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Kein Entrinnen für das Ego


Ein Interview mit Der Ehrwürdige Meister Sheng-yen
von Carter Phipps
 

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Einleitung



Der Ehrwürdige
Meister
Sheng-yen
Es gibt wohl nur wenige Menschen, die das Problem des Ego im spirituellen Leben so gründlich erforscht haben wie die Zen-Meister. Wenn wir ihre Geschichten lesen, haben wir das Gefühl, eine andere Welt zu betreten - eine Welt, in der Entschlossenheit, Demut, Hingabe und Einsicht eine alles überragende Bedeutung einnehmen, in der der Wille nur auf ein einziges Ziel gerichtet ist: das Ego ein für allemal auszulöschen, um Erleuchtung zu finden und die eigene Buddha-Natur in diesem Leben zu verwirklichen. Wer könnte heute noch ehrlich behaupten, die geistige Kraft zu besitzen, die bereits legendären ego-zerstörenden Methoden der Zen-Lehrer früherer Zeiten zu ertragen? In ihrer erleuchteten Weisheit griffen sie oft zu unerhörten Mitteln, um ihre Schüler aufzurütteln und aus dem Alptraum eines egozentrischen Daseins zu wecken.

Allem Anschein nach war der Zen-Buddhismus noch nie ein Weg für zaghafte Gemütervielleicht ein Testament des Ersten Zen-Patriarchen, Bodhidharma, der neun Jahre lang mit dem Gesicht zur Wand saß, um zu beweisen, dass er entschlossen war, sein Leben dem Weg der Erleuchtung zu weihen. Selbst in diesem modernen Zeitalter finden wir den Nachhall von Bodhidharmas Hartnäckigkeit in den Geschichten zeitgenössischer praktizierender Buddhisten, so in dem Buch My Struggle to Become a Zen Monk (Mein schwieriger Weg, ein Zen-Mönch zu werden) von Morinaga Soko. Als er sich für das Mönchsleben entschieden hatte, kauerte Soko drei Tage lang unter der Holztreppe vor dem Eingang zu einem japanischen Zen-Kloster, bis er Niwazume bestanden hatte, einen Charaktertest, der sichern soll, dass nur die ernsthaftesten Bewerber durch die äußeren Tore Einlass finden. Kaltem Wind und Schnee ausgesetzt, ertrug er Beleidigungen, psychischen Druck und sogar körperliche Misshandlungen, bevor er endlich, mit tauben Beinen und blutendem Gesicht, die Mönche überzeugen konnte, dass er die Demut und Ausdauer besaß, das entsagungsvolle Leben eines Zen-Mönchs auf sich zu nehmen. Mit anderen Worten: wer nicht bereit ist, den hohen Preisden Tod des Egozu zahlen, der braucht sich nicht zu bewerben.

Als wir beschlossen hatten, diese Ausgabe einer Untersuchung der Natur des Ego zu widmen, begannen wir unsere Suche nach einem Zen-Meister, der aus eigener Erfahrung über die Prüfungen auf diesem rigorosen Weg der Ich-Überwindung berichten konnte. Unsere Suche führte uns schließlich zu dem Ehrwürdigen Meister des Ch’an-Buddhismus, Sheng-yen. Das Wort ch’an ist die chinesische Übersetzung des Sanskrit-Wortes dhyana, das Meditation bedeutet. Als der Buddhismus sich von China nach Japan ausbreitete, wurde es dort in den Begriff übersetzt, der unseren westlichen Ohren vertrauter klingt: Zen. Sheng-yen wurde, wie er in seinem zuletzt erschienenen Buch Subtle Wisdom (Subtile Weisheit) berichtet, im Alter von dreizehn Jahren in den Ch’an-Buddhismus initiiert. Er hatte sein Elternhaus und seine Familie verlassen, um in einem Kloster in Shanghai die Kutte eines Novizen anzulegen. In diesem streng traditionellen Tempel verbrachte Sheng-yen seine nächsten sechs Lebensjahre. Doch als 1949 der Wind revolutionärer Veränderung durch China fegte und die Kommunisten das Festland eroberten, wurde die Laufbahn des jungen Mönchs unterbrochen. Er wurde zur Nationalen Armee einberufen, kam nach Taiwan und erlebte dort fast zehn Jahre später, im Alter von achtundzwanzig Jahren, eine tief greifende spirituelle Erweckung. Sie war, wie er sagte, „die wichtigste Erfahrung meines bisherigen Lebens”. In einer Geschichte, die den Seiten der klassischen Zen-Literatur entnommen sein könnte, erzählt Sheng-yen, wie er auf einem kurzen Urlaub vom Militär die ortsansässigen Ch’an-Lehrer besuchte. Als er eines Abends noch spät auf war und meditierte, sah er sich neben einem älteren Mann sitzen, ebenfalls ein Gast des Klosters, dessen gelassenes, friedvolles Wesen ihn beeindruckte. Sheng-yen fragte den älteren Mönch, ob er ihm ein paar Fragen beantworten würde, und dann schüttete er ihm zwei Stunden lang sein Herz aus. Er stellte all die Fragen, die ihm während der vielen Jahre seiner spirituellen Übungen niemand zu beantworten vermocht hatte. Und nach jeder Frage bemerkte der Mönch, der, wie Sheng-yen später herausfand, ein ehrwürdiger Ch’an-Meister war, nichts weiter als: „Ist das alles?” Endlich hatte Sheng-yen die Litanei seiner Fragen erschöpft, und in einem Moment der Verwirrung zögerte er und wusste nicht, was er tun sollte. Peng! Der Mönch schlug auf das Podest, auf dem sie beide saßen, und brüllte: „Nimm all deine Fragen und wirf sie weg! Wer hat denn alle diese Fragen?” Die Wirkung auf Sheng-yen war unmittelbar und tief greifend. „In diesem Augenblick waren alle meine Fragen verschwunden,” schreibt er. „Die ganze Welt hatte sich verändert. Schweiß rann in Strömen von meinem Körper, und zugleich fühlte ich mich schwerelos. Die Person, die ich einmal gewesen war, war lächerlich. Ich fühlte mich, als sei eine tausend Pfund schwere Last von mir abgefallen.” Die Worte der buddhistischen Sutras (Heilige Schriften), die ihm vorher fremd und undurchdringlich erschienen waren, wurden nun als Sheng-yens eigene Erfahrung lebendig. „Ich verstand sie unmittelbar, ohne Erklärung,” schreibt er. „Mir war, als wären es meine eigenen Worte.”

So faszinierend und inspirierend diese Geschichte auch ist, was uns am meisten daran fesselte, war nicht die Erfahrung selbst, sondern die Art, wie Sheng-yen darauf reagierte. In einer Zeit, in der anscheinend so viele nach ähnlichen tiefen Erweckungserlebnissen glauben, den Gefahren des Ego ein für allemal entronnen zu sein, kam Sheng-yen zu einer ganz anderen Schlussfolgerung. Zwar wusste er, dass seine Lebensanschauung sich radikal verändert hatte, doch er erkannte auch, dass seine „Nöte und Plagen” oder die Charakterfehler, die seinem Ego entsprangen, nicht verschwunden waren und ihm bei gegebenem Anlass noch immer zu schaffen machen konnten. Er entschied, dass die Zeit, sich auszuruhen oder zu lehren, noch nicht gekommen warweit entfernt! Es war Zeit zu übensich aufs Neue der spirituellen Reinigung zu unterziehen, mit all der Entschiedenheit, Inspiration und Ausdauer, die dieser tiefe Einblick in sein wahres Wesen in ihm geweckt hatte.

In seinem vertieften Glauben an die Realität eines Lebens jenseits der Gebundenheiten des Ego legte Sheng-yen wieder die Kutte eines Bhiksu (Mönchs) an und wurde vorzeitig vom Militärdienst befreit. Er ließ sich von einem bekannten Ch’an-Meister namens Tung-chu schulen, der in dem Ruf stand, ein besonders strenger Lehrer zu sein, selbst nach dem hohen Maßstab des Ch'an. Tung-chu fasste Sheng-yen hart an: Eines Tages forderte er ihn auf, Fußfälle zu machen, und zehn Tage später tadelte er ihn für dieselben. Er befahl ihm zu schreiben, und dann, als seine Abhandlungen fertig waren, zerriss er sie. Er ging sogar so weit, ihm zu befehlen, die Tür zu seinem Zimmer zu verschließen, nur um ihn eine neue Tür an der entgegengesetzten Wand anbringen zu lassen.

Doch Sheng-yen war dankbar, dass er zu seinem unterbrochenen Mönchsleben zurückkehren und sich der Schulung eines Meisters unterziehen durfte. Besonders dankbar aber war er für die Freiheit, seine ganze Zeit dem spirituellen Leben widmen zu können, und mit großer Hingabe unterzog er sich seinen spirituellen Übungen. Auf eigene Initiative beschloss er dann, sich für drei Jahre in die Einsamkeit der hohen Berge von Taiwan zurückzuziehen. Er wohnte in einer kleinen Hütte auf der Spitze eines Felsens, ohne fließendes Wasser und Elektrizität, und ernährte sich von wilden Kartoffelblättern, die er selbst in seinem Garten anbaute. Er arbeitete, um die tiefe Unruhe seines Geistes auszumerzen und die volle Kraft des buddhistischen Dharma auf seine Bindung an das Ego einwirken zu lassen. Ein halbes Jahr lang übte er sich in Fußfällen (eine für jede der 80.000 Zeichen im Lotus-Sutra), dann konzentrierte er sich auf die Meditation, und in der übrigen Zeit schrieb er zwei Bücher über die buddhistische Lehre. Drei Jahre später empfand er zwar die Einsamkeit und Ruhe für seine Übungen als wohltuend, doch war er überzeugt, dass seine Bemühungen, von „Gier, Zorn, Arroganz und Unwissenheit” frei zu werden, noch immer unvollständig waren, und er beschloss, die Zeit seines Einsiedlerlebens zu verdoppeln, sodass er im Ganzen sechs Jahre in der Abgeschiedenheit mit Betrachtung, Übungen und Studium zubrachte.

Erst nach dieser zweiten Periode der Zurückgezogenheit hielt Sheng-yen die Zeit für gekommen, selbst das Gewand eines Ch'an-Lehrers anzulegen und das buddhistische Dharma zu verbreiten. Doch da er lange Zeit bekümmert über den extremen Mangel an Bildung gewesen war, den er oft unter den Mönchen und Nonnen von Taiwan festgestellt hatte, ging er als Erstes daran, die formelle Schulbildung zu erwerben, die er während der Jahre seines Einsiedlerdaseins versäumt hatte. Er reiste nach Japan, besuchte dort eine Universität und vertiefte sich in die komplizierten Lehren des buddhistischen Dharma. Er erwarb ein Doktorat in buddhistischer Philosophie und studierte bei bekannten Lehrern fast aller bedeutenden Schulen des japanischen Zen. Später, auf Einladung einer buddhistischen Gesellschaft in den Vereinigten Staaten, betrat er den fremden Kontinent Amerika, wo er eine Lehrtätigkeit aufnahm, die sich rasch ausweitete und um die sich schließlich Schüler aus dem Westen wie auch dem Fernen Osten zu Gemeinschaften zusammenschlossen.

Heute lebt Meister Sheng-yen vorwiegend in Taiwan, verbringt aber jedes Jahr mehrere Monate mit Besuchen seiner Zentren in den Vereinigten Staaten. Als Gründer eines Colleges für Geisteswissenschaften in der Nähe von Taipeh sowie mehrerer Klöster und Meditationszentren, als Autor von mehr als neunzig Büchern in zehn verschiedenen Sprachen, als Repräsentant der Traditionslinien der beiden wichtigsten Schulen des Ch'an-Buddhismus und persönlicher spiritueller Führer von Tausenden treu ergebener Schüler ist Sheng-yen ein Meister, in dessen schlichter Mönchskutte die Fäden unzähliger Verpflichtungen verwoben sind. Man schreibt ihm zu, eine Wiedererweckung des chinesischen Buddhismus initiiert zu haben, eine Tradition, die heute aus ihrem Heimatland verbannt ist. Sheng-yen darf China zwar besuchen, aber dort nicht unterrichten, und ein illegales Untergrundnetz ist noch immer der einzige Weg, buddhistische Literatur in der Bevölkerung zu verbreiten. In einer Rolle, die einige Ähnlichkeiten mit der Seiner Heiligkeit, des Dalai Lama, hat, widmete Sheng-yen einen Großteil seines Lebens der Rettung und Wiederbelebung einer einstmals lebendigen Tradition, die in ihrem Ursprungsland trotz fortwährender Unterdrückungvor mehr als tausend Jahren ihre erste Blütezeit erlebt hatte.

Morianga Soko schrieb in seinem Bericht über sein Martyrium vor den Toren des Zenklosters, in dem er Mönch wurde: „Solange du dich nicht einer Disziplin unterworfen hast, solltest du nicht zu viel Vertrauen in deine eigene Willenskraft setzen. Als ich spürte, wie mein eigener Wille am Klostereingang zerbrach, da verstand ich plötzlich den Sinn des Niwazume. Wenn man vor der Bank auf dem Lehmboden kauert, wird die eigene Entscheidung wieder und wieder auf die Probe gestellt. Vor dem Klostertor hatte ich die Bedeutung des Mutes gelernt, der seine Wurzeln im Glauben hat und der nicht wankt, wenn er auf Widerstand stößt.” Bereits ein flüchtiger Einblick in das spirituelle Leben zeigt, wie viel Mut und Entschlusskraft es braucht, um sich von den Fesseln des Ego zu befreien. Sheng-yen war offensichtlich ein Mensch, der einen großen Teil seines Lebens damit verbracht hatte, diese Eigenschaften in sich zu entwickeln. Er war ein Mann, der im Feuer des Zen-Weges getestet worden war, der Herz und Seele einer Tradition hingegeben hatte, die von dem spirituellen Anwärter viel verlangt und die in dem Ruf steht, den Bedürfnissen und Interessen des Ego wenig, wenn überhaupt etwas zu bieten.

Was hat Sheng-yen, der die Erfahrungen lebte und atmete, von welchen die meisten Menschen nur gelesen haben, über diesen uralten Feind des spirituellen Lebens zu sagen? Ob er wohl mit dem Feuer, der Intensität und Leidenschaft erfüllt ist, die so viele seiner Vorgänger Jahrhunderte hindurch zum Ausdruck gebracht haben? Oder würde erin seiner heutigen Rolle als Lehrer und öffentliches Gesicht des Buddhismus für Tausende von Menschen auf der ganzen Weltbeschönigender in Bezug auf das Ego, toleranter gegenüber denjenigen sein, für die der Gedanke des Ich-Todes ein wenig zu weit geht, und kompromissbereiter angesichts einer westlichen spirituellen Kultur, in der das Ego seine überragende Stellung als einziges Hindernis zwischen uns und dem Tor des Nirvana eingebüßt hat?


An einem Novembernachmittag besuchte ich Sheng-yen in der zweiten Etage seines Meditationszentrum in Queens, New York. Während die leisen Sprechgesänge der buddhistischen Sutras durch die Holzplanken aus dem Raum unter uns emporstiegen, saßen wir zusammen und führten mit Hilfe eines Dolmetschers ein einstündiges Gespräch.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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