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Was ist "das Ich"?


Ein Interview mit Henry Stein über Alfred Adler
von Susan Bridle
 

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Interview

<Dr. phil. Henry Stein ist klassischer Psychotherapeut nach Adler, er ist darüber hinaus Lehranalytiker, Leiter des Alfred-Adler-Instituts in San Francisco und Verfasser zahlreicher Artikel über Adlers Philosophie und Methode der klinischen Praxis. In den letzten sieben Jahren war er der Hauptherausgeber des nun vor dem Abschluss stehenden zwölfbändigen Kompendiums The Collected Works of Alfred Adler. Stein integriert die Visionen von Alfred Adler und Abraham Maslow bezüglich Gesundheit und Potenzial des Menschen und hat einige innovative Behandlungsmethoden zur kognitiven und affektiven Veränderung sowie zur Verhaltensänderung entwickelt.

WIE:
Könnten Sie bitte erklären, wie Alfred Adler das Ego versteht?

HENRY STEIN: Adler war sehr von dem deutschen Philosophen Hans Vaihinger beeinflusst, der darüber schrieb, wie jede Disziplin - Psychologie, Soziologie, Recht, egal welche man nimmt - Fiktionen festlegt, um die Dinge beschreiben zu können. Und mit der Zeit neigen wir dazu, diese Fiktionen als real anzunehmen. Und wenn wir vom Ego oder der Persönlichkeit sprechen, dann versuchen wir eigentlich, einen Funktionsbereich zu bearbeiten, den es in Wahrheit nicht gibt. Wenn wir vom Ego oder der Persönlichkeit sprechen, dann unternehmen wir den Versuch, zu einem geheimnisvollen Kern von etwas zu kommen, wie das ein Neurobiologe glaube ich nicht könnte. Sie wissen schon, wenn er versuchen würde, einen Menschen zu öffnen, um die Persönlichkeit zu finden. Wo hat sie ihren Sitz? Im Kopf, im Magen oder im Herz? Wenn man allerdings die Idee der Fiktion respektvoll annimmt, dann könnte man sagen, das Ego ist die gesamte Person - so wie sie funktioniert. Adler setzt das Ego mit dem gesamten Selbst oder der gesamten Persönlichkeit gleich.

Adler war in vielfacher Hinsicht nicht einer Meinung mit Freud, speziell in Bezug auf die Unterteilung der Persönlichkeit in Ego, Es und Über-Ich. Freud stellte die Hypothese einer Teilung der Persönlichkeit in diese so genannten Segmente oder dynamischen Teile auf, Adler hingegen sagte, dass es keine Unterteilung gibt, dass die Persönlichkeit eine komplette Einheit darstellt. Adler glaubte, dass man die Persönlichkeit nicht genau betrachten kann, wenn man sie als geteilt annimmt, sondern dass man sie unbedingt als Ganzes sehen muss, als ein organisiertes Ganzes ohne Widersprüchlichkeiten. Freud unterschied zwischen bewusst und unbewusst. Aber für Adler gab es diese Unterscheidung nicht. Für ihn war es ein fließender Übergang, denn das, was unbewusst zu sein scheint, kann unter bestimmten Umständen sehr rasch ins Bewusstsein gehoben werden. Freud sagte, dass zwischen den Teilen der Persönlichkeit Krieg oder Konflikt herrsche, zwischen Es, Ich und Über-Ich. Aber Adler hielt dies für eine irrige Annahme. Er war der Ansicht, dass es keinen inneren Kampf oder Konflikt gibt und dass sich das Individuum nur in eine einzige Richtung bewegt, auch wenn es Widersprüche zu geben scheint. Mit anderen Worten, man kann es mit einem Menschen zu tun haben, der in einem tiefen inneren Konflikt zu stecken scheint, aber dieser innere Konflikt ist eine Illusion, denn der Konflikt ist in der Hauptsache mit der Absicht entwickelt worden, nicht handeln zu müssen. Aber der Hauptpunkt war, dass Adler glaubte, die Persönlichkeit sei um ein einziges „fiktives Endziel“ herum organisiert. Dieses fiktive Endziel ist einzigartig in jedem Menschen, und in einem bedeutenden Maße lenkt und leitet es die meisten Handlungen des Menschen. Man könnte also sagen, es definiert im Menschen das Ego und das Empfinden von sich. Adler sagte, dass alles innerhalb der Persönlichkeit, sei es nun Denken, Fühlen, Erinnerung, Fantasie, Träume, Körperhaltung, Gesten, Handschrift - jeder Ausdruck der Persönlichkeit - , im Wesentlichen diesem Ziel untergeordnet sei. Im Großen und Ganzen macht sich Adler auf diese Weise ein Bild von der Person.

WIE: Können Sie erklären, was dieses fiktive Endziel ist?

HS: Es ist wie eine endgültige Position, ein Resultat, das man sich vorstellt. Es ist ein bisschen so wie für den Autor eines Theaterstücks, nämlich jener Punkt, wo der Vorhang fällt. Es ist der Punkt, auf den hin alles ausgerichtet ist wie eine imaginäre Erfüllung. Dieses Ziel wird in der frühen Kindheit sogar ohne Worte formuliert und wird zu dem, was Adler den „Prototyp der Kindheit“ nannte. Das Kind stellt sich einen Zeitpunkt in der Zukunft vor, wenn es erwachsen sein wird, stark sein wird, Unsicherheit oder andere belastende Dinge überwunden haben wird. Wenn das Kind also das Gefühl hat, hässlich zu sein, dann wird es schön sein. Wenn es das Gefühl hat, dumm zu sein, dann wird es hochintelligent sein. Wenn es das Gefühl hat, schwach zu sein, dann wird es stark sein. Wenn es ganz unten ist, dann wird es oben sein. All das wird in der Unsicherheit der Gegenwart, die unangenehm oder unerträglich sein kann, ohne Worte als Lebensstil konzipiert. Es wäre unerträglich, wenn man annehmen müsste, dass diese Gefühle von Unsicherheit oder Unterlegenheit ein ständiger Zustand bleiben. Das Kind, und schließlich auch der Erwachsene, stellt sich also vor, dass die Zukunft die Erlösung, eine Erleichterung von dem Minderwertigkeitsgefühl bringen wird. Die Zukunft wird Erfolg, Bedeutung, eine Korrektur bringen - eine Umkehrung von allem Falschen. Das ist sehr zweckmäßig. Dieses fiktive Endziel ist eine Verkörperung der Vision des Kindes über die Zukunft. Es ist einem Hologramm vergleichbar, insofern als jedes kleine Stück davon die ganze Geschichte als Miniatur in sich trägt. Jeder Teil ist eine Reflexion dieses Ganzen.

WIE: Warum war es für Adler wichtig, den Menschen als ungeteiltes Ganzes zu sehen?

HS: Verantwortung. Ansonsten könnte man auch sagen: „Ein Teil von mir wollte das tun, ein anderer Teil wollte es nicht“ oder „Der Teufel hat mich dazu veranlasst“ oder „Diese kleine Stimme in mir sagte …“ - eigentlich „… habe ich keine Kontrolle; ich bin nicht verantwortlich.“ All das bildet den Boden für Unheil. Adler sagte: „Du bist es.“

WIE: Im Grunde ist es also nur ein einziger Mensch, der den Ton angibt?

HS: Ja, der sowohl die Kontrolle hat als auch eine Absicht verfolgt. Es ist weder ein Instinkt noch so etwas wie das universelle Bewusstsein, das einen Einfluss ausübt. An einem bestimmten Punkt hat man entschieden, das zu tun. Als man die Entscheidung traf, gab es vielleicht eine Vermutung, was das Beste wäre, aber dann wurde es automatisiert und zur Gewohnheit, und dann hat man es einfach weitergemacht. Vielleicht funktioniert es auch gar nicht mehr besonders gut, aber man macht es trotzdem weiter.

Diese Vorstellung einer Singularität ist sehr wichtig, wenn es um Behandlung geht. Wie in aller Welt geht man mit einem Menschen um, der fünfzehn verschiedene Symptome und all die kleinen schlechten Angewohnheiten und Probleme hat? Mein Gott, wir könnten uns jahrelang damit beschäftigen. Der Mensch hat emotionale Probleme, kognitive Probleme und Verhaltensprobleme und man könnte sagen: „He, das wird mit sechs Wochen nicht erledigt sein, das wird sechs Jahre dauern.“ Es ist so, als wollte man einen ganzen Wurf Hundebabies in einen Korb packen - das eine springt heraus, sobald man das nächste hineinpackt - , kaum bekommt man die Emotionen unter Kontrolle, beginnen sich körperliche Symptome zu regen.

WIE: Wenn man es so sieht, kann es ein Lebensprojekt werden, das alles in Ordnung zu bringen.

HS: Ja. Adler sagt: „Einen Moment mal. Wenn es tatsächlich ein einziges Ziel gibt, und wenn dieses eine Ziel die Symptome und Probleme hervorruft und in einem bestimmten Sinne alles dirigiert, dann arbeitet man nicht an den zweiundfünfzig Unterkategorien von Symptomen, man arbeitet am Ziel.“ Wenn man das Ziel ändert, dann beginnt sich auch alles Übrige zu verlagern, die Symptome beginnen zu verschwinden. Die Leute bekommen eine Gänsehaut, wenn sie erkennen, dass sie ihr Leben so dramatisch verändern können und dass es sich dabei nicht um eine überwältigende, anstrengende und lebenslange Aufgabe handelt. Das ist die gute Nachricht. Es gibt auch eine schlechte: Die schlechte Nachricht ist, dass man jetzt Verantwortung hat. Das ist ein Tauschhandel. Wenn die Menschen bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen, dann haben sie fast das Gefühl einer Neugeburt, und dieses Gefühl von Reinheit und Kraft ist wunderbar. Und dann akzeptieren sie die Verantwortung sehr bereitwillig; sie ist keine Last. Aber andere - die die Verantwortung nicht wollen –werden zurückschrecken und werden dann entweder die Einsicht vergessen oder Argumente dagegen finden oder sie sabotieren.

WIE: Wie definiert Adler Gewissen, und wie unterscheidet es sich von Freuds Über-Ich?

HS: Freuds Über-Ich ist ein Druck von außen, die Stimme der Eltern, die Erwartungen der Kultur hinsichtlich dessen, was zu tun ist und was nicht. Es basiert auf der Annahme, dass es in uns ein sehr gesetzloses, selbstsüchtiges, aggressives und sexuelles Kind gibt, das sehr viel Schaden anrichten wird, wenn man es nicht kontrolliert. Adlers Konzept des Gewissens ist ganz anders, sehr viel optimistischer und positiver. Adler sagte, dass das Kernthema das soziale Empfinden, das Gemeinschaftsgefühl, sei. Das beginnt in einem Kind mit dem Gefühl des Kontakts mit einer Person, normalerweise mit der Mutter, auf die es sich absolut verlassen kann, die Sicherheit gibt, die ermutigt und erhält. Es beginnt als ein Gefühl, aber schließlich kann es kognitiv werden. Wenn das Kind und dann der Erwachsene dieses Gefühl von Verbindung und Kontakt entwickelt - dieses Gefühl, dass es andere wertvolle und verlässliche Menschen gibt, denen gegenüber sie ein Gefühl von Vertrauen und Sicherheit haben, in deren Nähe sie sich wohl fühlen - , und wenn sie auch ausreichend ermutigt und geschult werden, dann lernen sie das zu erwidern, und das bringt dann ein sehr gutes Ergebnis. Es beginnt als ein Gefühl oder eine Handlung; es beginnt auf nicht-kognitive Weise. Wenn das Kind dann schließlich beginnt, über größere Probleme nachzudenken, wenn es beginnt, über Gewissen und Moral nachzudenken, dann gibt es da ein Empfinden, in dem das, was das Kind bereits fühlt, kognitive Unterstützung findet. Von Adlers Standpunkt aus gesehen hilft man einem Menschen nicht, sein Gewissen zu entwickeln, indem man moralisiert, droht, „du musst“ sagt oder kontrolliert. Man baut stattdessen dieses Gefühl von Kontakt, Verbindung, Vertrauen und Empathie auf, und daraus entwickelt man eine Logik von Gewissen und Moral. Sie sehen, die kognitive Seite darf der emotionalen Seite nicht widersprechen. Ich meine: ganz egal wie sehr man jemanden intellektuell indoktriniert, egal wie viel man ihm predigt, egal wie viel er liest, wenn es im Kern kein Gefühl von Fürsorge und Verbindung gibt, kommt man niemals zu einem echten Gewissen.

Sehen Sie, Adler sagte, wenn man sich mit Menschen verbunden fühlt, dann beginnt man mit gesundem Menschenverstand und moralisch zu denken, weil es sehr sinnvoll erscheint - man sorgt sich um die anderen. Und man fühlt in dieser Richtung. Adler trifft keine scharfe Unterscheidung zwischen dem, was man fühlt und was man denkt, denn sobald ein Mensch das Gefühl der Verbundenheit entwickelt, dann wirken Denken und Fühlen irgendwie zusammen wie Musik und Dichtung. Das wäre also für Adler eine Vorbedingung für echte Spiritualität und religiöse Praxis, denn ohne das gelangt man zu nichts anderem als zu Widersprüchen. Ich habe eine Reihe von Patienten, die ihrer Religion sehr verbunden sind, aber ihr Leben steht im Widerspruch zur Lehre der Religion. Sie sind in einem dominierenden inneren Bild gefangen, das stärker als der religiöse Einfluss ist. Und das verursacht ihnen ein gewisses Maß an Schwierigkeiten; aber solange sie nicht dieses echte Gefühl der Verbundenheit entwickeln, nicht nur zu einer spirituellen Praxis, sondern zu anderen Menschen, können sie trotz ihrer Bemühungen nicht sehr weit kommen.

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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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