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Wer Ist Ajja?


Eine Begegnung mit dem Absoluten
von Andrew Cohen
 

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Einleitung



Ajja
Im Vivekananda Kendra Ashram in der Nähe von Bangalore, Indien, wird jedes zweite Jahr eine Konferenz mit dem Titel „Grenzgebiete der Yoga-Forschung und ihre Anwendung“ abgehalten. Das Thema ist immer die Beziehung zwischen Wissenschaft und Spiritualität, Bewusstseinsforschung und medizinischer Anwendung von Yoga. Bei meinem ersten Besuch wusste ich nicht, was mich erwarten würde, aber als ich zum zweiten Mal dort war, als eingeladener Redner, um über „Erleuchtung“ zu sprechen, war mir bereits klar, dass bei dieser Konferenz alles möglich ist. Bei diesem Ereignis, wo sich das Weltliche und das Spirituelle treffen und gleichzeitig auf so vielen Niveaus vermischen, findet sich eine überaus ungewöhnliche Schar von Menschentypen in einer Art Eintopf zusammen, wie ihn nur Mutter Indien zubereiten kann. Aber obwohl ich das wusste, ahnte ich noch nicht, als ich im letzten Dezember wieder nach Südindien kam, dass ich die seltene Gelegenheit haben würde, etwas Zeit mit diesem so kostbaren Juwel zu verbringen – mit einem voll erleuchteten Jnani, einem Menschen, der das ABSOLUTE SELBST verwirklicht. hat.


Ajja, „Großvater“, wie ihn alle, die ihn kennen, liebevoll nennen, ist ein lebendiges Beispiel für das sagenhafte spirituelle Vermächtnis Indiens, und seine persönliche Geschichte ist ebenso seltsam und mysteriös wie wunderbar. Ramachandra, geboren 1916, war ein wohlhabender Bauer und Grundbesitzer, von dem es hieß, dass er von Natur aus eine ungewöhnliche Reinheit des Herzens und eine sehr seltene Schlichtheit des Wesens besaß; trotzdem zeigte er kein besonderes Interesse an spirituellen Dingen. Eines Tages, er war damals sechsunddreißig, spürte Ramachandra ohne ersichtlichen Grund einen sehr heftigen Schmerz im Herzen, der allmählich von seinem gesamten Körper Besitz ergriff. Sechs Monate lang litt er, wie er sagt, unerträgliche physische Schmerzen, wobei seine Familie die ganze Zeit verzweifelt versuchte herauszufinden, was ihm solches Leiden verursachte. Ihre Bemühungen blieben erfolglos, denn niemand konnte die Ursache seiner Qualen feststellen. Und dann verschwand der Schmerz so plötzlich, wie er aufgetaucht war, und hinterließ keinerlei Spuren. Während er zuvor nicht das war, was man einen tiefen Denker nennen würde, löste diese Erfahrung in ihm jedoch eine intensive Nachdenklichkeit aus, die, wie man uns berichtet, monatelang andauerte. „Was war dieser Schmerz, der meinen Körper gequält hat?“ fragte er sich. „Was ist Gefangensein? Was ist Befreiung?“ Dank seines schlichten Wesens und der Reinheit seines Geistes gelangte er in kürzester Zeit an die Wurzel dieser Fragen. In seinen Nachforschungen stellte er fest, dass Schmerz Gefangensein ist und dass die tiefere Ursache von Gefangensein Karma ist. Der Verstand schafft das Karma, erkannte er, und der Verstand ist die Summe aller Gedanken, die sich mit dem kleinen Selbst beschäftigen. Am letzten Abend seiner nach innen gerichteten Erforschung fragte er sich: Was ist die Wurzel von weltlichem Besitz? Von Geld? Geld, so schloss er, ist das Wichtigste in der Welt, und alle Angst und Unsicherheit basiert auf der Verhaftung damit.


In dem Moment hatte er eine sehr kraftvolle Vision, die großartig und erschreckend zugleich war. Vor seinen Augen erschien eine außergewöhnlich schöne Frau, deren Körper ganz rot war und aus deren Mund sich zu seinem Entsetzen ein Strom von Blut ergoss. Er erkannte sie als die Verkörperung des Todes. Er betrachtete sie eine Weile, wobei ihn eine tief greifende Einsicht überkam. Die Wurzel des Geldes, so erkannte er, war Besitz. Und Besitz, so erkannte er, bedeutete Tod. Dann verschwand die Frauengestalt und eine Tür erschien; an diesem Punkt begann ein letztes Nachforschen in ihm. „Wer bin ich?“ fragte er sich. Da öffnete sich die Tür und er verließ seinen Körper durch den Scheitelpunkt seines Kopfes. „Göttliche Wesenheiten“ begrüßten



ihn und begleiteten ihn weiter auf seiner Reise zu dem, was er „die dritte Ebene“ nennt. Während dieses ganzen Vorgangs, der mitten in der Nacht stattfand, lag er auf dem Boden seines Zimmers und war allem Anschein nach physisch tot. Die ganze Zeit über saß Ishmael, ein muslimischer Bauer, der sein engster Schüler werden sollte, neben ihm; er wurde, so erzählte man uns, von etwas Unbekanntem angewiesen, sich um seinen Körper zu kümmern. Dann tauchte eine Lichtkugel auf, kauerte sich neben seine leblose Gestalt und trat dann in ihn ein.


Sobald das Licht Ajjas Körper betreten hatte, öffnete er seine Augen, und die ersten Worte, die er sprach, waren: „Der, der vorher da war, ist jetzt weg ein anderer ist gekommen.“ Er sprach weiter: „ Ich bin nicht der Körper, ich habe keine Mutter, ich habe keinen Vater. Ich bin dieses Strahlen.


Die nächsten drei Monate saß er ruhig in seinem Haus, während eine tiefe Stille in ihm immer intensiver wurde. Sein Geist stellte sich langsam auf seinen neuen Zustand ein, und er wurde so empfindlich, dass ihm schon das leiseste Geräusch absolut unerträglich war.

Am Ende dieser Phase trat er gänzlich verändert aus seinem Haus. Völlig berauscht ging er nackt umher, manchmal sang und tanzte er stundenlang im Regen, und manchmal starrte er endlos in die Sonne. Er schlief auf Felsen und unter Bäumen. Seine Familie dachte, er sei verrückt geworden, und brachte ihn schließlich in einem Heim unter. Wenn ihn die Ärzte nach seinem Namen fragten, antwortete er: „Ich habe keinen Namen.“ Wenn sie ihn fragten, wo er lebte, antwortete er: „Überall.“ Nach zwei Monaten erklärten die Ärzte, dass er nicht verrückt sei, und entließen ihn.

 


Die nächsten zwanzig Jahre zog er als Avadhuta (ein Wesen, das alle Sorgen abgelegt hat) umher und war so tief im Bewusstsein des SELBST absorbiert, dass er sich den überwiegenden Teil der Zeit der Welt um ihn herum nicht bewusst zu sein schien. Ishmael, jetzt sein ständiger Begleiter, kümmerte sich um seine körperlichen Bedürfnisse. Als er sich 1961 in Rishikesh in Nordindien befand, hörte er eine Stimme, die ihm zurief: „Komm zu mir. Du sollst zu mir kommen. Ich bin hier in Ganeshpuri.“ Er reagierte sofort darauf und ging nach Ganeshpuri, um den legendären Swami Nityananda zu treffen, mit dem er nur fünf Minuten verbrachte. Es fiel kein Wort, während sie sich fest in die Augen schauten. Diese Begegnung versetzte Ajja in die Lage, wieder „zur Erde zurückzukommen“, und kurz darauf begann er wieder Kleider zu tragen und mit anderen zu sprechen.


Wieder zurück in seinem kleinen Dorf, verbrachte er weiterhin den Großteil seiner Zeit in völligem Schweigen. Vor sieben Jahren hielt der berühmte Pandit Bannanje Govindacharya in Ajjas Dorf einen Vortrag über Vedanta, worin er die Menschen aufforderte, „nach innen zu gehen.“ Ajja, der dem Vortrag zuhörte, folgte seinen Anweisungen auf den Buchstaben genau. Da bemerkte ihn der Pandit, denn Ajja war plötzlich in einer mystischen Trance und fiel um. Als der Pandit zu ihm hinging und fragte: „Was ist mit dir?“ antwortete er unschuldig: „Du hast gesagt, ich soll nach innen gehen; ich bin nach innen gegangen.“


Govindacharya erkannte die Erfahrung Ajjas als übereinstimmend mit den Upanishaden (den klassischen Schriften über Vedanta) an, und als Ergebnis ihrer Begegnung, die sich zu einer warmen Freundschaft entwickelte, begann sich Ajjas Ruf als lebendiger Meister von Advaita, Nondualität, im ganzen südindischen Staat Karnataka zu verbreiten.


Es war ein früher Abend während der Konferenz, als Ajja einfach und unprätentiös zu einem größtenteils indischen Publikum über das Wesen unserer wahren Identität zu sprechen begann. Seine überaus große Verletzlichkeit war fast schmerzhaft anzusehen, er schien sich unwohl zu fühlen und an der Rolle, in die er hineingedrängt worden war, nämlich vor einer großen Menschenmenge zu sitzen, geradezu zu ersticken. Er sprach langsam und bedächtig, seine Worte waren einfach und von dem Kern des Seins durchdrungen. Er sprach von unvorstellbarer Glückseligkeit und vom vollständigen Transzendieren des Verstandes. Er beschrieb eine ungeheure Energie, die sich in seiner Wirbelsäule bewegte, und davon, wie wichtig es wäre, den ungeteilten Wunsch nach Moksha, Befreiung, zu verspüren. Immer wieder betonte er, wie absolut unerlässlich es ist, den Verstand zur Ruhe zu bringen, um das, was jenseits davon liegt, direkt zu erfahren. Während er sprach, wurde seine Echtheit eher dadurch deutlich, wie er war, als durch das, was er sagte. Da saß ein Mann, der kein Gesicht zu haben schien, der keinen Namen, und, was vor allem anderen am beeindruckendsten war, allem Anschein nach keinen Verstand und keine Persönlichkeit im normalen Sinn hatte. Sein Unbehagen angesichts des gesprochenen Wortes war offensichtlich, und er wiederholte immer wieder, dass „man über diese Dinge nicht sprechen kann?“ sie könnten nur durch direkte Erfahrung verstanden werden. Zu meiner Überraschung schienen nicht viele Zuhörer zu begreifen, wer Ajja war, denn einige verlangten durchaus aggressiv Echtheitsbeweise von diesem sanften Mann. Alles wurde noch schlimmer, als einige seiner glühenden Anhänger anfingen, in eindeutigen Worten lautstark zu verkünden, dass ihr Guru ein lebendes Beispiel für die höchste Errungenschaft ist, wie sie in den Upanishaden beschrieben wird. Es breitete sich in der Menge bald eine Atmosphäre wie im Zirkus aus. Inmitten des ganzen Chaos zog Ajja es vor zu schweigen.


Später am Abend ging ich mit einigen meiner Schüler zu Ajja, um mich mit ihm in seinem Zimmer zu treffen. Als wir ankamen, war er gerade Zielscheibe scharfer Fragen seitens des bekannten Physikers George Surdashan, der, abgesehen davon, dass er für den Nobelpreis nominiert gewesen war, auch engen Kontakt mit dem Maharishi Mahesh Yogi und dem großen J. Krishnamurti gehabt hatte. „Ajja“, fragte der Physiker, „wenn zwei Menschen nebeneinander stehen und den Mond hoch oben am Nachthimmel ansehen, warum empfindet dann der eine eine starke Neugier zu wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und warum interessiert es den anderen gar nicht?“ Ajja antwortete so, wie er viele Fragen beantwortet: „Man muss selbst die Erfahrung haben. Erst dann wird man verstehen können.“ Der Physiker wollte Ajjas Antwort nicht akzeptieren und behauptete, dass das wohl jeder sagen könnte, dass Ajja der Frage ausweiche und dass das ganz einfach keine akzeptable Antwort sei. Ich stellte fest, dass hinsichtlich des Geschehens, das hier ablief, zwei absolut unterschiedliche Empfindungen wechselweise in mir Gestalt annahmen. Auf der einen Seite beeindruckte mich die mutige Ablehnung des Physikers, etwas anderes als eine direkte Antwort von einem erleuchteten Menschen zu akzeptieren. Andererseits konnte ich aber auch nicht anders, als von dem bemerkenswerten Gleichmut Ajjas genauso beeindruckt zu sein. Auch wenn Ajja scheinbar nicht in der Lage war, direkt auf die Fragen zu antworten, war ich doch von der tiefen Sensibilität seines Wesens einfach berührt. Es erschien mir wie Ironie, dass auf der einen Seite der Physiker anscheinend die Größe des Mannes nicht erkannte, der ihm gegenüber saß, und dass auf der anderen Seite Ajja nicht verstehen konnte, warum seine Antwort für den Physiker keinen vernünftigen Sinn zu ergeben schien.


Ich besuchte Ajja noch zweimal und fuhr dazu von dem eine halbe Autostunde von Bangalore entfernten Ashram in die Stadt, wo er sich in der Wohnung eines seiner Anhänger aufhielt. Die Aufgabe, Ajja für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? zu interviewen, stellte sich als eine weit größere Herausforderung heraus, als wir im Vorhinein angenommen hatten. Da dieser Mann so tief und absolut in der nondualen Natur seines eigenen Selbst absorbiert ist, ist es ihm fast unmöglich, eine Frage zu verstehen, die es notwendig macht, eine Subjekt-Objekt-Beziehung in Betracht zu ziehen.


Nachdem wir Bangalore nach unserem ersten Drei-Stunden-Interview mit Ajja verließen, waren wir erstaunt, berührt, aber auch etwas verwirrt. In unseren Köpfen bestand kein Zweifel darüber, dass wir uns gerade in Gesellschaft eines tief erleuchteten Menschen befunden hatten, dessen „Zustand“ oder „das, was er erreicht hatte“ fraglos eine große Seltenheit war. In näherem Kontakt mit Ajja wurde uns sehr schnell klar, dass er jemand war, der diese Welt, und alle Menschen darin, bereits vor langer Zeit weit hinter sich gelassen hatte. Aber es gab da eigenartige Berichte von Seiten seiner Anhänger: Einer behauptete, Ajja sei tatsächlich die Reinkarnation von Mahatma Gandhi. Man sagte uns, dass der große Heilige und Pazifist, die revolutionäre Seele, Ramachandras leere Hülle betreten hatte, als dieser seinen Körper durch den Scheitel verließ. „Typisch Indien!“ dachte ich bei mir. Man erzählte uns auch, dass Ajja die hellsichtige Fähigkeit hatte, anderen zu offenbaren, wer sie in früheren Inkarnationen gewesen waren wenn er es aber tat, dann stellte sich praktisch immer heraus, dass es sich um Gefolgsmänner in Gandhis Revolution handelte. Also zwang ich mich bei unserem zweiten Besuch dazu, ihn zu fragen, ob das, was wir von einigen seiner Schüler gehört hatten, wahr wäre. War er die Reinkarnation von Mahatma Gandhi? Darauf antwortete er: „Ich habe die Universelle Seele erfahren.“ Aber diese Frage wurde nie völlig geklärt, denn Ajja ließ auch die Möglichkeit offen, dass es wahr sei, wenn auch nur in der Vorstellung von anderen. „Wir können nicht unser eigenes Gesicht sehen“, sagte er auch. „Das bleibt anderen überlassen.“


Letztlich war ich vor allem von dem völligen Fehlen eines persönlichen Selbst in diesem außerordentlichen Mann zutiefst berührt. In der Tat scheint er buchstäblich ein Beispiel für jemanden zu sein, dessen Verstand und Körper wahrhaftig ein leeres Gefäß geworden sind, durch das das Eine ohne ein Zweites hindurchstrahlt, ohne den Makel der geringsten Spur von Individualität.

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WIE Ausgabe 3:
Unsere Ausgabe zum Thema Advaita und Buddhismus


Eine Auseinandersetzung mit Buddhismus und Advaita Vedanta. Interviews mit: Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, Stephen Batchelor, Ramesh Balsekar, Helen Tworkov, Vijai Shankar, Frances Vaughan, Swami Dayananda, Peter Masefield



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