Im
Vivekananda Kendra Ashram in der Nähe von Bangalore, Indien,
wird jedes zweite Jahr eine Konferenz mit dem Titel „Grenzgebiete der
Yoga-Forschung und ihre Anwendung abgehalten. Das Thema ist immer
die Beziehung zwischen Wissenschaft und Spiritualität, Bewusstseinsforschung
und medizinischer Anwendung von Yoga. Bei meinem ersten Besuch wusste
ich nicht, was mich erwarten würde, aber als ich zum zweiten Mal
dort war, als eingeladener Redner, um über „Erleuchtung zu
sprechen, war mir bereits klar, dass bei dieser Konferenz alles möglich
ist. Bei diesem Ereignis, wo sich das Weltliche und das Spirituelle
treffen und gleichzeitig auf so vielen Niveaus vermischen, findet sich
eine überaus ungewöhnliche Schar von Menschentypen in einer
Art Eintopf zusammen, wie ihn nur Mutter Indien zubereiten kann. Aber
obwohl ich das wusste, ahnte ich noch nicht, als ich im letzten Dezember
wieder nach Südindien kam, dass ich die seltene Gelegenheit haben
würde, etwas Zeit mit diesem so kostbaren Juwel zu verbringen –
mit einem voll erleuchteten Jnani, einem Menschen, der das ABSOLUTE
SELBST verwirklicht. hat.
Ajja,
„Großvater, wie ihn alle, die ihn kennen, liebevoll nennen,
ist ein lebendiges Beispiel für das sagenhafte spirituelle Vermächtnis
Indiens, und seine persönliche Geschichte ist ebenso seltsam und
mysteriös wie wunderbar. Ramachandra, geboren 1916, war ein wohlhabender
Bauer und Grundbesitzer, von dem es hieß, dass er von Natur aus
eine ungewöhnliche Reinheit des Herzens und eine sehr seltene Schlichtheit
des Wesens besaß; trotzdem zeigte er kein besonderes Interesse
an spirituellen Dingen. Eines Tages, er war damals sechsunddreißig,
spürte Ramachandra ohne ersichtlichen Grund einen sehr heftigen
Schmerz im Herzen, der allmählich von seinem gesamten Körper
Besitz ergriff. Sechs Monate lang litt er, wie er sagt, unerträgliche
physische Schmerzen, wobei seine Familie die ganze Zeit verzweifelt
versuchte herauszufinden, was ihm solches Leiden verursachte. Ihre Bemühungen
blieben erfolglos, denn niemand konnte die Ursache seiner Qualen feststellen.
Und dann verschwand der Schmerz so plötzlich, wie er aufgetaucht
war, und hinterließ keinerlei Spuren. Während er zuvor nicht
das war, was man einen tiefen Denker nennen würde, löste diese
Erfahrung in ihm jedoch eine intensive Nachdenklichkeit aus, die, wie
man uns berichtet, monatelang andauerte. „Was war dieser Schmerz, der
meinen Körper gequält hat? fragte er sich. „Was ist
Gefangensein? Was ist Befreiung? Dank seines schlichten
Wesens und der Reinheit seines Geistes gelangte er in kürzester
Zeit an die Wurzel dieser Fragen. In seinen Nachforschungen stellte
er fest, dass Schmerz Gefangensein ist und dass die tiefere Ursache
von Gefangensein Karma ist. Der Verstand schafft das Karma, erkannte
er, und der Verstand ist die Summe aller Gedanken, die sich mit dem
kleinen Selbst beschäftigen. Am letzten Abend seiner nach innen
gerichteten Erforschung fragte er sich: Was ist die Wurzel von weltlichem
Besitz? Von Geld? Geld, so schloss er, ist das Wichtigste in
der Welt, und alle Angst und Unsicherheit basiert auf der Verhaftung
damit.
In
dem Moment hatte er eine sehr kraftvolle Vision, die großartig
und erschreckend zugleich war. Vor seinen Augen erschien eine außergewöhnlich
schöne Frau, deren Körper ganz rot war und aus deren Mund
sich zu seinem Entsetzen ein Strom von Blut ergoss. Er erkannte sie
als die Verkörperung des Todes. Er betrachtete sie eine
Weile, wobei ihn eine tief greifende Einsicht überkam. Die Wurzel
des Geldes, so erkannte er, war Besitz. Und Besitz, so erkannte
er, bedeutete Tod. Dann verschwand die Frauengestalt und eine
Tür erschien; an diesem Punkt begann ein letztes Nachforschen in
ihm. „Wer bin ich? fragte er sich. Da öffnete sich
die Tür und er verließ seinen Körper durch den Scheitelpunkt
seines Kopfes. „Göttliche Wesenheiten begrüßten
ihn und begleiteten ihn weiter auf seiner Reise zu dem, was er „die
dritte Ebene nennt. Während dieses ganzen Vorgangs, der mitten
in der Nacht stattfand, lag er auf dem Boden seines Zimmers und war
allem Anschein nach physisch tot. Die ganze Zeit über saß
Ishmael, ein muslimischer Bauer, der sein engster Schüler werden
sollte, neben ihm; er wurde, so erzählte man uns, von etwas Unbekanntem
angewiesen, sich um seinen Körper zu kümmern. Dann tauchte
eine Lichtkugel auf, kauerte sich neben seine leblose Gestalt und trat
dann in ihn ein.
Sobald
das Licht Ajjas Körper betreten hatte, öffnete er seine Augen,
und die ersten Worte, die er sprach, waren: „Der, der vorher da war,
ist jetzt weg ein anderer ist gekommen. Er sprach weiter:
„ Ich bin nicht der Körper, ich habe keine Mutter, ich habe
keinen Vater. Ich bin dieses Strahlen.
Die nächsten drei Monate saß er ruhig in seinem Haus, während eine tiefe Stille in ihm immer intensiver wurde. Sein Geist stellte sich langsam auf seinen neuen Zustand ein, und er wurde so empfindlich, dass ihm schon das leiseste Geräusch absolut unerträglich war.
Am
Ende dieser Phase trat er gänzlich verändert aus seinem Haus.
Völlig berauscht ging er nackt umher, manchmal sang und tanzte
er stundenlang im Regen, und manchmal starrte er endlos in die Sonne.
Er schlief auf Felsen und unter Bäumen. Seine Familie dachte, er
sei verrückt geworden, und brachte ihn schließlich in einem
Heim unter. Wenn ihn die Ärzte nach seinem Namen fragten, antwortete
er: „Ich habe keinen Namen. Wenn sie ihn fragten, wo er
lebte, antwortete er: „Überall. Nach zwei Monaten
erklärten die Ärzte, dass er nicht verrückt sei, und
entließen ihn.
Die
nächsten zwanzig Jahre zog er als Avadhuta (ein Wesen, das
alle Sorgen abgelegt hat) umher und war so tief im Bewusstsein des SELBST
absorbiert, dass er sich den überwiegenden Teil der Zeit der Welt
um ihn herum nicht bewusst zu sein schien. Ishmael, jetzt sein ständiger
Begleiter, kümmerte sich um seine körperlichen Bedürfnisse.
Als er sich 1961 in Rishikesh in Nordindien befand, hörte er eine
Stimme, die ihm zurief: „Komm zu mir. Du sollst zu mir kommen. Ich
bin hier in Ganeshpuri. Er reagierte sofort darauf und ging
nach Ganeshpuri, um den legendären Swami Nityananda zu treffen,
mit dem er nur fünf Minuten verbrachte. Es fiel kein Wort, während
sie sich fest in die Augen schauten. Diese Begegnung versetzte Ajja
in die Lage, wieder „zur Erde zurückzukommen, und kurz darauf
begann er wieder Kleider zu tragen und mit anderen zu sprechen.
Wieder
zurück in seinem kleinen Dorf, verbrachte er weiterhin den Großteil
seiner Zeit in völligem Schweigen. Vor sieben Jahren hielt der
berühmte Pandit Bannanje Govindacharya in Ajjas Dorf einen Vortrag
über Vedanta, worin er die Menschen aufforderte, „nach innen zu
gehen. Ajja, der dem Vortrag zuhörte, folgte seinen Anweisungen
auf den Buchstaben genau. Da bemerkte ihn der Pandit, denn Ajja war
plötzlich in einer mystischen Trance und fiel um. Als der Pandit
zu ihm hinging und fragte: „Was ist mit dir? antwortete er unschuldig:
„Du hast gesagt, ich soll nach innen gehen; ich bin nach innen gegangen.
Govindacharya erkannte die Erfahrung Ajjas als übereinstimmend mit den Upanishaden (den klassischen Schriften über Vedanta) an, und als Ergebnis ihrer Begegnung, die sich zu einer warmen Freundschaft entwickelte, begann sich Ajjas Ruf als lebendiger Meister von Advaita, Nondualität, im ganzen südindischen Staat Karnataka zu verbreiten.
Es
war ein früher Abend während der Konferenz, als Ajja einfach
und unprätentiös zu einem größtenteils indischen
Publikum über das Wesen unserer wahren Identität zu sprechen
begann. Seine überaus große Verletzlichkeit war fast schmerzhaft
anzusehen, er schien sich unwohl zu fühlen und an der Rolle, in
die er hineingedrängt worden war, nämlich vor einer großen
Menschenmenge zu sitzen, geradezu zu ersticken. Er sprach langsam und
bedächtig, seine Worte waren einfach und von dem Kern des Seins
durchdrungen. Er sprach von unvorstellbarer Glückseligkeit und
vom vollständigen Transzendieren des Verstandes. Er beschrieb
eine ungeheure Energie, die sich in seiner Wirbelsäule bewegte,
und davon, wie wichtig es wäre, den ungeteilten Wunsch nach Moksha,
Befreiung, zu verspüren. Immer wieder betonte er, wie absolut unerlässlich
es ist, den Verstand zur Ruhe zu bringen, um das, was jenseits davon
liegt, direkt zu erfahren. Während er sprach, wurde seine Echtheit
eher dadurch deutlich, wie er war, als durch das, was er sagte. Da saß
ein Mann, der kein Gesicht zu haben schien, der keinen Namen, und, was
vor allem anderen am beeindruckendsten war, allem Anschein nach keinen
Verstand und keine Persönlichkeit im normalen Sinn hatte. Sein
Unbehagen angesichts des gesprochenen Wortes war offensichtlich, und
er wiederholte immer wieder, dass „man über diese Dinge
nicht sprechen kann? sie könnten nur durch direkte Erfahrung
verstanden werden. Zu meiner Überraschung schienen nicht viele
Zuhörer zu begreifen, wer Ajja war, denn einige verlangten durchaus
aggressiv Echtheitsbeweise von diesem sanften Mann. Alles wurde noch
schlimmer, als einige seiner glühenden Anhänger anfingen,
in eindeutigen Worten lautstark zu verkünden, dass ihr Guru ein
lebendes Beispiel für die höchste Errungenschaft ist, wie
sie in den Upanishaden beschrieben wird. Es breitete sich in der Menge
bald eine Atmosphäre wie im Zirkus aus. Inmitten des ganzen Chaos
zog Ajja es vor zu schweigen.
Später
am Abend ging ich mit einigen meiner Schüler zu Ajja, um mich mit
ihm in seinem Zimmer zu treffen. Als wir ankamen, war er gerade Zielscheibe
scharfer Fragen seitens des bekannten Physikers George Surdashan, der,
abgesehen davon, dass er für den Nobelpreis nominiert gewesen war,
auch engen Kontakt mit dem Maharishi Mahesh Yogi und dem großen
J. Krishnamurti gehabt hatte. „Ajja, fragte der Physiker, „wenn
zwei Menschen nebeneinander stehen und den Mond hoch oben am Nachthimmel
ansehen, warum empfindet dann der eine eine starke Neugier zu wissen,
warum die Dinge so sind, wie sie sind, und warum interessiert es den
anderen gar nicht? Ajja antwortete so, wie er viele Fragen beantwortet:
„Man muss selbst die Erfahrung haben. Erst dann wird man verstehen
können. Der Physiker wollte Ajjas Antwort nicht akzeptieren
und behauptete, dass das wohl jeder sagen könnte, dass Ajja der
Frage ausweiche und dass das ganz einfach keine akzeptable Antwort sei.
Ich stellte fest, dass hinsichtlich des Geschehens, das hier ablief,
zwei absolut unterschiedliche Empfindungen wechselweise in mir Gestalt
annahmen. Auf der einen Seite beeindruckte mich die mutige Ablehnung
des Physikers, etwas anderes als eine direkte Antwort von einem erleuchteten
Menschen zu akzeptieren. Andererseits konnte ich aber auch nicht anders,
als von dem bemerkenswerten Gleichmut Ajjas genauso beeindruckt zu sein.
Auch wenn Ajja scheinbar nicht in der Lage war, direkt auf die Fragen
zu antworten, war ich doch von der tiefen Sensibilität seines Wesens
einfach berührt. Es erschien mir wie Ironie, dass auf der einen
Seite der Physiker anscheinend die Größe des Mannes nicht
erkannte, der ihm gegenüber saß, und dass auf der anderen
Seite Ajja nicht verstehen konnte, warum seine Antwort für den
Physiker keinen vernünftigen Sinn zu ergeben schien.
Ich besuchte Ajja noch zweimal und fuhr dazu von dem eine halbe Autostunde von Bangalore entfernten Ashram in die Stadt, wo er sich in der Wohnung eines seiner Anhänger aufhielt. Die Aufgabe, Ajja für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? zu interviewen, stellte sich als eine weit größere Herausforderung heraus, als wir im Vorhinein angenommen hatten. Da dieser Mann so tief und absolut in der nondualen Natur seines eigenen Selbst absorbiert ist, ist es ihm fast unmöglich, eine Frage zu verstehen, die es notwendig macht, eine Subjekt-Objekt-Beziehung in Betracht zu ziehen.
Nachdem
wir Bangalore nach unserem ersten Drei-Stunden-Interview mit Ajja verließen,
waren wir erstaunt, berührt, aber auch etwas verwirrt. In unseren
Köpfen bestand kein Zweifel darüber, dass wir uns gerade in
Gesellschaft eines tief erleuchteten Menschen befunden hatten, dessen
„Zustand oder „das, was er erreicht hatte fraglos eine große
Seltenheit war. In näherem Kontakt mit Ajja wurde uns sehr schnell
klar, dass er jemand war, der diese Welt, und alle Menschen darin, bereits
vor langer Zeit weit hinter sich gelassen hatte. Aber es gab da eigenartige
Berichte von Seiten seiner Anhänger: Einer behauptete, Ajja sei
tatsächlich die Reinkarnation von Mahatma Gandhi. Man sagte uns,
dass der große Heilige und Pazifist, die revolutionäre Seele,
Ramachandras leere Hülle betreten hatte, als dieser seinen Körper
durch den Scheitel verließ. „Typisch Indien! dachte ich
bei mir. Man erzählte uns auch, dass Ajja die hellsichtige Fähigkeit
hatte, anderen zu offenbaren, wer sie in früheren Inkarnationen
gewesen waren wenn er es aber tat, dann stellte sich praktisch immer
heraus, dass es sich um Gefolgsmänner in Gandhis Revolution handelte.
Also zwang ich mich bei unserem zweiten Besuch dazu, ihn zu fragen,
ob das, was wir von einigen seiner Schüler gehört hatten,
wahr wäre. War er die Reinkarnation von Mahatma Gandhi? Darauf
antwortete er: „Ich habe die Universelle Seele erfahren. Aber
diese Frage wurde nie völlig geklärt, denn Ajja ließ
auch die Möglichkeit offen, dass es wahr sei, wenn auch nur in
der Vorstellung von anderen. „Wir können nicht unser eigenes Gesicht
sehen, sagte er auch. „Das bleibt anderen überlassen.
Letztlich war ich vor allem von dem völligen Fehlen eines persönlichen Selbst in diesem außerordentlichen Mann zutiefst berührt. In der Tat scheint er buchstäblich ein Beispiel für jemanden zu sein, dessen Verstand und Körper wahrhaftig ein leeres Gefäß geworden sind, durch das das Eine ohne ein Zweites hindurchstrahlt, ohne den Makel der geringsten Spur von Individualität.



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