
Die deutschsprachige integrale Bewegung wird erwachsen.
Vor acht Jahren entdeckte Dennis Wittrock die integrale Theorie und sagt heute über diese Begegnung, die sein Leben verändern sollte: „Ich war begeistert vom integralen Modell, vertiefte mich in seine Gedanken und begann, die Welt neu zu interpretieren und mein Leben mit neuen Augen zu sehen. Es war, als käme eine ganz neue Welt ins Sein.“ Wittrock, der heute im Vorstand des wichtigsten deutschsprachigen integralen Netzwerkes, dem Integralen Forum, arbeitet, ist mit dieser Erfahrung nicht allein. In den letzten 10 Jahren sind hierzulande immer mehr Menschen zu der Überzeugung gekommen, dass die integrale Philosophie die Kraft hat, auf viele der drängenden Fragen unserer Zeit Antworten zu geben und eine neue Stufe unseres Denkens, unserer kulturellen Entwicklung und menschlichen Miteinanders zu begründen.
Die Erkenntnis der Verbundenheit von individueller und kollektiver, innerer und äußerer Entwicklung, die ein wichtiges Kennzeichen der integralen Weltsicht ist, inspirierte viele Menschen dazu, mit anderen zusammenkommen, um das transformative Potenzial dieser neuen Theorie zu erforschen und im eigenen Leben zum Ausdruck zu bringen. Wittrock ist der Überzeugung, dass „diese organisierten Gruppen, die sich regelmäßig regional treffen die besondere Qualität der integralen Bewegung im deutschsprachigen Raum sind.“ Die regionalen Gruppen und Initiativen, wie z. B. das „Forum für integrale Theorie und Praxis Berlin“ verstehen sich als experimentelle Laboratorien einer integralen Kultur und sind durch die Arbeit des Integralen Forums vielfältig miteinander vernetzt.
Heute, nach 10 Jahren Basisarbeit, ist die deutschsprachige integrale Bewegung die vielleicht weltweit aktivste und am besten organisierte. Hilde Weckmann, die Leiterin der Stiftung „European Integral Academy“, sagt über die Entwicklung der letzten Jahre: „Durch die vielen Kooperationen wurden im Laufe der Zeit Bewusstseinsfelder gebildet, aus denen heute eine neue Wirksamkeit entstehen kann. Ich denke, das ist die Art, wie Evolution in der Kultur wirkt und arbeitet“.
Auch Wittrock sieht die Bewegung in einer neuen Phase ihrer Evolution: „Heute rückt vor allem für diejenigen, die schon lange integral engagiert sind, die Umsetzung der Theorie in den Vordergrund. Wir fragen uns: Wie verändert mich diese Weltsicht? Wie bringe ich sie zum Ausdruck? Welchen Unterschied macht das in der Welt? Denn“, so Wittrock, „wir haben große Ansprüche, große Ideale, große Ziele, aber wenn wir nur die Theorie verstehen und nichts verändern, ist es fraglich, wie transformativ die integrale Bewegung in der Welt wirkt.“ Er sieht die Bewegung in der Phase ihres „Lackmustests“, denn „jetzt brauchen wir Studien, Anwendungsbeispiele, Erfolgsstorys über die Wirkung des Integralen in der Welt“.
Und da gibt es hierzulande schon einige spannende Geschichten zu erzählen, die zumindest das Potenzial der integralen Weltsicht, dass sie Grundlage einer neuen Kultur werden kann, erahnen lassen. Nehmen wir zum Beispiel die wissenschaftliche Forschung. Der Psychologe Marc Lucas ist in die akademische Welt besonders weit vorgedrungen und gründet zurzeit das „Zentrum für integrale Studien“ an einem Institut der Uni Köln, das am Schnittpunkt von Betriebswirtschaft und Psychologie arbeitet. Er hat viel über die Herausforderungen nachgedacht, die integrale Theorie im akademischen Bereich mit seinen eigenen engen Regeln anzuwenden und gleichzeitig auch den radikal neuen Möglichkeiten dieses Ansatzes Raum zu geben. Er sagt: „Wir möchten das Integrale an die Unis bringen, im Sinne der angewandten Forschung, die hoffentlich im akademischen Umfeld Akzeptanz finden kann und trotzdem selbstbewusst integral ist.“ Lucas hofft, dass die Fähigkeit der integralen Theorie, verschiedene scheinbar unzusammenhängende oder gar einander bekämpfende Forschungszweige in einem wissenschaftlichen Rahmen miteinander zu verbinden, sie in Zukunft für immer mehr Wissenschaftler interessant macht und im Grunde auch die wissenschaftliche Forschung neu definiert.
Auch in Politik und Wirtschaft findet diese integrative Kraft mehr und mehr Anklang. Die Wirtschaft zum Beispiel, mit ihrem Fokus auf praktischen und messbaren Ergebnissen, ist ein guter Praxistest für jeden neuen Ansatz kultureller Veränderung. Und in der großen deutschen Coachingszene bauen immer mehr Berater auf die Fähigkeit des Integralen, die Erkenntnisse unterschiedlicher Bereiche zusammenzuführen, um so auch mit komplexeren Situationen umgehen zu können. Guido Fiolka leistet hier mit seinem Coaching Center Berlin seit Jahren Pionierarbeit. Ihm geht es vor allem um die Veränderung des Denkens, das wirtschaftlichen Entscheidungen zugrunde liegt. Er erklärt: „Wir wollen moderne Methodiken und Elemente aus der Psychologie, Philosophie, der Systemtheorie und der westöstlichen Weisheitstraditionen miteinander verbinden, um ein komplementäres, ganzheitliches Denken zu entwickeln.“
Eine der Stärken des Integralen ist die Anerkennung unterschiedlicher Weltsichten und Werte im Kontext der kulturellen Evolution. Diese Fähigkeit macht sie für die Politik interessant, die ja immer auch ein Kampfplatz gegensätzlicher kultureller Werte ist. Einige Schweizer fühlen sich besonders zu neuen Impulsen für die Politik berufen und haben – schweizerisch gründlich – einen Verein zur Gründung einer Integralen Partei gegründet. Hans-Peter Studer, der Sprecher des Vereins, sieht seine Arbeit in einem größeren Zusammenhang und ist davon überzeugt, dass sich „die Menschheit als Ganzes in Richtung eines integralen Bewusstseins entwickelt“.
Viele Menschen in der integralen Bewegung teilen diese Überzeugung, und die Beispiele zeigen, dass die integrale Weltsicht langsam Wege in die Öffentlichkeit findet. Das bringt aber auch neue Herausforderungen für die Bewegung mit sich: Wie kann man die Originalität dieser neu entstehenden Perspektive bewahren und gleichzeitig einer breiteren Öff entlichkeit vermitteln? Genau dieser Herausforderung stellt sich die neu gegründete DIA (Die Integrale Akademie). Hier haben sich einige der führenden integralen Köpfe zusammengefunden, um ein umfangreiches Angebot an Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Sonja Student, eine der Leiterinnen der DIA, sagt dazu: „Schlüsselwörter unserer Arbeit sind Qualitätskontrolle und Professionalisierung. Die Bezeichnung ‚integral’ ist zu einem Modewort geworden, mit der DIA soll deshalb zum ersten Mal ein Forum entstehen, um gemeinsam herauszufinden und zu formulieren, was die Merkmale einer integralen Theorie und Praxis im Sinne von Wilbers AQAL-Modell sind.“
Gerade in den letzten Monaten gewinnt die integrale Bewegung weltweit an Schwungkraft, immer mehr Menschen scheinen für den Schritt von unserer postmodernen in eine integrale Weltsicht und Kultur bereit zu sein. Und hier zeigt sich zweifellos auch die Bedeutung und Verantwortung der deutschsprachigen Initiativen mit ihrer langjährigen Erfahrung und ihrer weit entwickelten Organisation in einem neuen Licht. Bei der allerorten sichtbaren inspirierten und selbstbewussten Aufbruchsstimmung wird es spannend zu sehen, wohin uns diese kulturelle Bewegung hierzulande führen wird. Oder mit den Worten von Hilde Weckmann: „Wir wagen uns ins Unbekannte vor, machen Schritte und bauen im Gehen neue Straßen.“
Mike Kauschke


