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Mein Sieg über die Dunkelheit


Ein Interview mit Zoltan Torey
von Ross Robertson
 

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Das Letzte, was ich mit völliger Deutlichkeit sah, war ein Lichtstrahl in der Säureflut, die mein Gesicht bedeckte. Ich erinnere mich, dass ich zurückwich und durch Nase und Mund nach Luft schnappte. Meine Augen waren voll von dem Zeug und ich hustete und spuckte. In einem einzigen Augenblick zerstörte die Säure die Bindehaut, die dünne Schicht, welche die Kornea schützt, und fraß sich dann rasch in beide Augen hinein. Von da an hatte ich nie wieder, auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde, das, was man klare Sicht nennt; es gab nur noch einen Blick wie durch raues, zerbrochenes, schmutziges Glas, so als ob nachts ein vorbeifahrender Lastwagen schlammiges Wasser auf die Windschutzscheibe gespritzt hätte und die Scheibenwischer den Dreck nicht bewältigen konnten. Die Unheil bringende Kaskade ergoss sich noch immer über mich und ohne zu wissen, dass ich auch einen Mund voll von der Lösung verschluckt hatte und meine Stimmbänder dadurch zerfressen wurden, taumelte ich herum und bemerkte, wie ein immer dichter werdender Nebel sich über meine Augen zog. In diesem Moment explodierte mein Bewusstsein in die Wahrnehmung einer Katastrophe. An diesem Punkt gab es keine Gedanken, nur Fragmente, Gesichter von Menschen, die mir nahe standen und das schlimme Gefühl, dass dies das Ende sei. Dann umschloss mich der Nebel. Wie einfach das nun klingt und wie schrecklich es war: so von einer unnachgiebigen Kraft immer tiefer in die Dunkelheit gezerrt zu werden. Es war die Zerstörung der visuellen Welt und meines Lebens darin.

—Zoltan Torey


Der Unfall, der Zoltan Toreys Leben für immer verändern sollte, ereignete sich in einer Fabrik in Sydney, Australien, in einer windgepeitschten Winternacht im Jahre 1951. Während er ein 170 Liter Fass voller Batteriesäure über seinem Kopf auf einer Schiene entlang zog, löste sich plötzlich der Absperrhahn und sein Gesicht wurde von ätzendem Feuer überströmt. Mit versagender Sehkraft und unfähig, lauter als in einem Flüstern zu sprechen, ertastete er sich seinen Weg am Boden entlang. Die Sekunden vergingen in surrealer Abfolge. Tick. Tick. Die Treppen hinunter. Keine Zeit für Panik oder Schmerzen.Tick.. Der Vorarbeiter fand ihn und half ihm, in den Umkleideraum zu gelangen, wo sie versuchten seine Augen unter der Dusche auszuwaschen, und danach auch seine Kleider. Es war nutzlos.Tick.. Die Lage wurde kompliziert. Sie fuhren in einem Auto.Tick.. Im Krankenhaus. Alles fiel nach innen, Rufe und Stille, Bruchstücke von Fragen, die er nicht beantworten konnte. "Was für eine Säure war das?"Tick.. Tut etwas, dachte er, und kollabierte in eine Ohnmacht. Er war erst 21 Jahre alt.

Während er verkrampft und fiebernd im Krankenhausbett lag, und sich sein Zustand zusehends verschlechterte und er dem Tod nahe war, dachte Zoltan Torey über seine schwierige Lage nach. Der ungarische Emigrant, der noch vor kaum einem Jahr den dunklen Vorzeichen des Kalten Krieges entkommen war, würde nie wieder sehen können – jedenfalls nicht so wie früher. Seine Ärzte erklärten ihm, dass der visuelle Kortex im Gehirn beim Verlust der Sehkraft nicht einfach abschaltet, sondern oft verrückt spielt und lebhafte Halluzinationen erzeugt, die den gerade Erblindeten bestürmen und desorientieren können. Aus diesem Grund, ermahnten sie ihn, sei es unerlässlich, dass er jede visuelle Symbolik hinter sich lasse und seine mentale Repräsentation der Realität neu aufbaue, indem er Gehör und Berührung nutze. Aber Torey folgte dieser Ermahnung nicht. Ohne jede Führung, ohne Pläne oder Karten, denen er folgen konnte, ging er einfach in die genau entgegengesetzte Richtung. Er entschied, dass er sich darin üben würde, sich die Welt um ihn herum mithilfe seiner nun hyperaktiven visuellen Fantasie einfach vorzustellen. Diese Entscheidung war von schockierender Originalität und voll kreativen Mutes und mit ihr begann seine außergewöhnliche Reise jenseits der Grenzen der Blindheit.

Im Vorwort zu Toreys Autobiografie Out of Darkness schreibt der Neurologe Dr. Oliver Sacks: "Von dem Augenblick an, als sein Verband abgenommen wurde, machte sich Torey mit außergewöhnlicher Willenskraft daran, seine nun erhöhte Imagination zu zähmen und sie zu einem geschmeidigen, verlässlichen Werkzeug für das Leben und das Denken zu formen. Dadurch kompensiert er nicht nur den Verlust der Sehkraft für sich selbst, sondern entwickelt beinahe eine neue Sinneskraft, eine neue Fähigkeit des Verstandes." Diese neue Sinneskraft – im Grunde die Fähigkeit zu sehen, ohne sehen zu können – sollte ihn zu einem Leben befähigen, wie kein anderer Blinder es jemals gelebt hatte. Er macht Sightseeing, schaut Tennisspiele im Fernsehen, schreibt gut durchdachte Prosa auf der Schreibmaschine und klettert sogar zum Erstaunen und zur Bestürzung der Nachbarn alleine auf sein Dach, um die Regenrinnen zu ersetzen. Er erreicht akademische Grade in Psychologie und Philosophie, wird erfolgreich als praktizierender Psychologe, und letztendlich ermöglicht ihm diese Sinneskraft eines der schwierigsten Probleme, das sowohl die Wissenschaft als auch die Philosophie beschäftigt, anzugehen: das Rätsel um die Ursprünge und die Natur des Bewusstseins.

Zoltan Torey sollte sich tatsächlich 25 Jahre lang auf eine gründliche Suche begeben, um herauszufinden, wie der Geist beschaffen ist – eine Mission, die ihn völlig vereinnahmte und schließlich mit seinem 1999 erschienenen Buch The Crucible of Consciousness Früchte trug. In diesem ambitionierten Buch bemüht er sich um die Entmystifizierung des physikalischen Prozesses, durch den das Gehirn selbstreflektierende Gedanken erzeugt. Sein Opus Magnum wurde von Nobelpreisträgern gewürdigt und mit den bahnbrechenden Arbeiten von Darwin und Einstein verglichen. Interessanterweise aber wurde diese bedeutende Arbeit im Feld der materialistischen Wissenschaft durch ein scheinbar nicht-materielles Ereignis inspiriert: einer Vision von buchstäblich kosmischem Ausmaß, die ihm eines Abends während der ersten Wochen im Krankenbett in Sydney widerfuhr. Als er all seine Zweifel und Fragen schonungslos prüfte, begann er, seine Situation im Lichte eines Kontextes zu sehen, der weit über sein eigenes, kleines Leben hinausging. Dies löste eine tiefe Kontemplation aus, in der sich ihm die eigentlichen Strukturen des sich entwickelnden Universums zeigten. Es war eine Offenbarung, die das sichtbar machte, was Torey die "eindeutige Zielgerichtetheit" nennt, die hinter dem evolutionären Prozess steht. Dies weckte in ihm die Leidenschaft, diesen Prozess durch ein besseres Verständnis des menschlichen Bewusstseins zu unterstützen, welches für ihn die weiteste Entwicklung dieses Prozesses war. In seiner Autobiografie beschreibt er, dass es die Kraft dieser Erfahrung war, die ihn von der Schwelle des Todes zurückgeholt hatte.

Torey ist ein nüchterner Wissenschaftler und lehnt es ab, das Ereignis, welches sein Leben so tief greifend veränderte, auf religiöse Weise zu interpretieren. Trotzdem hat es viele Merkmale eines spirituellen Erwachens, nicht zuletzt, weil es ihn mit einer unerschütterlichen Kraft und Zuversicht gesegnet hat, die ihn seither anscheinend nicht mehr verließ. Wie wir es auch immer nennen wollen, es war die Quelle für seine Ausdauer und Entschlossenheit, durch sein einzigartiges Fenster der inneren Sicht die aktive Rolle zu ergründen, die wir alle in der kreativen Entfaltung des Kosmos spielen. "Schicksal ist die eine Seite. Was wir daraus machen, die andere." schreibt dieser ungewöhnliche Blinde, der so tief in die Geheimnisse des Lebens und der Evolution geblickt hat.



Ross Robertson


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