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Was ist "das Ich"?


Ein Interview mit Leon Hoffman über Sigmund Freud
von Susan Bridle
 

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Interview

Dr. Leon Hoffman., ist Vorsitzender des Komitees für Öffentlichkeitsarbeit der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft, Direktor des Eltern/Kind-Zentrums der New Yorker Psychoanalytischen Gesellschaft und Mitherausgeber der Zeitschrift der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft, er leitet Ausbildungen und Supervisionen für die Psychoanalyse bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen am Psychoanalytischen Institut von New York. Er ist Verfasser zahlreicher Veröffentlichungen über Sigmund Freud, die Psychologie der Frau und Probleme von Kindern. Als Sprecher der APA (American Psychoanalytic Association) hält er regelmäßig öffentliche Vorträge über die Rolle der Psychoanalyse in Bezug auf sowohl persönliche als auch gesellschaftliche Belange in der zeitgenössischen amerikanischen Kultur.

WIE: Können Sie bitte den Begriff „Ego” definieren?

LEON HOFFMAN: Vom Standpunkt der psychoanalytischen Technik aus gesehen und so, wie der Begriff in der psychoanalytischen Therapie verwendet wird, hat „Ego” eine ganz spezifische Bedeutung. Zu Beginn gliederte Freud den Geist in drei theoretische Konstrukte: das Es, das Ich und das Über-Ich. Das Es hat mit den Leidenschaften des Menschen, den Wünschen der Person zu tun: mit sexuellen oder aggressiven Wünschen. Ziel des Lebens ist es, Kontrolle über diese Leidenschaften zu erlangen und sie so effizient wie möglich einzusetzen. Alle diese Impulse sind in uns vorhanden, und im Grunde ist es das Ziel, ein Gleichgewicht zwischen dem Ausüben dieser Impulse einerseits und ihrer gleichzeitigen Zügelung andererseits zu schaffen. So fand das Konzept des Über-Ich erstmals in das psychoanalytische Denken Eingang. Das Über-Ich bildet sich im Laufe der Entwicklung und Sozialisation des Kindes durch den Kontakt mit den Eltern. Nehmen Sie ein ganz einfaches Beispiel: Ein Kind will alles in den Mund nehmen und anfassen, und die Mutter oder der Vater - in den frühen Jahren insbesondere die Mutterwird beginnen, Beschränkungen aufzuerlegen. Und wenn das Kleinkind dann schließlich zu krabbeln beginnt und in eine Steckdose greifen möchte, werden die Eltern sagen: „Nein, das darfst du nicht.” „Nein” ist also ein sehr wichtiger Teil in der Entwicklung des Kindes. Es gibt ein ständiges Ausbalancieren zwischen den Kräften, die jetzt sofort alles machen wollen, und anderen Kräften, die sagen: Nein, du kannst das jetzt nicht tun, du musst es kontrollieren. Du musst die Befriedigung deiner Wünsche auf später verschieben. Hier tritt dann das Konzept des Ego auf den Plan, denn das Ego enthält auch die Fähigkeiten zur Erinnerung, zur Wahrnehmung und zur Kontrolle von Impulsen. Tatsächlich sagte Freud einmal, dass der erste Mensch, der einen Fluch aussprach, also Worte gebrauchte, anstatt einen Stein zu werfen, der Urheber der Zivilisation sei. Also, ich bin zornig auf dich, und ich werde dich nicht schlagen, aber ich darf dir sagen, dass ich zornig auf dich bin. Dieses Konzept ist sehr wichtig, damit wir die Art und Weise verstehen können, wie ein Individuum die Fähigkeit entwickelt, in einem sozialen Kontext zu leben. Das Ego könnte für sich allein nicht existieren; das Ego kann nur im Kontext von Beziehungen zu anderen Menschen existieren.

Das Ego ist also der Teil des menschlichen Geistes, der Kompromisse zwischen einer Vielfalt von entgegengesetzten Kräften schaffen kann, um sich selbst in möglichst anpassungsfähiger Weise in der eigenen sozialen Umgebung zu entwickeln. Das Ego hat damit zu tun, sich an seine soziale Situation anzupassen, während man gleichzeitig den Konflikt zwischen den inneren Wünschen und dem inneren Moralempfinden löst. Es ist wie in einer Ehe, wenn einer „"Schwarz" …sagt und der andere „Weiß”. Das muss irgendwie gelöst werden.

WIE: Die Hauptfunktion des Ego ist es also, zwischen den verschiedenen instinktiven Trieben und sozialen Kräften zu vermitteln, um sich der Umgebung in angemessener Weise anpassen zu können?

LH: Ja, „vermitteln” ist das absolut richtige Wort.

WIE: Wie würden Sie „Gewissen” definieren, und wie passt Gewissen in die Theorie der Psychoanalyse?

LH: Nun, das ist das Konzept des Über-Ich. Das Über-Ich ist tatsächlich das moralische Empfinden des Menschen. In der Theorie der Psychoanalyse ist die Entwicklung des moralischen Empfindens ein entscheidendes Konzept. Es beginnt bereits am ersten Tag mit der Tatsache, dass man beim Aufziehen von Kindern sehr früh beginnen muss, „nein” zu sagen. Irgendwann wird das Kind zu Bett gebracht, wenn es das nicht will. Die Entwicklung des Gewissens ist sehr stark damit verbunden, dass das Kind lernt, dass seine Leidenschaften nicht jederzeit befriedigt werden können. Und man möchte ein „gesundes” Gewissensempfinden entwickelnnicht zu stark und nicht zu schwach. Sehr häufig, vor allem, wenn die Eltern zu nachgiebig sind, entwickelt das Kind einen sehr starken Hang zur Selbstbestrafung, weil es fürchtet, dass niemand seine Impulse kontrolliert. Eine ganz einfache Definition für Gewissen wäre also: die Kontrolle, die wir verinnerlicht haben, die Art und Weise, wie wir gelernt haben, unsere Wünsche zu regulieren.

WIE: Einige Entwicklungstheoretiker sprechen von einem qualitativen Unterschied zwischen dem Gewissen, das auf den verinnerlichten gesellschaftlichen „Geboten” und „Verboten” und auf der Furcht vor Strafe basiertdie traditionellere Freud’sche Definition des Über-Ichund dem Gewissen, das eher auf der selbstständigen Einschätzung der wechselseitigen Verbundenheit mit anderen beruht und auf dem echten Interesse für die Auswirkungen, die unser Handeln auf andere haben könnte. Es könnte eher als ein spirituelles Gewissen und weniger als ein konformistisches Gewissen gesehen werden. Wird in der psychoanalytischen Theorie diese Unterscheidung gesehen?

LH: Nun, ich würde sagen, psychoanalytisch gesehen sind das die beiden Extreme des gleichen Kontinuums. Jeder Mensch besitzt bis zu einem bestimmten Grad ein inneres und ein äußeres Gefühl für Kontrolle. So gibt es zum Beispiel Schlagworte wie: „Wenn man betrunken ist, dann löst sich das Über-Ich im Alkohol auf.” Mit anderen Worten: im berauschten Zustand tut man Dinge, die man sonst nicht tun würde. Oder: „Wenn man weit von zu Hause weg ist, dann bleibt das Über-Ich zu Hause.” Es gibt eine graduelle Abstufung bei der Kontrolle unserer Impulse, die in höherem oder in geringerem Maße vorhanden ist. Manche Menschen brauchen den Polizisten immer ganz in der Nähe; sonst stehlen sie. Das ist das eine Extrem. Und andere Menschen sind so stark von ihrem Gewissen bestimmt, dass sie sich, wenn sie sich nur ein Zettelchen Papier nehmen, schon so schuldig fühlen, dass sie es sofort beichten müssen. Meiner Meinung nach gibt es diese verschiedenen Abstufungen. Eines der zentralen Konzepte in der Psychoanalyse besagt, dass der Unterschied zwischen Gesundheit und Pathologie eher quantitativ ist. Ich würde also nicht sagen, dass es so eine starke qualitative Unterscheidung zwischen diesen beiden Arten von Gewissen gibt. Ich würde sagen, es handelt sich um ein Kontinuum zwischen diesen beiden Extremen.

WIE: Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben viele spirituelle Lehrer die traditionellen religiösen Lehren, die Entsagung und Selbstverleugung betonen, mit der Begründung kritisiert, dass sie repressiv und lebensverneinend sind, ein archaischer Rückfall in eine patriarchalische Ära der Verdrängung, die wir überwinden sollten, und dass sie nur einen noch größeren Konflikt und eine Zersplitterung innerhalb des Selbst fördern. Der verstorbene einzelgängerische spirituelle Lehrer Bhagwan Rajneesh ist sogar so weit gegangen zu sagen: „Lasst uns doch alles zum Ausdruck bringen. Gib deiner Biologie die höchste Befriedigung … Wenn deine Biologie vollständig befriedigt ist, dann gibt es keinen Kampf zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten. Du wirst ein Ganzes.” Meine Frage ist: Welchen Effekt hat es Ihrer Meinung nach auf die Entwicklung des Ich, wenn wir dem Es freien Lauf lassen?

LH: Das ist ein sehr großes Problem! Wenn den Instinkten freier Lauf gelassen wird, kann man nicht nur nicht in der Gesellschaft lebenman kann auch nicht wirklich mit sich selbst leben. Es würde tatsächlich zu enormen Problemen führen. Es würde zu einer gänzlichen Desorganisation der Persönlichkeit führen. Es wäre mit der Fähigkeit zu leben gänzlich unvereinbar. Ich nehme an, ein besonders drastisches Beispiel dafür, wenn die Instinkte, das Es, außer Kontrolle geraten, wäre ein Mensch in einer Akutphase von manischer Psychose, wo alles erlaubt ist. In den 60er und 70er Jahren, als man mit Dingen wie Urschrei-Therapien und „Alles rauslassen” begann, führte das bei vielen Menschen zu großer Desorganisation. Ich denke, das ist ein Beispiel dafür, wie die Idee, „alles rauszulassen,” zu einer Verzerrung von Freuds Theorie wird.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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