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1001 Wege, sich selbst zu begreifen


Oder ...
müssen wir wirklich jemand sein, bevor wir niemand sein können?

Ein Interview mit Jack Engler
von Andrew Cohen
 

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Einleitung



Jack Engler
Jack Engler ist einer der Pioniere auf dem Gebiet der transpersonalen Theorie, ein noch relativ junger Weg, über die menschliche Entwicklung nachzudenken. In ihm treffen psychologische Theorien des Westens auf die Erleuchtungsphilosophien des Ostens. Engler arbeitet als Psychotherapeut, lehrt darüber hinaus aber auch die Meditation der „Achtsamkeit” in der Tradition des Theravada-Buddhismus und buddhistische Psychologie. Er ist der Mann, von dem der mittlerweile berühmt gewordene Ausspruch stammt: „Wir müssen erst jemand sein, bevor wir niemand sein können.” Diese Aussage ist in weiten Kreisen des Buddhismus im Westen zu einer Art Schlagwort geworden und hat bei transpersonalen Psychologen und Theoretikern fast den Charakter eines Gebots. Weil Erleuchtung traditionellerweise als etwas begriffen wird, bei dem es um den Tod des Ego geht, wollte ich diesen Psychologen, der so tief in die Praxis und Philosophie des Buddhismus eingetaucht ist, fragen, was er meinte, als er sich schon 1981 mit dieser Äußerung zu Wort meldete.

Englers Reise auf dem Pfad der Kontemplation begann im Alter von sechzehn Jahren, als er Der Berg der sieben Stufen las, die Autobiographie Thomas Mertons. Das war der Beginn eines langen, abenteuerlichen und gewundenen Weges, der ihn von der University of Notre Dame in Benediktiner- und Trappistenklöster in Europa und dann zu Thomas Mertons Kloster in Kentucky führte. Nachdem Merton ihm massiv davon abgeraten hatte, seiner Neigung zum mönchischen Leben nachzugehen, absolvierte Engler ein Noviziat mit der Absicht, als Kaplan und Professor an einer Universität tätig zu werden. In England und Deutschland setzte er sein akademisches Studium fort und machte seinen Abschluss in Theologie.

Dann ging er als Doktorand nach Oxford und führte Bibelstudien durch. Auf seiner persönlichen, intellektuellen und akademischen Suche geriet er jedoch in eine Sackgasse, und er erlebte etwas, das er als „persönliche Krise” bezeichneteer kam persönlich und spirituell einfach nicht weiter. 1969 kehrte er nach Amerika zurück, begann sich für soziale Fragen einzusetzen und Religionswissenschaften zu lehren. Schließlich traf er die Entscheidung, „noch einmal in ein völlig neues Studium einzusteigen,” studierte an der Universität von Chicago Psychologie und Religion und machte dort schließlich seinen Magister der Geisteswissenschaften und den Doktor der Philosophie. Seine Suche kam an ein Ende, als er eines Tages den Bücherladen der Vivekananda Vedanta Society in Chicago betrat. Er war an dem kleinen Geschäft vorbeigefahren und wusste damals noch nichts über die Lehre des Vedanta. „Irgendetwas veranlasste mich, einfach auf die Bremse zu treten und dort hineinzugehen,” erzählte er. Hinten im Laden fand er ein Exemplar des Buches Die buddhistische Satipatthana-MethodeGeistestraining durch Achtsamkeit von Nyanaponika Thera. „Nach ungefähr dreißig Seiten wusste ich, dass ich gefunden hatte, wonach ich mein ganzes Leben lang suchte,” sagte er. „Es geschah von einem Augenblick zum anderen.” Für seine Dissertation rief er ein Forschungsprojekt ins Leben, das ihn nach Indien führte, wo er buddhistische Psychologie studierte und mit der Praxis der Meditation begann. Während seines Aufenthaltes dort studierte er eine Zeit lang am Nalanda Institute und führte umfangreiche Untersuchungen bei praktizierenden Buddhisten aus der buddhistischen Gemeinschaft in Kalkutta durch. Viele dieser Menschen hatten seinen Beschreibungen zufolge „mindestens die erste Stufe der Erleuchtung erreicht”. Engler bemühte sich, mit den bei diesen Forschungen gesammelten bahnbrechenden Daten „eine interkulturelle Bestätigung dafür zu bekommen, dass sich auf jeder wichtigeren Stufe der buddhistischen Meditationspraxis psychologische Veränderungen vollziehen”. Bei seiner Rückkehr nach Amerika wandelten sich seine Ambitionen jedoch, und er entschied, lieber in den Bereich der klinischen Praxis zu gehen, als in der akademischen Welt zu bleiben. „Endlich hatte ich nicht nur mein eigenes Leiden erkannt, sondern auch das Leiden aller anderen Menschen gesehen. Indien hat mich in dieser Hinsicht einfach auf ganz tief greifende Weise verändert.”

Ist es zutreffend, dass buddhistische Meditation und westliche Psychotherapie gemeinsam darauf hinarbeiten, den verschiedenen Ebenen des Selbst, aus denen sich der Mensch zusammensetzt, Befreiung zu bringen, wie es transpersonale Therapeuten wie Jack Engler behaupten? Stimmt es, dass „persönliche Fragen” im persönlicheren Rahmen einer Therapie angesprochen werden müssen, während die tieferen Dimensionen des Loslassens auf dem Meditationskissen stattfinden? Ist es richtig, dass Erleuchtungserfahrungen das Selbst gewöhnlich nicht von den Auswirkungen traumatischer Erfahrungen in der Kindheit oder von der Bindung an die persönlichen und grundlegenden narzisstischen Tendenzen befreien? Haben die transpersonalen Therapeuten Recht mit ihrer Behauptung, dass zwischen einer Psychologie, die sich um die Heilung des Ego bemüht, und einer spirituellen Lehre, die uns darin bestärkt, das Ego völlig aufzugeben, kein fundamentaler Widerspruch besteht?

Ich freute mich darauf, den Mann zu treffen, der gesagt hatte: „Wir müssen erst jemand sein, bevor wir niemand sein können.” Seit langer Zeit fragte ich mich nämlich, ob diese Äußerung wirklich zutraf. War es denn wirklich so, dass wir erst jemand sein müssen, bevor wir niemand sein können? Liegen die transpersonalen Therapeuten richtig, wenn sie sagen, dass man ein starkes Ego, ein starkes Gefühl von sich selbst haben muss, bevor man die Art von Selbstvertrauen besitzt, die erforderlich ist, um den mysteriösen Sprung ins Unbekannte zu wagen? Meine eigene Erfahrung als spiritueller Lehrer hat mir ausnahmslos gezeigt, dass jeder Raum für die endlosen Bedürfnisse, Ängste und Frustrationen des narzisstischen Ego in einer spirituellen Suche, deren Ziel und Rahmen Erleuchtung ist, nur zu einem einzigen Ergebnis führen kann: etwas mit Luft, Wasser und Nahrung zu versorgen, das in der spirituellen Erfahrung als völlig irreal erkannt wird. Ich war neugierig darauf zu erfahren, warum transpersonale Therapeuten scheinbar nie auf eine so eindeutige Weise zwischen Schwarz und Weiß unterschieden. Englers Behauptung ist heutzutage in den meisten spirituellen Kreisen wie eine Binsenweisheit akzeptiert. Deswegen stellt sich mir die Frage, ob seine Worte vielleicht manchmal von Lehrern, Schülern und Therapeuten gleichermaßen dazu verwendet werden, die möglicherweise überwältigenden Auswirkungen des Schritts über das Ego hinaus zu vermeiden, der unerlässlich ist, um unmittelbar zu erfahren, was Erleuchtung wirklich ist. Zunächst jedoch musste ich Jack Engler die Frage stellen, wie er aus seiner Perspektive als Psychotherapeut und als Vertreter buddhistischer Erleuchtungslehren denn das Ego definiert.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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