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Wer Ist Ajja?


Eine Begegnung mit dem Absoluten
von Andrew Cohen

Einleitung

Im Vivekananda Kendra Ashram in der Nähe von Bangalore, Indien, wird jedes zweite Jahr eine Konferenz mit dem Titel „Grenzgebiete der Yoga-Forschung und ihre Anwendung“ abgehalten. Das Thema ist immer die Beziehung zwischen Wissenschaft und Spiritualität, Bewusstseinsforschung und medizinischer Anwendung von Yoga. Bei meinem ersten Besuch wusste ich nicht, was mich erwarten würde, aber als ich zum zweiten Mal dort war, als eingeladener Redner, um über „Erleuchtung“ zu sprechen, war mir bereits klar, dass bei dieser Konferenz alles möglich ist. Bei diesem Ereignis, wo sich das Weltliche und das Spirituelle treffen und gleichzeitig auf so vielen Niveaus vermischen, findet sich eine überaus ungewöhnliche Schar von Menschentypen in einer Art Eintopf zusammen, wie ihn nur Mutter Indien zubereiten kann. Aber obwohl ich das wusste, ahnte ich noch nicht, als ich im letzten Dezember wieder nach Südindien kam, dass ich die seltene Gelegenheit haben würde, etwas Zeit mit diesem so kostbaren Juwel zu verbringen – mit einem voll erleuchteten Jnani, einem Menschen, der das ABSOLUTE SELBST verwirklicht. hat.


Ajja, „Großvater“, wie ihn alle, die ihn kennen, liebevoll nennen, ist ein lebendiges Beispiel für das sagenhafte spirituelle Vermächtnis Indiens, und seine persönliche Geschichte ist ebenso seltsam und mysteriös wie wunderbar. Ramachandra, geboren 1916, war ein wohlhabender Bauer und Grundbesitzer, von dem es hieß, dass er von Natur aus eine ungewöhnliche Reinheit des Herzens und eine sehr seltene Schlichtheit des Wesens besaß; trotzdem zeigte er kein besonderes Interesse an spirituellen Dingen. Eines Tages, er war damals sechsunddreißig, spürte Ramachandra ohne ersichtlichen Grund einen sehr heftigen Schmerz im Herzen, der allmählich von seinem gesamten Körper Besitz ergriff. Sechs Monate lang litt er, wie er sagt, unerträgliche physische Schmerzen, wobei seine Familie die ganze Zeit verzweifelt versuchte herauszufinden, was ihm solches Leiden verursachte. Ihre Bemühungen blieben erfolglos, denn niemand konnte die Ursache seiner Qualen feststellen. Und dann verschwand der Schmerz so plötzlich, wie er aufgetaucht war, und hinterließ keinerlei Spuren. Während er zuvor nicht das war, was man einen tiefen Denker nennen würde, löste diese Erfahrung in ihm jedoch eine intensive Nachdenklichkeit aus, die, wie man uns berichtet, monatelang andauerte. „Was war dieser Schmerz, der meinen Körper gequält hat?“ fragte er sich. „Was ist Gefangensein? Was ist Befreiung?“ Dank seines schlichten Wesens und der Reinheit seines Geistes gelangte er in kürzester Zeit an die Wurzel dieser Fragen. In seinen Nachforschungen stellte er fest, dass Schmerz Gefangensein ist und dass die tiefere Ursache von Gefangensein Karma ist. Der Verstand schafft das Karma, erkannte er, und der Verstand ist die Summe aller Gedanken, die sich mit dem kleinen Selbst beschäftigen. Am letzten Abend seiner nach innen gerichteten Erforschung fragte er sich: Was ist die Wurzel von weltlichem Besitz? Von Geld? Geld, so schloss er, ist das Wichtigste in der Welt, und alle Angst und Unsicherheit basiert auf der Verhaftung damit.


In dem Moment hatte er eine sehr kraftvolle Vision, die großartig und erschreckend zugleich war. Vor seinen Augen erschien eine außergewöhnlich schöne Frau, deren Körper ganz rot war und aus deren Mund sich zu seinem Entsetzen ein Strom von Blut ergoss. Er erkannte sie als die Verkörperung des Todes. Er betrachtete sie eine Weile, wobei ihn eine tief greifende Einsicht überkam. Die Wurzel des Geldes, so erkannte er, war Besitz. Und Besitz, so erkannte er, bedeutete Tod. Dann verschwand die Frauengestalt und eine Tür erschien; an diesem Punkt begann ein letztes Nachforschen in ihm. „Wer bin ich?“ fragte er sich. Da öffnete sich die Tür und er verließ seinen Körper durch den Scheitelpunkt seines Kopfes. „Göttliche Wesenheiten“ begrüßten ihn und begleiteten ihn weiter auf seiner Reise zu dem, was er „die dritte Ebene“ nennt. Während dieses ganzen Vorgangs, der mitten in der Nacht stattfand, lag er auf dem Boden seines Zimmers und war allem Anschein nach physisch tot. Die ganze Zeit über saß Ishmael, ein muslimischer Bauer, der sein engster Schüler werden sollte, neben ihm; er wurde, so erzählte man uns, von etwas Unbekanntem angewiesen, sich um seinen Körper zu kümmern. Dann tauchte eine Lichtkugel auf, kauerte sich neben seine leblose Gestalt und trat dann in ihn ein.


Sobald das Licht Ajjas Körper betreten hatte, öffnete er seine Augen, und die ersten Worte, die er sprach, waren: „Der, der vorher da war, ist jetzt weg ein anderer ist gekommen.“ Er sprach weiter: „ Ich bin nicht der Körper, ich habe keine Mutter, ich habe keinen Vater. Ich bin dieses Strahlen.


Die nächsten drei Monate saß er ruhig in seinem Haus, während eine tiefe Stille in ihm immer intensiver wurde. Sein Geist stellte sich langsam auf seinen neuen Zustand ein, und er wurde so empfindlich, dass ihm schon das leiseste Geräusch absolut unerträglich war.

Am Ende dieser Phase trat er gänzlich verändert aus seinem Haus. Völlig berauscht ging er nackt umher, manchmal sang und tanzte er stundenlang im Regen, und manchmal starrte er endlos in die Sonne. Er schlief auf Felsen und unter Bäumen. Seine Familie dachte, er sei verrückt geworden, und brachte ihn schließlich in einem Heim unter. Wenn ihn die Ärzte nach seinem Namen fragten, antwortete er: „Ich habe keinen Namen.“ Wenn sie ihn fragten, wo er lebte, antwortete er: „Überall.“ Nach zwei Monaten erklärten die Ärzte, dass er nicht verrückt sei, und entließen ihn.

 


Die nächsten zwanzig Jahre zog er als Avadhuta (ein Wesen, das alle Sorgen abgelegt hat) umher und war so tief im Bewusstsein des SELBST absorbiert, dass er sich den überwiegenden Teil der Zeit der Welt um ihn herum nicht bewusst zu sein schien. Ishmael, jetzt sein ständiger Begleiter, kümmerte sich um seine körperlichen Bedürfnisse. Als er sich 1961 in Rishikesh in Nordindien befand, hörte er eine Stimme, die ihm zurief: „Komm zu mir. Du sollst zu mir kommen. Ich bin hier in Ganeshpuri.“ Er reagierte sofort darauf und ging nach Ganeshpuri, um den legendären Swami Nityananda zu treffen, mit dem er nur fünf Minuten verbrachte. Es fiel kein Wort, während sie sich fest in die Augen schauten. Diese Begegnung versetzte Ajja in die Lage, wieder „zur Erde zurückzukommen“, und kurz darauf begann er wieder Kleider zu tragen und mit anderen zu sprechen.


Wieder zurück in seinem kleinen Dorf, verbrachte er weiterhin den Großteil seiner Zeit in völligem Schweigen. Vor sieben Jahren hielt der berühmte Pandit Bannanje Govindacharya in Ajjas Dorf einen Vortrag über Vedanta, worin er die Menschen aufforderte, „nach innen zu gehen.“ Ajja, der dem Vortrag zuhörte, folgte seinen Anweisungen auf den Buchstaben genau. Da bemerkte ihn der Pandit, denn Ajja war plötzlich in einer mystischen Trance und fiel um. Als der Pandit zu ihm hinging und fragte: „Was ist mit dir?“ antwortete er unschuldig: „Du hast gesagt, ich soll nach innen gehen; ich bin nach innen gegangen.“


Govindacharya erkannte die Erfahrung Ajjas als übereinstimmend mit den Upanishaden (den klassischen Schriften über Vedanta) an, und als Ergebnis ihrer Begegnung, die sich zu einer warmen Freundschaft entwickelte, begann sich Ajjas Ruf als lebendiger Meister von Advaita, Nondualität, im ganzen südindischen Staat Karnataka zu verbreiten.


Es war ein früher Abend während der Konferenz, als Ajja einfach und unprätentiös zu einem größtenteils indischen Publikum über das Wesen unserer wahren Identität zu sprechen begann. Seine überaus große Verletzlichkeit war fast schmerzhaft anzusehen, er schien sich unwohl zu fühlen und an der Rolle, in die er hineingedrängt worden war, nämlich vor einer großen Menschenmenge zu sitzen, geradezu zu ersticken. Er sprach langsam und bedächtig, seine Worte waren einfach und von dem Kern des Seins durchdrungen. Er sprach von unvorstellbarer Glückseligkeit und vom vollständigen Transzendieren des Verstandes. Er beschrieb eine ungeheure Energie, die sich in seiner Wirbelsäule bewegte, und davon, wie wichtig es wäre, den ungeteilten Wunsch nach Moksha, Befreiung, zu verspüren. Immer wieder betonte er, wie absolut unerlässlich es ist, den Verstand zur Ruhe zu bringen, um das, was jenseits davon liegt, direkt zu erfahren. Während er sprach, wurde seine Echtheit eher dadurch deutlich, wie er war, als durch das, was er sagte. Da saß ein Mann, der kein Gesicht zu haben schien, der keinen Namen, und, was vor allem anderen am beeindruckendsten war, allem Anschein nach keinen Verstand und keine Persönlichkeit im normalen Sinn hatte. Sein Unbehagen angesichts des gesprochenen Wortes war offensichtlich, und er wiederholte immer wieder, dass „man über diese Dinge nicht sprechen kann?“ sie könnten nur durch direkte Erfahrung verstanden werden. Zu meiner Überraschung schienen nicht viele Zuhörer zu begreifen, wer Ajja war, denn einige verlangten durchaus aggressiv Echtheitsbeweise von diesem sanften Mann. Alles wurde noch schlimmer, als einige seiner glühenden Anhänger anfingen, in eindeutigen Worten lautstark zu verkünden, dass ihr Guru ein lebendes Beispiel für die höchste Errungenschaft ist, wie sie in den Upanishaden beschrieben wird. Es breitete sich in der Menge bald eine Atmosphäre wie im Zirkus aus. Inmitten des ganzen Chaos zog Ajja es vor zu schweigen.


Später am Abend ging ich mit einigen meiner Schüler zu Ajja, um mich mit ihm in seinem Zimmer zu treffen. Als wir ankamen, war er gerade Zielscheibe scharfer Fragen seitens des bekannten Physikers George Surdashan, der, abgesehen davon, dass er für den Nobelpreis nominiert gewesen war, auch engen Kontakt mit dem Maharishi Mahesh Yogi und dem großen J. Krishnamurti gehabt hatte. „Ajja“, fragte der Physiker, „wenn zwei Menschen nebeneinander stehen und den Mond hoch oben am Nachthimmel ansehen, warum empfindet dann der eine eine starke Neugier zu wissen, warum die Dinge so sind, wie sie sind, und warum interessiert es den anderen gar nicht?“ Ajja antwortete so, wie er viele Fragen beantwortet: „Man muss selbst die Erfahrung haben. Erst dann wird man verstehen können.“ Der Physiker wollte Ajjas Antwort nicht akzeptieren und behauptete, dass das wohl jeder sagen könnte, dass Ajja der Frage ausweiche und dass das ganz einfach keine akzeptable Antwort sei. Ich stellte fest, dass hinsichtlich des Geschehens, das hier ablief, zwei absolut unterschiedliche Empfindungen wechselweise in mir Gestalt annahmen. Auf der einen Seite beeindruckte mich die mutige Ablehnung des Physikers, etwas anderes als eine direkte Antwort von einem erleuchteten Menschen zu akzeptieren. Andererseits konnte ich aber auch nicht anders, als von dem bemerkenswerten Gleichmut Ajjas genauso beeindruckt zu sein. Auch wenn Ajja scheinbar nicht in der Lage war, direkt auf die Fragen zu antworten, war ich doch von der tiefen Sensibilität seines Wesens einfach berührt. Es erschien mir wie Ironie, dass auf der einen Seite der Physiker anscheinend die Größe des Mannes nicht erkannte, der ihm gegenüber saß, und dass auf der anderen Seite Ajja nicht verstehen konnte, warum seine Antwort für den Physiker keinen vernünftigen Sinn zu ergeben schien.


Ich besuchte Ajja noch zweimal und fuhr dazu von dem eine halbe Autostunde von Bangalore entfernten Ashram in die Stadt, wo er sich in der Wohnung eines seiner Anhänger aufhielt. Die Aufgabe, Ajja für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? zu interviewen, stellte sich als eine weit größere Herausforderung heraus, als wir im Vorhinein angenommen hatten. Da dieser Mann so tief und absolut in der nondualen Natur seines eigenen Selbst absorbiert ist, ist es ihm fast unmöglich, eine Frage zu verstehen, die es notwendig macht, eine Subjekt-Objekt-Beziehung in Betracht zu ziehen.


Nachdem wir Bangalore nach unserem ersten Drei-Stunden-Interview mit Ajja verließen, waren wir erstaunt, berührt, aber auch etwas verwirrt. In unseren Köpfen bestand kein Zweifel darüber, dass wir uns gerade in Gesellschaft eines tief erleuchteten Menschen befunden hatten, dessen „Zustand“ oder „das, was er erreicht hatte“ fraglos eine große Seltenheit war. In näherem Kontakt mit Ajja wurde uns sehr schnell klar, dass er jemand war, der diese Welt, und alle Menschen darin, bereits vor langer Zeit weit hinter sich gelassen hatte. Aber es gab da eigenartige Berichte von Seiten seiner Anhänger: Einer behauptete, Ajja sei tatsächlich die Reinkarnation von Mahatma Gandhi. Man sagte uns, dass der große Heilige und Pazifist, die revolutionäre Seele, Ramachandras leere Hülle betreten hatte, als dieser seinen Körper durch den Scheitel verließ. „Typisch Indien!“ dachte ich bei mir. Man erzählte uns auch, dass Ajja die hellsichtige Fähigkeit hatte, anderen zu offenbaren, wer sie in früheren Inkarnationen gewesen waren wenn er es aber tat, dann stellte sich praktisch immer heraus, dass es sich um Gefolgsmänner in Gandhis Revolution handelte. Also zwang ich mich bei unserem zweiten Besuch dazu, ihn zu fragen, ob das, was wir von einigen seiner Schüler gehört hatten, wahr wäre. War er die Reinkarnation von Mahatma Gandhi? Darauf antwortete er: „Ich habe die Universelle Seele erfahren.“ Aber diese Frage wurde nie völlig geklärt, denn Ajja ließ auch die Möglichkeit offen, dass es wahr sei, wenn auch nur in der Vorstellung von anderen. „Wir können nicht unser eigenes Gesicht sehen“, sagte er auch. „Das bleibt anderen überlassen.“


Letztlich war ich vor allem von dem völligen Fehlen eines persönlichen Selbst in diesem außerordentlichen Mann zutiefst berührt. In der Tat scheint er buchstäblich ein Beispiel für jemanden zu sein, dessen Verstand und Körper wahrhaftig ein leeres Gefäß geworden sind, durch das das Eine ohne ein Zweites hindurchstrahlt, ohne den Makel der geringsten Spur von Individualität.





Interview

Ajja: Wir sollten uns einander zuerst vorstellen, um eine Basis für Verstehen und Harmonie zu schaffen. Dann können wir mit unserem Gespräch beginnen. Nur dann wird dieses Gespräch sinnvoll sein. Andernfalls bleiben die Worte nichts als Worte. Als wir uns neulich trafen, beschrieben Sie die Erfahrung ihres Erwachens, aber die anderen Leute hier waren damals nicht dabei; könnten Sie es bitte noch einmal beschreiben?

Andrew Cohen:
Ich war sechzehn.

Ajja:
Wer war sechzehn?

AC:
Das Individuum, der junge Mann, der davon überzeugt war, dass es ein Problem gab, dass etwas nicht in Ordnung war.

Ajja:
Sie können weitersprechen.

AC:
Plötzlich öffneten sich die Tore der Wahrnehmung. Es war so, als wären die Mauern des Raumes verschwunden und als wäre da plötzlich unendlicher Raum. Und dieser unendliche Raum war voller Energie. Und diese Energie besaß Bewusstsein, sie war sich ihrer selbst bewusst.

Ajja:
Und das, was Sie jetzt sind - ist das dieses Gewahrsein selbst?

AC:
Ja..

Ajja:
Also meinen Sie nicht diesen Körper, wenn Sie sagen „Ich“. Das Gewahrsein, das sie damals erfuhren, ist das das „Ich“, das Sie auch jetzt spüren?

AC:
Ja, es ist dasselbe.

Ajja:
Es ist nicht dieser Körper?

AC:
Es gibt nur ein „Ich“.

Ajja:
Und was geschah danach?

AC:
Dann erkannte ich, dass diese Energie, die sich ihrer selbst bewusst war, Intelligenz besaß - da war Intelligenz - und dass ihr Wesen Liebe war. Unerträgliche Liebe. Beängstigend heftige Liebe. Und es wurde auch deutlich, dass alles das, was im manifesten Universum existiert, von derselben Substanz war, nämlich dieses Bewusstein. Und es wurde mir dabei klar, dass jeder Punkt im Raum genau derselbe Punkt war wie jeder andere. Wir sind zum Beispiel jetzt hier in diesem Zimmer. Wir sind gerade aus Prashanti gekommen. Davor war ich in Europa. Davor war ich in Amerika. All das scheinen verschiedene Orte zu sein, aber das, was ich in jenem Moment erkannte, war, dass jeder Ort, wo auch immer ich hätte sein können, derselbe Punkt ist, buchstäblich und tatsächlich. Und dann waren da auch Tränen, aber ich habe nicht geweint. Und meine Kehle schloss und öffnete sich.
Schließlich wurde diese Erfahrung schwächer. Aber dann, sechs Jahre später, als ich zweiundzwanzig war, begann ich wieder nach dieser Erfahrung zu suchen, denn wenn ich in der Zwischenzeit auch das Gefühl hatte, dass sie sehr weit von mir weg war, wusste ich doch, dass sie die realste Erfahrung meines Lebens gewesen war. Ich begann
Sadhana (spirituelle Praxis) zu machen, hatte mehrere Erfahrungen und war bei vielen verschiedenen Lehrern. Und als ich dann schließlich meinen letzten Lehrer traf, erzählte ich ihm davon. Im Laufe der Jahre hatte ich vielen Menschen von dieser Erfahrung erzählt, und sie hatten nie gewusst, was sie dazu sagen sollten, als ich es aber ihm erzählte, sagte er: „Dann hast du alles erfahren.“ Und als er das sagte, begann es zurückzukommen. Dann erlebte ich mehrere Wochen lang diese überwältigende Liebe und die Hitze und das Brennen. Nachdem das geschehen war, stellte ich fest, dass ich spontan über das Absolute sprach - ich konnte nichts dagegen tun; ich begann davon zu sprechen, und dann kam es in den Raum. Und mein Körper füllte sich mit Glückseligkeit, und andere Menschen spürten diese Glückseligkeit und wurden in die Erfahrung hineingezogen.

Ajja:
Was ist Ihr augenblicklicher Zustand?

AC:
Das ist die Erfahrung, die ich jetzt habe. Es geschieht, wenn ich Vorträge halte, wenn ich über das Absolute spreche. Dann kommt diese Erfahrung, und wenn ich aufhöre, davon zu sprechen, dann gehe ich wieder in einen etwas normaleren Zustand. Aber der Unterschied ist jetzt, dass ich keinen Zweifel mehr habe - die Beschäftigung mit mir selbst und die Sorgen sind verschwunden -, und diese Liebe, der ich damals begegnet bin, ist mein ganzes Leben.

Ajja:
Zuerst war „Ich“ ein eingeschränktes „Ich“. Später begann es sich auszudehnen, und dann erreichten Sie einen Zustand, wo es weder Raum noch Zeit gibt, sogar jenseits von Emotionen. Darin werden „Du“ und „Ich“ eins das höchste Göttliche. Wir gebrauchen nur das Wort „Ich“. Alles, was in diesem Körper ist, dafür sagen wir „Ich“ als eine einfache Beschreibung. Wir sagen, das bin „Ich“, aber ich bin nichts. Ich bin nicht der Körper. Ich bin nicht einmal eine Energie. Das, was wirklich existiert, ist das Es, das seinem Wesen nach Licht ist, sein Wesen ist Satya (die letztendliche Wirklichkeit). Es ist Wahrheit, es ist Glückseligkeit, es ist Frieden, und das ist das wirkliche Sein.
Wer ist diese Energie, diese Kraft? Was ist die Quelle davon? Wer bin ich? Was ist meine Quelle? Ich bin diese Energie. Ich bin diese Kraft, die meine Quelle ist. Wenn ich mich also auf die Suche mache nach der Quelle dieses „Ich“, dann erreiche ich diese Erleuchtung meines Selbsts. Dann erhebt sich diese Energie, die in diesem Körper existiert, die diesen Körper bewohnt, auch selbst aus dieser Erleuchtung des Selbsts. Und sie besitzt alle Eigenschaften und das Wesen von diesem Es. Wenn ich das also weiß, beginne ich mich zu entwickeln. Dieses „Ich“ beginnt sich zu entwickeln, um „Es“ selbst zu werden. Das ist sein Wesen. Die totale Expansion ist sein natürliches Wesen.
Was ist also dieses „Ich“, das wir „Ich“ nannten? Dieser Körper ist nicht „Ich“. Derjenige, der den Körper bewohnt, ist das wahre „Ich“. Diese Kraft, diese Shakti, ist Ich. Wenn ein Mensch in diesen selbst-erleuchteten Zustand gelangt und erkennt, dass das sein wahres Wesen ist, dann wird er auch feststellen, dass es ihn mit den Eigenschaften der Erleuchtung, nämlich Ausdehnung und Mitgefühl, versehen hat. Das individuelle Selbst ist eins mit Dem geworden. Alles, was er um sich herum sieht, woher kommt es? Es ist klar, dass es immer aus dem Inneren kommt; in jedem Moment scheint es einfach aus dem Inneren zu entspringen. So sieht die ganze uns umgebende Welt für eine verwirklichte Seele aus.
Alles ist aus diesem „Ich“ entstanden. Die wichtigsten Antworten, wie entstehen sie? Es ist nicht so, dass sie irgendwo niedergeschrieben worden wären. Diese Antworten sind einfach gekommen. Nicht aus dem individuellen Selbst, sondern aus diesem Zustand sind sie gekommen. Es gibt also kein kleines Selbst! Es taucht einfach nur spontan auf.
Was ist also für die individuelle Seele, die die totale Befreiung anstrebt, der einfachste und direkteste Weg zur Befreiung aus dem Zyklus von Geburt und Tod? Die Antwort auf diese Frage kommt dann, wenn der Verstand ganz still geworden ist. Daher sind nicht meine Worte wichtig. Wir müssen diese Antworten selbst finden, und das können wir nur dann, wenn wir unseren Verstand zur Ruhe bringen. Jeder von uns hat die Fähigkeit, diese Antworten zu finden, denn jede Frage hat eine Antwort in der Stille. Wenn der Verstand einen Zustand der Ruhe erreicht hat, dann kommt die Antwort. Das geschieht nicht in ein, zwei Tagen, aber es ist absolut sicher, dass wir die Antwort in der Stille finden werden.

AC:
Ich verstehe Sie also so, dass es dann, wenn der Verstand ruhig ist, kein Problem gibt, und dass es daher auch nicht notwendig ist, nach einer Lösung zu suchen. Ich hätte aber doch einige Fragen, die ich Ihnen gerne stellen würde, um der vielen Menschen willen, die das hier lesen werden.

Ajja:
Egal, welche Fragen Sie stellen, die Antwort, die hier herauskommt, ist: „Bringe den Verstand zur Ruhe.“ Zuerst muss der Verstand auf sich selbst konzentriert werden. Wenn Sie dann noch immer eine perfekte Antwort brauchen, dann ist mein Leben selbst die Antwort. Wenn Sie sehen, wie ich handle, können Sie es verstehen, können Sie Es verwirklichen. Das ist meine Botschaft. Das ist meine Antwort.

AC:
Darf ich Ihnen trotzdem eine Frage stellen? Es ist eine gute Frage.

Ajja:
Wenn ich eine Antwort gebe, dann sollte das auch zu etwas nütze sein. Worauf es ankommt, ist das Handeln. Wenn die Botschaft überbracht worden ist, werden die Menschen sie dann auch in die Tat umsetzen?

AC:
Eben darauf bezieht sich meine Frage: Was ist die Beziehung zwischen Nicht-Existenz und Handeln in Raum und Zeit?

Ajja:
Man verliert seine Existenz durch Erkenntnis und Handeln. Durch diese beiden wird man frei. Dann ist man selbst ein Jivan Mukta (ein Befreiter). Aber wenn dieses „Ich“ weg ist, was bleibt dann? Wo ist dann die Frage?

AC:
Aber drückt nicht der Jnani (das selbstverwirklichte Individuum), der Jivan Mukta, auch wenn er frei ist, noch immer etwas durch sein Handeln aus?

Ajja:
Ich habe nicht das Bewusstsein, „Ich bin ein Jnani“oder „Ich bin ein Jivan Mukta Ich habe gar nichts. Wenn das „Ich“ verschwunden ist, dann entsteht im Bewusstsein nicht einmal das Gefühl von „Ich“. Es ist total weg. Für einen Jnani stellt sich also diese Frage nicht einmal. Wenn von Denken gar nicht die Rede ist, dann findet kein normales Alltagshandeln statt. Unsere Gedanken haben sich in Kontemplation verwandelt. Dann werden unsere routinemäßigen Interaktionen im Alltag spirituell. So wird dann die normale Routine selbst zum spirituellen Leben. Das ist dann an und für sich das yogische Leben. Das ist an und für sich göttliches Leben.

AC:
Es gibt da ein Mysterium, das mich nicht loslässt. Aus nichts wurde etwas; es ist buchstäblich der Beginn von allem. So ist es auch beim Jivan Mukta: er ist nichts, er ist in nichts. Und doch entsteht aus nichts etwas: Worte, Handlungen usw. Darüber würde ich gerne mehr wissen.

Ajja:
Ich habe bereits beschrieben, wie die Alltagshandlungen selbst in spirituelle Handlungen verwandelt werden können. Wenn ein Mensch, der mit Alltagshandlungen und -pflichten befasst ist, diese Absicht hat, dann verändert er sich. In dem Maße, in dem er auf dem Pfad der Entwicklung voranschreitet, durch Kontemplation über den Gedanken „Wer bin ich?“ - wer ist diese individuelle Seele? - findet er vollständige Befreiung aus dem Kreislauf von Geburt und Tod, auch wenn er noch in diesem Körper ist. Er wird das Selbst an sich, und das Selbst ist absolute Freiheit. Das ist wahre Freiheit. Diese Verwirklichung ist der Sinn der menschlichen Geburt. Nur aus diesem einzigen Grund wird eine menschliche Geburt genommen. Wenn dieser Zweck erfüllt ist, dann ist unser Leben erfüllt. Es ist ein Zustand, der keine weitere Geburt mehr nach sich zieht. Es ist ein Leben frei von Dualität und jenseits des Todes. Das kann überall auf der Welt geschehen. Das gilt für die gesamte Menschheit. Wenn die gesamte Menschheit das versteht und in die Tat umsetzt, wo ist dann die Frage?

AC:
Es wird keinen Unterschied zwischen Leben und Tod geben.

Ajja:
Ja. Nur wo es Geburt gibt, kann es Tod geben. Wo ist da die Geburt? Wir denken: „Ich bin dieser Körper. Alle Sinnesobjekte, die mit dem Körper in Beziehung stehen, gehören mir. Mit einem so eingeschränkten Empfinden wird ein Mensch, der in Handlung verstrickt ist und die Freuden und Leiden erlebt, die aus diesem Handeln entstehen, immer wieder in dieser Welt geboren werden. Seine Leben gehen also gemäß seinen Handlungen weiter. Das ist das Geheimnis von Geburt, Leben und Tod. Wenn das individuelle Selbst aber von den Banden der Handlungen und auch von der Bindung durch seinen Körper befreit ist, dann wird es eins mit dem höchsten Selbst. Wenn das Individuum durch Kontemplation über die Frage „Wer bin ich?“ frei von Karma wird, dann entwickelt es sich, es wird selbst das aus sich heraus strahlende Höchste. Das an sich ist das Selbst. Das an sich ist Glückseligkeit. Das an sich ist Satya, die letztendliche Realität. Das an sich ist Leben. Das an sich ist Selbstverwirklichung.
Selbstverwirklichung ist also für das Wohl des Ganzen. Sie verheißt Glück und Gutes für das gesamte Universum. Das ist der Sinn des menschlichen Lebens. Wenn wir das Geheimnis verstehen, das darin liegt, werden wir wirklich die Beziehung zwischen der individuellen Seele, der höchsten Seele und dem Universum verstehen. Der einzelne Mensch ist Teil des Kosmos. Dieser Körper, dieses „Ich“, ist nichts anderes als ein Mikrokosmos dieses makrokosmischen Universums. Wenn wir die Mikro-Ebene verstehen, dann müssen wir notwendigerweise auch das Makro-Universum verstehen. Jeder, der hier sucht, muss notwendigerweise dorthin kommen, denn diese Individualität ist Teil von Dem. Und es enthält auch alles. Alle Geheimnisse von Dem enthält es auch. Durch das Erforschen des Individuums - sogar des Atoms - kann die Grundlage des gesamten Universums verstanden werden.
Wie wird diese Freiheit verwirklicht? Allein durch Handeln kommt Verwirklichung. Das ist Jnana, das ist Freiheit, das ist Moksha (Befreiung). Wir müssen verstehen, wie wir durch Handeln diesen Zustand erreichen können. Welche Art der Handlung wird uns dabei helfen, Befreiung zu finden? Das Singen von Gottes Namen, Kontemplation, Hingabe, Wahrhaftigkeit, Gewaltlosigkeit, unverhaftetes Handeln. Ein Mensch, der in seiner Lebensspanne die Selbsterkenntnis in Handlung umsetzen kann, verdient es, diesen erhabenen glückseligen Zustand zu verwirklichen. Nicht nur das, er wird Glückseligkeit an sich. „Wer bin ich? Was ist das Geheimnis meines Lebens, meiner Geburt?“ Wenn er das versteht, wenn er das durch seine Suche verwirklicht, auch wenn er mit Handlungen und Pflichten beschäftigt ist, dann gelangt er zu seiner ursprünglichen Natur, die Glückseligkeit ist. Also wird er durch Handeln transformiert.

AC:
Wenn Sie über Karma Yoga sprechen, über das ungebundene Handeln, meinen Sie dann spezifisch die spirituelle Praxis? Oder jede Form von ungebundenem Handeln?

Ajja:
Jede Handlung, die als Pflicht ausgeführt wird, ohne Erwartung eines Ergebnisses. Jede Handlung verwandelt sich in Pflicht, wenn sie ohne Erwartungen und Selbstsucht ausgeführt wird. Das führt zu einem Zustand, in dem es keine Emotionen mehr gibt. Man handelt, aber man tut nicht. Es herrscht nicht das Gefühl: „Ich tue etwas.“ Was ist mit diesem „Ich“ geschehen?
Diese Entwicklung erfolgt schrittweise. Sie geschieht nicht plötzlich. Sie muss verschiedene Phasen durchmachen. Auf jeden Fall ist allerdings auch der elementarste Zustand von Glückseligkeit bereits Glückseligkeit. Das Wesen von Glückseligkeit ist Glückseligkeit an sich. Glückseligkeit an sich ist das Wesen von Glückseligkeit. Glückseligkeit ist Glückseligkeit an sich. Glückseligkeit ist Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit ist ewige Wirklichkeit. Diese Glückseligkeit ist ewige Wahrheit. Diese Glückseligkeit, die ewige Wirklichkeit ist, ist die ewige Glückseligkeit. Das ist höchste Glückseligkeit. Das ist die Glückseligkeit Brahmans (des Absoluten). Und das an sich ist Ananda (spirituelle Glückseligkeit). Da gibt es nichts - keinen Zustand. Erfahrungen und Worte reichen dort nicht hin. Das wahre Wesen des individuellen Selbst an und für sich ist diese Glückseligkeit. Und der einfachste und kürzeste Weg ist es, immer in Sahaja (im natürlichen Zustand) zu verweilen, der unser ursprüngliches Wesen ist.
Es könnte sich die Frage stellen: „Wo ist diese Glückseligkeit?“ Diese Glückseligkeit ist hier und jetzt, stets gegenwärtig. Wenn dieser Jivatma (das individuelle Selbst) abgeworfen worden ist, dann ist diese Glückseligkeit da, sie existiert bereits. Die individuelle Seele ist durch Handlungen gefesselt, das Höchste aber nicht. Es gibt für das Selbst auch keine Geburt. Gehen wir also über diese dualistische Welt des Handelns hinaus, entwickeln wir uns und erreichen den Paramatma (das höchste Selbst).
Für all das ist Meditation der Ausgangspunkt. Zu Beginn sollte man sitzen. Man sollte diese innere Vorbereitung haben. Man sollte sich disziplinieren. Aber es genügt nicht, nur zu sitzen. Nicht nur der Körper muss sitzen; auch der Verstand muss sitzen. Der Verstand sollte nicht umherwandern. Solange der Verstand nicht beherrscht wird, gibt es keine Meditation. Es ist das Wandern des Verstandes selbst, das die Welt ausmacht.

AC:
Ja. Der Verstand ist die Welt.

Ajja:
Der Verstand muss also zuerst ruhig werden. Der Verstand wandert herum, und das muss aufhören. Durch Meditation richtet sich der Geist nach innen. Und das sollte nicht nur in der Meditation so sein, sondern auch inmitten von Aktivität.
Nichts von dem, was wir in dieser Welt für real halten, ist es auch tatsächlich. Wenn diese Welt für dich unwirklich wird, dann enthüllt sich die wahre Wirklichkeit. Das ist der Anfang. Da erkennen wir, dass es keinen Tod gibt, dass es kein Leben gibt, dass es nur die Existenz gibt. Früher oder später muss jeder von uns sterben. Aber ich meine nicht den Tod dieses Körpers. Es gibt eine andere Art von Tod - einen Tod, aus dem es keine Wiedergeburt gibt. Wenn das stirbt, was immer wieder zur Reinkarnation zurückkommt, dann ist das der wirkliche Tod - so wie in meinem Fall, wo alle Erfahrungen vergangen sind. Nun, hier in diesem Zustand, gibt es gar nichts.

AC: Wenn Sie sagen, dass es hier gar nichts gibt, meinen Sie dann damit, dass Sie eben in diesem Moment keine Erfahrung haben? Sie scheinen eine ganze Menge zum Ausdruck zu bringen.

Ajja:
Wessen Erfahrung? Es kommen Worte, das stimmt. Durch dieses Vehikel handelt irgendeine unbekannte Kraft, irgendeine Energie arbeitet, die diesen Körper als Werkzeug verwendet. Nicht dieser Körper hier spricht. Eine Energie inspiriert diesen Körper, Verstand und Intellekt. Dasselbe geschieht in jedem von uns, aber oft sagen wir: „Ich spreche.“ Hier geschieht das nicht. Die Worte kommen einfach. Das ist der Unterschied. Ich sage nicht: „Ich sage, ich spreche.“

AC:
Meiner eigenen Erfahrung zufolge scheint die Beziehung zwischen diesem Zustand der Glückseligkeit, in dem es kein „Ich“ gibt, und der vollkommenen Handlung in der Welt von Raum und Zeit eine sehr geheimnisvolle zu sein. Ich würde immer noch gerne mehr darüber wissen, wie Sie diese Beziehung für das Wesen definieren, das tatsächlich in diesem Bewusstsein von Glückseligkeit ruht, in dem es keinen Begriff von „Ich“ gibt. Wie drücken die Handlungen dieses Individuums in der Welt die Vollkommenheit seines Zustands aus? Was ist die Beziehung zwischen diesem Zustand und dem Ausdruck perfekten Handelns in dieser Welt der Illusion?

Ajja:
Ich befinde mich auf einer völlig anderen Ebene der Interaktion. Zwischen diesen beiden besteht in meinen Handlungen keine Beziehung. Wie verstehen Sie vollkommenes Handeln in der Welt?

AC:
Vollkommenes Handeln ist ein Handeln, das aus reiner Liebe entsteht, in der es kein Empfinden von Individualität gibt und keinerlei Eigennutzen. Es gibt keinen Stolz, es gibt keine Gier, es gibt keinen Egoismus, es gibt keine Selbstbezogenheit. Und es ist auch der Ausdruck reiner Liebe, der keine Wahrnehmung von sich selbst als getrenntes Wesen hat. Aber diese Handlung findet statt. Alle verwirklichten Seelen bringen das zum Ausdruck.

Ajja:
Das ist schwer zu erklären oder in Worte zu fassen, aber wenn man eine Weile mit einem Menschen zusammenlebt, der sich in einem so glückseligen Bewusstsein befindet, dann besteht die Möglichkeit, es zu verstehen. Ein solcher Mensch wird gar nichts sagen. Er wird nur durch Schweigen kommunizieren. Aber durch den Kontakt mit ihm kann ein Verstehen stattfinden. Das kann man nur durch die Erfahrung kennen lernen.


Was ist Liebe? Sprechen wir über eine Liebe, die in Beziehung zu den Sinnen steht? Oder liegt sie jenseits der Sinne? Es gibt Menschen, die die Verkörperung von Liebe sind, aber das Wesen ihrer Liebe geht über die Sinne hinaus. Man kann es nicht mit den Augen sehen. Man kann es nicht mit Worten beschreiben. Sie sind die verkörperte Liebe. Diese Liebe kann nicht nach außen gezeigt werden. Sie ist ihr ursprüngliches Wesen. Sie ist nicht etwas, das sie nur zum Ausdruck bringen. Sie ist stets und ständig ihr Wesen.

AC:
Sie sind diese Liebe.

Ajja:
Sie existieren in dieser Welt, aber sie sind nicht diese Welt. Sie sind es, und sie sind es nicht. Das ist Erleuchtung. Das an sich ist Atman (das Selbst). Das an sich ist Glückseligkeit. Das an sich ist Wahrheit. Das an sich ist Leben. Welches Leben ist das? Es ist nicht das weltliche Leben. Es ist Leben jenseits von Dualität und Tod.

AC:
So, wie sie sind, ist dann also die Antwort auf die Frage. Wie sie sind , ist die Antwort auf die Frage, was die Beziehung zwischen Nichts und Etwas ist.

Ajja:
Diese Dinge gehen über eine Beschreibung hinaus. Wir können das nicht erklären. Das kann man nur sehen und verstehen. Sie sprechen nicht, weil sie etwas zu sagen hätten. Glückseligkeit kann nicht beschrieben werden. Wenn man von Glückseligkeit erfüllt ist, dann ist das eine Erfahrung, aber da ist niemand, um darüber zu sprechen. Die Worte kommen, aber zwischen den Worten, die kommen, und der letztendlichen Wirklichkeit besteht keine Beziehung. Der wirkliche Zustand und die Worte, die ihn beschreiben, haben nichts miteinander zu tun. Dieses existiert nur als „Es“ selbst. Die Worte zeigen „Es“, sie manifestieren „Es“, aber sie sind „Es“ nicht. Die Existenz dieses Höchsten wird durch das Wort „Ich“ angezeigt, nur um der Möglichkeit des zwischenmenschlichen Kontakts in der Welt willen - der Welt zuliebe, aber nicht diesem „Es“ zuliebe.


Ich habe nur die Erfahrung der universellen Seele, die Energie, Licht und Kraft ist - das aus sich selbst strahlende höchste Universelle. Es kam um der Evolution willen, und es hat sich weiterentwickelt. Das Universelle Licht kommt um der Entwicklung willen, und es entwickelt sich.

AC:
Das Licht entwickelt sich?

Ajja:
Es kamen Licht und Kraft, aber jetzt blieb nur das Licht in seiner entwickelten Form zurück. Es gibt keine Kraft. Die Seele weilt in diesem physischen Körper, und sie ist nichts anderes als aus sich selbst strahlendes Licht und Kraft. Und in der Evolution löst sich die Kraft auf und lässt nur das Licht zurück.

AC:
Können Sie das noch einmal sagen?

Ajja:
Das dem Körper Innewohnende ist die universelle Kraft und universelles Licht. Und im Prozess der Evolution löst sich die Kraft auf und das Licht bleibt da. Aber die Wahrheit, die darin liegt, kann nicht wirklich mitgeteilt werden. Nur durch den Kontakt, dadurch, dass man sich in der Nähe einer verwirklichten Seele aufhält, kann man verstehen. Das ist eine dieser Fragen, deren Antwort man nur finden kann, wenn man in der Stille danach sucht. Sonst wird es zu einem bloßen Lehrvortrag, von dem keiner von uns etwas hat.

AC:
Ich verstehe, dass die wichtigste Antwort nicht in Worten gegeben werden kann, dass sie nur vom Individuum selbst in der Stille gefunden werden kann. Und doch ist es meine Erfahrung, dass manchmal dadurch, dass man diese Art von Fragen stellt, magische und außergewöhnliche Dinge geschehen können.

Ajja:
Auch wenn die Wahrheit herauskommt oder wenn sich, wie Sie sagen, magische und wunderbare Dinge ereignen - wenn die Worte kommen, sind sie doch nichts weiter als Worte.

AC:
Aber die Worte, die von einem Jnani kommen, haben die Kraft zu erleuchten.

Ajja:
Soviel zum Jnani. Aber wo sind die Jnanis? Wer ist ein Jnani? Und wer erkennt den Jnani?

AC:
Der Jnani und der, der den Jnani erkennt, sind ein und dasselbe.

Ajja:
Ist das Ihre Erfahrung?

AC:
Ja.

Ajja:
Ich stelle diese Erfahrung nicht in Abrede. Aber ein Jnani wird nie die Erfahrung haben: „Ich bin ein Jnani.“ Er ist einfach das, was er ist. Es ist sein Urzustand. Wenn ein unnatürlicher Zustand kommt, wird er darüber erstaunt sein. Das ist der ursprüngliche natürliche Zustand für einen Jnani. Es gibt nur Glückseligkeit. Niemand ist da, um diese Glückseligkeit zu erleben. Der Mensch, der sieht, ist nicht mehr da. Das ist Evolution. Was also in diesem Fall ist, ist ein Zustand, der kein Zustand ist. Das ist der ursprüngliche Zustand eines jeden Individuums. Aber man muss bereit sein, zu diesem ursprünglichen Zustand zu gehen.

AC:
Einer Ihrer Schüler sagte mir, dass Sie die früheren Leben von Menschen sehen können, wenn Sie sie näher kennen lernen. Stimmt das?

Ajja:
Ich bin kein Astrologe. Ich lese in niemandes Geist. Das wäre ein Widerspruch zu Spiritualität. Die Befreiung sollte in diesem Leben stattfinden. Manchmal sagt man uns, dass es aus irgendwelchen Gründen in diesem Leben nicht möglich ist, dass wir auf zukünftige Inkarnationen warten müssen. Aber wir wissen nicht, ob das wahr ist oder nicht, deshalb sollten wir hier und jetzt Befreiung finden.

AC:
Ich bin ganz Ihrer Meinung, und meine Frage beruht nur auf dem, was ich von anderen Menschen hier gehört habe. Ich persönlich bin der Ansicht, dass es sich dabei um eine reine Zeitverschwendung handelt und auch, dass der Mensch in die andere Richtung schauen sollte, wenn er frei sein möchte. Wenn man frei sein möchte, möchte man das Selbst erkennen, das man ist, wenn es keine Zeit und keine Geschichte gibt. Etwas über frühere Leben zu erfahren, könnte einem niemals Auskunft über das geben, was nie passiert ist.

Ajja:
Ja. Lassen Sie uns doch dieses Leben verstehen. Wenn man das kennt, weiß man alles, was man wissen muss. Wir sind jetzt hier. Darum geht es jetzt. Warum sollten wir zurückgehen? Es gibt weder Gegenwart noch Zukunft. Wir sind hierher gekommen. Wir sind hier. Was ist das? Wer sind wir? Wer bin ich? Wer ist der, der gekommen ist? Das, was gekommen ist, ist aus sich selbst strahlende Kraft mit Licht. Das ist in sich schon das Fundament. Es gibt Ingenieure, die das Gebäude errichten, aber wir müssen uns nur das Fundament anschauen, uns kümmert nur das Fundament. „Wer bin ich?“ - dieses Fragen ist das Fundament. Wenn man sich auf die Suche nach Dem macht, ist es möglich, die Antwort auf jede Frage dieser Welt zu finden. Wenn man sich auf die Suche nach „Wer bin ich?“ macht, wird man einen Zustand erreichen, in dem nichts ist. „Ich“ bedeutet den Zustand, wo es nichts gibt. Es ist vorbei. Dazu bedarf es keiner Sadhanas - nur der Suche.

AC:
Der direkten Suche.

Ajja:
Ja, der direkten Erforschung. Wenn sich der Suchende auf die Suche nach Dem macht, dann gibt es den Suchenden nicht mehr. Dieser Zustand ist Atman, und das ist Glückseligkeit, die aus sich selbst heraus strahlt, Stille. Bis dahin besteht Ego. Dann ist es nicht mehr da.


Manchmal geschieht es im Leben, dass auf Grund irgendeines Ereignisses eine vollständige Transformation stattfindet. Im Leben von vielen Menschen kommt es bedingt durch einen einzigen Vorfall zu einer totalen Transformation. Das finden wir in den Biografien aller großen südindischen Heiligen - Valmiki, Tulsi Das, Ramana Maharshi, J. Krishnamurti. Es war ihr Karma, dass sie sich auf Grund kleiner Ereignisse verändert haben. Ein roter Faden zieht sich durch all diese Geschichten. In meinem Fall zum Beispiel waren das sechs Monate lang andauernde Schmerzen, und dann keine Schmerzen mehr. Damit begann die Kontemplation; Sorge wurde zu Kontemplation. Das Unwahre wurde zur Wahrheit. Die Dunkelheit wurde zu Licht. Wie bei der Frucht: unreif ist sie bitter. Sobald sie reif wird, ist sie süß. Aber diese Süße war immer da. Das Bittere hat sich in Süße verwandelt.


Ebenso sollte Sorge zu Kontemplation werden. Nur aus diesem Grund sollten wir den Gedanken eine Bedeutung beimessen. Wir sollten uns nicht aufregen oder verloren fühlen, wenn wir Sorgen oder Probleme haben. Wir sollten sie erleben. Dann kommt es zu einer Explosion.

AC:
Meinen Sie, wir müssen uns ihnen voll und ganz stellen?

Ajja:
Ja. Es erleben. Und wie sollte der Verstand sein, wenn man das erlebt? Während dieser Zeit sollte der Verstand konzentriert sein, der Verstand sollte darüber kontemplieren. Und wenn der Verstand darauf fixiert ist, dann -

AC:
Sie meinen, man sollte der Erfahrung keinen Widerstand entgegensetzen?

Ajja:
Keinen Widerstand. Auf diese Weise geht derselbe Verstand, der alles andere erlebt, in Kontemplation. Jenseits davon gibt es gar keinen Verstand. Der Verstand selbst ist also sowohl die Ursache des Gefangenseins als auch das Mittel zur Befreiung. Diese Welt ist nichts anderes als das Getöse des Verstandes. Wenn die Arbeit des Verstandes getan ist, gibt es keinen Verstand mehr. Dann sind alle Wünsche verschwunden - Wünsche, die eine Vorstellung des Verstandes sind. Alles ist nur eine Vorstellung; alles das ist Verstand. Der Verstand muss sich also zurückziehen. Alle Wünsche müssen verschwinden. Wenn auch nur ein einziger Wunsch vorhanden ist, kann man den Verstand nicht nach innen richten. Der Verstand muss sich ins Herz zurückziehen und mit der Suche beginnen. „Wer bin ich? Wer bin ich? Ich bin hier in diesem Körper. Wer bin ich?“ So müssen wir suchen. Wenn man auf der Suche ist, ist der Verstand auch schon weg. Wir haben Angst davor, diesen Ort zu berühren. Aber der Verstand muss vollständig weg sein. Geben Sie ihn auf.

AC:
Sie sagten vorher, dass das universell anwendbar ist und die Menschheit in ihrer Gesamtheit betrifft.

Ajja:
Ja, das ist eine Frage, die die gesamte Menschheit betrifft. Wir brauchen Freiheit. Niemand möchte gefangen sein. Jeder möchte frei sein. Meine Botschaft für das ganze Universum ist nicht, dass nur ein einziger Befreiung finden soll. Auch die anderen sollten befreit werden. Die ganze Welt sollte frei werden. Das ist meine Botschaft.


Was ist der Weg zur Freiheit? Wenn Sie ein klares Bild von den Erfahrungen haben, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe - Freuden und Sorgen, Triumphe und Niederlagen, Ehre und Schmach, und wie ich darauf reagiert habe - dann kann Ihnen das vielleicht helfen, Ihren eigenen Weg zu finden. Wie ich diesen Erfahrungen begegnet bin, wie ich mich in meinem Leben bewegt habe, wie ich den Tod akzeptiert habe. Wie Handlung ausgeführt wurde und wie Transformation stattgefunden hat. Mein ganzes Leben gibt, wenn es verstanden wird, ein klares Bild von diesem Weg. Wenn wir alle diese Dinge verstanden haben, dann müssen wir dieses Verstehen in unser praktisches Leben umsetzen. Dann werden wir frei. Wenn ein einziger Mensch auf diese Art und Weise Befreiung findet, dann ist die Mission meines Lebens erfüllt. Deshalb sage ich das alles - damit es den Zuhörern helfen möge. Deshalb habe ich mich zu diesem Interview bereit erklärt. Ansonsten würde ich in vollständigem Schweigen verharren.


Das Gesamtbild ist die integrierte Evolution des Individuums und dieser Kraft. Erst wenn wir in unserem Handeln vollständig frei werden, ist unsere Geburt fruchtbringend. Dann ist unser Leben wirklich erfüllt. Freiheit ist das Ziel. Jeder muss frei werden. Und alle sind nur aus diesem einzigen Grund ins Leben gekommen - diese Freiheit an sich ist Glückseligkeit für alle, für jeden Einzelnen. Jeder Mensch sollte aus der Gefangenschaft erlöst werden. Wenn nur ich alleine frei werde, dann genügt das nicht, um mich glücklich zu machen. Jede Seele muss frei werden. Ich hatte einen kurzen Einblick in diese Möglichkeit, und wenn wir alle frei wären, dann wäre das die wahre Glückseligkeit für mich.

AC:
Dann geschieht dies also zum Wohle der Menschheit.

Ajja:
Ja. Diese Botschaft richtet sich an die Menschheit als Ganzes. Wenn Reinheit im Inneren ist, dann müssen Handlung, Verstand und Herz eins sein. Verstand und Herz müssen rein sein und unser Handeln ebenfalls. Wir alle müssen über das Denken hinausgehen, bis zu dem Zustand, wo es keinerlei Hindernisse mehr gibt. Nur allein durch dieses wirkliche Suchen wird der Mensch eine universelle Seele. Und diese Fähigkeit hat jeder. Nicht nur einer. Jeder Mensch hat in sich die Fähigkeit, Das zu werden.


Ich bin überhaupt nicht im Verstand. Ich bin in einem Zustand jenseits aller Gedanken und Emotionen. Ich spreche, aber ich weiß gar nichts. Ich denke nicht; ich lese keine Bücher. Für die wahre Erkenntnis ist nichts davon notwendig. Für die intellektuelle Debatte sind Bücher notwendig, aber für die Erfahrung des Selbst braucht man nichts. Auch wenn ich in irgendeinem abgelegenen Winkel bin, hört es nicht auf. Es breitet sich im gesamten Universum aus, sickert in das gesamte Universum ein. Wenn ein Mensch diesen Zustand von Ananda, erreicht, wird es sich einfach verbreiten, auch wenn er sich in einem abgelegenen Winkel befindet. Auch wenn er sich zu verstecken versucht, strahlt es einfach von ihm aus. Es reicht überall hin in das ganze Universum, in den gesamten Kosmos.

Nun? Was werden Sie mit Ihren Aufzeichnungen machen?

AC:
Sie werden Teil eines Artikels über Sie sein - über Ihre Erfahrung und über das, was Sie sagen - das wird Menschen in Amerika und an anderen Orten helfen, von dem zu profitieren, was Sie entdeckt haben.

Ajja:
Ich habe das Gefühl, als ob wir uns gut kennen. Ich empfinde Sie nicht als Fremden.

AC:
Ja, mir geht es genauso.

Ajja:
Es gibt kein Amerika und kein Indien. Es gibt nur das ganze Universum.