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Nachdem wir Papst wurden, schien das religiöse Interesse in Deutschland Aufwind zu bekommen, und auch Focus oder Geo kamen nicht mehr um die Frage nach Religion und Spiritualität herum. Aber Obgleich sich immer wieder Prominente, wie unlängst auch Hape Kerkeling, als spirituell Interessierte enttarnen, ist die Sinnsuche in den einschlägigen Medien nach wie vor ein seltenes Thema, und es kann einen das Gefühl beschleichen, dass die Mehrheit der Deutschen ohne Gott auskommt. Paul Kohtes, erfolgreicher PR-Berater, Zen-Lehrer und Autor von "Dein Job ist es, frei zu sein", hegt eine Leidenschaft für die spirituelle Entwicklung unseres Landes und wollte es genau wissen. Die Identity Foundation, die er 1998 mitbegründete, beauftragte zusammen mit der Universität Hohenheim im März 2006 die GfK Marktforschung damit, eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Bundesbürgern durchzuführen und sie nach ihrem spirituellen Leben zu befragen–mit dem klaren Ergebnis, dass die Sehnsucht nach einer tieferen Dimension unserer Existenz heute weit davon entfernt ist, eine Randerscheinung zu sein. Die Studie offenbart ein erleuchtendes Spektrum deutscher Antworten auf die "Gretchen-Frage". Zwar zeigt die Umfrage, dass ca. 40 Prozent der Deutschen unbekümmerte Alltags-Pragmatiker sind, denen ihr persönliches Leben und ein naturwissenschaftliches Weltbild genug sind, der Rest der Bevölkerung jedoch sucht nach Gott–und die Menschen gehen dazu ganz unterschiedliche Wege. Dabei sind auf all diesen Wegen doppelt so viele Frauen wie Männer unterwegs. Da ist zunächst die mit 10 Prozent schrumpfende Gruppe der Traditions-Christen , die den kirchlich abgesegneten Pfad zur Heiligkeit wählen. Flexibler sind die 35 Prozent der sogenannten Religiös-Kreativen. Sie gehören auch Glaubensgemeinschaften an, öffnen sich jedoch für Einflüsse aus anderen Religionen, Philosophie, Psychologie oder Wissenschaft. In diese Gruppe gehört auch das (nicht besonders kreativ anmutende) Phänomen des "Kölscher Katholizismus", welches Kohtes folgendermaßen beschreibt: "Die Menschen bekennen sich formal zur Kirche und nehmen gern die Rituale und Feste in Anspruch, wie Gottesdienste oder Hochzeiten, halten es aber ansonsten sehr locker mit Glaubenssätzen oder Geboten. Sie benutzen die Kirche als eine Art Operettenbühne." Im Allgemeinen konstatiert Kohtes in Deutschland "eine große Entspanntheit in Bezug auf religiöse Überzeugungen". Bewegungen wie den christlichen Fundamentalismus in den USA sieht man in Deutschland kaum. Ausdruck dieser metaphysischen Entspanntheit sind wohl auch die sage und schreibe ca. 6 Millionen Spirituellen Sinnsucher, die Gruppe von Sehnsüchtigen, die es auf die direkte Erfahrung des Göttlichen abgesehen haben. Was aber hier unter dem Göttlichen verstanden wird, offenbart den bunten Mix postmoderner Spiritualität, in dem man Yoga, Meditation, Trance und Tarot beruhigt in einem Atemzug nennen kann. Kohtes bezeichnet dies als "Everything goes- Spiritualität" und merkt an: "Diese Gruppe der 6 Millionen Spirituellen Sinnsucher ist eine sehr ungenaue Kategorie. Tatsächlich waren die Daten über sie so vage und weit gefächert, dass es schwierig war, Cluster zu finden, unter denen man die Ergebnisse ordnen konnte. Wenn z.B. jemand Yoga übt, so heißt das noch gar nichts in Bezug auf seine Spiritualität, denn viele praktizieren es nur als Gesundheitsübung." Und natürlich muss man davon ausgehen, dass einige Aussagen bei solch einem Forschungsthema sehr subjektiv sind. Zum Beispiel die Antworten auf die Frage, welche positiven Veränderungen Glaube und spirituelle Übungen in den Befragten hervorrufen–sie reichen von einem größeren Engagement für andere, den Willen, mehr Verantwortung zu übernehmen, einem größeren Halt im Leben bis zu einem gelasseneren Umgang mit Stress und einer positiven Entwicklung der Persönlichkeit. Obwohl diese Erfahrungen schwer objektiv zu beurteilen sind, sind sie doch der Grund dafür, dass 30% aller Befragten eine Form spiritueller Praxis zum festen Bestandteil ihres Alltags zählen, sei es der regelmäßige Kirchenbesuch, Meditation oder Astrologie. Auch nach Gefühlen der Ergriffenheit und des Andächtig-Seins wurden die Teilnehmer befragt, und erstaunliche 70 Prozent sagten, dass sie solche Gefühle in ihrem Alltag erfahren hätten– bei der Geburt eines Kindes, dem Tod naher Verwandter oder in der Natur. Somit gibt die Studie einen ersten allgemeinen Überblick über die spirituelle Landschaft in Deutschland: Es herrscht ein reges Interesse an metaphysischen Wahrheiten, und gleichzeitig ein schier undurchdringlicher Dschungel von Angeboten und Rezepten für das Seelenheil. Kohtes sagt hierzu, dass es "doch relativ wenige Menschen gibt, die sich offen und mit sehenden Augen mit Spiritualität auseinander setzen. Es gibt zwar viele, die sozusagen ein spirituelles Fünkchen spüren, aber oft sind sie sich dessen nicht wirklich bewusst." Und er diagnostiziert weiter: "Meine Erwartung, in Deutschland eine mächtige spirituelle Woge zu finden, hat sich nicht bestätigt. Auf der spirituellen Bewegung in unserer Kultur ist noch kein richtiger Schwung drauf." Trotzdem ist er zuversichtlich: "Es gibt noch keinen Strom, sondern es sind bisher noch viele kleine Bäche, die in einen großen Fluss münden werden." Mit seinen Erfahrungen als Zen-Lehrer und im Business ist er dennoch davon überzeugt, dass "wir in ein spirituelles Zeitalter eintreten" und dass "eine Entwicklung zur Spiritualität unaufhaltsam ist". Aber was genau Spiritualität in Deutschland eigentlich bedeutet, ist, nach den Ergebnissen dieser Studie, ein undeutliches und breitgefächertes Bild. Es wird wohl einige Jahre dauern, bis abzusehen ist, welcher dieser vielen Wege sich zu einer einflussreichen Bewegung entwickeln wird und welchen Effekt sie auf unsere Kultur haben könnte.
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