
Die Seele ist bereits erleuchtet
Ein Interview mit Sufi-Lehrerin Aliya Haeri
Von Elizabeth Debold
Als mir eine Kollegin aus dem Londoner EnlightenNext Center erzählte, sie habe soeben eine Frau getroffen, die sich wie eine spirituelle Seelenschwester anfühle, war ich – unnötig zu erwähnen – interessiert. Ich bin immer an der Bekanntschaft mit Frauen interessiert, die ihr Leben dem Spirituellen gewidmet haben. Aber als sie sagte, dass es sich bei der Frau, die jetzt als Sufi-Lehrerin lebe, um eine Amerikanerin in Südafrika handelte, die mit ihrem Lehrer Shaykh Fadhlalla Haeri verheiratet ist, und dass sie dessen dritte Ehefrau in einer Vielehe sei, war ich vollkommen fasziniert. Bemerkenswerterweise betonte meine Kollegin die Freiheit und Unabhängigkeit, die diese Frau, Aliya Haeri, zum Ausdruck bringe. Das machte mich sehr neugierig, nicht nur auf Haeri selbst, sondern auch auf den Weg, den sie geht. Zuerst fragte ich mich, ob sie sich einem traditionellen religiösen Kontext zugewandt habe, um unserer chaotischen, globalisierenden Welt zu entfliehen, wie das einige tun. Aber je mehr ich über ihr Leben erfuhr, desto weniger schien mir das der Fall zu sein. In den Siebzigern war Haeri als Erforscherin paranormaler Phänomene bekannt. Doch als sie erkannt hatte, dass dieses Bemühen ihr nicht den tieferen Sinn und das Wissen erschließen würde, nach dem sie suchte, kam sie zum Sufismus. Der Sufismus, der mystische Zweig des Islam, kam sowohl der Sehnsucht nach Tiefe in ihrem Herzen als auch der Wissbegier ihres Verstandes entgegen. Nachdem sie zum Sufismus konvertiert war, betrieb sie fortgeschrittene Studien der Psychologie, die sie 1995 mit einem Master-Grad des Institute for Transpersonal Psychology abschloss. Sie war eine begeisterte Leserin der neuesten philosophischen und kulturellen Theorien, die integrale Psychologie eingeschlossen, und entwickelte ihre eigene Form der Integration spiritueller und psychologischer Inhalte, die die seelische Entwicklung in den Mittelpunkt stellt und die sie als Direktorin der Acadamy of Self Knowledge in Südafrika unterrichtet.
Als ich Haeris Interesse an der menschlichen Psyche zu verstehen begann, leuchtete mir die Anziehungskraft des Sufismus auf sie immer mehr ein. Der Sufismus verfügt über ein sehr weit entwickeltes und höchst präzises Verständnis der Kräfte in der menschlichen Psyche – der hellen und der dunklen Impulse –, die das menschliche Dilemma so komplex machen. Und dennoch verlangt er als traditioneller mystischer Weg eindeutig, dass die Spiritualität an die erste Stelle gesetzt wird, weil kein noch so großes psychologisches Verständnis die Seele befreien wird. „Islam“ bedeutet Hingabe – an Gott oder das ALL-EINE. Und auf dem Sufi-Weg der Gottesverwirklichung entdeckte Haeri das mystische Paradoxon und verkörpert es inzwischen, dass Hingabe Befreiung ist und dass tiefe Demut tatsächlich zu wahrer Unabhängigkeit führt. Es war also eine große Freude, mit Aliya Haeri über den von ihr gewählten Weg zu sprechen – und darüber, wie sie durch die Annahme dieser wunderschönen Tradition ihr so zeitgemäßes Bedürfnis nach Verstehen und Freiheit erfüllen konnte.
Der mystische Weg des Sufismus
EnlightenNext: Sie konvertierten in den siebziger Jahren zu einem islamischen Sufi-Orden, was zu dieser Zeit ziemlich ungewöhnlich war. Was war es am Sufismus, das Sie spirituell so ansprechend fanden?
Aliya Haeri: Grundsätzlich ist das Ziel des Sufismus das gleiche wie in jeder anderen spirituellen Tradition: die direkte Erfahrung des Göttlichen. Sufismus lehrt, dass wir unseren erleuchteten Wesenskern bereits in uns tragen – wir sind bereits erleuchtet. Alles, was diese Erleuchtung verschleiert, ist der konditionierte Verstand oder das konditionierte Selbst. Der Weg führt über das konditionierte Selbst und alle Barrieren hinaus, die vom Selbst im Kampf für seine Autonomie errichtet werden und die uns von der Erleuchtung, die bereits da ist, fernhalten. In der Sufi-Tradition haben wir eine wundervolle Landkarte für diesen Prozess, der „vier Wege“ genannt wird. Der erste Weg beinhaltet das Erkennen, dass das, was wir „Leben“ nennen, einfach ungenügend ist. Wir folgen unseren Begierden und unseren Leidenschaften und entdecken, dass uns nicht eine einzige davon die lang anhaltende Zufriedenheit, den Frieden und die Wahrheit geben wird, nach der wir suchen. Wir finden zum Beispiel jemanden, den wir lieben, und wir verlieren uns in dieser Liebe bis zu dem Punkt, wo wir denken, dass sich die Welt um diesen auserkorenen Menschen dreht. Dann verändert sich die Persönlichkeit dieses Menschen oder wir verlieren ihn oder sie aus irgendeinem Grund und wir erleben Enttäuschung und Leid. Die alltäglichen Ereignisse in unserem Leben rufen uns ständig dazu auf, zu erkennen, dass uns all die materiellen Verlockungen, denen wir nachrennen, letzten Endes niemals die dauerhafte Glückseligkeit, die wir suchen, geben werden. Wir werden bei der Verfolgung unserer ehrgeizigen Wünsche und Sehnsüchte zunehmend desillusioniert. Und schließlich beginnen wir, ernsthaft zu suchen. Das ist der erste Weg: die Abkehr von dieser sogenannten Welt hin zum Göttlichen oder dem Geist. Wenn wir die Dualität überwinden, die zwischen uns selbst und der spirituellen Wirklichkeit, die uns innewohnt, zu existieren scheint, entdecken wir das, was wir Erleuchtung nennen. Wir erfahren, dass die Oberfläche des Lebens nur eine dünne Schicht ist und darunter dieser tiefe Ozean, dieser tiefe Kosmos liegt. Der erste Weg geht zu Ende, wenn das eigene unabhängige Selbstgefühl nicht mehr vom Geist trennbar wird. Man wird das, was wir ein wirkliches oder wahres Wesen nennen. Der zweite Weg verläuft vom Geist zum Geist – das Stadium, in dem man als „wahres“ oder verwirklichtes Wesen idealerweise beginnt, durch seine Taten und Charakterzüge die Liebe, das Staunen, die Wahrheit, die Güte und die Schönheit auszudrücken, welche die göttlichen Qualitäten dieser Tiefendimension sind, die wir Gott, das Große Mysterium oder reines Bewusstsein nennen. Mit dieser Erfahrung und diesem Wissen begeben wir uns auf den dritten Weg, der die Rückkehr vom Geist zur Schöpfung ist, zurück in diese Welt. Für einige ist dies ein schwieriger Weg, weil die Glückseligkeit im Geist zu sein, so berauschend ist, dass sie nicht in die Gesellschaft zurückkehren möchten. Der vierte Weg besteht darin, in der Welt zu sein, der Welt zu dienen. Es bedeutet, in dieser Welt mit der ethischen und moralischen Verplichtung zu leben, die einem diese mystische Erfahrung gibt. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen für das, was man in dieser Welt tun kann, um die innewohnende Würde dessen anzunehmen, was ein authentisches Leben tatsächlich bedeutet.
EN: Das ist sehr interessant, weil einige Schulen der Erleuchtung sich nur auf diese Erfahrung der Erleuchtung fokussieren – die Tiefe eines Seins, welches das immer gegenwärtige „Jetzt“ ist – und die Welt als unwirklich oder als Spiel oder Illusion ansehen. Aber Sie sagen, dass der Sufismus lehrt, dass diese Erfahrung nicht das Ende des Weges ist, sondern der Beginn einer tieferen Anteilnahme am Leben.
Aliya Haeri: Ja, der Sufismus lehrt, dass die Erleuchtung der Anfang des authentischen Lebens ist. Ich würde die Erfahrung, im zeitlosen Jetzt zu sein, als eine Zustandserfahrung ansehen. Das ist der Grund, warum sie statisch erscheint. Es gibt weder Zeit noch Raum in diesem Zustand, weil man diese konditionierte Welt von Raum und Zeit überschritten hat. Aber wenn wir nicht in diese Welt zurückkommen und das tun, was wir unseren Dienst oder unseren Beitrag oder unser Werk in dieser Welt nennen können, ist der ganze Weg vollkommen statisch und tatsächlich regressiv. Es ist, als ob wir einen kurzen Blick ins Paradies getan hätten, es aber nicht betreten. Wissen Sie, wir sind Gäste in diesem Universum und wir haben das zu würdigen und können nicht sagen „Na ja, es ist alles Maya und Illusion.“ Nein, wir sind aus einem Grund hierher gebracht worden – um die göttlichen Qualitäten in uns in der relativen Welt zum Ausdruck zu bringen. Wir sind das Theaterstück im Theater dieses Universums.
Innere Beständigkeit
EN: Können Sie darüber sprechen, welche Lehren Sie auf Ihrem Weg als die wichtigsten empfunden haben?
Aliya Haeri: Was mir auf Anhieb in den Sinn kommt, ist eine Haltung, in der wir die Wahrheit mehr als alles andere finden wollen. Diese Wahrheit ist ein Wissen, dass ich nur dann ein vollständiges menschliches Wesen bin, wenn ich auf den Ruf meiner Seele höre. Wenn wir diese Wahrheit als lebendige Wirklichkeit spüren, dann haben wir eine gleich bleibende Charakterfestigkeit in uns, aus der heraus wir mit den stetigen Veränderungen in dieser äußeren Welt umgehen können. Dabei begreifen wir, dass diese innere Beständigkeit aus der Erkenntnis kommt, dass wir bereits Licht und Geist in uns tragen; die Seele ist immer schon hier, erleuchtet. Sei niemals selbstzufrieden – daran sollten wir uns meiner Meinung nach immer erinnern. Denke niemals, dass du jemals sicher vor dir selbst bist. Solange wir in dieser Welt atmen, können wir niemals sicher vor uns selbst sein. Es gab eine Zeit, da ich, wenn ich sozusagen in ein Loch fiel, mich tagelang darin wälzte. Jetzt jedoch, wann immer ich in Ablenkung und Vergesslichkeit gerate, geschieht das nur für kürzere Zeit. Ich brauche nicht mehr so lange, um an diesen Ort der inneren Festigkeit zurückzukommen. Bewusstsein entwickelt sich. Wir verändern uns, wir wachsen. Aber es verlangt konstantes Bemühen, und niemand kann sagen, dass es nicht so ist.
EN: Wenn Sie sagen, dass man niemals vor sich selbst sicher sein kann, könnte man das Selbst, über das Sie sprechen, Ego nennen. In Ihrer Tradition nennen Sie das, glaube ich, „das tyrannische Nafs“.
Aliya Haeri: Ja, im Sufismus ist das tyrannische Nafs die erste oder niedrigste der sieben Stufen des Selbst. Wir beschreiben diese Stufe oft als die „schrecklichen Zwei“; man ist völlig selbstzentriert. In der heiligen Tradition wird gesagt, je weiter wir auf dem Weg reifen, desto wachsamer müssen wir sein, weil wir unter dem Deckmantel der Spiritualität eine Menge dieser unerwünschten Eigenschaften – wie Stolz und Heuchelei – finden, die sich dort verstecken.
EN: Die Formen, die das egoistische Selbst annimmt, entwickeln sich zusammen mit uns.
Aliya Haeri: Ja, tatsächlich fragte ich meinen Lehrer zu Beginn meiner spirituellen Schulung mit all der Unbekümmertheit einer Novizin: „Wie kann ich erleuchtet werden?“ Mein Lehrer verharrte schweigend, dann hob er bedächtig seine Hand und tippte mit seinem Zeigefinger an seine Stirn, dann nahm er ihn wieder herunter und legte seinen Finger auf die Gebetsmatte vor ihm, womit er eine Niederwerfung andeutete.
Ein Universum ohne Makel
EN: Können Sie uns erzählen, wie Sie Lehrerin wurden?
Aliya Haeri: In unserer Tradition sind wir, sobald wir etwas gelernt haben, dazu verpflichtet, es mit jemand anderem zu teilen. Sogar wenn wir einen kleinen Aphorismus oder einen kleinen Vers aus unserer heiligen Schrift gelernt haben, obliegt es uns, dies an jemand anderen weiterzugeben, denn wenn wir uns nicht leer machen, können wir nicht mit neuem Wissen gefüllt werden. Allerdings wird man Sufi-Lehrer durch die Lehrerlaubnis, die der Scheich des Ordens erteilt, der den Reifegrad der Person erkennt. Ich hatte innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft ebenso wie in anderen Sufi-Gruppen informell in Frauenkreisen und später auch bei Männern gelehrt. Eines Tages erwachte ich und fühlte mich überwältigt von der Großzügigkeit des Lebens. Ich rief mir wieder ins Gedächtnis, wie vollkommen alles war – nicht ein Makel im Universum. Wissen Sie, mein Ehemann, mein Lehrer hat ein unerschütterliches Vertrauen zu einem vollkommenen Schöpfer und zur Vollkommenheit aller Dinge. Mit Vollkommenheit meint er nicht „gut“, wie wir es normalerweise als Gegenteil von „böse“ meinen. Vollkommenheit ist das, was ist – jenseits der Dualität. Von ihm habe ich gelernt, mit dem Auge der Einheit zu sehen, dass es keinen Mangel im Universum gibt. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Morgen dachte: „Wenn ich genau in diesem Augenblick von dieser Welt genommen werden würde, wäre es vollkommen.“ Es war der 3. Juli 2004. An diesem Abend saßen mein Ehemann, Scheich Fadhlalla und ich im Wohnzimmer unseres Hauses. Er wurde sehr ruhig, nachdenklich und ernsthaft. Dann sagte er: „Du musst Autorität ergreifen. Du hast die Idhn (Erlaubnis) für diese Arbeit mit Haqiqat (Wirklichkeit). Du wirst heilen und die Stimme sein. In einigen Jahren werden die Menschen nach der Wahrheit des prophetischen Weges verlangen. Sie werden des Terrorismus und der politischen Angriffe müde werden. Sie werden über Religiösität hinaus gehen wollen. Die Menschen wollen Hoffnung. Ergreife jede Gelegenheit, jede Öffnung, die sich für dich ergibt. Du hast die Idhn.“
EN: Denken Sie als Sufi-Lehrerin, dass die spirituelle Arbeit, die heute nötig ist, anders ist, als in der Vergangenheit?
Aliya Haeri: Ich denke, sie kann heute schwerer sein. Der Ansturm der materiellen Kultur ist viel stärker. Deshalb stellen die Menschen viel schneller fest, dass sie mehr vom Leben wollen, als das, was sich auf sie stürzt oder womit sie beworfen werden. Ich sehe heute mehr Menschen, die tatsächlich ein Interesse daran ausdrücken, sich der Kultivierung ihrer inneren Spiritualität zu verpflichten. Um die Gemüter und die Herzen der heutigen Suchenden zu erreichen, müssen wir die spirituellen Lehren zur Verfügung stellen, die von kulturellen Ausprägungen und Gewohnheiten befreit sind.
EN: Meine Beobachtung ist, dass es ein großes Interesse gibt, aber eine tief empfundene Verpftichtung auf der seelischen Ebene ist immer noch eine sehr seltene Sache. Das ist wahrscheinlich immer der Fall gewesen. Besonders in Anbetracht dessen, dass wir heutzutage so viele spirituelle Optionen haben. Wir haben die Wahl, uns diese Woche mit dem Sufismus zu beschäftigen und in der nächsten Woche die Kabbala auszuprobieren und in der darauf folgenden Woche ein bisschen buddhistische Meditation zu üben.
Aliya Haeri: Ja. Ich stimme dem, was Sie sagen, zu tausend Prozent zu. Aus einer ungewöhnlichen Stimmung heraus sagte mein Ehemann: „Eines Tages werden wir einen Basar abhalten, und jeder spirituelle Meister wird seinen eigenen Marktstand haben, und die Menschen können kommen und einkaufen!“ Ich möchte wirklich bestätigen, was Sie sagen. Es sind stets immer nur ein paar Menschen gewesen, die bereit waren, eine vollständige Verpflichtung einzugehen. Ich bin mit drei verschiedenen Sufi-Gemeinschaften in Berührung gekommen, und es gibt nie mehr als eine Handvoll Menschen, die wirklich eine solche Loyalität gegenüber der Wahrheit haben. Aber es bedeutet nicht, dass das nicht ein Anlass zu Optimismus wäre, sogar wenn Menschen zwischen unterschiedlichen Retreats und verschiedenen Meditationscamps herumschwimmen, ist das besser, als einfach da draußen verloren zu sein. Irgendwann einmal, hoffentlich, bevor sie auf ihrem Totenbett liegen, werden sich die Menschen der Tatsache bewusst werden, dass dieses Leben ihr Leben ist. Sie erkennen, dass es kein Spiel ist, und sie nutzen die Zeit, die ihnen zur Verfügung steht. Dann kann etwas Positives geschehen.
EN: Sehen Sie irgendwelche Unterschiede zwischen Männern und Frauen auf dem spirituellen Weg?
Aliya Haeri: Ja, die sehe ich. Es gab eine Zeit, da bemerkte ich, dass Frauen tatsächlich einen großen Vorsprung in der Spiritualität haben. Mein Ehemann sagte immer, dass einige seiner besten Schüler Frauen seien. Ich erinnere mich daran, erleuchtete Lehrer in Indien besucht zu haben, und ein Lehrer sagte: „Warum ist es so, dass die einzigen Menschen, die nach spiritueller Unterweisung fragen, Frauen sind?“ Aber es gibt einen biologischen Faktor, der Frauen bis zum Zeitpunkt der Menopause behindert. Obwohl ich junge Mädchen gesehen habe, die wirklich sehr schön Dhikr (Sufi-Meditation) geübt haben, gibt es einen Zeitpunkt, wo die Hormone und das Gebären von Kindern ins Spiel kommen. Das bringt sie weg von der formellen Sufi-Ausbildung, obwohl das Gebären sehr spirituell sein kann, denn um zu gebären, muss man in völliger Hingabe sein. Aber sobald die Kinder kommen, ist das nicht einfach aufrechtzuerhalten, selbst mit dem besten Vorsatz, die Erziehung der Kinder und die Pflege der Familie als spirituellen Weg zu betrachten. Für eine ganze Weile bleiben Frauen völlig in der materiellen Welt hängen, müssen sich um die Kinder und vieles anderes kümmern, während die Männer weggehen und die ganze Nacht meditieren können, selbst wenn sie pflichtbewusst sind und die Familie unterstützen.
EN: Was, denken Sie, könnte der säkulare Westen vom Sufismus lernen?
Aliya Haeri: Einer unserer großen Meister hat gesagt: „Du wurdest nicht willkürlich und aus einer Laune heraus geschaffen, sondern du wurdest auf wunderbare Weise und für ein großartiges Ziel geschaffen.“ Ich denke, in dieser postmodernen Zeit haben wir es jetzt besonders nötig, uns zu erinnern, wer wir sind und zu wissen, dass wir tatsächlich Repräsentanten des Göttlichen auf dieser Erde sind. Wir müssen das Licht dieses höchsten Bewusstseins in die Welt bringen, wir müssen uns darin üben, all die absoluten Qualitäten, die in uns sind, in die Welt zu bringen – Liebe, Mitgefühl, Dankbarkeit, Vergebung, wahre Kraft (nicht Gewalt) und Gerechtigkeit. Wenn wir das mit Ehrfurcht und Staunen und aufrichtiger Demut und Dankbarkeit tun, ist es ein unschätzbares Geschenk. Wie mein Ehemann, mein Lehrer, sagt: „Erleuchtung ist wieder ein neues Projekt geworden. Die Menschen rennen ihr nach. Aber du kannst Erleuchtung nicht bekommen. Sie bekommt dich!“


