In Indien mit dem Flugzeug zu reisen, ist immer ein etwas beängstigendes Unterfangen.In einem Land, wo tägliche Stromausfälle besser vorhersagbar sind als die Zugfahrpläne und wo Verkehrsampeln (falls sie funktionieren) ungefähr so viel Beachtung geschenkt wird wie dem Wasserschutzgesetz, ist der Gedanke, dass Flugzeugwartung und Flugkontrolle mehr als bloße Spitzfindigkeiten sind, bestenfalls eine Übertreibung. Als unser achtsitziges gechartertes Zweipropellerflugzeug jedoch an diesem stürmischen Abend im vergangenen Dezember zur Landung in Bangalore ansetzte, war jeder von uns trotz der leichten Angst, mit der wir an diesem Morgen unsere Reise begonnen hatten und trotz Wind und Regen, die an unsere dünne Blechhülle trommelten , in gewisser Weise von einem Glücksgefühl erfüllt.
Noch vor wenigen Stunden waren wir tief im Dschungel des Vorgebirges von Südkarnataka im wunderschönen neuen Ashram jenes Mannes gewesen, den wir nur unter dem Namen Ajja, „Großvater,” kennen der außergewöhnliche Weise des Advaita-Vedanta, dessen bewegende Aussagen über absolute Freiheit die Seiten unserer Herbst/Winter-Ausgabe 1998 (dt. Ausg. Frühj./Sommer 2000) bereichert haben, ein Mann, dessen ungewöhnliche Spontaneität, unbezähmbare Freude und ansteckender Frieden uns über jeden Zweifel hinaus überzeugt hatten, dass wir einem Menschen begegnet waren, dessen Ego wirklich nicht mehr existierte.
Unser Treffen an jenem Nachmittag das dritte in ebenso vielen Jahren tat dieser Erfahrung keinen Abbruch. Wie immer war Ajja gastfreundlich, großzügig, wunderbar und strahlend und absolut kompromisslos bestand er immer wieder darauf, dass es für ihn keine persönliche Existenz gab. Nach einem köstlichen südindischen Mittagessen begann sofort das Gespräch, und binnen weniger Minuten kreiste die Diskussion um dieses überaus wichtige und heikle Thema, das immer dann zum Vorschein zu kommen scheint, wenn wir mit einem Lehrer der alten nondualistischen indischen Philosophie der Advaita Vedanta sprechen: Wie befasst sich Advaita Vedanta, eine Lehre, die das absolute Einssein aller Dinge proklamiert, mit der Komplexität der menschlichen Erfahrung?
Wie die Worte der großen Weisen des 20. Jahrhunderts, Ramana Maharshi und Sri Nisargadatta Maharaj Männer, die im modernen spirituellen Kanon als Legenden der nondualen Verwirklichung Unsterblichkeit erlangt haben , so wurden auch Ajjas emphatische Erklärungen, dass „da niemand ist,” dass „der Mensch, der sieht, nicht mehr da ist” und dass „da nur Glückseligkeit ist und niemand, der diese Glückseligkeit erlebt,” von der unbestreitbaren Präsenz dessen belebt, was für alle Zeiten jenseits von Zeit und Handlung, Name und Form ist. Ajjas seltene Reinheit und die Schlichtheit seines Wesens zeigten klar, dass er einfach nur seine eigene andauernde Erfahrung zum Ausdruck brachte, wenn er sagte: „Es gibt kein Ego.”
Wir aber waren aus dem Amerika der heutigen Zeit gekommen wo zweitägige „Enlightenment-intensive-Seminare,” die auf den Lehren des Advaita basieren, als neueste Errungenschaft das Angebot von Wochenendworkshops in Wellness-Spas erweitern und wo in beinahe jeder Stadt, die groß genug ist, um ein Einkaufszentrum zu haben, ein „neu erwachter Lehrer” kühn erklärt, dass das Ego unwirklich sei und hatten das Gefühl, dass es sich lohnt, der Frage nachzugehen, ob Advaita, zumindest in seiner zeitgenössischen westlichen Form, die ungeheure Herausforderung ehrlicher spiritueller Transformation vielleicht zu sehr vereinfacht. Als wir daher mit den Recherchen für diese Ausgabe und gleichzeitig mit der Planung unserer Indienreise begannen, hielten wir es durchaus für möglich, dass wir im Laufe unserer Reise durch dieses Land der Geheimnisse über jemanden stolpern würden, der uns weiteren Einblick in Bezug auf unsere nach wie vor offenen Fragen geben könnte.
Da trat Bannanje Govindacharya auf den Plan. Als hoch angesehener Pandit und Guru ist Govindacharya in ganz Indien als ein Mann bekannt, dem die heiligen Schriften zur zweiten Natur geworden sind. Er hat mehr als fünfzig Bücher geschrieben, und über fünfhundert Artikel sind unter seinem Namen veröffentlicht worden. Dieser Lehrer mit seinem hauptsächlich autodidaktisch erworbenen Wissen zieht bei seinen öffentlichen Vorträgen über Vedanta und viele andere Aspekte der indischen Religion und Philosophie im ganzen Land riesige Zuhörermassen an. Wir waren vor zwei Jahren auf diesen legendären Pandit aufmerksam geworden, der den bis dahin unbekannten Ajja „entdeckt” hatte ein Umstand, der im Licht seiner eigenen philosophischen Zugehörigkeit nur noch interessanter wird. Denn obwohl Govindacharya von vielen als einer der größten Experten der Advaita-Philosophie in Indien angesehen wird und auch den Blick hatte, Ajja zu erkennen, der als eines der reinsten Beispiele der nondualen Verwirklichung in der modernen Zeit gilt, ist er selbst kein Advaitin, sondern ein Dvaitin, ein Dualist ein Verfechter der devotionalen Tattwadava-Vedanta-Schule, die im Unterschied zu Advaita die Realität einer manifesten Welt nicht verneint. Wir waren neugierig zu erfahren, was dieser bekennende Dualist über die moderne Inkarnation von Advaita zu sagen haben würde, die die Fantasie so vieler Sucher aus dem Westen fesselt, und hatten gehofft, dass wir irgendwann Gelegenheit zu einem Gespräch mit ihm haben würden. Durch eine glückliche Fügung fiel uns die Möglichkeit dazu geradezu in den Schoß, als einige Schüler von Govindacharya bei einem Vortrag unseres spirituellen Lehrers Andrew Cohen, dem Gründer von Was ist Erleuchtung?, anwesend waren. Sie hatten größtes Interesse daran, ein Gespräch zwischen diesen beiden Lehrern zu organisieren, und luden uns ein, sie am Abend unserer Rückkehr aus Ajjas Ashram im Haus des Pandits aufzusuchen.
Als unser Flugzeug mit einer Leichtigkeit und Geschicklichkeit aufsetzte, die die Ängste vom Morgen als nichts anderes als ein Spiel der Maya, Illusion, entlarvten, wurde das kommende Treffen in unserer Gruppe lebhaft diskutiert. Was würde dieser klassische Pandit zur Sichtweise von Vedanta hinsichtlich des Egos zu sagen haben? Würde er nur Gelehrter oder auch ein Mann der Erfahrung sein? In der Vorfreude auf das, was die nächste Etappe unserer Reise bringen würde, dankten wir unserem Piloten dafür, dass er uns sicher abgesetzt hatte, und bestiegen eine Motor-Rikscha in der Hoffnung, dass unsere Reise durch die Stadt ebenso glücklich verlaufen würde, wie dies am freundlichen Himmel Indiens der Fall gewesen war.



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