Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
|||||||||||||
|
„Bewahrt euch eure Furcht!”, sagte uns im letzten Herbst ein Oberhaupt einer christlich-orthodoxen Kirche ganz unmissverständlich. „Das sagte der Erzengel Michael zu den anderen Engeln, als sie, in der Folge des Betrugs und der Rebellion des Gott am nächsten stehenden Engels Luzifer, ins Wanken gerieten und an ihrer Hingabe an Gott zu zweifeln begannen, weil sie sich angezogen fühlten von der verführerischen Gewissheit, die Luzifer ihnen von seinem neuen Wohnsitz in der Hölle aus anbot. Er bot ihnen das Ende allen Zweifelns, aller Trennung und allen Ringens an und offerierte ihnen die Möglichkeit, ‚lieber in der Hölle zu regieren als Diener im Himmel zu sein.‘ ‚Bewahrt euch eure Furcht‘, hieß Michael sie: ‚Denn die eine Seite dieser Furcht ist das Gesicht des Ego, aber auf der anderen Seite ist das Angesicht Gottes.‘” Vor etwas mehr als einem Jahr, noch lange bevor wir uns darüber klar geworden waren, was das Thema für diese Ausgabe von WIE sein sollte, saßen unser Redaktionsteam und fünfundzwanzig Mitglieder unserer spirituellen Gemeinde vor einem Großflächenbildschirm und sahen einen ungewöhnlichen Film, den uns unser spiritueller Lehrer empfohlen hatte. Der Star des Films Dämon (engl. OT Fallen), Denzel Washington, ist ein Polizeiinspektor, der einen wirklichen Dämon verfolgt, einen gefallenen Engel, der, wann immer er wollte, in der Lage war, von der Seele eines Menschen Besitz zu ergreifen, einfach dadurch, dass er sein Opfer berührte. In einer bemerkenswerten und absonderlichen Szene verhöhnt der Dämon, Azazel, den Polizeiinspektor, der an einer Straßenecke steht. Ein kalter Schauder geht durch die Menschen um ihn herum, und er beobachtet voll Entsetzen diesen unsichtbaren Dämon, der sich von einem Menschen zum nächsten … und dann wieder zum nächsten … und zum nächsten bewegt. Das erschreckende Merkmal dieser dämonischen Besessenheit zeigt sich nacheinander auf jedem Gesicht, in dem der normale menschliche Ausdruck einem stolzen und bösartigen Grinsen weicht, dem kalten Grinsen eines Menschen, der Gott ins Gesicht gelacht hat, der keine andere Autorität mehr akzeptiert als seine eigene und sich um niemanden mehr kümmert außer um sich selbst. Während des Nachspanns zu diesem fesselnden Film war der Raum erfüllt vom Summen der Gespräche, denn die Handlung dieses paranormalen Krimis war zwar eine Fiktion, aber es gab niemanden im Raum, der mit diesem Schurken nicht vertraut gewesen wäre. Inmitten der Intensität unseres gemeinsamen spirituellen Lebens und unserer Praxis haben wir von Zeit zu Zeit dasselbe verstörende Grinsen im Gesicht des anderen aufflackern sehen. In der Gruppe hatten wir auch einen Namen dafür: Wir nannten es das Lächeln des Ego. . Als wir anfangs die Idee hatten, uns in dieser Ausgabe von WIE mit dem Thema „Was ist das Ego?” auseinander zu setzen, hatten wir sofort einige Bedenken. „Wird es nicht zu heavy werden?”, meinten einige von uns zu einer Ausgabe, die sich ausschließlich damit befasst, das Wesen des ewig wiederkehrenden Feindes des spirituellen Lebens zu untersuchen. Und weiter fragten wir uns, wie wir je imstande sein würden, die Freude und Befreiung zu vermitteln, die wir gefunden haben, indem wir uns dem schwer zu fassenden Dämon des Ego stellen und den Kampf aufnehmen mit dieser unpersönlichen Macht in unserem Inneren, die versucht, unsere höchsten spirituellen Ambitionen zu durchkreuzen. Aber dieses anfängliche Zögern machte bald großer Faszination Platz, als wir begannen, das multidimensionale Wesen dieses höchst wichtigen Themas zu erforschen, über das sich Denker aller Religionen seit Jahrtausenden den Kopf zerbrechen und das im letzten Jahrhundert jeden Zweig der Psychologie beschäftigt hat. Was eigentlich ist das Ego wirklich? Das ist eine Frage, die direkt den Kern dessen berührt, was und wer wir sind. Die großen Erleuchtungstraditionen haben viel über den „Feind im Inneren” gesprochen und über die Notwendigkeit, das Anhaften an einer falschen und getrennten Vorstellung von uns selbst an der Wurzel zu beseitigen. Ihre Lehren fordern uns dazu auf, diesen Todfeind des spirituellen Herzens zu zähmen, zu transzendieren, zu reinigen Die Psychologen hingegen definieren das Wort „Ego” ganz anders. Sie sehen es als das Persönlichkeitsprinzip im Menschen, das unbedingt notwendig ist, um sich selbst zu organisieren, das Schaltzentrum der Psyche, ohne das wir nicht funktionieren könnten. Nach Freud ist das Ego der geschickte Reiter der beiden Pferde von Instinkt und Bewusstsein, der zwischen den beiden unterschiedlichen Ansprüchen der inneren und der äußeren Kräfte vermittelt. Das Ego ist nicht nur von grundlegender Bedeutung für die Entwicklung des Menschen, sondern es kontrolliert auch die heftigen Leidenschaften und Aggressionen des ursprünglichen ES, des Unterbewussten, es ist dafür verantwortlich, genau jene Zivilisation zu erschaffen und zu erhalten, von der unser gesamtes Leben abhängig ist. Was soll der spirituelle Sucher von diesen beiden scheinbar widersprüchlichen Definitionen halten? Beziehen sie sich überhaupt auf dasselbe? Mit diesen Fragen im Kopf machten wir uns daran, alles aufzustöbern, was wir zu diesem sehr gut dokumentierten und doch so geheimnisvollen Ding finden konnten, das in unser aller Leben eine so zentrale Rolle zu spielen scheint. Wir trafen Lehrer aus fast allen wichtigen Erleuchtungstraditionen, befragten so viele Psychologen, dass wir gar nicht in der Lage waren, bei allen einen Rorschachtest zu machen (viele davon gelangten dann auch nicht in die endgültige Ausgabe), sprachen mit zahlreichen Theoretikern der transpersonalen Psychologie Und während wir dieses schwer zu fassende Phantom der menschlichen Psyche im facettenreichen Prisma sowohl des modernen als auch des alten Gedankengutes reflektiert sahen, stellten wir uns immer wieder die Frage: ist das Ego der Feind im Inneren? Oder ist es das Schaltzentrum der Psyche? Oder ist es eine mysteriöse Kombination aus beiden? Die Therapeuten sagen uns, wir müssten uns selbst entwickeln; die Buddhisten sagen, es gibt uns selbst gar nicht. Die Psychologen erklären, wie das Ego entsteht; die Religionen erklären, wie das Ego zu transzendieren ist. Und die Vertreter der transpersonalen Psychologie stimmen in gewisser Weise mit allen überein und integrieren alles in ihren Theorien über das Ganze. Auf unserer Forschungsreise in den wild kontrastierenden Terrains, die von diesen überaus unterschiedlichen Paradigmen abgesteckt sind Ist alles nur eine Frage der Definition? Ein semantisches Problem? Ein Spiel mit Worten? Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, aber wie wir aus den Interviews in dieser Ausgabe erfahren haben, laufen die Unterströmungen dieses Problems weit tiefer. Wenn wir die Herausforderung der Erleuchtung annehmen und es wagen, ein befreiter Mensch werden zu wollen, dann müssen wir vor allem genau wissen, wogegen wir eigentlich vorzugehen haben. Und doch war diese Frage niemals komplexer und verwirrender, und es gab niemals mehr unterschiedliche Meinungen darüber, welche Antwort wirklich richtig ist. Trotzdem, unsere Beziehung zum Ego ist es, die jede Entscheidung, die wir auf dem spirituellen Weg treffen, färbt und erfüllt
|
|||||||||||||