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Einleitung
„Zu meditieren bedeutet, Zeit zu transzendieren. Zeit ist die Entfernung, die der Gedanke bei seinen Leistungen zurücklegt. Dieses Reisen vollzieht sich immer in den alten Bahnen, die lediglich einen neuen Anstrich erhalten haben; der Anblick ist neu, aber wir befinden uns noch auf der gleichen Bahn, die nirgendwohin – außer zu Schmerz und Leid – führt. Nur wenn der Geist die Zeit transzendiert, hört die Wahrheit auf, eine Abstraktion zu sein.“ „Mein Interesse gilt einem bescheideneren Ansatz, der die kleinen Schwächen der Menschen stärker gelten lässt, aus der Sichtweise heraus, dass durch Annehmen der kleinen Schwächen mehr Würde und Frieden entsteht als durch jegliche Methode, die den Zustand des Menschen transzendiert.“ Bei unserer Untersuchung der Frage „Was ist Erleuchtung?“, die wir für diese Ausgabe von WIE durchführten, forschten wir nach den Erkenntnissen der beiden im Westen florierenden und gegenwärtig bedeutendsten Erleuchtungstraditionen: Advaita Vedanta und Buddhismus. Daneben ist in jüngerer Zeit noch eine neue spirituelle Philosophie im Westen in Erscheinung getreten, die diesen alten Lehren bezüglich Einfluss und Anziehungskraft jetzt den Rang streitig macht – die moderne Psychologie der Spiritualität, die als Transpersonale Psychologie bekannt wurde. Traditionellerweise stimmen die Ziele einer auf Erleuchtung ausgerichteten Spiritualität und die der Psychotherapie überhaupt nicht miteinander überein (die Erleuchtungslehren sind bestrebt, das Ego zu zerstören oder zu transzendieren, während die Psychotherapie darauf abzielt, das Ego zu stärken oder zu heilen). Die Transpersonale Psychologie versucht nun, diese Unterschiede miteinander auszusöhnen und neue Antworten auf unvergängliche spirituelle Fragen zu geben. Wir waren neugierig, ob diese Denkrichtung auch für unsere Erkundungen neue Aufschlüsse bieten könnte, und so starteten wir zu einem kurzen, aber faszinierenden Ausflug in die Welt der Transpersonalen Psychologie. Die Transpersonale Psychologie, die in den sechziger Jahren als wichtiger Bestandteil des Human Potential Movement begann und dort auch ihre Wurzeln hat, unternahm den Versuch, Pforten der Wahrnehmung aufzustoßen, die im Westen bis dato unbekannt gewesen waren, und die entlegensten Bereiche des menschlichen Bewusstseins zu kartieren. Sie hat auf diesem Gebiet bahnbrechende Forschungen vorangetrieben. Einst eine radikale Strömung der spirituellen Subkultur, genießt die Transpersonale Psychologie mittlerweile weithin als legitime Richtung der Psychologie Anerkennung und hat auch Eingang in die regulären Lehrpläne der Hochschulen und Colleges gefunden. Gleichzeitig wurde ihre Verbindung zu spirituellen Wegen und Methoden des Ostens, die im Westen allmählich populär wurden und Fuß fassen konnten, immer enger. Ram Dass, der von seiner Ausbildung her Psychologe war, wurde nach seinen Reisen nach Indien und seiner Begegnung mit seinem hinduistischen Guru ein spiritueller Lehrer; Jack Kornfield, der in den Vereinigten Staaten gegenwärtig einer der gefragtesten Meditationslehrer ist, beschloss nach etlichen Jahren als buddhistischer Mönch, einen akademischen Grad in Psychologie zu erwerben. Das Naropa Institute, das von dem verstorbenen Chögyam Trungpa als buddhistisches College gegründet wurde, rühmt sich mittlerweile, eines der anerkanntesten Programme für „transpersonale Studien“ anzubieten. Und das Gedankengut und die Sprache der therapeutischen Psychologie haben sich inzwischen mit denen der spirituellen Lehren des Ostens so stark vermischt, dass sie häufig kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Meditierende sprechen davon, „sich durch psychologische Blockaden hindurchzuarbeiten“, und bei Therapeuten ist die Rede davon, „über das Ego hinauszugehen“. Vor dreißig Jahren wurde die Transpersonale Psychologie zwar für ihre neuen Ansätze beim wissenschaftlichen „Kartieren“ des menschlichen Bewusstseins und dessen Entwicklung sehr gelobt, als in spiritueller Hinsicht maßgebliche Instanz galt sie jedoch noch nicht. Wenn man es mit der Erleuchtung ernst meinte, dann wurde eine disziplinierte spirituelle Praxis unter der Anleitung eines spirituellen Lehrers immer noch als der glaubwürdigste Zugang zum spirituellen Weg gesehen. In der Zwischenzeit haben sich die Ansichten dazu geändert. Bei der ersten nationalen Konferenz der buddhistischen Lehrer in Amerika, die 1993 stattfand und die von einem aus Psychotherapeuten bestehenden Gremium gefördert und von 115 westlichen Lehrern des Zen, des tibetischen Buddhismus sowie des Vipassana besucht wurde, stellten die Teilnehmer fest, dass die therapeutische Perspektive auf der Konferenz sehr stark dominierte und dass viele Meditationslehrer zwischen Psychotherapie und buddhistischer Praxis keine Unterscheidung mehr machten. Judith Simmer-Brown, die Vorsitzende der Abteilung für religiöse Studien am Naropa Institute, vermerkte in ihrer Schilderung von der Konferenz, die in der Zeitschrift Shambhala Sun veröffentlicht wurde: „Die Anwesenden haben das psychotherapeutische Modell von Befreiung ohne jede Einschränkung akzeptiert. Die Instrumente, die sie durch ihre Praxis des Dharma entwickelt hatten, galten nichts mehr. Wir haben sogar das mit unserem Dharma verbundene Vokabular, unsere Diskussionen über die Praxis, ja, sogar die Praxis der Meditation selbst verworfen.“ Die Transpersonale Psychologie hat in den letzten zwei Jahrzehnten das gesamte Spektrum von Entwicklung mit allen ihren spezifischen Phasen und dem von Engler vorgeschlagenen Ansatz einer Entwicklungspsychologie populär gemacht, einschließlich einer anspruchsvollen Analyse der Evolution des Bewusstseins und therapeutischer Techniken, die jeden Aspekt der menschlichen Erfahrung ansprechen. Die Transpersonale Psychologie, deren Modell ein eher kontinuierliches Wachstum als eine absolute Errungenschaft vorsieht, und transpersonale Therapeuten, deren Autorität nicht auf ihrem Anspruch beruht, erleuchtet zu sein, sondern auf der Kenntnis von Entwicklungsprozessen, sind die Vertreter des jetzt vorherrschenden Paradigmas. Jack Kornfield schreibt in einem Artikel mit dem Titel „Even the Best Meditators Have Old Wounds to Heal“ (Sogar die besten Meditierenden müssen alte Wunden heilen): „Für die meisten Menschen reicht die Praxis der Meditation nicht aus. Bestenfalls ist sie Bestandteil eines komplexen Weges der Öffnung und des Erwachens. … Für viele Bereiche des Wachstums ist eine gute westliche Therapie insgesamt schneller und erfolgreicher als Meditation.“ Zur Zeit der Jahrtausendwende sind allem Anschein nach eher transpersonale Therapeuten und nicht spirituelle Lehrer zu den maßgeblichsten und vertrauenswürdigsten Kommentatoren spiritueller Wege und Praktiken im Westen geworden. Für diese Ausgabe von WIE wollten wir uns daher unbedingt mit einem Vertreter der Transpersonalen Psychologie unterhalten, der uns schildern könnte, wie dieser neue Schlag von spirituellen Führern an diese großen Fragen, die wir untersuchen, herangeht. Wir freuten uns sehr über die Gelegenheit, mit Dr. Frances Vaughan zu sprechen, einer angesehenen Therapeutin, die als „transpersonale Pionierin“, „weise Frau“ und „Geburtshelferin für die Seele“ bezeichnet worden ist. Vaughan hat eine private Praxis in Mill Valley, Kalifornien, und lehrt und hält Vorträge auf der ganzen Welt. Sie ist Autorin von zwei Büchern und Mitherausgeberin von fünf weiteren, von denen einige in den Lehrplänen für die Ausbildung in Transpersonaler Psychologie als Pflichtlektüre aufgeführt werden. Mit großer Klarheit und Zuversicht spricht sie in ihren Büchern über spirituelle Wege und Praktiken und erläutert ausführlich eine präzise Methodologie, die dazu dient, andere „zu Heilung und Ganzheit zu führen und dadurch auf jeder Ebene des Bewusstseinsspektrums das Wohlbefinden zu steigern und so den Weg zur Befreiung aufzuzeigen“. Wir hofften darauf, dass unser Gespräch mit Dr. Vaughan einige unserer Fragen beantworten würde. Die zentrale Frage dabei lautete: Lässt sich das Ziel der Lehre des Buddha wirklich darauf reduzieren, „psychologisch optimal zu funktionieren“, wie eine wachsende Zahl transpersonaler Therapeuten behauptet? Nachdem wir ihre Bücher und eine Anzahl anderer zentraler Arbeiten ihres Fachgebiets gelesen hatten, mit ehrlichem Respekt für die Beiträge, die die Transpersonale Psychologie für die moderne Diskussion spiritueller Fragen geleistet hat, traten wir an Dr. Vaughan heran. Führende transpersonale Denker, vor allem Ken Wilber, haben viele bedeutsame Unterschiede zwischen psychologischer Entwicklung und spiritueller Errungenschaft aufgezeigt, die nie zuvor so deutlich artikuliert worden sind. Den Nachdruck, den die Transpersonale Psychologie auf Einbeziehung von Moral, Beziehungen und weitere Dimensionen menschlicher Erfahrung legt, um spirituelle Errungenschaften vollständig zu verstehen, sahen wir schon lange als etwas ganz Wesentliches an. Je mehr wir uns jedoch mit der transpersonalen Herangehensweise an den spirituellen Weg befassten, desto mehr verfolgte uns das grundsätzliche Paradoxon, das jeder therapeutischen Betrachtungsweise von Erleuchtung innewohnt: Wie können wir gleichzeitig Heilung und Demontage des persönlichen Selbst betreiben? Kann man es eigentlich noch zu Recht einen spirituellen Weg nennen, wenn man in erster Linie dem Streben nach Heilung verpflichtet ist? Außerdem blieb für uns die Frage offen, ob das Streben nach Erleuchtung ein Entwicklungsprozess ist, der sich in gleicher Weise wie andere Entwicklungsprozesse darstellen lässt. Ken Wilber führt in seinem Buch The Atman Project dazu aus: „Der Prozess des Wachsens und Entstehens zieht sich durch die ganze Sequenz – so wie wir (vom körperbezogenen Bewusstsein) zum Ego gelangt sind, gelangen wir auch vom Ego zu Gott.“ Die großen Erleuchtungstraditionen haben jedoch immer behauptet, dass die spirituelle Suche keine normale Reise darstellt – dass Erleuchtung ein Sprung ist, der über das Bekannte und jeglichen begrifflichen Rahmen hinausgeht und völlig von der Ebene des kartographisch erfassbaren relativen Fortschritts wegführt, wie umfassend diese Landkarte auch sein mag. Während herkömmlicherweise die Auffassung herrscht, dass die spirituelle Suche alles von uns fordert, was wir an Fähigkeiten aufbringen können, verlangt die Erleuchtung am Ende immer, alle unsere Hilfsmittel, Karten und Konzepte hinter uns zu lassen und blind und mit leeren Händen ins Unbekannte zu treten. „Ihr stellt euch den (Einen) Geist … als etwas vor, das auf die gleiche Weise untersucht werden kann wie eine Kategorie des Wissens oder wie ein Konzept“, schrieb der Zen-Meister Huang Po bereits im neunten Jahrhundert vor Christus. „Wer seinen Geist auf diese Weise wie Augen benutzt, wird sicher vermuten, dass Fortschritt etwas ist, das sich in mehreren Stadien vollzieht. So ein Mensch ist jedoch von der Wahrheit so weit entfernt wie die Erde vom Himmel.“ Im folgenden Gespräch, das im Mai 1998 in Dr. Vaughans Beratungszimmer stattfand, kommt ihre ganzheitliche Vision von der Transpersonalen Psychologie als Brücke zwischen den Dimensionen der Psychologie und der Spiritualität zum Ausdruck. Sich selbst und transpersonale Therapeuten sieht sie eher als „Weggefährten“ und weniger als spirituelle Führer, und transpersonale Spiritualität begreift sie eher als persönliche, heilende Reise und nicht so sehr als letzte Abrechnung des Einzelnen mit dem Absoluten. Vaughan spricht sich in diesem Interview über einige der populärsten Themen der heutigen Spiritualität aus – und zeigt so eine weitere faszinierende Perspektive der Frage auf: Was ist Erleuchtung? Weiß überhaupt irgendjemand, worum es geht?
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