
Ist Sex ein Weg zu Gott?
In ihrem neuen Dialog untersuchen der spirituelle Lehrer Andrew Cohen und der integrale Philosoph Ken Wilber die komplexe und immer wieder spannende Beziehung zwischen Sex und spiritueller Freiheit.
ANDREW COHEN: Wir wollen heute über ein interessantes und herausforderndes Thema sprechen, nämlich die Beziehung zwischen Sexualität und spiritueller Entwicklung. Wie wir beide wissen, kann Sexualität ein unglaublich verwirrender Bereich des menschlichen Lebens sein, in dem wir nur sehr schwer mit Klarheit und Einfachheit handeln. Es gibt eine Menge Gründe, warum das so ist – besonders für uns, die wir in einem postmodernen kulturellen Kontext aufgewachsen sind und nun versuchen herauszufinden, was der nächste Schritt sein könnte.
Der sexuelle Impuls ist eine der überwältigendsten Kräfte für uns. Der Trieb zur Fortpflanzung ist – so wie ich das sehe – der körperliche Ausdruck des evolutionären Impulses, der im gesamten Universum wirkt. Was könnte kraftvoller sein als das? Wenn jemand diese Kraft des sexuellen Impulses in seinem Körper und Geist empfindet, dann spürt er auf einer biologischen Ebene die gleiche kreative Energie, die vor 14 Millionen Jahren dafür sorgte, dass Etwas aus dem Nichts heraus explodiert. Es erfüllt einen mit Ehrfurcht, so darüber nachzudenken. Aber durch unseren Mangel an Demut unterschätzen wir oft die Kraft, mit der wir es hier tatsächlich zu tun haben, und es ist offensichtlich, warum wir in diesem Bereich so oft das Gleichgewicht verlieren. Der biologische Zeugungsimpuls ist so angelegt, dass er überwältigend ist. Und um das Bild zu vervollständigen, müssen wir natürlich in Betracht ziehen, wie die Kultur uns dazu konditioniert, auf diesen machtvollen Impuls zu reagieren
In der postmodernen Ära, zum Beispiel, sind wir in einer einzigartigen Situation, weil wir in einem Zeitalter der sexuellen Befreiung leben, in der die meisten traditionellen Tabus bereits gebrochen worden sind. Wir haben die meisten, scheinbar überholten Vorstellungen von Moral in Bezug auf die Sexualität über Bord geworfen. Als ich aufwuchs, wurde mir – so wie dir wahrscheinlich auch – gesagt, dass Sex grundsätzlich eine gute Sache ist, solange man niemandem damit schadet. Sexuelles Experimentieren wurde befürwortet. Mir wurde nie wirklich eine Orientierung geboten, wie ich mit diesem Aspekt des menschlichen Lebens umgehen sollte – alles war sehr offen. Erst als ich mich mehr für meine spirituelle Entwicklung interessierte, begann ich zu erkennen, wie problematisch Sexualität sein kann und wie oft sie auch täuschen – und das Gewahrsein trüben – kann, wenn unsere Beziehung dazu stark konditioniert und unfrei ist. Und ich habe festgestellt, dass die sexuelle Befreiung einem Menschen nicht unbedingt mehr Erkenntnisse darüber bringt, welche Rolle Sex und Sexualität für das menschliche Leben spielen. Ich habe über die Jahre viele gebildete, intelligente Leute getroffen, die eine Menge sexuelle Erfahrung besaßen, aber ich habe kaum jemanden getroffen, der in Bezug auf diesen Bereich des Lebens wirkliche Klarheit, Selbstbestimmtheit und Objektivität verkörperte. Die Frage nach der richtigen Beziehung zu dieser überwältigenden Kraft ist aber sehr bedeutsam. Wir müssen uns nur umschauen, um festzustellen, dass es darauf keine einfache Antwort gibt, weder im spirituellen noch im weltlichen Leben.
Im traditionellen spirituellen Kontext war es oft so, dass sich Menschen entweder entschlossen, diesen Teil ihres Lebens hinter sich zu lassen, oder ihn in ihr religiöses Leben und ihre Praxis zu integrieren. Manche Religionen, wie zum Beispiel das Judentum, betrachten die körperliche Liebe als integralen Bestandteil ihrer kulturellen Verhaltensregeln. Aber das bedeutet normalerweise auch für Männer und Frauen eine sehr traditionelle Rollenverteilung, der viele von uns, speziell im Westen, entwachsen sind. Deshalb bin ich sehr daran interessiert, einen Weg zu finden, der diese Dimension des Lebens in einer Weise versteht, die in unserer Zeit und Kultur sinnvoll ist und sie weder vermeidet noch ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellt.
Die meisten Ideen über den Umgang mit Sexualität tendieren dazu, in eines von zwei Extremen zu verfallen: Entweder sie kommen zu dem Schluss, dass „Sex schlecht ist“, wie es einige Traditionen tun, oder sie stellen fest, dass „Sex gut ist“, wie in der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. An einem bestimmten Punkt habe ich jedoch erkannt, dass Sex selbst weder gut noch schlecht ist. Es ist grundsätzlich eine neutrale Kraft – eine evolutionäre Notwendigkeit, die durch eine spezifische biologische Funktion ihren Ausdruck findet. Die Funktion an sich hat keine moralische Dimension. Sie ist weder gut noch böse. Natürlich kann sie in einer Art und Weise ausgelebt werden, die positiv oder negativ ist. Ich glaube aber, dass es sehr wichtig ist, zu begreifen, dass die Natur dieser Kraft jenseits der moralischen Unterscheidungen liegt, denn das zwingt uns dazu, tatsächlich über die Frage nachzudenken: Wie ist meine Beziehung zu dieser neutralen Kraft? Das scheint mir ein guter Ausgangspunkt für unser Gespräch zu sein
KEN WILBER: Das ist tatsächlich ein guter Ausgangspunkt. Und ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen der Sexualität, wie sie normalerweise verstanden wird, und der Sexualität als neutraler, aber viel umfassenderer Kraft tatsächlich sehr wesentlich ist. Es ist eine Unterscheidung, wie sie die Traditionen machen, und sie ist tatsächlich wesentlich, um Transformation und Entwicklung zu verstehen. Die Menschen, die an einer integralen oder evolutionären Perspektive interessiert sind, haben keine Probleme zu verstehen, dass es ein Spektrum des Bewusstseins gibt, welches sich im Laufe der Zeit entwickelt hat. Die Begriffe, die wir meistens verwenden, um diese Stufen der Evolution des Bewusstseins zu beschreiben, lauten archaisch, magisch, mythisch, rational, pluralistisch und integral. Jede dieser Stufen von Bewusstsein repräsentiert einen Zuwachs an Fürsorge, Mitgefühl, Liebe, Verantwortung, Achtsamkeit – solange dabei keine Pathologie oder Dysfunktion auftritt. Aber es wird oft nicht verstanden, dass neben diesem Spektrum des Bewusstseins ein Spektrum des Prana existiert, das vereinfachend auch als Energie bezeichnet werden kann. Diese Idee kommt aus den großen Traditionen des Vajrayana (Tibetischer Buddhismus) und des Vedanta (Hinduismus). Man kann sie kurz zusammenfassen mit der Aussage, dass „jeder Geist einen Körper besitzt“. Jede Stufe des Bewusstseins wird von einer Art akkumulierter Energie oder Prana getragen.
Wenn wir den Begriff Prana benutzen, müssen wir zwei Bedeutungen beachten. In einem gewöhnlichen Sinne bedeutet Prana einfach Vitalenergie, Bioelektrizität, usw. Und in dieser Form ist Prana für die Vereinigung von einem Organismus mit einem anderen zuständig. In einem umfassenderen Verständnis ist Prana dafür verantwortlich, einen einzelnen Organismus mit dem gesamten Universum zu vereinen. Dieses Einssein, dieser „Eine Geschmack“, diese nonduale Erfahrung ist natürlich das Ziel der vollkommenen Befreiung. Darum geht es bei der Erfahrung des Einssein mit Allem. Und das bringt dir eine Befreiung vom kleinen Ich und seiner trivialen Sexualität.
Wenn wir also von spiritueller Befreiung sprechen, über Erleuchtung, über das Erwachen, dann reden wir nicht nur von einem Wandel des Bewusstseins, was so ziemlich das Einzige ist, worüber heutzutage geredet wird. Uns wird gesagt: „Konzentriert euch einfach auf die Kraft des Jetzt.“ Oder: „Achtet nur auf den gegenwärtigen Augenblick.“ Und das ist genau richtig, wenn es um das Bewusstsein geht. Aber dabei wird der körperliche Aspekt der ganzen Sache vergessen. Über den konkreten fleischlichen, materiellen, energetischen Aspekt, der sich in Prana und Sexualität ausdrückt, wird nicht gesprochen. Bei der Erleuchtung geht es also nicht nur um den Wandel im Bewusstsein vom kleinen Ich zum großen Selbst oder zum „Big Mind“, sondern auch um eine Veränderung der sexuellen Muster, die gleichzeitig einen Wandel vom einfachen Prana zum umfassenderen Prana bedeutet – dem Ausdruck der Sexualität des Big Mind, wenn man so will.
Wir suchen also nach einem Spektrum der Sexualität, das parallel zum Spektrum des Bewusstseins, von archaisch zu mythisch zu rational zu pluralistisch zu integral, verläuft. Und um es in aller Kürze anzusprechen, eines der Systeme, in dem wir diese Korrelation bereits klar vorgezeichnet finden, ist das Chakren-System aus der Hindutradition. Dort existieren sieben Chakren und diese definieren sich durch Energien, die mit den sieben wesentlichen Ebenen des Bewusstseins korrespondieren und von unten nach oben verlaufen. Die erste Ebene ist die Ebene der Nahrung, die zweite ist die sexuelle Energie (in einem gewöhnlichen Sinne), die dritte Ebene ist die Energie der Macht oder der Intention, die vierte repräsentiert die Energie der Liebe, die fünfte Ebene ist die Energie des Selbstausdruckes oder der Selbstverwirklichung, die sechste ist die Energie der Selbsttranszendenz und die siebte Ebene ist die Energie des Einsseins mit dem Kosmos. Das ist also eine Art Landkarte, die wir in den Traditionen finden können, die uns daran erinnert, dass jeder Wandel im Bewusstsein eine Veränderung der Energie – oder der Sexualität – im Körper nach sich zieht.
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