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Wie eine neue Welt entsteht


von Andrew Cohen
 




Die tiefste spirituelle Erkenntnis ist, dass es keinen Anderen gibt. Es gibt nur das Eine. Wenn man sich tief in einen meditativen Zustand begibt und das getrennte Selbstgefühl oder das narzisstische Ego dabei vorübergehend transzendiert, wird man diese tiefgründige Einheit auf der Ebene des Bewusstseins erfahren. In den Momenten, in denen sich die absolute Natur des Bewusstseins offenbart, spürt man eine grenzenlose Lebendigkeit und Freude. Es ist, als ob das Wasser überkocht, und man wird plötzlich von der absoluten Dimension des Seins überwältigt. Das ist die Erkenntnis, die erleuchtet: Bewusstsein ist das Eine ohne ein Zweites, und Ich bin Das.

Die Grundlage oder das Fundament einer erleuchteten Perspektive ist die direkte Erfahrung des nicht-relativen oder absoluten Wesens des Bewusstseins. Materie, Verstand und Zeit sind relativ. Bewusstsein ist es nicht. Und es ist das Wechselspiel zwischen dem Absoluten und dem Relativen, zwischen der Erkenntnis der Einheit und der Erscheinung der Vielfalt, welches die erwachte Intensität erzeugt, die die Qualität des erleuchteten Bewusstseins ausmacht. In einem erleuchteten Leben würde ein Mensch genau auf diesem Grat leben, im Herzen dieses Paradoxes.

Die aufregendste Entdeckung, die ich in den zwei Jahrzehnten meiner Arbeit als spiritueller Lehrer gemacht habe, ist die Möglichkeit genau dieselbe überwältigende Erkenntnis der absoluten Dimension zu erfahren, aber mit offenen Augen, in einem Kontext, der nicht von Zurückgezogenheit und Stille bestimmt ist, sondern von Kreativität und Interaktion: Wenn eine Gruppe von Menschen sich entscheidet, gemeinsam über das Ego hinauszugehen, entdecken wir einen Bewusstseinszustand, in dem jeder erkennt, dass es nur das Eine gibt und wir dennoch alle gleichzeitig als die Vielen miteinander leben. Dies ist ein Zustand, in dem wir fähig sind, uneingeschränkte Verbundenheit und kraftvolle Unabhängigkeit im selben Augenblick zu erfahren. Das ist Nondualität – inkarnierte Nondualität. Sie wird körperlich erfahren, in Beziehung, nicht nur in der Stille der inneren Erkenntnis.

Im traditionellen Verständnis von Erleuchtung ist der egolose Zustand lediglich Bewusstsein oder Sein. Es geht nicht um Aktivität oder Beziehung. Aber es ist einfach, frei vom Ego zu sein, wenn man nicht in Beziehung ist. Jeder kann egofreies Bewusstsein in der Stille der Meditation erfahren. Doch die echte Herausforderung der Erleuchtung ist das egofreie In-Beziehung-Sein in einem intersubjektiven, kreativen Kontext. Das ist für mich der Ruf der Zukunft. Das ist die neue Erleuchtung, die ich versuche zu manifestieren. Diese neue Erleuchtung ist keine individuelle Errungenschaft; sie entsteht in Gemein­schaft. Und dies wird möglich, wenn alle Individuen gleichzeitig zu dem erwachen, was ich das Authentische Selbst nenne.

Das ist der evolutionäre Impuls, die Energie und Intelligenz, die das Universum erschuf, und die im Herzen und Geist des Menschen unmittelbar erfahren wird. In diesem Erwachen gibt es keinen Unterschied zwischen der tiefsten spirituellen Erkenntnis der Einheit und dem vollständig verkörperten bewussten In-Beziehung-Sein mit anderen Menschen und dem Lebensprozess. Das zeitlose Paradox der Erleuchtung tritt in einem kollektiven oder intersubjektiven Kontext in den Strom der Zeit ein und wird zur Grundlage für einen höheren evolutionären oder entwicklungsorientierten Prozess. Das Authentische Selbst oder der evolutionäre Impuls ist der Drang nach immer größerer Komplexität und höherer Integration. In diesem intersubjektiven, nondualen oder erleuchteten Zustand erleben wir die lebendige Erkenntnis der Tatsache, dass es nur das Eine gibt, gleichzeitig mit dem Erscheinen der Vielen. Und diese Vielen streben in dem Wissen des Einen unaufhaltsam danach, größere Komplexität und höhere Integration zu verwirklichen.

Wenn jeder Einzelne sich in einer solcher Begegnung dem Authentischen Selbst so weit verpflichtet hat, dass es das getrennte Ego als primären Bezugspunkt der Identifikation abgelöst hat, geschieht etwas sehr Mysteriöses und Dramatisches. Das Wesen des Authentischen Selbst ist ein ekstatischer Drang und die bedingungslose Verpflichtung, die Zukunft zu erschaffen. Wenn also zwei oder mehr Individuen zusammenkommen und zum Authentischen Selbst erwachen, wird auf der Ebene des Bewusstseins eine wunderbare Zukunft erschaffen, genau in diesem Augenblick. Der Himmel wird auf die Erde gebracht – jetzt. Der Himmel ist ein Zustand des Seins, in dem das Ego vielleicht nicht vollkommen transzendiert wurde, aber besiegt ist. Und das Ego ist dann besiegt, wenn das Authentische Selbst der primäre Bezugspunkt der Identifikation eines Menschen wird. Dann entsteht die Zukunft auf der Ebene des Bewusstseins im gegenwärtigen Moment, und das ist wirklich eine neue Welt. Es ist keine vage utopische Vision, die tausend Jahre in der Zukunft liegt; es ist eine neue Struktur im Bewusstsein, die auf der tiefsten Ebene, der innersten Dimension des Kosmos, in der Zeit, in diesem Augenblick, in Erscheinung tritt. Zuerst wird sie als flüchtiger Einblick in ein neues Potenzial wahrgenommen, um dann letztendlich zu einer tatsächlichen Struktur im Bewusstsein zu werden, die durch Viele gleichzeitig hervortritt. In diesem intersubjektiven, egolosen Feld tritt jeder auf eine völlig neue Art und Weise mit anderen in Beziehung – in einer radikal neuen Perspektive und mit einer ganz neuen Absicht. So entsteht eine neue Welt.

Eine neue Welt bedeutet eine neue Ebene oder Stufe der Entwicklung, und das ist etwas, das wir zusammen erschaffen müssen. Seit Menschengedenken gab es immer einzigartige und außerordentliche Individuen, die Grenzen überschritten haben und ihrer Zeit weit voraus waren. Aber in einzelnen Individuen zeigen sich keine neuen Ebenen der Entwicklung. Diese Ebenen sind intersubjektive Strukturen, die im Bewusstsein erschaffen werden, wenn Menschen zusammenkommen, die alte Wertvorstellungen und Weltanschauungen überwinden und neue erschaffen. Wenn also das gemeinsame Fundament, auf dem wir neue Strukturen erschaffen, die Transzendenz des individuellen und kollektiven Egos ist, kreieren wir nichts Geringeres als eine erleuchtete Kultur.



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