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Das transpersonale Ego: eine neue Struktur?


Ein Interview mit Kaisa Puhakka
von Andrew Cohen
 

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Interview

ANDREW COHEN: Als Erstes möchte ich Sie fragen: Wer ist die erleuchtetste Person, die Ihnen bekannt ist? Wer hat von allen lebenden oder toten Persönlichkeiten Ihr Herz am tiefsten berührt, und zu wem haben Sie das größte Vertrauen?

KAISA PUHAKKA: Da wäre als Erstes der Buddha. Und Ramana Maharshi. Und ich würde sagen, einige der tibetischen Meister vermitteln dieses Gefühl. Und von den Zeitgenossen Seine Heiligkeit der Dalai Lama und Sasaki Roshi.

AC: Gut. Und nun möchte ich Sie bitten, sich vorzustellenauch wenn ich weiß, dass das unmöglich istaber egal, nur so zum Spaß, stellen Sie sich vor, Sie wären eine Kombination aus dem Buddha, dem Dalai Lama, Ramana Maharshi und Sasaki Roshi. Stellen Sie sich vor, Sie haben deren Geist in sich vereint. Sie sind eins geworden mit ihrem Geist und eins mit ihrer Erleuchtungund eins mit ihrer profunden Weisheit, die von jenseits des menschlichen Geistes kommt.

KP: Gut. Klingt wunderbar.

AC: Kaisa Puhakka ist in den Hintergrund getreten, und nun ist sie nichts als ein leeres Gefäß für den erleuchteten Geist. Und nun, Erleuchtete, möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen.

Die erste Frage ist: Transpersonale Psychologen scheinen sich in einem double bind (ausweglose Situation) zu befinden. Einerseits haben sie sich darauf spezialisiert, den Verstand zu benutzen, um die Differenziertheiten der Bewusstseinsentwicklung in Begriffe zu fassen, zu vermitteln und verständlich zu machen. Andererseits müssen wir alle, um die wahre Bedeutung des spirituellen Weges wirklich zu kennen, bereit sein, nicht nur das Bedürfnis zu wissen, sondern auch das Bedürfnis, derjenige zu sein, der weiß, aufzugeben. Erleuchtete, was können Sie mir über diesen verwirrenden double bind sagen, in dem sich die transpersonalen Psychologen befinden? Ist es für sie nicht eine enorme Herausforderung, der großen Versuchung intellektueller und persönlicher Macht zu widerstehen, die diese allumfassenden, zutiefst erhellenden und intellektuell befriedigenden Theorien der menschlichen Entwicklung ihnen zu verleihen scheinen?

KP: Das Dilemma, in dem die transpersonalen Psychologen sich befinden, ist gewissermaßen ein allgemein menschliches Dilemma auf höherer Ebenedas menschliche Dilemma, das wir wahrhaft erkennen wollen. Es ist sehr schwer, diesem Instinkt des Wissenwollens oder diesem Verlangen oder Sehnen, wissen zu wollen, Einhalt zu gebieten, denn es ist ganz fundamental und hat mit unserem Verlangen zu tun, das, was wirklich ist, direkt zu berühren. Es ist nur ein anderer Ausdruck dieses Verlangens.

Daran ist natürlich auch etwas sehr Komisches, denn, wie Sie sagten, um wirklich die Erleuchtung direkt zu berühren oder erleuchtet zu sein, muss man das Bedürfnis zu wissen aufgeben. Nun, wie kommt man aus dieser Klemme? Es ist eine sehr ernste Zwangslage. Denn wenn jemand zu Ihnen sagt: „Gib doch einfach das Bedürfnis zu wissen auf, und dann bekommst du es”dann klappt das einfach nicht.

AC: Nun, was würden Sie zu den transpersonalen Psychologen sagen? Was würden Sie ihnen aus ihrer Perspektive des erleuchteten Geistes sagen?

KP: Ich würde ihnen sagen, wenn ihr euch Landkarten anfertigtdas tun sie nämlich, sie bezeichnen ihre Theorien als Landkarten -, wenn ihr das wie ein Kind tut, das Sandburgen baut, dann könnt ihr es ruhig tun. Das Kind in seinem kreativen Zustand freut sich, wenn die Wellen hereinkommen und die Burg zerstören; es kreischt vor Vergnügen, wenn das ganze Gebilde zerbröckelt. Dann kann es nämlich ein neues bauen. Wenn wir unsere Karten so einschätzen, dass sie etwas sind, was uns Freude macht und unseren Geist anregt, aber dass es immer eine unendlich große Anzahl anderer Möglichkeiten gibt, Karten zu zeichnen, dann ist nichts gegen dieses Kartenzeichnen einzuwenden, ebenso wenig wie etwas gegen das Kind einzuwenden ist, das im Sand spielt.




Nun ist aber das Dumme an dem Kartenzeichnen, dass jemand, der seine Karte sehr ernst nimmt und sagt: „Also das ist die richtige Straßenkarte, und es gibt keine andere, die ebenso gut ist wie diese,” damit stillschweigend den Anspruch erhebt, das Gelände wirklich zu kennen, dass er es durchwandert hat und dass eine Übereinstimmung zwischen dem Gelände und der Karte besteht. Sobald das Kartenzeichnen kein Spaß und Spiel mehr ist, sobald wir die Karten allzu ernst nehmen, dann glaube ich, dass sie wirklich ein Hindernis für das Wandern in dem Gelände sind. Wenn du eine Karte liest, während du spazieren gehst, dann entgeht dir alles, was am Weg liegt. Wie Sasaki Roshi sagt: „Ihr lauft herum und denkt, es gibt eine Art von spirituellem Pfad oder einen großen Weg, der vor dir liegt wie eine Straße. Ihr seid Narren. Es liegt keine Straße vor euch. Der große Weg entsteht erst während des Gehens.” Es gibt keine fertige Straße, geschweige denn eine Karte, die die Straße beschreibt. Die Straße selbst entsteht erst während des Gehens.

AC: Und außer Ihrem Rat über das Kartenzeichnen, was würden Sie sonst noch zu ihnen sagen?

KP: Menschen, denen es ernst damit ist, erleuchtet zu werden, sollten nicht nur Karten anfertigenmanchmal müssen sie sich auch selbst auf den Weg machen.

AC: Ohne die Karten?

KP: Ja, jeder muss sich ohne die Karten auf den Weg machen.

AC: Erleuchtete, glauben Sie, dass in dem Ego transpersonaler Psychologen auf Grund ihrer professionellen Rolle ein starkes Potenzial für die Flucht in das Wissen ist, auf eine Weise, die sie vor der nackten, wehrlosen Verletzlichkeit des Nichtwissens oder Keine-Ahnung-Habens schützt? Was ich meine, ist Folgendes: Halten Sie es für möglich, dass die subtilen, allumfassenden Entwicklungstheorien der transpersonalen Psychologie aus einem bestimmten Gesichtspunkt der raffinierteste Abwehrmechanismus des Ego sein könnten, der sich je herausgebildet hat?

KP: Nun ja, gewiss haben sie das Potenzial, dir auf eine sehr effektive Art und Weise das befriedigende Gefühl zu geben, dass du wirklich die geographische Lage des Landes kennst und dass du schon fast angekommen bist.

AC: Glauben Sie, dass die Herausforderung, loszulassen, für den transpersonalen Psychologen möglicherweise umso schwieriger sein könnte, weil es in seinem Falle so viel mehr loszulassen gibt? Könnte nicht in der Tat die direkte Erfahrung eines totalen Loslassens, des radikalen Aufgebens der Identifikation mit Wissen oder der Überzeugung, derjenige zu sein, der weiß, umso beängstigender sein?

KP: Ja, das stimmt. Obwohl ich finde, dass das für alle intellektuellen Menschen zutrifft. Für sie sind es die Philosophien und intellektuellen Konstruktionen, die ihnen im Weg stehen, und für andere Leute ist es etwas anderes. Aber sicher ist hier die Ironie noch verschärft, denn hier haben wir es mit Leuten zu tun, die sich grundsätzlich darum bemühen, sich von all diesen Äußerlichkeiten zu befreien - während andere Leute sich das vielleicht nicht zum Ziel gesetzt haben. Wenn man Freiheit und Erleuchtung anstrebt, dann werden die Theorien zu Fesseln, und sie werden sehr, sehr starke Fesseln.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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