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Das Erwachen zu totaler Revolution


Erleuchtung & die Krise der Welt
von Vimala Thakar
 


Einleitung von Maura R. O’Connor

Unsere redaktionelle Mitarbeiterin Maura R. O’Connor berichtet, wie der Artikel einer indischen Heiligen und Aktivistin, deren brennende Überzeugung es ist, dass allein spirituelles Erwachen die Welt retten kann, sie von ihrer existenziellen Verzweiflung erlöste, mit der sie nach ihrem Abitur zu kämpfen hatte.

Obwohl schon fünf Jahre vergangen sind, seit ich What Is Enlightenment? zum ersten Mal las, kann ich mich daran noch erinnern, als wäre es gestern gewesen. Ich war 19 Jahre alt und in Dublin bei einer Zeitarbeitsagentur angestellt. Nach meinem kürzlich bestandenen Abitur hatte ich den Atlantik überquert in dem Bestreben, endlich die Reise in ein Leben von Sinn und großer Bedeutung anzutreten, so wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Zugegeben, mir war nicht ganz klar, wie genau das aussehen würde, aber Zweifel gab es keine: Mit meinem brennenden Herzen und einer erstklassigen Ausbildung in der Tasche war ich davon überzeugt, für die Bewältigung großartiger, wichtiger Dinge bereit zu sein.

Die "Dinge" liefen aber nicht wie geplant. Allen, die es noch nie versucht haben, kann ich verraten, dass Zeitarbeit die wahrscheinlich witzloseste und banalste Arbeit ist, die die moderne Welt zu bieten hat. Mir wurde sehr bald klar, dass es extrem schwierig sein würde, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen und gleichzeitig meinem Streben nach dem, was mir wichtig erschien, zu folgen. Und so war es tatsächlich; binnen Kürze brach ein Gefühl von tiefer Niedergeschlagenheit und Ziellosigkeit über mich herein. Nach nur sechs Monaten schwankte ich an der Grenze zu etwas, was ich nur existenzielle Verzweiflung nennen kann.

Mir ist schon oft aufgefallen, dass Menschen in meinem Alter anscheinend eine Neigung zu diesem Zustand haben. Die allerschwierigste Frage, mit welcher ich meine Freunde immer wieder ringen sehe, ist, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Diesbezüglich zeigt sich ein akuter Mangel an Überzeugung. Könnte es daran liegen, dass wir von klein auf erkennen, sei es instinktiv oder faktisch, dass wir in einer Welt leben, in der sich ein Krisenzustand immer stärker ausbreitet?

In diesem Zusammenhang ist die Frage, was zu tun ist und wie man auf die Zeit, in der wir leben, reagieren soll, eine sehr komplexe Angelegenheit. Die üblichen Träume von persönlichem Glück und Erfolg scheinen herzerschütternd in Frage gestellt zu sein. Was nützt es, nach Glück streben zu dürfen, wenn Völkermord, Hungersnöte und Umweltzerstörung global an der Tagesordnung sind? Wie können wir zur Gesellschaft beitragen, wenn wir eine Korruption ihrer Werte und die Kommerzialisierung der Kultur feststellen? Wie sollen wir unser Leben mit Sinn und Würde weiterführen, wenn dies für die postmoderne Welt nur leere und von Zynismus geprägte Worte sind? Als Antwort auf diese Fragen wurden viele Eltern der Generation Y zu Demonstranten, Aktivisten oder spirituellen Suchern. Aber wo, so fragte ich mich, ist der lebende Beweis dieser idealistischen Revolution in unserer heutigen Welt?

Fragen dieser Art waren es, die mich am 27. April 2001 quälten. Hinter einem übergroßen Schreibtisch saß ich in einer Filiale der Bank of Scotland vor einem schlummernden Computer und einem schweigenden Telefon. Es war ein wie üblich langweiliger Freitag – der Tag der Woche, an dem alle leicht vernebelt vom Mittagessen zurückkommen – und aus irgendeiner Ecke dieses stickigen, luftlosen Raumes hörte ich das Geräusch einer Biene, die innen gefangen war und gegen das Fenster flog. Mir war nach Schreien zumute. Erfreulicherweise hatte ich an diesem Morgen auf der Post eine Ausgabe von WIE in meinem Postfach gefunden, die mir als Geschenk zugesandt worden war. Mit dem Versuch, meiner Umgebung zu entfliehen, öffnete ich die Ausgabe und begann wahllos einen Artikel zu lesen, der "Das Erwachen zu totaler Revolution" hieß, geschrieben von der sozialen Aktivistin und spirituellen Lehrerin Vimala Thakar.

Vimala Thakar wurde 1920 in Zentralindien in einer Brahmanenfamilie der Mittelschicht geboren. Von früh an schien sie eine fast übernatürliche spirituelle Leidenschaft zu haben, und schon als sie fünf war, förderte ihr Vater dieses Interesse. Als Teenager besuchte sie Ashrams und studierte die Schriften; mit neunzehn verbrachte sie ein Jahr in einer Höhle, um sich der Meditation zu widmen. Kurz darauf begann sie als Aktivistin in der Reformbewegung zu arbeiten, die für eine Neuverteilung der Böden kämpfte (und welche durch die Arbeit und Philosophie Gandhis und dessen Nachfolger Vinoba Bhave mit beeinflusst worden war), und reiste acht Jahre lang durch die Dörfer Indiens.

Im Jahr 1960 wurde Thakar zu einem Vortrag des legendären J. Krishnamurti in Varanasi eingeladen und hatte im Anschluss daran die Möglichkeit, mit ihm persönlich zusammenzutreffen. Die Erfahrung beschrieb sie später so: "Etwas im Inneren ist entfesselt worden … Das Einströmen eines neuen Bewusstseins, unwiderstehlich und unkontrollierbar ... hat alles fortgerissen." Weniger als ein Jahr später ermutigte Krishnamurti sie, zu lehren, und sagte zu Thakar: "Go out and set them on fire! – Geh auf die Menschen zu und entflamme ihre Herzen!" Thakar verließ die Reformbewegung und begann als spirituelle Lehrerin durch die Welt zu reisen. Zum Abschied schrieb sie an ihre Mitstreiter: "Meine Verbindung mit der Bewegung ist vorbei. Heute erkenne ich, dass das wahre Problem das innere Problem vollkommener Freiheit ist! ... Die einzige Rettung für die Menschheit besteht offensichtlich in einer religiösen Revolution des Individuums."

Dennoch kehrte Thakar 1979 zum Aktivismus zurück und setze sich wieder für dessen Ziele der Unterstützung von Armen und Rechtlosen, des Umweltschutzes und der sozialen Gerechtigkeit ein. Als der amerikanische Meditationslehrer Jack Kornfield Thakar fragte, warum sie diese Arbeit wieder aufgenommen hätte, entgegnete sie ihm: "Ich liebe das Leben, und als Liebende des Lebens kann ich mich aus keiner Aktivität des Lebens heraushalten. Wenn Menschen Hunger auf Nahrung haben, dann helfe ich dabei, sie zu nähren. Hungern sie nach Wahrheit, dann helfe ich ihnen, diese zu finden. Ich unterscheide nicht zwischen dem Dienst an Menschen, die verhungern und keine Würde in ihrem physischen Leben haben, und jenen, die ängstlich und verschlossen sind und deren mentales Leben würdelos ist. Ich liebe das gesamte Leben."

"Das Erwachen zu totaler Revolution" ist ein Auszug aus Thakars 1984 erschienenem Buch Spirituality and Social Action, der diesen grundlegenden philosophischen Standpunkt ausführlich darlegt. Mit Leidenschaft erklärt sie darin die Notwendigkeit, die dualistischen Aufspaltungen zu überwinden, durch die moderne Menschen die Welt betrachten: Inneres und Äußeres, Soziales und Individuelles, Du und Ich. Für Thakar sind diese Abgrenzungen Konzepte, die uns die Möglichkeit geben, uns der Verantwortung für den Zustand der Welt zu entziehen. "Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wartet eine neue Herausforderung auf uns: hinaus zu gehen über die Zersplitterung und die unvereinbaren Wertvorstellungen, an denen selbst ernstzunehmende Gemüter noch festhalten, hinaus zu wachsen über die Selbstgerechtigkeit der jeweiligen von uns anerkannten Ansichten und sich für ein allumfassendes Leben und eine totale Revolution zu öffnen." In dieser Vision völliger Ganzheit und höherer Verbundenheit wird spirituelle Erleuchtung zur sozialen Verantwortung; das Ziel inneren Erwachens gilt nicht der Erfahrung von Frieden und Glückseligkeit, vielmehr ist es eine moralische Verpflichtung, aus der heraus gehandelt werden muss, um die Welt vor Degradierung und Kollaps zu bewahren.

Man kann die Wirkung, die das Lesen dieses Artikels an jenem Frühlingstag auf mich hatte, gar nicht hoch genug einschätzen. Die unglaubliche Überzeugung dieser Frau und die Wahrheit ihrer Worte schienen an meinem Verstand völlig vorbeizurauschen und einen unendlich tieferen Punkt anzusprechen; einmal dort gelandet bewegten sie etwas in mir, von dem ich nicht einmal wusste, dass es dort schlief. Das Gefühl dieser Erfahrung war alchemistisch, erschütternd und unbeschreiblich inspirierend. Während ich Stunden zuvor bezweifelt hatte, dass überhaupt Lösungen oder Antworten auf meine Fragen zu finden wären, hatte ich nun den Beweis dafür, dass es einen Sinn im Leben gab, größer als ich je hätte ahnen können. Mit dem Gesicht hinter dem Computer verborgen begann ich, aus so etwas wie tiefer Erleichterung zu weinen.

Später sollte mir ein weiteres Buch von Thakar für diese unvergessliche Erfahrung eine Perspektive bieten. In The Eloquence of Living (1989) schreibt sie: "Das Wesen der Religion ist die persönliche Entdeckung der Bedeutung des Lebens, der Bedeutung von Wahrheit. Religion steht in Bezug zu der bedingungslosen, vollkommenen Freiheit, welche uns die Wahrheit offenbart." Man könnte sagen, dass ich an diesem Tag in jener Bank zum ersten Mal Wahrheit und einen Hauch von Religion gespürt habe. Und mit diesem einen Mal hat sich alles verändert. In nur wenigen Wochen hatte ich meine Taschen gepackt und war zurück in die Vereinigten Staaten gezogen; eine Entscheidung, die mich letztendlich dahin führen sollte, für ebenjene Zeitschrift zu arbeiten, welche die Richtung meines Lebens verändert hatte.

Als ich gebeten wurde, meinen Lieblingsartikel für das 15-jährige Jubiläum von WIE auszuwählen, musste ich nicht zweimal überlegen. "Das Erwachen zu totaler Revolution" war ein bedeutender Meilenstein in meiner eigenen Entwicklung. Aber er steht auch für den grundsätzlichen Glauben und die Arbeitsprinzipien dieser Zeitschrift und der Menschen, die sie schaffen – dass es dringlich ist, wie Thakar es ausdrückt, "dass Menschen, die berührt und betroffen sind, erwachen und sich zur Revolution erheben." Denn die Zukunft der Welt lastet vollkommen und unbestreitbar auf unseren Schultern. Das ist eine Botschaft, die wir heute mehr denn je hören müssen.

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