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Einleitung zu dieser Ausgabe


Was IST Erleuchtung?
Weiss überhaupt irgendjemand, worum es geht?
von Andrew Cohen
 






Andrew Cohen
WIR LEBEN IN EINER INTERESSANTEN ZEIT. In den letzten Jahren scheint das Interesse an allem Spirituellen sprunghaft angestiegen zu sein. Es ist jetzt nicht mehr peinlich, wenn man bekennt, dass man spirituelle Interessen oder Neigungen hat. Heute ist es für immer mehr Menschen akzeptabel geworden, dass man begonnen hat, ganz offen über die grundlegendsten spirituellen Fragen zu sprechen, Fragen wie: Wer bin ich? oder: Wie soll ich leben? Sogar das Wort „Erleuchtung“ wird immer populärer als ein legitimes Konzept, das für unsere westlichen Ohren nicht mehr völlig fremd klingt.

Im Osten wurde Erleuchtung immer als das Ziel allen spirituellen Strebens verstandenals Gipfel dessen, was spirituell zu erreichen ist. Und so wie Mystizismus und Spiritualität aus dem Osten langsam, aber sicher im Westen einsickern und hier Fuß fassen, so finden auch ihre Philosophie und Terminologie Eingang in unsere Weltsicht. Wir sind daher der Ansicht, dass es zu diesem Zeitpunkt, wo unsere psychologischen und spirituellen Sichtweisen von diesen neuen, machtvollen Konzepten beeinflusst werden, wichtig ist, innezuhalten und genau nachzudenken, was diese Begriffe, mit denen wir uns immer mehr anfreunden, tatsächlich bedeuten.

Während es zwar stimmt, dass „Erleuchtung“, oder das letztendliche Ziel allen spirituellen Strebens, von jeher als die direkt erfahrene Erkenntnis des seinem Wesen nach Absoluten bezeichnet wurde, war jedoch die Bedeutung dieses Absoluten und was es mit dem menschlichen Leben zu tun hat immer schon ziemlich unklar und ist es bis heute geblieben. Je genauer wir hinsahen, desto mehr wuchs unsere Faszination darüber, ein so großes Ausmaß an unterschiedlichen Ansichten über diesen höchst strittigen Begriff zu finden.

Shankara, der berühmte indische Lehrer aus dem achten Jahrhundert und Begründer



des vedantischen Non-Dualismus, der Advaita (Nicht zwei)-Philosophie, von der sich viele der wichtigsten Denkströmungen des modernen Indien ableiten, bezeichnete das, was absolut ist, als „reines Bewusstsein“ oder „Fülle“. Gautama Buddha hingegen ist für seine Aussage berühmt, dass das, was absolut ist, „Leere“ ist. Die Frage zu stellen, was Erleuchtung ist und was sie mit dem menschlichen Leben zu tun hat, ist ein Schwindel erregendes Unterfangen, denn wenn man beginnt, über das Oberflächliche hinauszusehen, dann wird bald klar, dass scheinbar selbst die angesehensten Autoritäten hinsichtlich dieses so überaus wichtigen Themas unterschiedlicher Meinung sind. Und wenn zwei der anerkanntesten Autoritäten der indischen spirituellen Philosophie unterschiedlicher Ansicht sind hinsichtlich der grundlegendsten Definition des Absoluten, welches, wenn es durch eigene direkte Erfahrung erkannt wird, „Erleuchtung“ genannt wird, was sollen wir dann machen? Wenn Shankara und die Vedanta-Philosophen mit ihrer Aussage tatsächlich Recht haben, dass das Letztendliche und daher Absolute Fülle oder reines Bewusstsein ist, sollte uns das dann zu dem Schluss führen, dass Erleuchtung die direkte Erkenntnis dessen ist, was im Westen „Gott“, „Liebe“ oder „Christus-Bewusstsein“ genannt wird? Heißt das, dass es letztendlich etwas gibt, dessen Verwirklichung uns befreit? Wenn Gautama Buddha wahrhaftig Der Erleuchtete war, heißt das dann, dass seine Doktrin der Leere, die besagt, dass das absolute Wesen aller Dinge Leere oder Abwesenheit ist, bedeutet, dass Gott nicht existiert? Enthüllt uns die Erfahrung von Leere, dass es da letztlich nichts gibt, und wird uns diese Entdeckung befreien?

Das sind sehr wichtige Fragen, die behandelt werden müssen, wenn wir ernsthaft daran interessiert sind, wirklich zu einem gewissen Verständnis davon zu kommen, was Erleuchtung tatsächlich ist und was sie eventuell mit der Realität des menschlichen Lebens zu tun haben kann. Und wenn wir beginnen, unsere grundlegende Einstellung zum Leben genauer zu durchleuchten, wird sich die Frage, was das Absolute ist, schon bald als sehr viel wichtiger erweisen, als wir bisher gedacht hatten. Warum? Weil die eigenen grundlegenden Überzeugungen hinsichtlich der endgültigen Beschaffenheit der Wirklichkeit bei den meisten von uns einen großen Einfluss auf unsere Beziehung zum Leben haben. So haben zum Beispiel diejenigen von uns, die davon überzeugt sind, dass es letztendlich etwas gibt, das absolut (Gott) ist, die Tendenz, eine Überzeugung zum Ausdruck zu bringen, dass das Leben an und für sich positiv ist und Sinn hat. Diejenigen unter uns, die davon überzeugt sind, dass es nichts gibt, sind nicht ganz so glühend davon überzeugt, dass das Leben an und für sich etwas Gutes ist oder überhaupt irgendeine Bedeutung hat. Weil sie einen so großen Einfluss auf unsere Einstellung zum Leben haben, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind, ist eine ernsthafte Untersuchung dieser Fragen so wichtig.

Natürlich ist der Hauptpunkt dabei, dass es schon immer eine überaus herausfordernde Aufgabe gewesen ist, Antworten auf diese verwirrenden Fragen zu finden, und dass sich das bis heute nicht geändert hat. Der Mensch, der das seltene Glück hatte, diese Antworten tatsächlich von sich aus direkt zu entdecken, war traditionellerweise der, der „erleuchtet“ worden ist. Aber die enorme Herausforderung, der man sich stellen muss, um diese Antworten von sich aus zu finden, scheint für die meisten das größte Hindernis zur Erleuchtung darzustellen. Und was ist nun diese Herausforderung? Es ist die Tatsache, dass die Fragen von ihrem Wesen her absolut sinddenn jede Frage, die absolut ist, zwingt den Menschen automatisch dazu, sich mit der Bedeutung von Leben und Tod auf eine Art und Weise auseinander zu setzen, die bis zum Äußersten herausfordernd ist.

Außerdem wird die Angelegenheit noch komplizierter durch die Tatsache, dass immer dann, wenn Menschen es wagen, absolute Fragen zu stellen, auch immer solche da sind, die die Antworten, die sie selbst gefunden haben, mit großer Bereitwilligkeit anderen aufzwingen. Das große Problem ist, dass jede absolute Schlussfolgerung über das Leben und den Tod die große Gefahr in sich birgt, das Ziel zu verfehlen, sich zu irren oder den größtmöglichen Fehler zu begehen: nämlich ohne einen Zweifel zu glauben, dass man das Absolute gefunden hatobwohl man in Wirklichkeit nichts anderes gefunden hat als den eigenen Wunsch nach absoluter Gewissheit.

Letztendlich ist es sound das ist überhaupt die größte Ironie dabeiwenn wir nicht bereit sind, absolute Fragen zu stellen, und dabei nicht auch tatsächlich den Mut haben, die Antworten zu finden, wird uns Erleuchtung und das damit einhergehende befreiende Verstehen, das uns von den großen verwirklichten Menschen der gesamten Geschichte versprochen wurde niemals wirklich zuteil werden.

In dieser Ausgabe von Was ist Erleuchtung? war es unser Bestreben, die Frage „Was ist Erleuchtung?“ an zwei der wichtigsten Erleuchtungstraditionen der WeltAdvaita-Vedanta und Buddhismus zu stellen, in der Hoffnung, einige Antworten auf die verwirrende Vielfalt von Fragen zu finden, die anscheinend immer dann entsteht, wenn jemand ernsthaft die Frage stellt: Was ist Erleuchtung?

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WIE Ausgabe 3:
Unsere Ausgabe zum Thema Advaita und Buddhismus


Eine Auseinandersetzung mit Buddhismus und Advaita Vedanta. Interviews mit: Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama, Stephen Batchelor, Ramesh Balsekar, Helen Tworkov, Vijai Shankar, Frances Vaughan, Swami Dayananda, Peter Masefield



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