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Einleitung
Ich traf sie im Treppenhaus im zweiten Stock vor dem Büro von Tricycle, in der „Raucher-Dependance“, wo sie auf einer Stufe saß und gerade eine geschäftliche Besprechung mit ihrem Verleger beendete. Sie schüttelte mir warm die Hand und schaute mir dabei gerade in die Augen. Helen Tworkov ist zwanzig Jahre älter als ich und hat ihre spirituelle Suche begonnen, als ich gerade laufen lernte; sie hat daher viele kritische Kapitel in der Geschichte des Buddhismus in Amerika miterlebt. Sie war Teil der Pionierbewegung, die den Weg vom Westen in den Osten bahnte, der Bewegung, die "Karma", "Nirwana" und "Erleuchtung" zu alltäglichen Begriffen machte. In erster Linie wollten wir Helen Tworkov für diese Ausgabe von WIE interviewen, weil sie, wie praktisch niemand sonst, die Entwicklung der buddhistischen Welt in Amerika von der Vogelperspektive aus hat beobachten können. Als Gründerin und Herausgeberin der in Amerika meistverbreiteten buddhistischen Zeitschrift hat sie die einflussreichsten buddhistischen Lehrer unserer Zeit aus Ost und West getroffen, über sie geschrieben oder mit ihnen praktiziert. Aber nicht allein die einzigartige Erfahrung von Helen Tworkov hatte unser Interesse erweckt. Vor vier Jahren hatte Tricycle das mutige Nachwort zu ihrem zweiten Buch Zen in America veröffentlicht, in dem sie lautstark an der Verwässerung des Zieles von Buddhas Lehre in Amerika Kritik übte. Ihre scharfsinnigen Einsichten, was die Assimilation des Buddhismus im Westen betraf, waren provokant und aufschlussreich, und die Tradition der Erleuchtung und deren Zukunft waren ihr ganz offensichtlich ein leidenschaftliches Anliegen. Bei der Frage, wie sie mit dem Buddhismus in Kontakt gekommen war, begannen die Augen von Helen Tworkov zu leuchten; die Erinnerung an das, was sie dazu getrieben hatte, in so jungen Jahren derart ungewöhnliche Risiken einzugehen, berührte sie noch immer. Zutiefst getroffen durch den Krieg in Vietnam und die Unfähigkeit der amerikanischen Kultur, in sinnvoller Weise darauf zu reagieren, hatte sie sich, wie auch andere aus ihrer Generation, Asien und dem Buddhismus zugewandt. Sie sieht dies als eine kollektive Bewegung, eine Bewegung zur Veränderung, eine Bewegung, um das zu verändern, was in der Gesellschaft und an der Regierung unakzeptabel war, und in logischer Konsequenz als eine Bewegung, um die Wurzeln dessen zu beseitigen, was in ihnen selbst unakzeptabel war. In dieser Zeit traf Tworkov auf D.T. Suzukis Schriften über Unbeständigkeit und Tod. „Es war so drastisch anders als das, was meine eigene Kultur zu bieten hatte“, erklärt sie. „Es schien weder mystisch noch fremd; es schien einfach wahr zu sein. Und man brauchte auch kein Atomphysiker zu sein, um es verstehen zu können!“ Also machte sie sich im Alter von zweiundzwanzig Jahren, kurz nach der Ermordung von John F. Kennedy, auf den Weg nach Japan, als einer der ersten Menschen aus dem Westen und eine der ersten westlichen Frauen auf der östlichen spirituellen Bahn. Tworkov fand Japan und die japanischen Klöster Furcht erregend und unzugänglich und entdeckte in dieser sehr fremden Kultur nur wenig, das für sie Sinn ergeben hätte. Trotzdem blieb sie zwei Jahre in Asien – weit länger, als sie ursprünglich geplant hatte – und reiste schließlich von Japan nach Nepal, wo sie mit Flüchtlingen aus Tibet arbeitete. Die Erfahrungen mit den Tibetern machten einen tiefen Eindruck auf sie. Es waren erst vier Jahre seit der brutalen Invasion der Chinesen in Tibet vergangen, und hier gab es Menschen, die aus ihrem Heimatland vertrieben waren, die vor Zerstörung und Folter und vor der Gefangennahme und dem Tod Tausender buddhistischer Mönche und Nonnen geflüchtet waren. „Es war erstaunlich damals, mit den Tibetern zu arbeiten“, erinnert sie sich. „Ihre Situation war so hart, und trotzdem konnten sie anscheinend echte Freude und Glück erleben. In Anbetracht der Tatsache, dass das Flüchtlingscamp voll von Menschen war, die gerade miterlebt hatten, wie ihre Familien gefoltert und getötet worden waren, kam das für mich geradezu einem Wunder gleich.“ Mitte der 60er Jahre kehrte Helen Tworkov nach Amerika zurück, ihrer eigenen Meinung nach war sie immer noch eine „Buch-Buddhistin“, die nicht wusste, wie sie die Lehre, von der sie zwar ergriffen war, die ihr aber doch weiterhin schwer fassbar und fremd und den in Asien Geborenen vorbehalten zu sein schien, in ihre eigene Erfahrung umsetzen sollte. In der Zwischenzeit hatten die ersten Lehrer aus Japan begonnen, die Vereinigten Staaten zu bereisen, und nur wenige Tage, nachdem Tworkov in den Westen zurückgekehrt war, erschien auf der ersten Seite der New York Times ein Artikel über den vermehrten Zustrom von Hippies nach Katmandu. Es setzte ein Exodus in Richtung Asien ein, aber Tworkov hatte sich bereits wieder im Westen niedergelassen. Einige Jahre später begann sie ihre Ausbildung
In ihrem Nachwort zu Zen in America beschreibt Tworkov, wie selten die Perspektive der Erleuchtung ist, und bringt ihre Beobachtungen darüber, wie die Bedeutung von Erleuchtung im amerikanischen Zen immer weiter vermindert worden ist, prägnant und unerschrocken zum Ausdruck. Wir waren beeindruckt von ihrer leidenschaftlichen Kritik und von der seltenen und von nur wenigen zuvor geäußerten Bereitschaft, das in Frage zu stellen, was in vielen buddhistischen Institutionen im heutigen Amerika als der Pfad zum Erwachen gelehrt wird. Und wir waren begeistert, ja, sogar erleichtert, ihre Sichtweise kennen zu lernen, denn wir waren im Laufe unserer Arbeit an dieser Ausgabe von WIE zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen und fragten uns allmählich: Ist uns vielleicht etwas Wesentliches entgangen? Tworkovs Nachwort, das in Tricycle unter dem Titel „Zen auf der Waagschale – kann er Amerika überleben?“ veröffentlicht wurde, löste in buddhistischen Kreisen einen lauten Aufschrei aus. Sie kritisiert darin ohne Vorbehalte einen Buddhismus, der seine wahren Dharma-Erben verloren hat und „Erleuchtung als Option nimmt, um sie einem materialistischen und nur an sich selbst interessierten Lebensstil hinzuzufügen“, und der das Streben nach dem Ziel der Erleuchtung sogar als „Hindernis“ für die spirituelle Praxis sieht und nicht als dessen Sinn und Zweck. Tworkov bezieht sich zwar in erster Linie auf die Verunglimpfung der Erleuchtung im amerikanischen Zen, aber ihre Reflexionen über die charakteristischen Einflüsse der amerikanischen Kultur auf den zeitgenössischen Buddhismus im Allgemeinen sind voll tiefem Verständnis und scharfer Kritik. Deshalb interessierte es uns sehr herauszufinden, ob sie der Meinung ist, dass ihre deutliche Kritik am Zen in Amerika auch für die anderen westlichen Buddhismus-Schulen gelte. Wenn sie also dort dieselbe Auflösung des Ziels der Erleuchtung und denselben Zynismus hinsichtlich des Potenzials einer radikalen persönlichen Veränderung sähe, wie im amerikanischen Zen, dann interessierte uns, wie sie demzufolge die Zukunft und gleichzeitig den gegenwärtigen Zustand des Buddhismus in Amerika sieht. Tworkovs Insider-Beobachtungen über das Heranreifen des amerikanischen Buddhismus ließen sie tief über die Folgen der Unfähigkeit vieler Lehrer, moralische Werte aufrechtzuerhalten, nachdenken und über die hartnäckige Unabhängigkeit und den Individualismus, die vielleicht Eigenheiten der Amerikaner sind und die sie den „liederlichen Antagonismus zur Autorität“ nennt. Diese beiden Faktoren, so glaubt sie, haben unter Zen-Buddhisten die Wertschätzung der Rolle, des Zwecks und des Wertes von Erwachen geschmälert. In ihrem Nachwort reagiert sie unzweideutig auf dieses Phänomen und beschreibt, wie „die Suche nach Erleuchtung in letzter Zeit als romantische und mythische Sehnsucht verspottet worden ist“. Sie beklagt die „Verunglimpfung der Erleuchtung“ als eine „bedauerliche und vielleicht speziell amerikanische Fehlinterpretation“ der Lehren einiger großer Zen-Meister über das Ziel des spirituellen Weges. Ganz im Gegensatz dazu schätzt sie jedoch die Leidenschaft für die Veränderung hoch ein, die in erster Linie durch den Buddhismus nach Amerika gebracht wurde: „Die ursprüngliche Begeisterung … betraf nicht nur das persönliche Entdecken, sondern die Möglichkeit, innerhalb einer zutiefst verwirrten Gesellschaft eine Wertschätzung für das Unbekannte zu entwickeln – es war der Versuch, ein Terrain für neue Möglichkeiten zu schaffen.“ Es war ein echtes Vergnügen mit Helen Tworkov zu sprechen, und es förderte wichtige Fragen zu Tage über die Auswirkungen unserer materialistischen und nach persönlicher Befriedigung strebenden Kultur auf etwas, das traditionellerweise ein Weg der Entsagung ist. Ihr persönliches Engagement im Reifeprozess des Buddhismus in Amerika wirft ein eindringliches und provokantes Licht auf unsere Gesellschaft und ihren Einfluss auf spirituell Suchende, und so bleibt uns nur die Frage: Wird der Buddhismus Amerika überleben?
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