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1 | 2 Einleitung
Und so begann eine Serie von Faxnachrichten und Telefonaten in die Bergenklave von Dharamsala, Sitz der tibetischen Exilregierung und Aufenthaltsort Seiner Heiligkeit, des XIV. Dalai Lama. Der Dalai Lama ist in der heutigen Zeit die wohl gefragteste Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, und von allen Seiten erhält er Terminanfragen, angefangen von Reportern der New York Times und Filmproduzenten aus Hollywood bis zu Vertretern der Vereinten Nationen und Staatsoberhäuptern. Neben all seinen weltlichen Verpflichtungen ist der Dalai Lama auch das spirituelle Oberhaupt des tibetischen Volkes, aktives Oberhaupt der vier Hauptsekten des tibetischen Buddhismus und die Person, an die sich seine bedrängte Nation zur Stärkung des Glaubens, der Inspiration und um Führung wendet. Der Dalai Lama empfing die Weihe in der Gelugpa-Schule des tibetischen Buddhismus. Die Gelugpa-Linie, die im vierzehnten Jahrhundert von dem großen Gelehrten Je Tsongkhapa gegründet wurde, ist besonders für ihre scholastischen Interpretationen der buddhistischen Lehre bekannt. Die klösterliche Ausbildung umfasst viele Jahre strengen Studiums, Auswendiglernens und der Erörterung. Tenzin Gyatso begann seine Ausbildung bereits als Kind, und wenn er über sich selbst auch schreibt, dass er ein schlechter Schüler war, glänzte er doch sowohl in der Erörterung als auch bei seinen schwierigen Prüfungen. Er hält jetzt Vorträge, gibt Buddhismus-Praktizierenden tantrische Einweihungen (die esoterischen Praktiken des Buddhismus) und hält manchmal Versammlungen ab, an denen mehr als 100.000 Mönche, Nonnen und Laien teilnehmen, die gespannt auf seine Erklärungen, Anweisungen und Einweihung warten. Als wir seinen Beratern Informationen über diese Ausgabe von WIE zukommen ließen, erregten wir ihre Neugier. Wir waren bestrebt, die essenziellen Fragen über das buddhistische Ziel der Erleuchtung zu stellen – Fragen, auf die Seine Heiligkeit ihrer Meinung nach gerne antworten würde. Es wurde uns ein Interview in seiner Residenz in Indien gewährt, und wir begannen aufgeregt mit unseren Vorbereitungen. In Indien ist es Ende Mai immer heiß, aber in diesem Jahr schwappte eine ungewöhnliche Hitzewelle über die Nation. In New Delhi herrschten 42 Grad, und sogar die nächtliche Brise erinnerte eher an einen bullernden Tandoori-Ofen. Die Stadt Dharamsala liegt hoch oben auf einem Felskamm der Dhauladhar-Bergkette im Vorgebirge des Himalaya. Früher war sie eine Bergsommerfrische der Engländer und Zuflucht vor der Sommerhitze gewesen. Die Hänge sind mit duftenden immergrünen Bäumen und wildem, leuchtend rotem Rhododendron bedeckt. Mönche leben ver-borgen in Höhlen, die im Schatten der schneebedeckten Gipfel liegen. Unter Anleitung des Dalai Lama und anderer Lehrer machen diese Einsiedler über eine Dauer von vielen Jahren intensive Meditationsübungen. Das Land ist noch immer wild und rauh, und bedauerlicherweise fand vor einigen Wintern ein Langzeit-Asket den Tod, als er von einem Gebirgsbären angegriffen wurde. Seit sich der Dalai Lama hier niedergelassen hat, ist Dharamsala von einem unorganisierten und eher zufälligen Flüchtlingsdorf zu einer blühenden Gemeinde angewachsen. Vor fünfzehn Jahren gab es nur eine Hand voll Restaurants, wie zum Beispiel das dunkle und rauchige „Tibet Memory“, wo neu angekommene Flüchtlinge aus Khampa auf rauhen Bettrollen neben westlichen Hippies und Dharma-Suchern auf dem Boden schliefen. Heutzutage bieten saubere neue Hotels, die oft als eine Einkommensquelle für die Klöster fungieren, heißes Wasser, Faxgeräte, Gebirgsblick und sogar Email. Es wurden von freiwilligen Mitarbeitern betriebene Zentren eingerichtet, wo westliche Touristen den Tibetern Englisch und Microsoft Word beibringen, bei Recycling-Programmen helfen oder bei regelmäßig stattfindenden Videovorführungen „Kundun” oder den letzten Dokumentarfilm über den Dalai Lama ansehen. Am Tage meiner Ankunft waren mehr als fünfhundert Westler im Tsuglakhang, dem Tempel Seiner Heiligkeit, und warteten darauf, den Mann zu treffen, in dem viele einen lebenden Buddha sehen, um ihm die Hand zu schütteln und vielleicht ein rotes geknotetes Segensband zu erhalten. Innerhalb von wenigen Stunden begrüßte er persönlich einige tausend Menschen, darunter ständig Ortsansässige und neu angekommene Flüchtlinge aus dem chinesisch besetzten Tibet. Um Mittag stand dann nahezu jeder aus der gesamten Stadt an der engen kurvenreichen Bergstraße Spalier und wiederholte Friedensparolen und Gebete anlässlich der Ankunft von fünf Hungerstreikenden aus Neu Delhi. Einige Tage zuvor hatte sich ein Hungerstreikender selbst geopfert, in dem verzweifelten Versuch, die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung auf die unhaltbare Situation im Heimatland der Tibeter zu lenken. Der Dalai Lama, als eingeschworener Bekenner aktiver Gewaltlosigkeit und Gewinner des Friedensnobelpreises 1989, befand sich in einer heiklen Situation, als sich die Hungerstreikenden um Unterstützung an ihn wandten. Mit derartig schmerzhaften Dilemmas hat sich der „einfache Mönch“, wie er sich selbst bezeichnet, auseinanderzusetzen, seit er im Alter von fünfzehn Jahren die Aufgabe übernommen hat, das tibetische Volk zu regieren. Seine stets wachsende Popularität als Anführer einer gewaltfreien Widerstandsbewegung bewirkt, dass jetzt Millionen aus West und Ost auf ihn blicken, um Führung und Anleitung sowie um eine klare Antwort auf die Frage zu erhalten: „Welchen Weg würde der Buddha beschreiten?“ Am Tag vor unserem Interview traf ich seinen Privatsekretär, Tenzin Gyeche, einen liebenswürdigen und sympathischen Mann, der Seiner Heiligkeit seit vielen Jahren in allen Belangen behilflich ist, von internationalen Angelegenheiten bis zu Gesprächen mit spirituellen Lehrern aus dem Westen. Als wir uns hinsetzten und über diese Ausgabe von WIE sprachen, wurde Tenzin Gyeche sowohl sehr nachdenklich als auch lebhaft. „Fragen dieser Art werden Seiner Heiligkeit niemals gestellt“, sagte er interessiert und überlegte, wie wohl die Antworten ausfallen würden. „Vor nicht allzu langer Zeit ist bei den Vorträgen Seiner Heiligkeit endlich etwas in meinen dicken Kopf hineingegangen“, sinnierte er und klopfte sich mit den Fingerknöcheln leicht gegen den Kopf. „Seine Heiligkeit hatte erklärt, wie sogar die grundlegendsten buddhistischen Praktiken, so auch das Bekenntnis zum Dreifachen Juwel (Buddha, Dharma und Sangha), eine ganz andere Bedeutung bekommen, sobald man nur einen kurzen, aber echten Einblick in die Leere erhalten hat …. Ja, das sind sehr wichtige Fragen.“ Ich verließ dieses Zusammentreffen sehr angeregt und voller Erwartungen, was unser Interview wohl bringen würde. Als ich am nächsten Nachmittag durch den Hof seines Palastes ging, vorbei an dreihundert Mönchen, die auswendig gelernte Gebete als Teil einer einwöchigen Gebetszeremonie rezitierten, hoffte ich, ebenso viel über die persönliche Erfahrung Seiner Heiligkeit zu hören wie über das, was die traditionelle und methodische Gelugpa-Lehre zu Leere, Erleuchtung und zur Buddhaschaft zu sagen hatte. Um 13.00 begleitete mich eine wunderschöne, mit einem Chuba bekleidete Tibeterin den blumengesäumten Fahrweg hinauf zum Büro Seiner Heiligkeit. Wir hatten vorher eine Passkontrolle durchlaufen und eine genaue Leibesvisitation – Maßnahmen, um das dünne Sicherheitsschild im Umkreis dieses Menschen aufrechtzuerhalten, dessen unerschütterliche religiöse Überzeugung von einer der mächtigsten Regierungen unserer Zeit als ernsthafte Bedrohung empfunden wird. Ich wurde direkt in einen Versammlungsraum geführt und erwartete, dass ich einige Minuten Zeit haben würde, um meinen Kassettenrekorder aufzustellen. Daher war ich überrascht, als sich der Mönch, der sich an der Klimaanlage zu schaffen machte, umdrehte und mich begrüßte. Strahlende schwarze Augen in einem vertrauten Gesicht blickten mich an, und völlig zwanglos bot mir der Dalai Lama einen Platz an. Er war bereit anzufangen. Da saß ein ernster, in sich ruhender Mensch vor mir, und die Sorgen, die auf seinen purpur gekleideten Schultern ruhten, waren absolut unsichtbar. Was also dachte dieser außergewöhnliche Mann über das Ziel des buddhistischen Weges? Die traditionelle tibetische Lehre folgt einer systematischen und vorhersagbaren Struktur. Wie die hochgradig stilisierten Thangkas (religiöse Gemälde, die die Buddhas darstellen) ist diese Lehre über das Wesen der menschlichen Situation und den Ausweg aus dem Leiden der zyklischen Existenz in einer präzisen und methodischen Form kodifiziert worden. Und obwohl sie eine sehr ausgefeilte Wissenschaft des spirituellen Strebens und eine komplexe und subtile Erklärung über das Wesen des menschlichen Geistes darstellt, erinnert sie oft mehr an technische Formeln als an den Ausdruck des höchsten Strebens des menschlichen Herzens. Bei den Vorbereitungen zu unserem Interview sahen wir, dass eine der Herausforderungen, denen wir gegenüberstanden, die Frage war, wie wir den Dalai Lama über seine eigene Erfahrung zu diesem Thema befragen sollten, die klassischen Definitionen einmal beiseite gelassen – wie fragt man jemanden, der so gründlich in der Kunst der Erörterung, der logischen Schlussfolgerung und der Analyse geschult ist, was er unter „Leere“ versteht. Diesen Mann zu interviewen, den Millionen als einen lebendigen Heiligen betrachten, war eine außergewöhnliche Erfahrung. Wenn man einfach mit ihm zusammensitzt, empfindet man seine seltene Güte, seinen tiefen Glauben an die Menschheit und seine Freude. In sein sanftes Gesicht zu blicken, nur einige Zentimeter von meinem entfernt, und sein unvergessliches Lachen zu hören, war, als würde ich von einem der tausend Arme des Chenrezig (Buddha des Mitgefühls) emporgezogen, dessen Inkarnationen die Dalai Lamas sein sollen. Im Laufe des gesamten Interviews, während sein Übersetzer und Berater für ausländische Religion, der ehrwürdige Mönch Lakhdor, sein Tibetisch übersetzte, lachte er immer wieder und sah mich warm an, so als wünschte er mehr mitzuteilen als das, was seine klassischen Antworten ausdrückten. Letzten Endes kam das, was er durch seine entwaffnende Herzlichkeit und Milde vermittelte, nicht in seinen herkömmlichen Antworten zum Ausdruck, die zumeist enttäuschend abstrakt waren. Sie waren, und das war auch keine Überraschung, die klassische Gelugpa-Lehre – gelehrte und festgeschriebene Erklärungen der Phasen und Kategorien von Erleuchtung und Leere, für die diese Schule bekannt ist. Auf meine Fragen, betreffend den eigentlichen Kern des buddhistischen Pfades, hatte der Dalai Lama die genaue Mahayana-Doktrin gemäß ihrer fünfzehnhundert Jahre alten Tradition präsentiert. Seine akademischen Definitionen und sorgfältig abgewogenen Darstellungen schienen mehr die Sorge dafür auszudrücken, den traditionellen Standpunkt zu vermitteln als den einfachen unreflektierten Ausdruck seiner eigenen Erfahrung. Es war verwirrend und faszinierend, das unwiderstehliche, ansteckende und strahlende Mitgefühl Seiner Heiligkeit mit seinen oft trockenen und technischen Erklärungen über das eigentliche Herz der buddhistischen Lehre in Einklang zu bringen. Der tibetische Buddhismus bleibt trotz seiner wachsenden Popularität im Westen in vieler Hinsicht ein Geheimnis; der Kontrast zwischen der beeindruckenden Größe einiger seiner ehrenwerten Lamas und den auswendig gelernten Lehrsätzen, die sie so oft darlegen, lässt noch einmal die sehr herausfordernde Frage aufkommen: Was ist Erleuchtung? Als ich dann über unser Interview nachdachte, fragte ich mich wieder, was der Dalai Lama wirklich dachte. Denn als ich später im Warteraum stand, meinen Kassettenrekorder verstaute und dabei noch immer den warmen Druck seiner Hand auf meinem Arm spürte, wandte sich sein Übersetzer mit Begeisterung in den Augen an mich und sagte: „Sehr gute Fragen, sehr klar. Ich glaube, Seine Heiligkeit hat das wirklich genossen.“
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