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Wenn du das Ego überwindest, wirst du zum Geschenk für die Welt


Ein Interview mit Mata Amritanandamayi
von Amy Edelstein
 

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Einleitung



Mata
Amritanandamayi
(Ammachi)
Die winzige dunkelhäutige Frau im weißen Sari strahlt, als sie den überfüllten Saal verlässt und mit leicht wankenden Schritten zwischen den Reihen ihrer begeisterten Anhänger hindurchgeht. Hände, ausgestreckt wie wogende Palmwedel, versuchen sie zu berühren. Ihr Gesichtsausdruck ist unverändert ruhig, energisch und wach wie während der ganzen letzten fünf Stunden, doch ihr erschöpfter Körper kann kaum das Gleichgewicht halten. Man fürchtet, sie könnte ohnmächtig vornüber kippen, bevor sie das draußen wartende Auto erreicht. Die rechte Schulter ihres Sari zeigt dunkle Flecken vom Schweiß und den Tränen tausender Wangen, die dort Trost gesucht haben. Seit dem frühen Morgen hat Mata Amritanandamayi ohne eine Pause für einen Imbiss oder auch nur einen Schluck Wasser buchstäblich tausend Menschen an ihre Brust gedrückt, die ihr ihren Kummer und ihr tiefstes spirituelles Sehnen anvertrauten, sie hat sie mit Blütenblättern überschüttet, süßen Prasad (geweihte Opfergaben) in ihre Hände gelegt, ihre Fotos, ihre Malas (Gebetsperlen) und Kinder gesegnet, und einer nach dem anderen hat jeder einzelne Bittsteller die gleiche ungeteilte kosmische Liebe von Ammachi, der Heiligen Mutter, empfangen.

Jung und alt, verheiratet oder ledig, Männer und Frauen, reich und arm, schön, verunstaltet, misstrauisch, verrückt oder normalalle ohne Aunahme sind willkommen. Und wenn sie jeden von ihnen umarmt und ihm leise „Ma, Ma, Ma, Ma” ins Ohr summt, ist das Mitgefühl, das von ihr ausgeht, ein ständiger Strom, der nie verebbt, nie zögert, und ihr leuchtendes Gesicht zeigt nie die geringste Spur von Bevorzugung oder Furcht, ganz gleich, wer vor ihr kniet.

Man sagt, Ammachi sei ein Avatar, eine Inkarnation des Göttlichen auf Erden. Man sagt, dass ihr Ego vollkommen vernichtet wurde, dass alle Spuren der Identifikation mit einem individuellen Selbst ausgelöscht wurden. Man sagt, dass sie, wohin sie auch blickt, nur ein einziges Selbst in allen Menschen sieht.

Was können wir von jemandem, der offenbar die Schwelle überschritten hat, über die richtige Beziehung zum Ego lernen? Wenn ihre Augen nur Gott sehen, existiert dann in ihrer Sicht überhaupt das Ego? Was ist die Botschaft dieses Mahatma (große Seele) an die Menschen, die sich zutiefst nach Moksha (Befreiung) sehnen, wenn es zum eigentlichen, zum entscheidenden Kampf des spirituellen Lebens kommt? Wie manifestiert sich ihre anscheinend grenzenlose Liebe, wenn sie dem Feind ihrer Anhänger, dem Ego, gegenübertritt? “

Mata Amritanandamayis Rat für den Befreiung suchenden Menschen ist einfach und absolut: Diene Gott und gib das Ego mit all seinen Begierden auf. Sie sagt, was auch viele der ehrwürdigsten Heiligen und Weisen der Geschichte verkündeten: „Zufriedenheit ist eine Folge der Ichlosigkeit. Und Ichlosigkeit entsteht aus Hingabe und Liebe und aus der völligen Unterwerfung unter den Höchsten Herrn.”

Ammachis öffentliche Unterweisungen finden in traditionellen Versammlungen statt, den so genannten Devi Bhava (wörtlich „Stimmung der Göttin” ) und in den Darshan (Audienz mit einem Guru), wo sie alle, die zu ihr kommen, umarmt und segnet. Nahezu eine Viertelmillion Menschen suchen sie jährlich auf, und sie empfängt jeden einzelnen von ihnen, gibt ihnen Liebe und Verständnis in ihren spirituellen und weltlichen Nöten. Sie kann niemanden abweisen, denn für die Göttliche Mutter sind alle in ihrem Bedürfnis nach Liebe gleich. „Während des Bhava” , erklärt sie, „suchen mich die verschiedensten Menschen auf, einige aus Frömmigkeit, andere, um eine Lösung ihrer weltlichen Probleme, und wieder andere, um Linderung ihrer Krankheiten zu finden. Ich weise keinen zurück. Wie könnte ich sie zurückweisen? Sind sie anders als ich? Sind wir nicht alle Perlen, aufgezogen auf die eine Schnur des Lebens? Jeder sieht mich von seiner eigenen Ebene des Denkens aus. Die Menschen, die mich lieben, und die, die mich hassen, sind für mich gleich.”

Ammachi ist unermüdlich, oder zumindest scheint körperliche Müdigkeit sie kaum zu beeinträchtigen. Ihre Meditation auf der Strömung des Göttlichen scheint alles Körperbewusstsein hinwegzuschwemmen. Selbst nach der langen Reise von Indien nach Europa oder nach einer nur einstündigen Nachtruhe erscheint Ammachi pünktlich, um ein Darshan abzuhalten. Sie beantwortet spirituelle Fragen, verteilt Bhasma (geweihte heilende Asche) an die Kranken, und erst nach fünf oder sechs Stunden und sieben-, acht- oder neunhundert Seelen später, wenn auch die allerletzte Person empfangen wurde, steht sie auf, um etwas zu essen und sich kurz auszuruhen, bevor sie wenige Stunden später schon wieder erscheint, wieder ganz pünktlich, um zu rezitieren, zu meditieren und die tausend oder mehr spirituellen Pilger zu empfangen, die ihre segnende Umarmung erwarten.

Oft, wenn sie die Leidenschaft beschreibt, die sie beseelt, spricht Ammachi von sich selbst in der dritten Person: „Jeder Blutstropfen der Mutter, auch das kleinste Fünkchen ihrer Energie ist ihren Kindern (Anhängern) gewidmet … Der Zweck dieses Körpers und des ganzen Lebens der Mutter ist, ihren Kindern zu dienen. Der einzige Wunsch der Mutter ist, dass, solange noch Atem in ihr ist, ihre Hände immer auf jemandes Schulter liegen, um ihn zu trösten und zu liebkosen und seine Tränen zu trocknen.” Selbstloser Dienst ist ihr ganzes Leben, erklärt Ammachi, und das ist auch der Weg, den sie den Menschen auf spiritueller Suche vorschreibt: Sie müssen das Ich überwinden und das Bewusstsein eines getrennten, isolierten Selbst zerstören.

Nach allem, was man hört, leistet Ammachi in ihrem Ashram in Idamannel in Südindien die schwerste Arbeit und ist damit ein lebendes Beispiel ihrer Lehren. Man kann beobachten, wie sie Ziegel zu den Baustellen schleppt, Kühe hütet oder Toiletten reinigt und sich neben den Versammlungen mit ihren Brahmacharis und Brahamacharinis (den zölibatären Schülern und Schülerinnen) um alle praktischen Angelegenheiten des Ashrams kümmert. Ihre Schüler berichten, dass Ammachi manchmal nach einem langen Tag, an dem sie Besucher empfangen hatte, für sie kocht und sie wie kleine Kinder mit eigener Hand füttert. Außerdem erfüllt sie ein Programm von Vortragsreisen um die ganze Welt, das alle ihre nächsten Mitarbeiter an den Rand der Erschöpfung treibt. Sie rief zahlreiche wohltätige Werke ins Lebenehrgeizige Projekte, die das Leben Tausender spürbar verbessert haben, darunter eine 50 Millionen Dollar teure Klinik für Herztransplantationen mit 800 Betten auf dem neuesten Stand der Technik, ferner ein Waisenhaus für 600 Kinder, 5000 kostenlose Häuser für die Armen und eine der besten Computerschulen in ihrem Geburtsstaat Kerala.

Ammachis Mitgefühl scheint buchstäblich grenzenlos zu sein. Sie ist so trunken von Gott, dass sie jede Spur persönlichen Begehrens in sich ausgebrannt hat. Überall auf der Welt wird sie von vielen Menschen als die Verkörperung vorbehaltloser Liebe verehrt. Und doch hat Mata Amritanandamayi, die „Mutter unsterblicher Glückseligkeit”, auch ein Furcht einflößendes Gesicht. So vorbehaltlos sie Menschen akzeptiert, die sie zum ersten Mal aufsuchendiejenigen, die gewählt haben, ihr Leben unter ihrer Führung zu verbringen, kennen sie als eine ebenso fordernde und anspruchsvolle spirituelle Lehrerin. Ihre Disziplin kann grimmig sein; Ammachi nahe zu kommen, sagen ihre Schüler, heißt, sich in die Nähe des Feuers zu wagen.

Ammachi sieht die Aufgabe eines Guru darin, „das Ego des Jüngers zu brechen” , damit er „die Realität erkennen kann”. Sie warnt sie vor den Gefahren des Ego: „Blindheit des Auges ist erträglich, und man kann damit leben … Du kannst trotzdem ein liebendes und mitfühlendes Herz haben. Doch wenn du vom Ego geblendet bist, dann bist du vollkommen blind … Die Blindheit des Ego stößt dich in vollkommene Finsternis.”

Ammachi glaubt, dass der Weg zur Befreiung ein Weg der Demut und des Gehorsams ist, und nur ein Schüler, der sich dem Guru beugt, kann sein Ego bezähmen. Langjährige Schüler erzählen freimütig Geschichten von Entbehrungen und Prüfungen, von „Ego-Zerschlagen” und „Ego-Rebellion”, die sie zu Füssen ihres geliebten Guru durchmachen. Sie sprechen oft und mit Respekt von dem strengen Zeitplan, dem körperlichen Unbehagen und der strengen Disziplin, die nicht geringe Prüfungen für sie waren. „Es ist nicht immer leicht, bei Mutter zu sein”, sagen sie, „aber sie hilft dir, dein Karma zu beschleunigen.”

Eine Schülerin aus dem Westen, die seit dreizehn Jahren im Ashram lebt, beschrieb einige dieser Prüfungen, die Ammachi ihren Schülern auferlegt. In ihrem eigenen Fall hatte Ammachi sie wiederholt für längere Zeit von ihrem Mann getrennt, um ihre Sadhanas (spirituelle Übungen) zu fördern und „ihre Egos unter Druck zu setzen”. Ammachis ordinierte Schüler halten ein strenges Zölibat ein, und die Bewohner ihres Ashram praktizieren neben ihrem Karma Yoga (selbstloser Dienst) täglich acht Stunden Meditation. Ihre Schüler schlafen wenig, oft nicht mehr als vier Stunden, nicht selten sogar nur eine oder zwei. „Das hält uns ständig auf Trab und lehrt uns Selbstaufgabe”, sagt eine Anhängerin. „Wenn du etwas für dich selbst begehrst, endet es damit, dass du frustriert und wütend bist, und auf diese Weise lernst du loszulassen.”

Als ein Besucher sie einmal fragte, ob schwere Arbeiten, wie das Schleppen von Ziegeln, nicht zu anstrengend für die Brahmacharis seien, erklärte Ammachi ohne Umschweife, weshalb sie manchmal ihre Schüler selbst noch spät in der Nacht, nachdem sie schon schlafen gegangen waren, zur Arbeit ruft: „Ammachi will sehen, wie viele von ihnen vom Geist der Selbstlosigkeit erfüllt sind oder ob sie nur für ihr körperliches Behagen leben. Bei solchen Gelegenheiten können wir sehen, ob ihre Meditation ihnen etwas nützt. Wir müssen ihre Bereitschaft entwickeln, anderen Menschen in ihrer Not zu helfen. Welchen Zweck hätte es sonst, Tapas (Selbstkasteiung) zu üben?”

Ammachi kennt die Schwächen der menschlichen Natur. Oft, wenn ihre Schüler stolz oder störrisch sind und sich ihrer Führung entziehen, fastet sie und verweigert Nahrung und Wasser. Zu wissen, dass ihr geliebter Guru ihretwegen hungrig ist, ist die schlimmste Strafe, die man ihnen antun könnte, gestehen ihre Brahmacharis. „Ein wahrer Guru wird nicht erlauben, dass sich auch nur ein Funke von Ego in einem Schüler entwickelt”, sagt Ammachi. „Um das Wachstum des Stolzes einzudämmen, kann der Guru manchmal zu grausamen Mitteln greifen … Manche Leute, die beobachten, wie ein Schmied mit seinem Hammer ein heißes Stück Eisen schmiedet, denken vielleicht, er sei ein grausamer Mensch. Auch das Eisen denkt vielleicht, dass es keinen schlimmeren Rohling geben könnte. Doch der Schmied denkt mit jedem Schlag, den er führt, nur an das Endprodukt. So verhält sich auch der wahre Guru.”

Manchen Beobachtern erscheinen Ammachis Anforderungen an ihre Schüler allzu hart und in krassem Gegensatz zu der vorbehaltlosen Liebe, die sie in ihrer allumfassenden Rolle als Heilige Mutter verströmt. Und in einer Zeit, in der vorbehaltlose Liebe vielen westlichen Suchern so viel bedeutet, rütteln die beiden gegensätzlichen Bhavas (Stimmungen) an tief eingewurzelten Glaubensvorstellungen. Was ist eigentlich Mitgefühl angesichts des Ego? Was ist die rechte Beziehung zu diesem ewigen Feind des Erleuchtung suchenden Menschen? In Paris hatte ich während Ammachis Darshan für zweieinhalb Stunden das seltene Privileg, die außergewöhnliche Frau für diese Ausgabe von WIE zu interviewen.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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