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Das Zeitalter der integralen Politik


Ein Interview mit Steve McIntosh
von Carter Phipps
 

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Interview

DAS ZEITALTER DER INTEGRALEN POLITIK

Der integrale Philosoph Steve McIntosh erklärt die Revolutionen in Bewusstsein und Kultur, welche die geopolitische Zukunft unserer Welt gestalten und eine integrale Weltföderation ermöglichen.

Als ich im zarten Alter von 18 Jahren das erste Mal von Descartes hörte und mir gesagt wurde, dass sein berühmter Grundsatz der Wahrheit "Cogito ergo sum"oder "Ich denke, also bin ich"jahrhundertelang richtungsweisend die Philosophie bestimmte, war ich überraschenderweise ziemlich unbeeindruckt. Zweifellos war ich ein wenig arrogant oder ahnungslos, oder beides, doch die Idee, dass die Fähigkeit zu denken einen Beweis für das eigene Dasein darstellte, schien meinem jungen und unerleuchteten Verstand einfach etwas zu … nun ja, offensichtlich.

Einige Jahrzehnte später hat mein reiferes Selbst die tiefere Bedeutung dieser einfachen Worte und der Philosophie allgemein schätzen gelernt. Es ist in der Tat nicht übertrieben zu sagen, dass unsere auf Wissenschaft basierende Gesellschaft des Wohlstandes und der Freiheit, die wir im Westen heute als selbstverständlich betrachten, zurückverfolgt werden kann zu den Erkenntnissen, die Descartes in seiner radikalen Aussage formulierte. In dieser prägenden Zeit, als die Grundlagen unserer modernen Welt geschaffen wurden, leiteten Descartes Worte den Beginn des rationalen, autonomen und modernen Selbst ein und befähigten die Menschen, die Welt auf völlig neue Weise zu betrachten: objektiv. Jeder Wissenschaftler der letzten 400 Jahre steht mindestens ein klein wenig in seiner Schuld.

Philosophie ist letzten Endes wohl doch nicht einfach nur eine geschickte Taktik, um die Geduld von Studienanfängern zu testen, indem man ihnen frühmorgendliche Vorlesungen über logische Analysen verordnet, die selbst die Geduld von Sisyphus herausfordern würden.

Im besten Fall ist sie eine Praxis, mit der die strukturellen Grundlagen von Kultur gelegt werden, und Philosophen könnte man mit einer Art Vorhut an den Grenzen der Entwicklung unserer Gesellschaft vergleichen, die Wegweiser an den Grenzen unseres kollektiven Bewusstseins aufstellen. Möchten Sie herausfinden, wie sich die menschliche Gesellschaft in den nächsten 100 Jahren entwickeln wird? Dann werfen Sie einen Blick auf die äußerste Grenze des heutigen philosophischen Denkens.

Das führt uns zu der integralen Philosophie und zu Steve McIntosh, dem Autor des druckfrischen Buches Integral Consciousness and the Future of Evolution. In einer Reihe mit Dialogen für den Online-Multimedia-Service von WIE hatte ich im letzten Jahr das Privileg, selbst etwas Philosophie zu betreiben und die Konturen eines neu entstehenden Weltbildes zu erforschen, das mittlerweile "integral" genannt wird. Mein Partner in dieser Untersuchung war Steve McIntosh, ein 47-jähriger Geschäftsmann aus Boulder im US-Bundesstaat Colorado, der gleichermaßen ein visionärer Unternehmer, inspirierter Politikwissenschaftler und begabter Philosoph ist. McIntosh hat die Erkenntnisse der integralen Philosophie jahrzehntelang verfolgt, doch ihre Bedeutung für eine neue kulturelle Bewegung wurde ihm erst vor einigen Jahren bewusst. In einer Folge von Treffen mit Spiral Dynamics-Mitbegründer Don Beck und den Gründern von Ken Wilbers Integral Institute im Jahre 2000, begann McIntosh zu erkennen, dass die integrale Weltsicht mehr war als nur eine Reihe faszinierender Ideen oder ein interessanter kultureller Trend. Ihm wurde klar, dass sie eine historisch bedeutsame neue Stufe der Kultur ist, oder wie er es ausdrückt: "eine reale, authentische soziale Bewegung, die sowohl alle Probleme der postmodernen Weltsicht als auch der Gegenkultur transzendiert und einbezieht. Ein neuartiger kultureller Organismus begann sich abzuzeichnen, der aus sich selbst lebendig ist, und ich fing an, ihn deutlicher zu sehen als jemals zuvor."

Inspiriert und ermutigt begann McIntosh sich diese neue Weltsicht im Selbststudium anzueignen, mit der ganzen Leidenschaft eines Mannes, der das Potenzial einer neuen Zukunft entdeckt und keine Zeit zu verlieren hat. Er widmete sich dem Studium und der Praxis der integralen Philosophie, las, lehrte, forschte und schrieb über die Bedeutung und Zusammenhänge dieser neuen historischen Entwicklung. Und die Einsichten des Integralismus veränderten auch seine politischen Auffassungen. Demokratie, Geopolitik, internationales Recht, Global Governance, alles langjährige persönliche Interessensgebiete, nahmen nun im Rahmen der Klarheit und Perspektive dieser frischen Weltsicht neue Formen an.

Meine Gespräche mit McIntosh, in denen wir die faszinierende Geografie der integralen Landschaft erforschten, waren auf vielen Ebenen bereichernd. Doch vor allem haben mich seine Perspektive und seine Erkenntnisse zum Thema Politik beeindruckt. Mit einem juristischen Werdegang – einst war er ein junger, erfolgversprechender Anwalt in einer der größten Kanzleien der Welt – und seinem langjährigen Interesse am Potenzial von Global Governance, ist McIntosh in der Lage, der integralen Philosophie zu helfen, sich den politischen Realitäten unserer Welt zu stellen, und das in einer Weise, die zugleich inspirierend, provokant und auf jeden Fall ihrer Zeit voraus ist. Es dauerte nicht lange, bis ich darüber nachdachte, einige dieser Erkenntnisse in unserem Magazin vorzustellen.

Um die Perspektive der integralen Politik besser zu verstehen, ist es jedoch notwendig, einige Worte über integrale Philosophie an sich vorauszuschicken. Wie der Name andeutet, versucht die integrale Bewegung, dem Trend der Zerteilung und Spezialisierung entgegenzuwirken, der im letzten Jahrhundert so viele Wissensbereiche erfasst hat, und stattdessen neue integrierte und inkludierende Systeme zu erarbeiten, die aussagekräftige Einblicke in die Evolution von Bewusstsein und Kultur geben können. In gewisser Hinsicht ist integrale Philosophie nichts Neues, sondern hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten langsam durch die Gedanken und Schriften einiger Vordenker und Forscher herausgebildet, unter ihnen Georg Friedrich Hegel, Friedrich Schelling, Henri Bergson, James Mark Baldwin, Sri Aurobindo, Pierre Teilhard de Chardin, Jean Piaget, Abraham Maslow, Jürgen Habermas und Clare Craves. Auch wenn sie die Aufmerksamkeit der meisten professionellen akademischen Philosophen erst noch gewinnen muss, hat sich die integrale Philosophie durch die Erkenntnisse und Bemühungen einiger brillanter Einzelgänger im Denken ständig weiterentwickelt, insbesondere durch die Theorien von Ken Wilber. Wilber ist heutzutage gewissermaßen die zentrale organisierende Kraft des Integralismus und seine Arbeit hat dazu beigetragen, die vielen verschiedenartigen Denkrichtungen zusammenzufügen, welche die Synthese der integralen Philosophie ausmachen. Wie McIntosh in seinem neuen Buch schreibt: "Wilbers integrale Synthese im 21. Jahrhundert ... hat den gleichen Effekt auf das innere Universum, wie Descartes' Philosophie auf das äußere Universum."

Um die einzigartige Perspektive der integralen Philosophie wertschätzen zu können, ist es wichtig, ihre vermutlich grundlegendste und revolutionärste Erkenntnis zu verstehen — dass sich das Bewusstsein und die Kultur des Menschen im Laufe der Zeit durch eine Reihe aufsteigender Stufen oder Ebenen des Bewusstseins entwickelt haben. Diese Stufen sind psychologische und kulturelle Ebenen der Entwicklung; sie sind Bewusstseinsebenen, die Individuen in ihrer persönlichen Entwicklung und Gesellschaften in ihrer kulturellen Evolution durchlaufen. McIntosh erklärt: "Die integrale Weltsicht erkennt, dass diese Entwicklungsebenen im Bewusstsein in gewisser Weise mit den Stufen der menschlichen Geschichte in Verbindung stehen. Damit meine ich, dass die Stufen der psychologischen Entwicklung, die Individuen in ihrem Reifungsprozess durchlaufen, den Stufen der Geschichte ähnlich sind, welche die Menschen in den letzten 50 000 Jahren durchlaufen haben und immer noch durchlaufen."

Nun, es ist nichts Ungewöhnliches, wenn Soziologen oder Psychologen Theorien zur Evolution von Mensch und Gesellschaft entwickeln, und viele dieser Theorien beinhalten vielleicht sogar Stufen. Doch was die Anwendung dieses Schemas in der integralen Philosophie kennzeichnet, ist die Überzeugung, dass diese Ebenen nicht nur eine gute Idee oder eine interessante Anregung sind. Stattdessen sind sie wirkliche "Strukturen im Bewusstsein", tatsächliche "lebende Systeme der Kultur", die im Gefüge der Gesellschaft vorhanden sind und empirische Gültigkeit besitzen.

"Die Integrale Philosophie zeigt uns, dass diese inneren Strukturen der Kultur, die man auch als innere Organismen bezeichnen kann, über eine evolutionäre Realität, eine ontologische Wirklichkeit verfügen", erklärte mir McIntosh in einem unserer Telefonate. "Und diese Beschreibung verleiht der integralen Philosophie ihre Kraft. Diese Stufen werden nicht einfach nur vom menschlichen Verstand erschaffen. Sie sind historisch bedeutsame Weltsichten, selbstorganisierende dynamische Wertesysteme, die unabhängig von den Schriften oder dem Denken irgendeiner bestimmten Person existieren."

Um zu beschreiben, wo diese Stufen im Bewusstsein zu finden sind, wird häufig der Begriff "intersubjektiv" verwendet, was "zwischen Subjekten" bedeutet. Genauso wie subjektives Bewusstsein beschreibt, was im Inneren eines Individuums existiert, wird der Begriff intersubjektiv verwendet, um zu formulieren, was im Inneren einer Kultur wirkt. In McIntoshs Worten: "Diese Weltsichten sind nicht nur individuelle, sondern vor allem kulturelle Strukturen. Sie existieren tatsächlich, so könnte man sagen, im Intersubjektiven."

In unserer materialistisch geprägten Gesellschaft fällt es vielen Menschen schwer, ein subjektives Bewusstsein als legitime Gegebenheit anzuerkennen, ganz zu schweigen von der Realität des relativ neuen Konzeptes eines intersubjektiven Bewusstseins. Derartige Behauptungen sind ein Anstoß für uns, über unsere gewohnten Denkmuster hinauszugehen. Sie verlangen von uns, die Möglichkeit anzuerkennen, dass unterhalb der Oberfläche der Kultur, in den tiefen Räumen unseres kollektiven Bewusstseins, vielleicht viel mehr geschieht, als wir bisher erkannt haben. Sie veranlassen uns, in Betracht zu ziehen, dass es vielleicht tatsächlich entscheidende Muster oder ordnende Strukturen gibt, die im Schmelztiegel von 50 000 Jahren menschlicher Evolution entstanden sind und das vielschichtige und oft chaotische Wesen des menschlichen Lebens prägen und gestalten. Viele Theoretiker sind jedenfalls der Meinung, dass diese Ebenen, wenn man sie als ein hierarchisches, zusammenhängendes, evolutionäres System betrachtet, eine DNA-artige Struktur im Bewusstsein darstellen, welche die Dynamik von Kultur im Verborgenen beeinflusst und unseren Geist prägt, während unser Geist wiederum die Struktur selbst gestaltet. Auch die Form dieser Struktur passt zu dieser Analogie — eine spiralförmige Helix, die mit der unverkennbaren Form unserer physischen DNA übereinstimmt.

Obwohl die Vorstellung von kulturellen Stufen und Strukturen in einer postmodernen Gesellschaft, in der alle Werte einander gleichgesetzt werden und in der keine Kultur als weiter entwickelt angesehen wird als eine andere, vielleicht ketzerisch erscheint, ist sie dennoch nicht ohne anschauliche Beweise. Integrale Denker verweisen gern auf langjährige Forschungen im Bereich der Entwicklungspsychologie — von Piaget über Maslow, von Graves bis zu Robert Kegan — welche enorme empirische Bestätigung für diese Art von Entwicklungsmustern liefern. Desweiteren gibt es zunehmend Beweise aus der Soziologie, die das grundlegende Schema ebenfalls bestätigen und die insbesondere dem Bestehen der letzten drei bedeutenden Stufen — traditionell, modern, postmodern — Glaubhaftigkeit verleihen.

Bemerkenswert ist, dass es nicht sehr schwierig ist, diese drei Stufen — die drei Weltsichten vor der integralen Stufe — in den westlichen Gesellschaften auszumachen; zumindest dann, wenn wir uns dabei bewusst sind, dass wir über allgemeine Muster im Bewusstsein und der Kultur sprechen und nicht über starre und genaue Definitionen. Wir hören zum Beispiel häufig, dass über traditionelle Kultur gesprochen wird, oder einen Teil der Bevölkerung, der eine stark religiöse Orientierung hat und konservative Werte vertritt. Dann gibt es eine Bevölkerungsgruppe, die sich eher am Weltlichen orientiert und deren Werte zu Wissenschaft und Rationalität, Individualismus, Pragmatismus und Erfolg tendieren. Dies sind Ausprägungen davon, was häufig als modernes Bewusstsein bezeichnet wird, oder als die Kultur, die von der Moderne geprägt ist. Und dann gibt es progressivere Teile der Bevölkerung, die häufig Kulturell-Kreative genannt werden, was sich auf Menschen bezieht, deren Werte eher zu liberaler Politik, Umweltbewusstsein, Bewegungen für soziale Veränderungen und neue Formen der Spiritualität neigen. Diese Gruppe wird oft mit der Revolution in den 60er Jahren assoziiert. Integrale Theorie betrachtet diese Gruppierung als charakteristisch für postmodernes Bewusstsein. Sogar Politikexperten verweisen auf diese kulturellen Gruppierungen, jedoch nicht als Strukturen im Bewusstsein und schon gar nicht als Teil einer aufsteigenden Skala der kulturellen Entwicklung.

Wenn diese sich an Stufen orientierende Sichtweise der kulturellen Evolution grundlegend für die integrale Philosophie ist, dann ist sie es umso mehr für integrale Politik, da das Verstehen der allgemeinen Entwicklungsebene (oder -ebenen) in einer bestimmten Gesellschaft eine erhebliche Hilfe für politische Analysen ist. Ob es darum geht, sich in lokalen Wahlen auf "Familienwerte" zu berufen, mit ausländischen Diktatoren zu verhandeln, den Aufstieg Chinas einzuschätzen oder Konflikte am Horn von Afrika zu mindern, je besser wir verstehen, wie diese größtenteils unbewussten Strukturen die Werte einer Gesellschaft beeinflussen, desto effektiver und gezielter können wir die Weiterentwicklung unterstützen. McIntosh schreibt: "Die integrale Weltsicht gibt uns ein Verständnis von Kultur, welches uns erlaubt, die globalen kulturellen Konflikte anzusprechen, die so gut wie jedem Problem zugrunde liegen. Damit meine ich, dass die Lösung jedes Problems in der Welt zumindest teilweise in der Entwicklung des Bewusstseins liegt. Und genau das erreicht die integrale Weltsicht besser, als jede andere Weltsicht vor ihr. Sie kann das Bewusstsein buchstäblich auf jeder Ebene weiterentwickeln."

Letztendlich ist die integrale Weltsicht sehr viel mehr als ihr einzigartiges Verständnis des spiralförmigen Wesens der menschlichen Evolution. Von Wilbers bahnbrechendem Modell der vier Quadranten, über radikale neue Formen evolutionärer Spiritualität und neuartige Erkenntnisse der psychologischen Entwicklung bis hin zu innovativen Perspektiven für Business- und Organisationsmanagement — integrale Ideen sind dazu bestimmt, jeden Bereich des Lebens im 21. Jahrhundert zu beeinflussen und zu berühren. Wenn McIntosh und seine Kollegen wirklich recht behalten, dann ist unsere Zeit in der Geschichte einzigartig. Sie eröffnet uns die Möglichkeit, nicht nur eine neue Philosophie zu formulieren, sondern die Spiritualität, Politik, Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft dieser entstehenden kulturellen Weltsicht zu gestalten. McIntosh selbst arbeitet an vielen Fronten, mit einem konkreten Fokus auf internationalem Recht und Global Governance. Im letzten Mai sprach ich mit diesem ungewöhnlichen Juristen, der zum Geschäftsmann und dann zum Philosophen wurde, über integrale Politik und wie sie dazu beitragen könnte, die geopolitischen Dynamiken unserer globalen Gesellschaft zu verändern.



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WIE Ausgabe 26:
Ökologie, Politik & Bewusstsein






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