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Der innere Feind


Ein Interview mit Archimandrit Dionysios
von Craig Hamilton
 

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Einleitung



Archimandrit
Dionysios
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass meine erste Begegnung mit Archimandrit Dionysios über E-Mail erfolgte. Die Ironie liegt darin, dass ich trotz des fraglos modernen Kommunikationsmittels beim Empfang seiner E-Mail das Gefühl hatte, ein ganzes Jahrtausend zurück in eine Zeit versetzt zu werden, in der die Kunst des Schreibens langer Briefe eine hoch angesehene und auf langen Studien beruhende Form des spirituellen Diskurses war. „Mr. Hamilton, gegrüßet seien Sie im Herrn”, begann der Brief. „Erfreuet Euch im Herrn! Es war eine große Ehre, am 11. September Ihre E-Mail zu empfangen, insbesondere, nachdem unser geschätzter gemeinsamer und in meinem Fall langjähriger Freund, der überaus weise Vater Basil Pennington, eine Empfehlung ausgesprochen hatte. Bitte vergeben Sie mir, dass ich seit der Ankunft Ihrer E-Mail bis jetzt verreist war. … Ich werde jetzt in Griechenland im Heiligen Kloster der Kreuzeserhöhung sein … und Sie dort erwarten, um Ihnen meine Gastfreundschaft anzubieten, solange Sie dies wünschen. Dort können wir dann auch alle Themen erörtern, die Sie in Ihrem Brief mir gegenüber erwähnt haben.” Ich hatte dem ehrwürdigen und namhaften griechisch-orthodoxen Archimandritn geschrieben, um ihn um ein Interview für unsere Zeitschrift zu bitten und gleichzeitig bei ihm Rat bezüglich unserer bevorstehenden Pilgerfahrt zum Berg Athos einzuholen. Wir planten, zu diesem legendären „Heiligen Berg” zu reisen, ins Zentrum des griechisch-orthodoxen Klosterlebens, und daher war ich sehr erfreut, eine so warmherzige und großzügige Antwort zu erhalten. Nach einer langen Liste von Hinweisen und Anregungen für meine Reise fügte er noch einige weitere freundliche Worte des Respekts und der Wertschätzung hinzu und schloss mit den Worten: „Meine Seele bebt aus Angst davor, dass Sie meine Antwort nicht rechtzeitig erreicht.”

Ich hatte in Texten der griechisch-orthodoxen Kirche bereits etwas über die tiefe Demut gelesen, die viele ihrer heiligen Männer ausstrahlenMänner, bei denen durch ein Leben des tiefen Gebets in innerer Versenkung und in der Askese angeblich auch die kleinsten Keime der Selbstbezogenheit beseitigt wurden. Trotz meines gründlichen Studiums dieser heiligen Schriften hatte ich jedoch irgendwie niemals erwartet, eine E-Mail wie diese zu bekommen. Als ich begann, meine Antwort zu tippen, hatte ich sogar über die Glasfaserverbindung hinweg unbestreitbar das Gefühl, dass der Mann, dem ich auf diese Weise begegnet war, ein ungewöhnlicher Mensch war.

Der Gedanke, mich mit einem orthodoxen Weisen über das Ego zu unterhalten, hatte mich seit dem Beginn unserer Nachforschungen für diese Ausgabe der Zeitschrift ausgesprochen fasziniert. Denn obwohl keiner von uns von sich behaupten konnte, besondere Kenntnisse über die griechisch-orthodoxe Tradition zu besitzen, waren wir uns bewusst, dass die orthodoxen Christen eine Klasse für sich darstellen, wenn es darum geht, den Feind auf dem spirituellen Weg auszumachen. Für diesen alten, mystischen Zweig des Christentums, der sich 1054 von der katholischen Kirche abspaltete, ist die vollständige Läuterung der Persönlichkeit des Menschen von Selbstgefälligkeit, Egoismus und allem anderen, das seiner Fähigkeit, das Licht Gottes zu spiegeln, im Weg steht, das erste und letzte Ziel des spirituellen Lebens. In heiligen Büchern wie The Ladder of Divine Ascent und der Philokalia (wortwörtlich: „die Liebe zum Schönen und Guten”) haben die Heiligen und Weisen der griechisch-orthodoxen Tradition schon seit dem dritten Jahrhundert voller Leidenschaft und mit großer Präzision den heftigen „spirituellen Kampf” beschrieben, auf den sich der aufrichtige Aspirant bereitwillig einlassen muss, sollte er darauf hoffen, die „Dämonen” in sich zu bezwingen, die ihn mit immer neuen und listigen Taktiken erbarmungslos attackieren. In einer der zahllosen Textstellen in der Philokalia zu diesem Thema schreibt der in der Wüste lebende Mönch St. Johannes Cassian im 4. Jahrhundert: „(Das Ego) lässt sich nur schwer bekämpfen, da es viele Formen hat und in jeder unserer Aktivitäten sichtbar wird. … Wenn es einen Menschen nicht mit extravaganter Kleidung verführen kann, versucht es, ihn durch schäbige Kleidung in Versuchung zu führen. Wenn es ihm nicht mit besonderen Ehrungen schmeicheln kann, bläht es ihn auf, indem es ihn veranlasst, scheinbare Schande zu ertragen. Wenn es ihn nicht dazu bewegen kann, Stolz über die Zurschaustellung seiner Beredsamkeit zu empfinden, verlockt es ihn durch Schweigen zu dem Gedanken, er habe innere Stille erreicht. … Kurzum, jede Aufgabe, jede Handlung gibt diesem bösartigen Dämon die Chance loszuschlagen.”

Während das Wort „Ego” nur in den jüngeren Übersetzungen und Kommentaren auftaucht, gibt es sogar in den ältesten Texten der orthodoxen Kirche überall unzählige Verweise auf die Gefahren der Eigenliebe, des Eigendünkels und des Stolzes. Letzterer gilt als der „finsterste Dämon von allen”. Bei den Christen wird Stolz nicht nur als die Sünde angesehen, die den Fall Luzifers, des höchsten Engels Gottes, in ein von Flammen umlodertes Schicksal bewirkte, sondern auch als die Sünde, die dazu führte, dass Adam und Eva aus dem Paradies auf Erden vertrieben wurden. Es gibt ganz unterschiedliche Bezeichnungen für den Stolz: „Die Mutter allen Leides” wird er genannt oder „des Teufels erstes Kind”. Allgemein wird er als der mächtigste Gegner auf dem spirituellen Weg gesehen, der die größte Zerstörungskraft besitzt. St. Johannes Cassian formuliert es so: „Wie eine tödliche Krankheit nicht nur ein Glied des Körpers, sondern den ganzen Körper zerstört, so verdirbt der Stolz die ganze Seele und nicht nur einen Teil von ihr. … Wenn das Laster des Stolzes zum Herrscher über unsere elende Seele geworden ist, verhält es sich wie ein harter Tyrann, der eine große Stadt unter seine Kontrolle gebracht hat und diese vollständig zerstört und dem Erdboden gleichmacht.”

Um das tückische Ego zu bekämpfen, das so fest entschlossen ist, unseren spirituellen Fortschritt von innen zu untergraben, unterwerfen sich die Mönche und Nonnen der orthodoxen Kirche einer strengen spirituellen Disziplin, die schweigende Gebete in innerer Versenkung, spirituelle Studien und gemeinsame Andacht umfasstund häufig extreme Akte der Askese. Diese im Zölibat lebenden, dem Weg des Verzichts folgenden Mönche in ihren schwarzen Gewändern halten ein Leben fortwährender Selbstentsagung und anhaltender Leiden für die ideale Form und verzichten daher lange Zeit auf Nahrung, Getränke und Schlaf, um sich von „weltlichen Leidenschaften” zu reinigen und Gott näher zu kommen.

Wie wir erfuhren, sind im orthodoxen Kalender die Hälfte der Tage im Jahr dem Fasten gewidmet! Und als wir den immer noch in vielen orthodoxen Klöstern befolgten strengen Tagesplan studierten, verblüffte es mich, dass die um Mitternacht beginnenden Aktivitäten der Möncheeinsames Gebet, Arbeit und Andachthäufig erst am nächsten Abend um zehn oder elf Uhr ihr Ende fanden. Bei dem Versuch, dem Zeitplan zu entnehmen, wann die Mönche schliefen, informierte mich einer der Väter darüber, dass es für die Mönche tatsächlich nicht unüblich ist, durchweg nur eine oder zwei Stunden in der Nacht zu schlafen.

Und dann gibt es ja noch die richtigen Asketen …

In kalten, öden, hoch an den Berghängen gelegenen Höhlen auf dem Athos (einer großen, zerklüfteten Halbinsel, auf der es nur Klöster gibt) verbringen Einsiedler Jahrzehnte allein im Gebet und ernähren sich dabei nur von „ein wenig trockenem Brot und Wasser”. In dieser alten Tradition der Eremiten, die auf die ersten Wüstenväter zurückgeht, die im 3. Jahrhundert der Welt entsagten, um allein in der Abgeschiedenheit zu leben, werden asketische Praktiken manchmal zu Extremen der Selbstkasteiung gesteigert, die denen der strengsten indischen Yogis in nichts nachstehen. Im Verlauf unserer Nachforschungen lasen wir Geschichten von Mönchen, die noch heute regelmäßige Geißelungen mit einem „Leidensstock” als wirksames Mittel zur Unterdrückung von Versu-chungen ansehen. Andere verbrachten Jahre damit, im Gebet auf hohen Felsen zu stehen oder zu knien, bis sie verkrüppelt waren. Als ich eine Geschichte nach der anderen las, in der von oft brutalen asketischen Anstrengungen die Rede war, stellte sich mir manchmal die Frage, ob sich dabei die Grenze zwischen Selbstverleugnung und Selbstquälerei nicht manchmal verwischte. Trotzdem machte es mich einerseits demütig, andererseits fühlte ich Inspiration, wenn ich erfuhr, wie weit diese Menschen zu gehen bereit waren, um ihr höchstes Lebensziel zu erreichen.

Wie uns immer wieder berichtet wurde, ist das von den griechisch-orthodoxen Christen praktizierte Asketentum kein Selbstzweck, sondern hat ein ganz spezifisches, göttliches Zieldie Erlangung der so genannten „Vergöttlichung” oder „Verklärung”. Im Gegensatz zu dem im Westen praktizierten Christentum, das mit seiner Doktrin von der Erbsünde die dem Menschen innewohnende moralische Schwäche und Unvollkommenheit betont, konstatieren die Lehren der orthodoxen Kirche, dass es dem Menschen nicht nur möglich ist, eine vollkommen transformierte, strahlende Ausdrucksform des Göttlichen zu werden, sondern dass dies für ihn von ganz wesentlicher Bedeutung ist. Christus selbst sagte: „Seid vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater ist vollkommen!” Die orthodoxen Mönche streben danach, sich von allen Spuren des Ego zu reinigen und damit zu makellosen Gefäßen für die Herrlichkeit und das Wirken Gottes in dieser Welt zu werden. Die Erlangung dieses Ziels wird als der einzige Sinn des menschlichen Lebens angesehen und ist der Lebensnerv des orthodoxen Christentums, und um zu belegen, dass dieses Ziel erreicht werden kann, verweist die orthodoxe Kirche immer wieder auf das zweitausendjährige Vermächtnis ihrer Heiligen, das seit der Zeit der Apostel von heiligen Männern und Frauen ohne Unterbrechung von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Etwas über das Leben der Heiligen zu hören, ist bei jeder Tradition eine inspirierende Erfahrung. Im orthodoxen Christentum vermittelt einem schon allein die Zahl berühmter spiritueller Größen rasch ein Gefühl für das Gewicht, das eine lange Geschichte einer Tradition verleihen kann. Die stärkste Faszination auf unsere kollektiven Fantasien ging jedoch von der Überzeugung vieler unserer Gesprächspartner aus, dass es auch heutzutage tatsächlich Männer und Frauen des gleichen spirituellen Kalibers wie die Gott bezeugenden Meister alter Zeiten gibt, deren Lebensgeschichten die heiligen Schriften schmücken. Unsere Begeisterung darüber, mit solchen Menschen zu sprechen, hatte den Anstoß für unsere weit reichende Suche nach erleuchteten orthodoxen Weisen gegeben, die uns schließlich zu Archimandrit Dionysios führte.

Vater Dionysios kam in einer Kleinstadt in Nordgriechenland zur Welt und wuchs dort auf. Bereits zu einem frühen Zeitpunkt in seinem Leben wurde deutlich, dass er in der Welt keine Heimat finden würde. Er stammte aus einer religiösen Familie; seine Vorfahren waren Priester, und so verließ er im Alter von siebzehn Jahren seine Heimat, um seiner Liebe für das geistige Leben im Großen Kloster von Meteora, das auf einem hohen Felsturm in Zentralgriechenland gelegen ist, nachzugehen. Dort begegnete er seinem spirituellen Vater, dem hoch angesehenen Archimandritn Aemilianos, ließ sich die Tonsur schneiden und schlug den Weg der Entsagung ein. Als etliche Jahre später die griechische Tourismusindustrie fast den gesamten Bereich der alten Klosteranlagen von Meteora für sich vereinnahmte, siedelte Archimandrit Aemilianos mit seiner Schar junger Mönche in ein entlegenes Kloster am Berg Athos um und begann dort mit einer Hand voll anderer neu entstandener Bruderschaften, diese im Niedergang begriffene, alte klösterliche Zufluchtsstätte mit ihrer Begeisterung für das heilige Leben neu zu beleben.

Vater Dionysios war von Anfang an eine leuchtende Gestalt und für seine unerschütterliche Hingabe an seinen spirituellen Vater und seine Selbstlosigkeit bekannt, die er auch mit all den Menschen teilte, die das hoch über der Ägäis gelegene Kloster besuchten. Dieser Geist der Großzügigkeit und der Leidenschaft für das Klosterleben führte bald dazu, dass er nach Europa und Amerika eingeladen wurde und den „Berg der Stille”, wie er seine neue Heimat nannte, 1992 wieder verließ, um anderen auf ihrem Weg Führung und Unterstützung zu geben. Seitdem versah er seinen Dienst als Abt im Heiligkreuzkloster in Jerusalem und übte weiterhin die Funktion des spirituellen Vaters aus. Er leitete Klöster in Mexiko City und Nordgriechenland und besuchte häufig Weise und Heilige etlicher religiöser Gemeinschaften in Russland, im Nahen Osten und in Amerika. Vor kurzem kehrte er nach Griechenland zurück, wo ihm eine Insel übergeben wurde, auf der er bald ein Kloster aufbauen will, das die Gruppe der ihm am nächsten stehenden Mönche aufnehmen soll. Auch ein außerhalb von Athen gelegenes und von ihm gegründetes Kloster untersteht seiner Aufsicht. Dort haben sich etwa vierzig junge Nonnen und Novizen aus verschiedenen Teilen der Welt zusammengefunden. In diesem Kloster hatte ich im letzten Herbst das Glück, ein Wochenende in Gegenwart dieses strahlenden orthodoxen Weisen zu verbringen und mit ihm die Lehren der orthodoxen Kirche über das Ego und über die Herrlichkeit und die Freiheit zu erörtern, die auf jene warten, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, die vom Leben gesetzten Begrenzungen zu überwinden.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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