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Ein lebendiges Experiment: Bewusster EvolutionDer Guru & der Pandit: Dialog XIV |
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Einführung von Andrew Cohen Dies war ein zentrales Thema der Gespräche dieser Reihe seit ihrem Beginn vor fast fünf Jahren. Für mich hat der Unterschied zwischen Zuständen und Stufen eine große Bedeutung, weil ich mein Leben dem Hervorbringen einer höheren Entwicklungsstufe widme – in der konkreten Arbeit mit meinen Schülern. Hin und wieder habe ich auf den Seiten dieses Magazins über die Entwicklung meines eigenen Verständnisses durch die Arbeit mit meinen Schülern gesprochen. Dies begann mit einem Gespräch mit Ken kurz nach dem 30. Juli 2001, dem Datum, das ich als „die Geburt der Evolutionären Erleuchtung“ bezeichne. Seit dieser ersten bedeutenden Emergenz hat sich dieses Potenzial durch eine Reihe kraftvoller Ausbrüche kollektiver Erleuchtung bzw. eines nondualen Bewusstseins in verschiedenen Gruppen meiner Schüler gezeigt. Ein tieferer oder höherer Bewusstseinszustand, der das Ego transzendiert, erfasst dabei auf eine geheimnisvolle Weise viele Menschen gleichzeitig, sodass plötzlich die Grundlage der Beziehungen miteinander, das intersubjektive Bewusstsein, selbst erleuchtet wird.
Was diese Menschen gemeinsam erfahren haben, und was ich in früheren Dialogen beschrieben habe, war eine ekstatische und zutiefst gemeinsame Zustandserfahrung, in der viele für immer längere Zeitabschnitte das erlebten, was ich als das Authentische Selbst bezeichne. Im November 2005 konnte dieser Zustand über Wochen aufrecht erhalten werden, und verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter meinen internationalen Schülern, bei kleinen und größeren Treffen, und sogar während einer weltweiten Telefonkonferenz mit etwa hundert Frauen und Männern. Seit dieser Zeit konzentriert sich meine Aufmerksamkeit auf die Stabilisierung dieses Ausbruchs eines höheren Bewusstseins. Wenn genügend Menschen die Perspektive, die sie in den höheren Zuständen finden, aufrecht erhalten können, bin ich davon überzeugt, dass dies als Grundlage für eine höhere Entwicklungsstufe dienen kann. Im folgenden Dialog besprechen Ken und ich diese Ereignisse und versuchen sie zu verstehen. Ken Wilber: Geht die Arbeit mit deinen Schülern voran? Hat sich die vor kurzem stattgefundene Veränderung, von der du mir erzählt hast, stabilisiert? Andrew Cohen: Ja, eindeutig. Es geschehen sehr aufregende Dinge. Die Hauptsache dabei ist natürlich die Vertiefung des persönlichen Engagements, das all dies erst möglich macht. Wilber: Machst du immer noch Telefonkonferenzen? Cohen: Ja. Meine Schüler leben überall auf der Welt, und wir arbeiten viel mit Telefonkonferenzen. Es wird in letzter Zeit immer deutlicher, welch überraschend wirkungsvolles Instrument diese Konferenzen für die Emergenz eines egolosen Bewusstseins jenseits des Individuums sein können. Wilber: Das ist großartig. Ich denke, das ist wirklich aufregend, und ich weiß, dass es auch authentisch ist. Cohen: Ich denke, dass sich die Ergebnisse dieses Experimentes mit der Zeit so weit stabilisieren werden, dass etwas entstehen kann, von dem ich glaube, dass der Nutzen weit über diejenigen hinausreicht, die sich jetzt unmittelbar damit beschäftigen. Wilber: Wie stellst du dir das vor? Was kannst du der Welt dann geben? Cohen: Worin die Menschen zusammen kommen ist, wie ich es nenne, das Authentische Selbst, über das wir schon oft gesprochen haben. Es ist der evolutionäre Impuls, der auf der Ebene des Bewusstseins als ein ekstatischer, über das Ego hinausgehender Drang erfahren wird, der auf die Zukunft ausgerichtet ist. Meine Schüler hatten, wie du weißt, diese Erfahrung eines kraftvollen spontanen Ausbruchs schon vorher erlebt, und was ich jetzt aufzubauen versuche, ist eine stabile Struktur, die in der Lage ist, dies zu halten, und die gleichzeitig weitere Entwicklung fördert. Ich bin mir immer noch nicht sicher, wo das auf der Landkarte einzuordnen ist, aber wir tun alles, was uns möglich ist, damit dies nicht nur eine Zustandserfahrung bleibt. Kürzlich sind größere Gruppen meiner Schüler gemeinsam in einen erleuchteten Bewusstseinszustand eingetreten, ohne dabei irgendeine Technik anzuwenden. Was aber am aufregendsten dabei ist: Sie beginnen zu erkennen, dass dies nur ein Zustand ist, und nicht notwendigerweise eine höhere Stufe, und sind daher bemüht, diese Erfahrung kognitiv zu verstehen und zu analysieren, während sie zusammen in diesem Zustand sind. Dabei geht es darum, sich nicht in der Ekstase und Leichtigkeit des Seins zu verlieren. Es geschieht nur allzu oft, dass Menschen, die transzendente Bewusstseinszustände erfahren, fälschlicherweise annehmen „Oh, jetzt bin ich erleuchtet“, und dabei merkwürdigerweise vergessen, dass es meistens nicht ganz so einfach ist. Wilber: Da hast du recht (lacht). Wie groß sind die Gruppen, mit denen du diese Arbeit machst? Cohen: Wir kommen in Gruppen unterschiedlicher Größe zusammen, für die wir uns den Begriff „Holon“ ausgeliehen haben, weil jede Gruppe ein Ganzes ist, welches Teil eines größeren Ganzen ist. Was ich gerade beschrieben habe, hat in einem „Superholon“ stattgefunden, einer größeren Gruppe von zwanzig, dreißig, vierzig oder mehr Menschen. Dabei emergiert ein höherer Geist, und im Miteinander ist der Einzelne in der Lage, die eigenen Erfahrungen zu betrachten, sodass der gemeinsam erlebte Zustand zu einem Objekt der individuellen und kollektiven Bewusstheit wird. So weit ich weiß beschäftigen sich nur sehr wenige, inspirierte Menschen mit dieser Art von Kontemplation innerhalb der Grenzen ihrer eigenen persönlichen Praxis, und ich habe noch nie davon gehört, dass eine Gemeinschaft zusammen in einen höheren Bewusstseinszustand eintritt und sich dann bemüht, die eigenen Erfahrungen zu analysieren. Wilber: Ja, das hört sich ziemlich einzigartig an. Cohen: Wenn sich das weiter verstärkt, dann werden die nonlokalen Auswirkungen zunehmen. Einige meiner erfahrenen Schüler, die selber lehren, haben wiederholt von der Erfahrung berichtet, dass sie wissen, wenn sie allein in einer fremden Stadt ein Seminar oder eine Gruppe leiten, während sich gleichzeitig ein Superholon irgendwo auf diese außergewöhnliche Weise trifft, dass die Veranstaltung, die sie leiten, beinahe automatisch sehr kraftvoll sein wird. Ohne diese Art von nonlokaler Unterstützung müssen sie sich jedoch sehr anstrengen, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Wenn sich diese Art von Bewusstheit mehr und mehr stabilisiert, erfahren meine Schüler eine Freude und ein Selbstvertrauen, die sie bisher nicht kannten. Dies unterstützt wiederum ein noch größeres Engagement, das natürlich die Grundlage des Ganzen ist. Es ist die Intention und die Selbstverpflichtung aller Beteiligten, die den Zug erst in Bewegung bringt, und das interessiert mich mehr als die spezielle Erfahrung eines Einzelnen. Du würdest es vielleicht so beschreiben, dass das, was jedes einzelne Individuum transzendiert und umfasst und was über jeden hinausreicht, das Ganze bewegt. Und das führt uns zu einer ganz anderen Art von spiritueller Physik. So würde ich das zusammenfassen. Wilber: Ich bin Theoretiker, und bin wahrscheinlich auch deshalb äußerst auf der Hut, wenn es darum geht, die Wirklichkeit nicht mit Theorien über sie zu verwechseln und dabei zu vermeiden, die Wirklichkeit an Theorien „anzupassen“! Cohen: Ich mag beides – Theorien und Wirklichkeit! (lacht). Das verbindet uns als Freunde. Wilber: Von einem theoretischen Gesichtspunkt aus gesehen wollte ich damit sagen, dass sich das, was du erzählst, für mich wie die Schaffung eines soliden Zustandsplateaus oder einer Plateauerfahrung anhört. Das bedeutet, dass wir es mit einem Zustand zu tun haben, der sich immer weiter ausdehnen kann und zu dem man mehr oder weniger ständig Zugang hat, und dass einige diesen Zustand permanent erfahren. Es ist eine Art von Bewusstheit, und wenngleich einige der daran beteiligten Energien auch kommen und gehen, hat sich das Bewusstsein selbst als ein Plateau stabilisiert und ist keine Gipfelerfahrung mehr. Cohen: Richtig. Wilber: Die Fragen, die sich dann jedoch stellen, sind erstens: Wie wird das als eine Manifestation gesehen, interpretiert und gelebt, und zweitens: Auf welcher Entwicklungsstufe muss man sich befinden, damit diese Plateauerfahrung sich auch wirklich stabilisiert und nicht nur ein hysterisches Phänomen bleibt? Cohen: Genau daran arbeite ich. Wilber: Diese Nonlokalität, die du beschreibst, ist wirklich etwas Eigenartiges, doch so funktionieren morphogenetische Felder*. Du hast sicher auch von Berichten gehört, in denen ein Labor Jahre von Forschungsarbeit darauf verwendet hat, ein bestimmtes komplexes Molekül herzustellen. Nachdem dies gelungen war, konnte plötzlich das gleiche Molekül innerhalb kurzer Zeit in einem Dutzend anderer voneinander unabhängiger Labors synthetisiert werden. Es sieht so aus, als ob, sobald jemand einem neuen Potenzial zum Durchbruch verholfen hat, die Verwirklichung dieses Potenzials wahrscheinlicher geworden ist und mit jeder neuen Verwirklichung immer wahrscheinlicher wird, und das geschieht nonlokal. Das scheint für praktisch alles zu gelten. Ich denke daher, dass du – mindestens – einen Plateauzustand mit einem eigenen stabilen Muster geschaffen hast, zu dem der Zugang immer leichter wird. Und dann geschieht es, wie du sagst, dass praktisch jeder, mit welchen Voraussetzungen auch immer, Zugang zu diesem Feld hat. Das ist es, woran du arbeitest: Wie kann dies immer stabiler werden – nicht nur für ein Individuum, sondern für so etwas wie ein Superholon. * Die Vorstellung morphogenetischer Felder wurde von dem Biologen Rupert Sheldrake entwickelt, es sind Muster subtiler Energien von Gewohnheiten oder Erinnerungen, welche die Struktur und Entwicklung aller Phänomene steuern – physisch, biologisch, mental, sozial und spirituell. EINE TIEFERE STRUKTUR
Cohen: Ich denke, ein entscheidendes Element dabei ist das Individuum und seine oder ihre grundlegende Integrität und moralische Entwicklung. Wenn die Individuen, aus denen das Superholon besteht, in Übereinstimmung mit ihren eigenen höchsten und tiefsten philosophischen Prinzipien leben und sich in das Leben mit einem hohen Maß an moralischer Integrität, Ehrlichkeit und Authentizität in einem Kontext von Entwicklung einbringen, dann entsteht zwischen ihnen eine neue intersubjektive Struktur. Es ist eine tiefere Struktur innerhalb des Bewusstseins, die etwas ganz Neues möglich macht. Wenn das geschieht, dann scheint sich plötzlich auf individueller und kollektiver Ebene alles auf eine wunderbare Weise zu fügen. Alles ergibt Sinn und Bedeutung – wer man ist und warum man hier ist, einschließlich eines jeden Aspektes der eigenen persönlichen Entwicklung, die einen zu dieser Gegenwart hingeführt hat, und die ekstatisch in eine unbekannte Zukunft weist. Was ich hier beschreibe, hat bereits innerhalb der Kerngruppe meiner Schüler begonnen aufzutreten. Das war natürlich nicht immer beständig – Wilber: Doch eines Tages wird es so sein. Cohen: Ja. Wie wir schon gesagt haben, existieren diese Strukturen nicht vorgegeben im Äther; sie werden von realen Menschen erschaffen. Ich habe das Gefühl, dass ein großer Teil meiner Arbeit damit zu tun hat herauszufinden, was es bedeutet, dies bewusst zu tun. Ich weiß nicht, wo dies alles am Ende hinführen wird, aber ich bin mir sicher, dass die Stabilität der neuen Struktur vollständig von der Ebene der Integrität und Authentizität derjenigen abhängt, die sie erschaffen. Wilber: Ja. Wenn wir darüber sprechen, was die Entstehung einer neuen Struktur bedeutet, müssen wir sprachlich behutsam vorgehen. Der Begriff „Struktur“ kann sich auf sehr vieles beziehen; allgemein bedeutet er ein stabiles Muster. Ich verwende das Wort oft im Zusammenhang mit Strukturen des Bewusstseins, wie die Memes von Spiral Dynamics oder die Stufen von Jane Loevinger oder Bob Kegans Ordnungen des Bewusstseins oder die Stufen von Jean Piaget oder ein anderes dieser Entwicklungssysteme. Da sie alle die Tendenz haben, sich stufenweise zu entfalten, nennen wir sie „Strukturstufen“ oder einfach nur Stufen. Zustände hingegen entfalten sich nicht notwendigerweise in Stufen – es sei denn, man trainiert sie, und dann handelt es sich um „Zustandsstufen“. Es geht hier also auch um Begrifflichkeiten, doch wenn ein Zustand sich stabilisiert, kann man von einem Muster oder einer Struktur sprechen. Was dabei geschieht, ereignet sich, so weit ich das sagen kann, offensichtlich in den verschiedenen Quadranten. Ich denke, dass das Stufenphänomen eines der faszinierendsten Dinge dabei ist. Es scheint sich dabei um sehr ausgeprägte Plateaumuster zu handeln. Man darf dabei nicht vergessen, dass man es sowohl mit einer Bewusstseinsstufe als auch mit einem Bewusstseinszustand zu tun hat, und dass es zwischen den beiden verschiedenartige Beziehungen gibt. Wie wir schon oft gesagt haben, interpretiert man den Zustand, in dem man sich befindet durch die Stufe, auf der man sich befindet. Ich finde es sehr bedeutsam, dass, wenn man wirklich Zugang zu diesem Plateau der Nondualität hat, man dann von diesem Zustand aus all das überblickt, was man an Zuständen und Stufen bei sich vorfindet. Das gilt es dabei im Auge zu behalten, denn viele Menschen vergessen es und sagen „Ich muss türkis sein“ oder „Ich muss indigo sein“ oder ultraviolett oder bernsteinfarben oder orange. Das mag schon so sein, aber man befindet sich immer auch in einem Zustand. Cohen: Natürlich. Wilber: Nehmen wir ein Beispiel. Jemand möchte sich ernsthaft mit deiner Arbeit auseinander setzen, und dieser Mensch befindet sich auf der orangen Entwicklungsstufe. Intention, Hingabe und Liebe sind vorhanden, und der Mensch ist bereit sich zu entwickeln. Er kommt also in die Gemeinschaft und trifft auf dieses Plateau der Nondualität. Das halte ich theoretisch für möglich, weil man diese Art von Zustandserfahrungen auf jeder der Bewusstseinsebenen machen kann. Auch wenn man sich auf der orangen Ebene befindet, kann man sein eigenes Leben aus einem nondualen Zustand heraus betrachten. Wenn man immer wieder in diesen Plateauzustand eintritt, dann wird das die eigene Entwicklung erheblich beschleunigen, von Orange zu Grün, zu Aquamarin, zu Türkis, zu Indigo und so weiter – egal, auf welcher Strukturstufe man sich befindet. Ich denke, dass dies ein Teil davon ist, was geschieht. Es geschehen dabei auch noch andere Dinge, die auch mit den Bewusstseinsstufen zu tun haben, doch ich denke, dass dieser Plateauzustand der konkrete Bewusstseinsraum ist, aus dem heraus man auf sein eigenes persönliches Leben schaut. Cohen: Das stimmt – die Zustandserfahrungen sind ein wichtiger Teil von dem, was geschieht. Ein Zustand ist etwas, in den man leicht hineingerissen werden kann, wie in einen Wirbelsturm. Das Ungewöhnliche an meiner Arbeit ist jedoch, dass ich versuche, auf der tiefstmöglichen Ebene das Selbst – wer oder was das auch letztendlich ist – dazu zu bringen, Verantwortung zu übernehmen für die höhere Perspektive, die in den Zustandserfahrungen sichtbar wurde. Ich versuche, mit anderen Worten, das Individuum dahin zu bringen, sich vorrangig mit der Perspektive des Authentischen Selbst zu identifizieren. Wenn ich eine genügend große Anzahl von Menschen dahin bringen kann, das zu tun, dann ist das, was dort erreicht wird, zweifelsohne ein Zustand, aber es ist auch noch etwas anderes, und zwar der evolutionäre Impuls. Wenn dieser Impuls von mehreren gleichzeitig aufrecht erhalten werden kann, nicht nur als eine Zustandserfahrung, sondern als eine grundlegende Selbst-Erfahrung, dann ist das der Beginn der Emergenz von etwas, das sich zumindest wie eine stabile Struktur anfühlt. Damit das geschehen kann, ist, wie ich schon sagte, ein außergewöhnliches Maß an Integrität erforderlich. Das bedeutet, dass der oder die Betreffende wirklich spirituell erwachen will und Ernst machen will in der Beziehung zum Leben. Und das bezieht sich nicht nur auf dieses bestimmte Leben, es ist wie ein Neuanfang in Bezug zur Ewigkeit! Dieser Mensch sagt letztendlich: „Okay, ich höre auf, mit dem Leben zu spielen. Ich höre auf, so zu tun als ob. Ich mache jetzt ernst, was auch immer es von mir verlangen wird. Das IST es, für immer, und ich tue, was immer auch erforderlich sein wird, um mich zu entwickeln.“ DAS SELBSTSYSTEM Wilber: Lass mich an dieser Stelle einen weiteren Teil der AQAL-Theorie [alle Quadranten, alle Ebenen] einbringen, den wir dabei nicht übersehen dürfen. Ich habe immer von mindestens fünf AQAL-Elementen gesprochen: Quadraten, Ebenen oder Stufen, Linien, Zuständen und Typen. Doch es gibt noch ein sechstes Element, welches, wenn es um Entwicklungspsychologie geht, das Wichtigste ist. Es ist das, was wir mit dem Selbst bezeichnen. In Begriffen einer ersten Person nennen wir es das Selbst, und in Begriffen einer dritten Person, mit denen wir es objektiv analysieren, nennen wir es das „Selbstsystem“. Das Selbst hat verschiedene Charakteristiken. Es ist der Sitz und Ort von Wille, Intention und Integrität, und es ist verantwortlich für die Integration der jeweils vorhandenen Quadranten, Ebenen, Linien, Zustände und Typen. Das Selbst hat seine eigene Struktur, sein eigenes Muster, seine eigenen Charakteristiken. Es ist die Quelle der Identität. Es ist die Quelle des Willens. Es ist die Quelle von Abwehr in einem gesunden Sinn, entsprechend einem Immunsystem. Es ist die Quelle von dem, was wir mit Navigation bezeichnen – wie man durch all das, was einem im Strom des Lebens begegnet, hindurch navigiert. Vor diesem Hintergrund denke ich, dass du über eine Umkehr sprichst, in Bezug auf genau dieses Selbst, seine Struktur, seine Muster und seine Fähigkeit zur Integrität. Cohen: Ja, genau.
Wilber: Für mich sieht das, was du beschreibst, so aus, dass es da diesen nondualen Plateauzustand gibt, dazu die Umkehr im Selbst hin zu einer Entwicklungsorientierung. Dies würde ich dann auch in Verbindung mit dem Superholon sehen, und all das im Kontext von AQAL betrachten. So etwa würde ich beschreiben, was sich in deiner Arbeit zeigt. Cohen: Das hört sich wie eine ziemlich gute Erklärung an! Wilber: Dabei handelt es sich nicht notwendigerweise um eine spezielle Stufe – doch es kann für das Selbst erforderlich sein, eine bestimmte Entwicklungsstufe zu erreichen, bevor es das tun kann, was du beschreibst. Cohen: Das stimmt. Es geht um eine Haltung in Beziehung zur Entwicklung insgesamt, und ich würde sagen, dass das Selbst – in den Begriffen von Spiral Dynamics – eine kognitive Ebene von Second Tier erreicht haben müsste – Wilber: Ja. Das wäre der Ausgangspunkt: die türkise Stufe in meinem Modell. Doch im Second Tier zu sein wäre immer noch nicht ausreichend, um das zu tun, was du machst – diese Umkehr in der Struktur des Selbst zu erreichen, die Neuorientierung des Selbst. Cohen: Das ist ganz sicher so! Ich habe in den zwanzig Jahren meiner Arbeit herausgefunden, dass es für Menschen sehr viel einfacher ist, horizontale Zustandserfahrungen zu haben und den Unterschied zu den vertikalen Stufen kognitiv zu verstehen, als diese tiefe Ebene von Integrität im Selbst zu erreichen. Im Hinblick auf die größere Struktur, von der ich gesprochen habe, ist es – denke ich – diese Art von Integrität, welche letztendlich mehr als alles andere die Entwicklung vorantreibt. Wenn Individuen mit diesem Maß von dem, was wir mit „Seelenintegrität“ bezeichnen könnten, leben, und dabei die evolutionäre Leidenschaft und die Perspektive des Authentischen Selbst aufrecht erhalten, dann beginnt etwas Außerordentliches zu geschehen, was alle daran Beteiligten durchdringt. Es ist, als ob das unmanifestierte Potenzial der nahen Zukunft im Bewusstsein auftaucht, auf eine drastisch immanente Weise, und für kurze Augenblicke scheint es sich sogar zu manifestieren. Wie du in einem unserer früheren Dialoge sagtest, ist das Authentische Selbst ein Zustand, der auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen erfahren werden kann, doch wenn die Entwicklung der Selbst-Linie die äußerste Spitze erreicht, die „Leading Edge“, also die indigofarbene oder violette Stufe in deinem Modell, dann werden dort auch Formen oder Sedimente dieser Leading Edge zu einer neuen Stufe. VORAUSSETZUNGEN DES AUTHENTISCHEN SELBST Wilber: Was, glaubst du, ist der wichtigste Faktor in der Aktivierung des Authentischen Selbst in einem Individuum oder im Superholon? Cohen:Für diejenigen, die bereits im Zug mitfahren, hat die Reise schon begonnen! Alles, was man dazu benötigt, ist zusammenzukommen in einem Kontext von Intention, Vertrauen und Ernsthaftigkeit, und dann erscheint es spontan. Es ist erstaunlich, wie das geschieht. Doch die Tiefe und Stabilität dieser Emergenz hängen, wie wir schon sagten, von der Ebene der Integrität, Authentizität und Transparenz eines jeden Einzelnen in der Gemeinschaft ab. In diesem Zusammenhang wird sehr viel von einer, wie ich sie nenne, „evolutionären Spannung“ erzeugt, die es notwendig macht, dass das Ego beiseite tritt. Wenn das geschieht, fallen Täuschung und Inauthentizität Schicht für Schicht vom Selbst ab, und das intersubjektive Feld wird als der nonduale Grund erfahren, in dem Himmel und Erde, Selbst und Anderer sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Wilber: Ja, und je tiefer die Authentizität der Beteiligten ist, desto größer ist offenbar die Wahrscheinlichkeit, dass dieser nonduale Plateauzustand im Superholon aktiviert wird. Cohen: Das stimmt. Dann wird das Superholon buchstäblich zu dem Feld, in dem und durch das dieser unpersönliche, kraftvolle Strom sich manifestiert. Und wenn dies geschieht, dann tritt das Ego entweder in den Hintergrund oder es verschwindet zeitweilig vollständig. Die üblichen Grenzen des falschen Selbst lösen sich in einer Erfahrung tief greifender Kommunion auf, und auf eine wunderbare Weise kommt eine neue Art von Autonomie, die eine Eigenschaft unserer eigenen höheren Entwicklung ist, zum Vorschein. Die Leute haben dabei die unglaublichsten Erfahrungen – doch sogar das ist nicht das, worum es geht. Ich fühle ganz konkret, wie alles das eine Grundlage bildet für das, was daraus entstehen kann. Was es auch immer ist, was ich beschreibe, es ist definitiv nicht etwas für diejenigen, die daran beteiligt sind. Es ist nicht für ihre eigene Entwicklung, auch wenn das auch geschieht. Es geht um etwas Größeres. Alles, was ich weiß, ist, dass sich „etwas sehr viel Größeres“ nicht ereignen kann, bevor sich die Strukturen dafür stabilisiert haben. Wilber: Es muss sehr aufregend für dich sein, mitzuerleben, wie das stabiler wird. Cohen: Ich erlebe zum ersten Mal seit vielen Jahren, dass eine bedeutende Anzahl meiner Schüler dies wirklich zu verstehen und zu leben beginnt. Auch wenn sie vorher schon alle möglichen Arten von Erfahrungen hatten, scheint dies das erste Mal zu sein, dass sie auf einer tieferen Ebene etwas begreifen, was ich in meiner Intuition schon seit langer Zeit gesehen habe. Wilber: Das ermöglicht ihnen, alle ihre früheren Erfahrungen und ihre damit verbundenen Einsichten neu zu formulieren, neu zu erfahren, sodass diese beinahe rückwirkend stabilisiert werden. Cohen: Ja, rückwirkend, so ist es. Ich habe herausgefunden, dass die Erfahrung des Authentischen Selbst immer einen Einfluss auf die Entwicklung hat. Damit sich dieser Einfluss jedoch zeigen kann, muss das Individuum auf seine Identifikation mit dem Ego auf drastische Weise verzichten – damit Selbstvertrauen, Reife, seelische Stärke, spirituelle Kraft und Erleuchtung hervortreten können. Diese Wirkungen auf die Seele oder das Selbst sind immer vorhanden, aber so lange das Individuum nicht bereit ist, das Ego fallen zu lassen, sieht es so aus, als wären sie nicht vorhanden. Wilber: Du hast gesagt, dass jemand sich auf der Ebene von Second Tier befinden müsste, um das Authentische Selbst voll und angemessen zum Ausdruck bringen zu können. Was, meinst du, sind die Vorboten des Authentischen Selbst, die ersten Anzeichen, die sich schon in der Kindheit zeigen, sich beim Erwachsenwerden verstärken und auf der Ebene von Second Tier voll zum Erblühen kommen? Das finde ich spannend. Der Entwicklungspsychologe in mir fragt sich dabei, um welche Entwicklungslinie es sich handelt. Verstehst du, was ich meine? Ich denke, dass es sich dabei um die Seele handelt. Die Seele beginnt, sich in der frühen Kindheit zu zeigen, und entfaltet sich dann im Laufe der Zeit. Jeder hat die Fähigkeit und den Zugang zur Seele, doch die Seele an sich ist nicht etwas, das sich entwickelt. Sie wird erfüllter, freier, weiter – das kann ein Teil davon sein. Doch ich frage mich, was du über mögliche Vorboten des Authentischen Selbst denkst. Hast du über diesen Aspekt schon einmal nachgedacht? Es ist ein interessanter Gedanke. Cohen: Ich habe mir auf diese Weise darüber keine Gedanken gemacht. In meinem Modell sind die Seele und das Authentische Selbst nicht immer notwendigerweise dasselbe, doch es gibt definitiv eine Beziehung zwischen ihnen. Wilber: Lass es mich so formulieren: Eine Voraussetzung, damit das Authentische Selbst hervortreten kann, ist mindestens Second Tier oder türkise Kognition. Doch es gibt noch weitere Komponenten des Selbst, und weitere Voraussetzungen. Eine davon, die ganz offensichtlich neben der kognitiven Entwicklung von Bedeutung ist, ist die Fähigkeit zur Integrität. Cohen: Ja, definitiv. Wilber:Man kann auch auf den früheren Entwicklungsebenen Integrität haben, die jeweils diesen Ebenen angemessen ist. Man kann auf der orangen oder bernsteinfarbenen oder auf noch früheren Ebenen Integrität ausdrücken. Hat man also bereits bei der Entwicklung in der Kindheit Voraussetzungen geschaffen, die dem Selbst dabei helfen können integral zu werden, dann wird beim Erreichen von Second Tier die Wahrscheinlichkeit größer, dass es als das Authentische Selbst erwacht. Verstehst du, was ich meine? Cohen: Ja, das macht wirklich Sinn. Wilber: Darum geht es mir. Wir können Menschen dabei helfen, sich schon auf den früheren Entwicklungsstufen entsprechend vorzubereiten und die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen. Cohen: Und natürlich ist eines der Hindernisse für diese Art von Integrität, über die wir sprechen, die Tatsache, dass wir öfter als wir glauben ziemlich verwirrt sind! Wilber: So ist es. Cohen: Es gibt alle möglichen Schattenthemen, mit denen man sich nicht beschäftigt und auch nicht beschäftigen möchte, aus welchen Gründen auch immer, doch das führt dazu, dass man nicht in der Lage ist oder sich weigert, die Art von Integrität zu kultivieren, über die wir gerade gesprochen haben. Wilber: Ja, das geschieht oft, und es führt zum Entwicklungsstillstand. Diese Art von Abspaltung verhindert, dass das Authentische Selbst auf der Ebene von Second Tier emergiert. Hat jedoch der oder die Betreffende ausreichend Integrität und mentale Gesundheit, dann wird ein Durchbruch zum Second Tier unter den richtigen Umständen sehr viel wahrscheinlicher. Cohen: Richtig! Aus diesem Grund betone ich so sehr die Kultivierung von Integrität in meiner Lehre und konfrontiere meine Schüler mit moralischen oder ethischen Herausforderungen. Wilber: Ich finde es wichtig über diese Voraussetzungen nachzudenken, das Thema Bildung und Erziehung tritt dabei in den Vordergrund – eine Erziehung zum Authentischen Selbst! Was sind die gesunden Voraussetzungen, die gewährleisten, dass sozusagen die evolutionäre Rutschbahn ins Authentische Selbst geglättet wird? Cohen: Das ist zweifelsohne absolut notwendig. Ich bin davon überzeugt, dass wir, um die Zukunft zu erschaffen, lernen müssen, wie wir jenseits des Egos in einem Entwicklungskontext zusammenkommen können. Und ich glaube, dass das Erwachen des Authentischen Selbst das Ausdrucksmittel ist, das uns dies ermöglicht. Das, was du über Bildung und Erziehung sagst, finde ich dabei sehr hilfreich. Das macht Sinn. Wilber: Ich finde es sehr ermutigend, dass diese verschiedenen Faktoren nun zusammenkommen: eine Plateauerfahrung eines Zustandes; ein Superholon, welches allmählich Gestalt annimmt; eine bedeutende Anzahl von Individuen, die das verstehen und sich dorthin entwickeln. Menschen, die sich ihrer Verantwortlichkeit bewusst werden und mehr und mehr mit dem Authentischen Selbst in Resonanz treten – all das ist eine evolutionäre Entfaltung. Man kann von diesem nondualen Plateau aus sowohl sein Leben und den Lebensweg als auch die eigenen Strukturen und Zustände überblickend betrachten und einschätzen. Diese Verbindung macht eine Art von nondualem Verstehen möglich, welches zu einem Subjekt wird, einem Subjekt gegenüber all diesen anderen Dingen, die zu Objekten werden. Das ist wirklich erstaunlich. Cohen: Ich möchte nur, dass es sich stabilisiert und verstärkt – und habe dabei das Gefühl, ständig den Atem anzuhalten. Wilber: Das Gefühl kenne ich. Cohen: Wenn es sich einmal stabilisiert, dann weiß ich nicht, wie das genau aussehen wird, was wir jedoch über den evolutionären Impuls wissen ist, dass er sich immer weiter – und höher – entwickeln will! Wilber: Ja, genau. Stellen wir uns als ein Gedankenexperiment eine Zeit in tausend Jahren vor und nehmen wir an, dass der kulturelle Bewusstseinsschwerpunkt etwa bei Indigo liegt, und darüber gibt es noch Violett und Ultraviolett. Es wird eine neue Form eines Selbst geben, das sich bei Violett manifestiert, und wenn man zu dieser Zeit ein Guru ist, dann wird man sagen: „Das ist das Authentische Selbst!“ Und man schlägt sich mit den Trotteln herum, die sich bei Türkis und Indigo befinden und fragt sich: „Warum sehen diese Dummköpfe nicht die n-dimensionalen String-Interaktionen der dunklen Materie, die – ??“ Das ist das Wunderbare bei dem Verständnis einer evolutionären Erleuchtung – dieser Impuls entfaltet sich immer weiter, und der Gott von heute ist der Teufel von morgen! Cohen: Es ist wichtig, das zu bedenken – dadurch sieht man alles in der angemessenen Perspektive. |