitbegründer von Sun Microsystems und Technologie-Pessimisten Bill Joy, mit dem zusammen er letztes Jahr einen Beitrag in der New York Times veröffentlichte, in dem damit argumentiert wird, dass der genetische Code des Grippevirus von 1918 niemals im Internet hätte veröffentlicht werden sollen. The Singularity is Near mag auf die wichtigen menschlichen Fragen unserer Zeit und ihres weiteren technologischen Schicksals nicht alle Antworten geben. Auf jeden Fall aber wird dieses höchst vergnügliche und wohl überlegte Werk auch den verhärtetsten Technikfeind nicht wenig neugierig machen auf den vorhergesagten Riss im Gewebe unseres Lebens, der sich am nicht allzu fernen Horizont abzeichnet. Ravi Agarwal ILLUSION Drehbuch und Regie von Michael Goorjian (Awakened Media, 2006, www.illusionthemovie.com) Zwei neue, unabhängige Filmfestivals betraten letztes Jahr die Szene, die sich einem wachsenden Trend zum "spirituellen Kino" verpflichtet fühlen (siehe auch WIE, Ausgabe 15 "Auf der Suche nach Seele in Hollywood" und den Beitrag "Deepak Chopra bringt Buddha nach Hollywood" auf S. 12 dieser Ausgabe). Beide Festivals treten mit keinem geringeren Versprechen an als Inspiration und Transformation mittels des populären Filmes zu vermitteln, und auf beiden Festivals wurde derselbe Film als bester Beitrag des Jahres 2005 ausgezeichnet. Die Festivalbesucher wählten denselben Film und honorierten ihn mit den jeweiligen "Publikumspreisen". Der Film mit dem Titel Illusion rief als Debüt auf dem Inspiration Film Festival und auf dem Spiritual Cinema Festival-at-Sea ein solch großes Echo hervor, dass wir es kaum erwarten konnten, ihn selbst zu sehen. Angesichts eines wachsenden Angebots in der Nische des spirituellen Films, das bisher eher durch Sentimentalität als durch überzeugenden Inhalt gekennzeichnet war, fragten wir uns: Könnte dieser einstimmige Favorit letztendlich der cineastische Durchbruch sein, auf den wir gewartet haben? Leider nein–aber es ist ein solider Film, der keine Vergleiche scheuen muss. Auf der Vorlage der L'Illusion Comique basierend, einem Stück des französischen Dramaturgen Pierre Corneille aus dem 17.Jahrhundert, zeigt Illusion Kirk Douglas in der Hauptrolle als sterbenden Filmregisseur, der sich in seiner letzten Stunde auf magische Weise in ein altmodisches Filmtheater im Himmel versetzt sieht. An diesem außerweltlichen Ort werden ihm drei "Filme" aus dem Leben seines außerehelichen Sohnes gezeigt, den er nie anerkannt hat, und es wird ihm eine letzte Möglichkeit geboten, den Schicksalsverlauf des Jungen zu verändern. Diese unterhaltsame Tragikomödie folgt einer zweifachen Handlung: Die väterliche Seite ist eine Studie seines Kummers und Bedauerns über die Zurückweisung seines einzigen Kindes, die des Sohnes ist eine Erzählung über unsicheren Idealismus und unter einem schlechten Stern stehender Liebe. Ins Spirituelle gewendet, stellt das alte Filmtheater mit seinen endlosen Kinosälen die Akasha-Chronik dar, eine Art karmischer Bibliothek auf Astralebene, der nachgesagt wird, alle Aufzeichnungen von allen wichtigen Ereignissen unseres Lebens zu enthalten. Diese Vorstellung, die auf die Theosophie des 19. Jahrhunderts zurückgeht, ist nach wie vor in der New Age-Szene populär. Hier bildet sie das mystische Fenster, durch das der alte Mann das Leben seines nie gekannten Sohnes betrachtet, und es stellt die entscheidende Frage des Films: Sind wir dazu verurteilt, denselben Fehler zu wiederholen, oder können wir das Muster durchbrechen und unser eigenes Schicksal in die Hand nehmen? Im Flirt mit dem charakteristischen Schmalzfaktor des spirituellen Kinos–und sich doch davon abwendend–erweist sich Illusion letztendlich als eine sonderbare, ehrliche und merkwürdig bezwingende Untersuchung über gescheiterte Liebe und zweite Chancen. Es ist der 87. Film von Kirk Douglas und sogar mit Neunundachtzig zeigt er seine legendäre Meisterschaft, die er in eine ergreifende und gewagte Schauspielleistung umsetzt, welche die Handlung festigt und davon abhält, aus der Bahn zu geraten. Goorjians preisgekrönter Film steht kurz vor dem allzu Theatralischen (kein Wunder, es ist eine Adaption einer französischen Tragödie), aber es gelingt ihm, diese potenzielle Schwäche in eine Stärke zu verwandeln, indem er eine Stimmung beschwört, die mit ihrer kleinen Prise Melodram umso mehr Wirkung erzeugt. Im Lichte des Beifalls, den Illusion kürzlich als spirituelles Kino vom Feinsten ernten konnte, bleibt anzumerken, dass der Film nicht ausdrücklich spirituell ist–kein Kontext, der größer wäre als die persönliche Beziehung, und wenig Sinn, der darüber hinausgeht, nach Glück und dem richtigen Verhalten gegenüber deinen Liebsten zu suchen. Nicht, dass daran etwas falsch wäre, und Illusion vermittelt das auch sehr gut. Dieser Film befindet sich lediglich in der unglücklichen Lage, für echte spirituelle Tiefe in einer Kultur herhalten zu müssen, die möglicherweise weniger als je zuvor eine Ahnung davon hat, was Tiefe wirklich bedeutet. Ein entscheidender Fortschritt für das "spirituelle Kino"–es erinnert uns jedoch daran, wie weit wir noch vom Ziel entfernt sind. Ross Robertson BRIEFE Dank an Ross Robertson für seine informative und herzerwärmende Untersuchung der Tiere. Eines haette ich noch gern noch mit dabei gehabt, nämlich die gegenwärtige Situation in unserer Gesellschaft, dass Tiere für die medizinische Forschung und für die Nahrungs- und Kleidungsproduktion gequält werden, angeblich um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Diese Geschichten machen deutlich, dass Tiere Gefühle haben, und nicht so deutlich, ob sie eine Seele haben. Aber im Lichte von Henri Bergsons Aussage, dass das tierische Bewusstsein sich nicht ständig weiter entwickelt wie das menschliche Bewusstsein, erscheint es umso barbarischer, dass wir Tiere auf solche Weise behandeln. Auf einer gewissen Ebene, so scheint es, begehen wir weiter Selbstmord an unseren Seelen, indem wir die Auswirkungen unserer Handlungen an fühlenden Seelen verleugnen, welche–wie Sie so schön gezeigt haben–sogar ihr Leben geben, um unseres zu retten. J.E.S. per E-Mail
NICHT NUR "BEOBACHTER" SEIN Es war wirklich ein Vergnügen, in Andrew Cohens letztem Dialog mit Ken Wilber über den engen Zusammenhang von Handlung und Bewusstsein zu lesen. Ich stimme ganz mit Andrew überein, wenn er sagt, "wir haben nicht die Zeit im Hier und Jetzt zu sein". Ich selbst habe über viele Jahre TM (Transzendentale Meditation) praktiziert und direkt die Auswirkungen meiner Praxis auf meine Entspannung, gute Gesundheit, und allgemeine Gelassenheit gespürt. Ich will mich hier nicht zum Mystiker machen, doch ich habe täglich mystische Erfahrungen und ich nehme an, dass das Problem darin besteht, dass diese Erfahrungen sehr faszinierend sind und süchtig machen können und dass man sich leicht an ihnen festhält. Wir können die Welt viel schneller ändern und neue Denkmuster kreieren, die von zukünftigen Generationen übernommen werden können, wenn wir uns davon loslösen das Bewusstsein einfach nur zu "beobachten". Obwohl in der Erfahrung des Bewusstseins sicher viel Freude und transformative Kraft liegt, habe ich immer geglaubt, dass erst das Handeln aus diesem intuitiven Zustand heraus wirkliches Wachstum und soziale Veränderung bringt. Molly Beauregard per E-Mail
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