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Der Mann mit den zwei Köpfen


Ein Interview mit Scheich Ragip/Robert Frager
von Craig Hamilton
 

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Einleitung



Scheich Ragip/
Robert Frager
Zwei Interviews? Sicher. Man könnte es‚ Gespräche mit einem Schizophrenen‘ nennen.” Die Stimme am anderen Ende der Leitung ließ ein warmes leises Lachen hören. „Denn ich werde mir wahrscheinlich widersprechen. Wenn ich meinen Sufi-Hut trage, sage ich oft schreckliche Dinge über die Psychologie.”

Es war an einem Nachmittag im Frühherbstder erste Seminartag am Institut für Transpersonale Psychologie, und Dr. Robert Frager, Gründungspräsident der Schule, war gut in Form. Ich hatte den freundlichen Professor wegen eines Vorschlags angerufen, derso war ich sicherzumindest auf ein leichtes Zögern stoßen würde, nämlich ihn zweimal zu demselben Thema zu interviewen, und ich war sehr froh darüber, dass meine unorthodoxe Idee auf fruchtbaren Boden zu fallen schien. Seinen Kommentaren war zu entnehmen, dass wir nicht die Ersten waren, denen diese scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Seiten im Leben dieses Pioniers der Lehre über das menschliche Potenzial zu denken gab.

Für die vielen Studenten und Fakultätsmitglieder der fortschrittlichen akademischen Einrichtung, bei deren Leitung er mithilft, ist Dr. Frager ein engagierter Lehrer, ein in Harvard ausgebildeter Psychologe und, neben anderen Werken, Autor eines Lehrbuchs der Psychologie: Personality and Personal Growth (Persönlichkeit und persönliches Wachstum). Für die etwa zwanzig Mitglieder eines Zweiges des Halveti-Jerrahi-Sufi-Ordens von Redwood City in Kalifornien hingegen ist er Scheich Ragip oder „Baba”, der Mann, dessen Hand sie küssen, dessen Worte für sie Autorität besitzen und denen sie gehorchen und dessen Leben sie nachzueifern versuchenihr spiritueller Führer.

Bereits vor dieser Ausgabe waren wir auf Dr. Fragers Pionierarbeit im Bereich der Transpersonalen Psychologie und auf seine Rolle beim Aufbau einer der ersten Institutionen des Landes, die sich diesem neu entstehenden Forschungsgebiet und dieser Praxis widmen, aufmerksam geworden. Aber erst als wir im Laufe unserer Untersuchungen der Lehre des Sufismus über das Ego ein Rezensionsexemplar seines neuen Buches Heart, Self and Soul: The Sufi Psychology of Growth, Balance and Harmony (Herz, Selbst und Seele: die Sufi-Psychologie von Wachstum, Gleichgewicht und Harmonie) in unserem Briefkasten fanden, wuchs unser Verständnis für seine Rolle als spiritueller Lehrer in diesem zutiefst hingebungsvollen türkischen Zweig des Sufismus. Wir waren sofort äußerst interessiert. Wie ist es möglich, fragten wir uns, dass ein einziger Mann so fest in zwei Welten stehen kann, diezumindest was das Ego betrifftimmerhin zwei getrennte Welten zu sein scheinen? Zu dieser Zeit hatten wir bereits einige Monate damit zugebracht, sowohl die spirituellen als auch die psychologischen Perspektiven im Hinblick auf das Ego zu untersuchen, und es war zwar unbestreitbar deutlich geworden, dass sich sowohl der Sufismus als auch die Psychologie mit dem Studium des Wesens und der Funktionsweise des Egos beschäftigen. Sie kommen jedoch zu drastisch unterschiedlichen Schlussfolgerungen, sowohl darüber, was das Ego ist, als auch über die Rolle, die es auf dem Weg zur Ganzheit spielt.

Für die von Gott erfüllten Scheichs und Derwische (Praktizierende) des Sufismus ist das Ego stets der Staatsfeind Nummer eins gewesen. In der Tat nimmt der Sufismus, der tausend Jahre alte mystische Zweig des Islam, unter allen Weisheitstraditionen der Welt (eventuell mit Ausnahme des orthodoxen Christentums) den radikalsten Standpunkt ein, wenn es um das Wesen dieses zeitlosen Feindes und den Umgang mit ihm im spirituellen Leben geht. Im Arabischen Nafs Ammara genannt, wird von vielen Sufi-Meistern „das Selbst, das uns bestimmt und zum Bösen veranlasst,” dieser „rebellische”, „tyrannische” Aspekt in uns, als „grausamer als der Satan” angesehen, besitzt er doch die Fähigkeit, den spirituell Suchenden vom Pfad abzubringen. In seinem Bemühen, uns zu beweisen, dass wir von anderen getrennt und ihnen überlegen sind, und diese Überzeugung aufrecht zu erhalten, wird das hinterlistige, betrügerische und immer wieder einfallsreiche Ego„der dichteste Schleier zwischen uns und Gott,” wie die Sufis sagenvor nichts zurückschrecken, um uns von spirituellen Fortschritten abzuhalten. Dies ist eine Tatsache, die in den Augen vieler Sufis häufig extreme Gegenmaßnahmen rechtfertigt.

Bei seiner Rückkehr aus der historischen Schlacht gegen die Bewohner von Mekka soll sich der Prophet Mohammed mit folgenden Worten an seine Getreuen gewandt haben: „Wir kehren jetzt aus dem kleinen heiligen Krieg zum großen heiligen Krieg zurück dem Krieg gegen die Nafs.” Und immer, wenn in der Sufi-Literatur das Thema Ego angesprochen wird, fällt mit großer Wahrscheinlichkeit bald darauf auch der Begriff Mojahad oder „spiritueller Kampf” . Die Sufi-Meister verwenden Worte wie „Töten”, „Zerstören” und „Auslöschen,” um das Schicksal zu beschreiben, das sie dem Ego wünschen, und sprechen mit Leidenschaft und Überzeugung von dem Kampf, der notwendig ist, um den inneren Tyrannen zu stürzen. „Widerstand gegen die Nafs ist die Basis jeder spirituellen Praxis und die Vollendung jeden spirituellen Strebens,” behauptet der Sufi-Text Kashf Almahjub aus dem elften Jahrhundert. „Wenn dieser Kampf nicht von Anfang an geführt wird, dann kann auf dem Weg nichts erreicht werden,” warnt Scheich Javad Nurbakhsh, das gegenwärtige Oberhaupt des Nimatullahi-Ordens. „Wenn man seine Nafs nicht verdammt, ihnen nicht in jedem Augenblick und in jeder Situation Widerstand leistet und sich nicht auch das versagt, was eigentlich zulässig ist, wird man ständig davon getäuscht werden,” warnt der Sufi-Meister aus dem 9. Jahrhundert, Abu Hafs Haddad. Und schließlich sagt der bekannte Fakir Abu Bakr Saidalani: „Es gibt kein Erreichen der Wirklichkeit ohne den Tod der Nafs .”

Obwohl die großen Meister im Sufismusso wie die größten Weisen aller Religionenin ihrem Abscheu gegenüber dem Ego übereinstimmen, ist es nichtsdestoweniger klar, dass hier, in der Morgendämmerung des 21. Jahrhunderts, die Religion keine unumstrittene Autorität mehr besitzt, wenn es darum geht, den Bereich des Selbst zu definieren. In Zeiten, in denen die wissenschaftliche Weltsicht regiert, sind es in der Tat die Psychologen, die unangefochten das Besitzrecht auf die Mysterien der Psyche erheben. Und wenn die vom Ego sprechen, stimmen sie ein völlig anderes Lied an. Die Theoretiker und Therapeuten der westlichen Psychologie treten für die vitale Rolle des Ego als ein „funktionelles Zentrum” und Organisationsprinzip der Persönlichkeit ein, als ein unverzichtbarer Mittler zwischen einander entgegengesetzten psychologischen Kräften oder als das Kernstück des Empfindens von Individualität, ohne das sich die Persönlichkeit nicht entwickeln könnte, und sie scheinen hinsichtlich dieser wichtigen Schlussfolgerung der einhelligen Meinung zu seinwenn ihre Schwerpunkte und Theorien auch weit auseinander gehen, dass das Ego nicht unser Widersacher in unserem Streben nach Freiheit ist, sondern vielmehr unser größter Verbündeter sein könnte.

Natürlich kann diese riesige ideologische Kluft zum Teil den unterschiedlichen Begriffsdefinitionen der beiden Parteien zugeschrieben werden. Stolz, Narzissmus und Anhaften an einem Selbstbild lassen sich nicht automatisch in Charakter, „Funktionszentrum” und gesundes Selbstverständnis übersetzen. Und doch ist es, wenn wir die Definitionen einmal beiseite lassen, nicht zu bestreiten, dass in den Hauptschulen der westlichen Psychologie die Vorstellung nicht gerade auf offene Ohren stößt, dass es einen „Feind” im Innern gibt, der versucht, unsere spirituelle Entwicklung aktiv zu unterminieren, oder dass es gerade unser Anhaften an einer Identität ist, das letztlich aufgegeben werden muss, wenn wir zu unserem vollen Potenzial gelangen wollen. Ja, sogar im neu entdeckten Feld der „Transpersonalen Psychologie,” wo mystische Weisheit und Entwicklungstheorie vor kurzem Bettgenossen geworden sind, wird man mit viel größerer Wahrscheinlichkeit auf Diskussionen über Mittel und Wege zur „Heilung des verletzten Ego” stoßen und wie wir „uns selbst annehmen können, so wie wir sind,” als über die Notwendigkeit absoluter Entsagung angesichts des heimtückischen und unerbittlichen Sperrfeuers von Versuchungen durch das Ego. In der Tat scheint überall dort, wo dem psychologischen Paradigma Raum gegeben wird, das implizite oder explizite Ziel eher Heilung als Transzendenz zu sein, das Selbst instand zu setzen, als es überhaupt ganz zu verlieren.

Angesichts der scheinbar unvereinbaren Ziele dieser zwei Herangehensweisen an die menschliche Entwicklung fragten wir uns, wie Scheich Ragip/Dr. Robert Fragerein Mann, dessen Leben und Wirken leidenschaftlich und vielleicht in gleichem Maße beiden Bereichen gewidmet zu sein scheintwohl das so heikle Terrain des Ego einschätzen würde? Wie würden diese beiden Methoden in einer einzigen Person zusammenkommen können? Würden wir wirklich den „Schizophrenen” antreffen, vor dem er uns gewarnt hatte? Oder würde er vielleicht, wie andere auf seinem Gebiet, eine Methode erarbeitet haben, die die beiden Standpunkte auf eine Weise in einer vereinheitlichenden „Theorie von allem” kombiniert? Und wenn das so wäre, würde es dann wirklich eine glückliche Verbindung sein?

Von dieser ungewöhnlichen Aussicht fasziniert, reisten wir im letzten Oktober nach Kalifornien und sprachen mit Scheich Ragip während einer Samstagabend-Versammlung in seinem im persischen Stil dekorierten Sufi-Zentrum außerhalb von Palo Alto. Und am darauf folgenden Montag trafen wir uns mit Dr. Robert Frager am Konferenztisch des Instituts für Transpersonale Psychologie. Dies führte zu einer faszinierenden Untersuchung über das Leben und die Ansichten eines der führenden Erneuerer der Bewegung zur Entwicklung des menschlichen Potenzials, wobei sowohl die Tiefe als auch die Weisheit zweier einflussreicher Traditionen beleuchtet wurden sowie das subtile und oft verwirrende Terrain, das sich zeigt, wenn man versucht, Gemeinsamkeiten zwischen beiden zu finden.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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