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WIE besucht eines der weltweit erfolgreichsten Experimente gemeinschaftlichen Lebens – die Föderation von Damanhur – und untersucht das komplexe Phänomen der esoterischen Spiritualität, die Geheimnisse von Zeitreisen und was das Utopia der Zukunft mit dem Goldenen Zeitalter der Vergangenheit zu tun hat. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen von einem Ort erzählte, der sich an die Hügel der italienischen Voralpen schmiegt, am Ufer des wilden, dunklen Flusses Torrente Chiusella – einem Ort, wo nicht nur Kinder träumen dürfen und wo die Magie diese Welt noch nicht verlassen hat? Einem Ort, wo Männer und Frauen zusammen in Harmonie mit der Natur und im Einklang mit dem Kosmos leben, arbeiten und bauen, spielen und kochen, den Abend mit dem dröhnenden Klang von Muschelhörnern begrüßen, deren Echo durch bewaldete Täler von Dorf zu Dorf hallt, und sich nachts versammeln und im Mondlicht aus dem historischen Kaleidoskop großer heiliger Traditionen in unterirdischen Hallen und Tempeln vergessene Rituale zu neuem Leben erwecken? Es ist ein von geheimnisvollen Energien durchströmter Ort, an dem die Menschen langsamer zu altern scheinen, und wo schlummernde schöpferische Fähigkeiten in Jungen wie Alten spontan ans Licht treten. Ein Ort, an dem Künstler und Handwerker, Kaufleute und Verwaltungsangestellte, Dichter und Architekten gemeinsam an einer Akademie studieren, die sich der Suche nach esoterischem Wissen und der spirituellen Weiterentwicklung der Menschheit widmet. Man hört dort sogar Geschichten von Quantenphysikern, die die Grenzen von Materie und Energie durchdringen und behaupten, den Informationscode der menschlichen DNA entschlüsselt zu haben; oder von übersinnlichen Praktikern, die sagen, dass sie die Energielinien der Erde bereisen und in der Zeit zurück gehen, um Ereignisse in Gang zu setzen, die dazu bestimmt sein könnten, den Verlauf einer fernen Zukunft zu verändern ... Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen die Geschichte eines Volkes, einer Vision, einer ganzen Gesellschaft erzählte, die kaum nach dieser Welt klingt, sondern eher wie eine von Gene Roddenberrys Ideen für Star Trek anmutet – einer jener unberührten Planeten, idyllisch fernab vom Rest der Galaxie, wo Menschen bunt fließende Gewänder tragen und die Kinder vertrauensvoll auf die Besatzung der Enterprise zulaufen, weil sie nie Veranlassung dazu hatten, Fremden zu misstrauen, und wo die Luft mit einem Duft einladender Schlichtheit und wahrer Würde erfüllt ist, wo sich zugleich aber auch eine vage Vorahnung einer dem Untergang geweihten Unschuld abzeichnet? Würden Sie mir überhaupt glauben, wenn ich Ihnen sagte, dass das kein Science-Fiction-Utopia ist, sondern ebenso real wie die steinernen Bauernhäuser und felsgekrönten Hügel der italienischen Landschaft in ihrer Umgebung, knapp 50 km nördlich von Turin? DIE ERSTE AUTONOME SPIRITUELLE REGION DER NEUEN WELT Eine Weltkarte, auf der Utopia keinen Platz gefunden hat, ist keiner Beachtung wert, denn sie schließt die einzige Küste aus, an der die Menschheit immer wieder landet. Und wenn sie dort an Land geht, schaut sie sich um, und wenn sie ein noch besseres Land erblickt, setzt sie erneut die Segel. Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. - Oscar Wilde Wir von der WIE-Redaktion lieben das Neue, schwärmen für das Ungewöhnliche und suchen das Radikale. Als wir daher von einer Gemeinschaft in den Alpen Norditaliens hörten, die kühn genug ist, sich selbst als "die erste autonome spirituelle Region der neuen Welt zu bezeichnen", war natürlich unsere Neugier geweckt. Und je mehr wir über diesen Ort erfuhren, desto neugieriger wurden wir. Zunächst einmal hat dieses Projekt beachtliche Ausmaße: Mehr als tausend Menschen leben dort, über ein subalpines Tal verteilt und zutiefst in die örtliche Gemeinschaft, Kultur und Wirtschaft integriert. Zweitens beruht ihre Gesellschaft auf etwas, das in dieser zynischen Welt nur allzu selten geworden ist-– auf uneingeschränktem, unverschämtem Optimismus – und sie haben sich bewusst dazu entschlossen, ihr Leben dem zu widmen, was sie als die Wiedererweckung des Göttlichen sowohl im Individuum als auch in der größeren Gemeinschaft ansehen. Drittens haben sie – vielleicht erfolgreicher als hunderte, wenn nicht tausende andere experimentelle Gemeinschaften, die in den letzten fünfzig Jahren zur Verwirklichung utopischer Ideale gegründet wurden – nicht nur diese Jahre überdauert, sondern sind weiter gewachsen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1975 scheinen sie mehr als drei Jahrzehnte lang in einem Zustand beständiger dynamischer Entwicklung zu bleiben: mit dutzenden erfolgreichen Unternehmen, eigener Tageszeitung, eigener Währung, eigener Verfassung und Regierung; eigenen Schulen, Politik, Feuerwehr und – was wichtiger ist als alles andere – einem Geist leidenschaftlicher Selbsterneuerung, der beharrlich jeden Widerstand überwindet. Doch es kommt noch besser! Merkt auf, ihr Esoteriker da draußen, die Bürger der ersten autonomen spirituellen Region der neuen Welt behaupten auch, das mystische Erbe von Ägypten und Atlantis angetreten zu haben, Hüter des verlorenen und alten Wissens zu sein, und sie glauben leidenschaftlich, dass dieses zum Erwachen und zur Evolution des menschlichen Bewusstseins beitragen wird. Alles, was ich vorhin über Star Trek, Quantenphysik, Zeitreisen und DNA-Codes angedeutet habe – das kratzt nur an der Oberfläche ihres Glaubenssystems. Sie haben sogar ihr gesamtes esoterisches System in heiliger Architektur verschlüsselt und verewigt, einer gigantischen Kette unterirdischer Tempel, die direkt aus Tolkiens Erzählungen entsprungen sein könnten. Die Anhänger dieser Philosophie, die so differenziert und komplex ist, dass ihre Erläuterung sämtliche Seiten dieses Magazins benötigen würde, sind zugleich jedoch ungemein bodenständig, pragmatisch und erfrischend zielorientiert. Immerhin haben sie jeden einzelnen Quadratzentimeter dieser "Tempel des Menschen" mit eigenen Händen gegraben, ohne jegliche Hilfe durch professionelle Ingenieure. Auf ihrer Website erläutern sie: "Die Suche nach dem inneren Selbst und Gott gründet auf einer harmonischen und kontinuierlichen inneren Verwandlung, dem Überwinden persönlicher Grenzen, der Fähigkeit, uns selbst durch Handlungen und praktisches Tun zu messen [und] auf dem Respekt für alle Lebensformen, ob sie feinstofflicher oder physischer Natur sind."
Ungeachtet dessen haben Sie vielleicht noch nie davon gehört. Über Jahre hinweg verhielten sich die Bewohner von Damanhur aus verschiedenen Gründen eher unauffällig, vor allem auch, weil sie keine Grabungserlaubnis für ihre Projekte hatten: nämlich in 70 Meter Tiefe 6.000 Kubikmeter Volumen umfassende Tunnelketten und Höhlen in einen nahe gelegenen Berg zu graben. Und auch die Sache mit den Zeitreisen fand nicht gerade positive Resonanz. Italien ist ein konservatives Land, zu 90 Prozent katholisch, und diese seltsam inspirierte Gruppe okkulter Kommunarden tat gut daran, selbst auch erst einmal konservativ vorzugehen. Aber man kann ein Geheimnis nicht ewig für sich behalten, und in den letzten Jahren haben sie ihre Türen der Welt geöffnet und reisen immer häufiger, um ihre Ideen und die Früchte von dreißig Jahren harter Arbeit mit anderen zu teilen. Der visionäre Künstler Alex Grey begann sich für die außerordentlichen Gemälde, Skulpturen und Glasfenster der Tempel der Menschen zu interessieren, die nun als italienischer Nationalschatz anerkannt sind und im letzten Herbst in einem Bildband von Greys Chapel of Sacred Mirrors Press herausgegeben wurden. In Italien gibt es mittlerweile zwanzig Tochterzentren, zwanzig weitere in Europa, Japan und den Vereinigten Staaten. Sie engagieren sich stärker bei internationalen Themen, nehmen eine führende Rolle im Global Ecovillage Network ein und veranstalten im nächsten Sommer eine große Konferenz für die International Communal Studies Association zu dem Thema: "Communities: Yesterday’s Utopia, Today’s Reality". Und sie arbeiten bereits hart an ihrem nächsten Tempelprojekt: ein massives, 1.000 Plätze fassendes, unterirdisches Amphitheater, das sie den Vereinten Nationen zur Verfügung stellen wollen. Natürlich waren wir interessiert. Immerhin geht es hier um mehr als tausend Menschen. Alle zusammen schienen sie etwas Bemerkenswertes berührt zu haben, einen tiefen kreativen Antrieb, der bewirkte, dass sie all diese Jahre gewachsen sind und sich weiterentwickelt haben, unter dem Banner einer gemeinsamen Verpflichtung für höhere Ideale. Darüber hinaus schienen sie unermessliche Energie und Aufmerksamkeit für geheimnisvolle Philosophien und Science-Fiction-Mythologien aufgewendet zu haben, nicht nur eine oder zwei, sondern eine Unzahl davon, und wenn ich auch ein versierter Fan guter Sci-Fi-Mythologie bin, war nicht so ganz klar, wie das alles zusammenpasste. Kurz: Von Auroville in Südindien über Findhorn in Schottland und der Farm in Tennessee wäre es schwierig, ein faszinierenderes oder rätselhafteres Beispiel für die Manifestation des altehrwürdigen utopischen Impulses in der heutigen Zeit zu finden. Sie nennen sich die Föderation von Damanhur, und als sich im vergangenen Sommer die Gelegenheit bot, einige Tage dort zu verbringen, mussten wir sie ganz einfach wahrnehmen.
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