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1 | 2 Einführung von Andrew Cohen Dies war ein zentrales Thema der Gespräche dieser Reihe seit ihrem Beginn vor fast fünf Jahren. Für mich hat der Unterschied zwischen Zuständen und Stufen eine große Bedeutung, weil ich mein Leben dem Hervorbringen einer höheren Entwicklungsstufe widme – in der konkreten Arbeit mit meinen Schülern. Hin und wieder habe ich auf den Seiten dieses Magazins über die Entwicklung meines eigenen Verständnisses durch die Arbeit mit meinen Schülern gesprochen. Dies begann mit einem Gespräch mit Ken kurz nach dem 30. Juli 2001, dem Datum, das ich als „die Geburt der Evolutionären Erleuchtung“ bezeichne. Seit dieser ersten bedeutenden Emergenz hat sich dieses Potenzial durch eine Reihe kraftvoller Ausbrüche kollektiver Erleuchtung bzw. eines nondualen Bewusstseins in verschiedenen Gruppen meiner Schüler gezeigt. Ein tieferer oder höherer Bewusstseinszustand, der das Ego transzendiert, erfasst dabei auf eine geheimnisvolle Weise viele Menschen gleichzeitig, sodass plötzlich die Grundlage der Beziehungen miteinander, das intersubjektive Bewusstsein, selbst erleuchtet wird.
Was diese Menschen gemeinsam erfahren haben, und was ich in früheren Dialogen beschrieben habe, war eine ekstatische und zutiefst gemeinsame Zustandserfahrung, in der viele für immer längere Zeitabschnitte das erlebten, was ich als das Authentische Selbst bezeichne. Im November 2005 konnte dieser Zustand über Wochen aufrecht erhalten werden, und verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter meinen internationalen Schülern, bei kleinen und größeren Treffen, und sogar während einer weltweiten Telefonkonferenz mit etwa hundert Frauen und Männern. Seit dieser Zeit konzentriert sich meine Aufmerksamkeit auf die Stabilisierung dieses Ausbruchs eines höheren Bewusstseins. Wenn genügend Menschen die Perspektive, die sie in den höheren Zuständen finden, aufrecht erhalten können, bin ich davon überzeugt, dass dies als Grundlage für eine höhere Entwicklungsstufe dienen kann. Im folgenden Dialog besprechen Ken und ich diese Ereignisse und versuchen sie zu verstehen. Ken Wilber: Geht die Arbeit mit deinen Schülern voran? Hat sich die vor kurzem stattgefundene Veränderung, von der du mir erzählt hast, stabilisiert? Andrew Cohen: Ja, eindeutig. Es geschehen sehr aufregende Dinge. Die Hauptsache dabei ist natürlich die Vertiefung des persönlichen Engagements, das all dies erst möglich macht. Wilber: Machst du immer noch Telefonkonferenzen? Cohen: Ja. Meine Schüler leben überall auf der Welt, und wir arbeiten viel mit Telefonkonferenzen. Es wird in letzter Zeit immer deutlicher, welch überraschend wirkungsvolles Instrument diese Konferenzen für die Emergenz eines egolosen Bewusstseins jenseits des Individuums sein können. Wilber: Das ist großartig. Ich denke, das ist wirklich aufregend, und ich weiß, dass es auch authentisch ist. Cohen: Ich denke, dass sich die Ergebnisse dieses Experimentes mit der Zeit so weit stabilisieren werden, dass etwas entstehen kann, von dem ich glaube, dass der Nutzen weit über diejenigen hinausreicht, die sich jetzt unmittelbar damit beschäftigen. Wilber: Wie stellst du dir das vor? Was kannst du der Welt dann geben? Cohen: Worin die Menschen zusammen kommen ist, wie ich es nenne, das Authentische Selbst, über das wir schon oft gesprochen haben. Es ist der evolutionäre Impuls, der auf der Ebene des Bewusstseins als ein ekstatischer, über das Ego hinausgehender Drang erfahren wird, der auf die Zukunft ausgerichtet ist. Meine Schüler hatten, wie du weißt, diese Erfahrung eines kraftvollen spontanen Ausbruchs schon vorher erlebt, und was ich jetzt aufzubauen versuche, ist eine stabile Struktur, die in der Lage ist, dies zu halten, und die gleichzeitig weitere Entwicklung fördert. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wo das auf der Landkarte einzuordnen ist, aber wir tun alles, was uns möglich ist, damit dies nicht nur eine Zustandserfahrung bleibt. Kürzlich sind größere Gruppen meiner Schüler gemeinsam in einen erleuchteten Bewusstseinszustand eingetreten, ohne dabei irgendeine Technik anzuwenden. Was aber am aufregendsten dabei ist: Sie beginnen zu erkennen, dass dies nur ein Zustand ist, und nicht notwendigerweise eine höhere Stufe, und sind daher bemüht, diese Erfahrung kognitiv zu verstehen und zu analysieren, während sie zusammen in diesem Zustand sind. Dabei geht es darum, sich nicht in der Ekstase und Leichtigkeit des Seins zu verlieren. Es geschieht nur allzu oft, dass Menschen, die transzendente Bewusstseinszustände erfahren, fälschlicherweise annehmen „Oh, jetzt bin ich erleuchtet“, und dabei merkwürdigerweise vergessen, dass es meistens nicht ganz so einfach ist. Wilber: Da hast du recht (lacht). Wie groß sind die Gruppen, mit denen du diese Arbeit machst? Cohen: Wir kommen in Gruppen unterschiedlicher Größe zusammen, für die wir uns den Begriff „Holon“ ausgeliehen haben, weil jede Gruppe ein Ganzes ist, welches Teil eines größeren Ganzen ist. Was ich gerade beschrieben habe, hat in einem „Superholon“ stattgefunden, einer größeren Gruppe von zwanzig, dreißig, vierzig oder mehr Menschen. Dabei emergiert ein höherer Geist, und im Miteinander ist der Einzelne in der Lage, die eigenen Erfahrungen zu betrachten, sodass der gemeinsam erlebte Zustand zu einem Objekt der individuellen und kollektiven Bewusstheit wird. So weit ich weiß beschäftigen sich nur sehr wenige, inspirierte Menschen mit dieser Art von Kontemplation innerhalb der Grenzen ihrer eigenen persönlichen Praxis, und ich habe noch nie davon gehört, dass eine Gemeinschaft zusammen in einen höheren Bewusstseinszustand eintritt und sich dann bemüht, die eigenen Erfahrungen zu analysieren. Wilber: Ja, das hört sich ziemlich einzigartig an. Cohen: Wenn sich das weiter verstärkt, dann werden die nonlokalen Auswirkungen zunehmen. Einige meiner erfahrenen Schüler, die selber lehren, haben wiederholt von der Erfahrung berichtet, dass sie wissen, wenn sie allein in einer fremden Stadt ein Seminar oder eine Gruppe leiten, während sich gleichzeitig ein Superholon irgendwo auf diese außergewöhnliche Weise trifft, dass die Veranstaltung, die sie leiten, beinahe automatisch sehr kraftvoll sein wird. Ohne diese Art von nonlokaler Unterstützung müssen sie sich jedoch sehr anstrengen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Wenn sich diese Art von Bewusstheit mehr und mehr stabilisiert, erfahren meine Schüler eine Freude und ein Selbstvertrauen, die sie bisher nicht kannten. Dies unterstützt wiederum ein noch größeres Engagement, das natürlich die Grundlage des Ganzen ist. Es ist die Intention und die Selbstverpflichtung aller Beteiligten, die den Zug erst in Bewegung bringt, und das interessiert mich mehr als die spezielle Erfahrung eines Einzelnen. Du würdest es vielleicht so beschreiben, dass das, was jedes einzelne Individuum transzendiert und umfasst und was über jeden hinausreicht, das Ganze bewegt. Und das führt uns zu einer ganz anderen Art von spiritueller Physik. So würde ich das zusammenfassen. Wilber: Ich bin Theoretiker, und bin wahrscheinlich auch deshalb äußerst auf der Hut, wenn es darum geht, die Wirklichkeit nicht mit Theorien über sie zu verwechseln und dabei zu vermeiden, die Wirklichkeit an Theorien „anzupassen“! Cohen: Ich mag beides – Theorien und Wirklichkeit! (lacht). Das verbindet uns als Freunde. Wilber: Von einem theoretischen Gesichtspunkt aus gesehen wollte ich damit sagen, dass sich das, was du erzählst, für mich wie die Schaffung eines soliden Zustandsplateaus oder einer Plateauerfahrung anhört. Das bedeutet, dass wir es mit einem Zustand zu tun haben, der sich immer weiter ausdehnen kann und zu dem man mehr oder weniger ständig Zugang hat, und dass einige diesen Zustand permanent erfahren. Es ist eine Art von Bewusstheit, und wenngleich einige der daran beteiligten Energien auch kommen und gehen, hat sich das Bewusstsein selbst als ein Plateau stabilisiert und ist keine Gipfelerfahrung mehr. Cohen: Richtig. Wilber: Die Fragen, die sich dann jedoch stellen, sind erstens: Wie wird das als eine Manifestation gesehen, interpretiert und gelebt, und zweitens: Auf welcher Entwicklungsstufe muss man sich befinden, damit diese Plateauerfahrung sich auch wirklich stabilisiert und nicht nur ein hysterisches Phänomen bleibt? Cohen: Genau daran arbeite ich. Wilber: Diese Nonlokalität, die du beschreibst, ist wirklich etwas Eigenartiges, doch so funktionieren morphogenetische Felder*. Du hast sicher auch von Berichten gehört, in denen ein Labor Jahre von Forschungsarbeit darauf verwendet hat, ein bestimmtes komplexes Molekül herzustellen. Nachdem dies gelungen war, konnte plötzlich das gleiche Molekül innerhalb kurzer Zeit in einem Dutzend anderer voneinander unabhängiger Labors synthetisiert werden. Es sieht so aus, als ob, sobald jemand einem neuen Potenzial zum Durchbruch verholfen hat, die Verwirklichung dieses Potenzials wahrscheinlicher geworden ist und mit jeder neuen Verwirklichung immer wahrscheinlicher wird, und das geschieht nonlokal. Das scheint für praktisch alles zu gelten. Ich denke daher, dass du – mindestens – einen Plateauzustand mit einem eigenen stabilen Muster geschaffen hast, zu dem der Zugang immer leichter wird. Und dann geschieht es, wie du sagst, dass praktisch jeder, mit welchen Voraussetzungen auch immer, Zugang zu diesem Feld hat. Das ist es, woran du arbeitest: Wie kann dies immer stabiler werden – nicht nur für ein Individuum, sondern für so etwas wie ein Superholon. * Die Vorstellung morphogenetischer Felder wurde von dem Biologen Rupert Sheldrake entwickelt, es sind Muster subtiler Energien von Gewohnheiten oder Erinnerungen, welche die Struktur und Entwicklung aller Phänomene steuern – physisch, biologisch, mental, sozial und spirituell. EINE TIEFERE STRUKTUR
Cohen: Ich denke, ein entscheidendes Element dabei ist das Individuum und seine oder ihre grundlegende Integrität und moralische Entwicklung. Wenn die Individuen, aus denen das Superholon besteht, in Übereinstimmung mit ihren eigenen höchsten und tiefsten philosophischen Prinzipien leben und sich in das Leben mit einem hohen Maß an moralischer Integrität, Ehrlichkeit und Authentizität in einem Kontext von Entwicklung einbringen, dann entsteht zwischen ihnen eine neue intersubjektive Struktur. Es ist eine tiefere Struktur innerhalb des Bewusstseins, die etwas ganz Neues möglich macht. Wenn das geschieht, dann scheint sich plötzlich auf individueller und kollektiver Ebene alles auf eine wunderbare Weise zu fügen. Alles ergibt Sinn und Bedeutung – wer man ist und warum man hier ist, einschließlich eines jeden Aspektes der eigenen persönlichen Entwicklung, die einen zu dieser Gegenwart hingeführt hat, und die ekstatisch in eine unbekannte Zukunft weist. Was ich hier beschreibe, hat bereits innerhalb der Kerngruppe meiner Schüler begonnen aufzutreten. Das war natürlich nicht immer beständig – Wilber: Doch eines Tages wird es so sein. Cohen: Ja. Wie wir schon gesagt haben, existieren diese Strukturen nicht vorgegeben im Äther; sie werden von realen Menschen erschaffen. Ich habe das Gefühl, dass ein großer Teil meiner Arbeit damit zu tun hat herauszufinden, was es bedeutet, dies bewusst zu tun. Ich weiß nicht, wo dies alles am Ende hinführen wird, aber ich bin mir sicher, dass die Stabilität der neuen Struktur vollständig von der Ebene der Integrität und Authentizität derjenigen abhängt, die sie erschaffen. Wilber: Ja. Wenn wir darüber sprechen, was die Entstehung einer neuen Struktur bedeutet, müssen wir sprachlich behutsam vorgehen. Der Begriff „Struktur“ kann sich auf sehr vieles beziehen; allgemein bedeutet er ein stabiles Muster. Ich verwende das Wort oft im Zusammenhang mit Strukturen des Bewusstseins, wie die Memes von Spiral Dynamics oder die Stufen von Jane Loevinger oder Bob Kegans Ordnungen des Bewusstseins oder die Stufen von Jean Piaget oder ein anderes dieser Entwicklungssysteme. Da sie alle die Tendenz haben, sich stufenweise zu entfalten, nennen wir sie „Strukturstufen“ oder einfach nur Stufen. Zustände hingegen entfalten sich nicht notwendigerweise in Stufen – es sei denn, man trainiert sie, und dann handelt es sich um „Zustandsstufen“. Es geht hier also auch um Begrifflichkeiten, doch wenn ein Zustand sich stabilisiert, kann man von einem Muster oder einer Struktur sprechen. Was dabei geschieht, ereignet sich, so weit ich das sagen kann, offensichtlich in den verschiedenen Quadranten. Ich denke, dass das Stufenphänomen eines der faszinierendsten Dinge dabei ist. Es scheint sich dabei um sehr ausgeprägte Plateaumuster zu handeln. Man darf dabei nicht vergessen, dass man es sowohl mit einer Bewusstseinsstufe als auch mit einem Bewusstseinszustand zu tun hat, und dass es zwischen den beiden verschiedenartige Beziehungen gibt. Wie wir schon oft gesagt haben, interpretiert man den Zustand, in dem man sich befindet durch die Stufe, auf der man sich befindet. Ich finde es sehr bedeutsam, dass, wenn man wirklich Zugang zu diesem Plateau der Nondualität hat, man dann von diesem Zustand aus all das überblickt, was man an Zuständen und Stufen bei sich vorfindet. Das gilt es dabei im Auge zu behalten, denn viele Menschen vergessen es und sagen „Ich muss türkis sein“ oder „Ich muss indigo sein“ oder ultraviolett oder bernsteinfarben oder orange. Das mag schon so sein, aber man befindet sich immer auch in einem Zustand. Cohen: Natürlich. Wilber: Nehmen wir ein Beispiel. Jemand möchte sich ernsthaft mit deiner Arbeit auseinander setzen, und dieser Mensch befindet sich auf der orangen Entwicklungsstufe. Intention, Hingabe und Liebe sind vorhanden, und der Mensch ist bereit sich zu entwickeln. Er kommt also in die Gemeinschaft und trifft auf dieses Plateau der Nondualität. Das halte ich theoretisch für möglich, weil man diese Art von Zustandserfahrungen auf jeder der Bewusstseinsebenen machen kann. Auch wenn man sich auf der orangen Ebene befindet, kann man sein eigenes Leben aus einem nondualen Zustand heraus betrachten. Wenn man immer wieder in diesen Plateauzustand eintritt, dann wird das die eigene Entwicklung erheblich beschleunigen, von Orange zu Grün, zu Aquamarin, zu Türkis, zu Indigo und so weiter – egal, auf welcher Strukturstufe man sich befindet. Ich denke, dass dies ein Teil davon ist, was geschieht. Es geschehen dabei auch noch andere Dinge, die auch mit den Bewusstseinsstufen zu tun haben, doch ich denke, dass dieser Plateauzustand der konkrete Bewusstseinsraum ist, aus dem heraus man auf sein eigenes persönliches Leben schaut. Cohen: Das stimmt – die Zustandserfahrungen sind ein wichtiger Teil von dem, was geschieht. Ein Zustand ist etwas, in den man leicht hineingerissen werden kann, wie in einen Wirbelsturm. Das Ungewöhnliche an meiner Arbeit ist jedoch, dass ich versuche, auf der tiefstmöglichen Ebene das Selbst – wer oder was das auch letztendlich ist – dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen für die höhere Perspektive, die in den Zustandserfahrungen sichtbar wurde. Ich versuche, mit anderen Worten, das Individuum dahin zu bringen, sich vorrangig mit der Perspektive des Authentischen Selbst zu identifizieren. Wenn ich eine genügend große Anzahl von Menschen dahin bringen kann, das zu tun, dann ist das, was dort erreicht wird, zweifelsohne ein Zustand, aber es ist auch noch etwas anderes, und zwar der evolutionäre Impuls. Wenn dieser Impuls von mehreren gleichzeitig aufrecht erhalten werden kann, nicht nur als eine Zustandserfahrung, sondern als eine grundlegende Selbst-Erfahrung, dann ist das der Beginn der Emergenz von etwas, das sich zumindest wie eine stabile Struktur anfühlt. Damit das geschehen kann, ist, wie ich schon sagte, ein außergewöhnliches Maß an Integrität erforderlich. Das bedeutet, dass der oder die Betreffende wirklich spirituell erwachen will und Ernst machen will in der Beziehung zum Leben. Und das bezieht sich nicht nur auf dieses bestimmte Leben, es ist wie ein Neuanfang in Bezug zur Ewigkeit! Dieser Mensch sagt letztendlich: „Okay, ich höre auf, mit dem Leben zu spielen. Ich höre auf, so zu tun als ob. Ich mache jetzt ernst, was auch immer es von mir verlangen wird. Das IST es, für immer, und ich tue, was immer auch erforderlich sein wird, um mich zu entwickeln.“
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