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Was ist "das Ich"?


Wir stellen vor: Leon Hoffman, James Hollis und Henry Stein
von Susan Bridle und Amy Edelstein
 


Einleitung

Sigmund Freud, Carl Jung und Alfred Adler. Diese drei Gestalten ragen in der Geschichte der modernen Psychologie hoch auf und werfen lange Schatten, die im Laufe eines einzigen Jahrhunderts ein für alle Mal die Art und Weise verändert haben, in der wir das Personalpronomen der ersten Person, „ich,” verwenden. Unter diesen Giganten ist zweifellos Freud der hervorstechende Monolith. Es war Freuds bahnbrechende Verwendung des Begriffs „das Ich” (lat.: ego ), durch die „das Ego” in den allgemeinen Sprachgebrauch einging und allgemeines Interesse für den Prozess der Selbst-Bewusstheit entstehen ließ.

Was ist das Ego? Was ist das „Ich,” diese subjektive Empfindung seiner selbst? Wie entstand dieses eindeutige und doch so geheimnisvolle Faktum unserer Erfahrung als Menschen? Was ist das Wesen des „Geistes in der Maschine”? In Religion und Philosophie werden diese Fragen seit Jahrtausenden gestellt, wobei die westliche Psychologie bestrebt ist, wissenschaftlicheswenn auch mechanistischesVerständnis in das Wesen des Geistes und seiner Funktionsweisen zu bringen. Im weltlichen Bereich ist es die Psychologie, die heute als die definitive Quelle für das Wissen über das Ego angesehen wird. Daher wollten wir in dieser Ausgabe von Was ist Erleuchtung? an den Ursprung der modernen Psychologie gehenoder uns ihm wenigstens so weit wie möglich nähern.

Sigmund Freud machte sich mit außerordentlicher Leidenschaft, Genialität und Einsicht daran, zu wissenschaftlicher Sicherheit über Essenz und Aktivität des Ego zu kommen, was seiner Meinung nach nur gelingen konnte, wenn man die einzelnen Phänomene des Geistes und des Bewusstseins isoliert als Mechanismen darstellte. Die Auswirkungen kamen einer Revolution gleich. In den mehr als fünfzig Jahren seines bahnbrechenden Forschens über die Psyche des Menschen erarbeitete Freud ein Netzwerk von Theorien über die zahlreichen Strömungen und Gegenströmungen, die sich unter der Oberfläche der menschlichen Persönlichkeit befindendas Bewusste und das Unbewusste; Ich, Es und Über-Ich; libidinöse und aggressive Triebe; Ödipus- und Elektra-Komplex; Abwehrmechanismen – all das ist zu einem unauflöslichen Bestandteil des modernen Denkens geworden. Wir wissen jetzt, dass „Ich” sehr viel mehr bedeutet, als offenkundig ist.

Die Art und Weise, wie wir das „Ich” sehen, scheint darauf abzufärben, wie wir alles andere sehen. Unser Verständnis vom „Ich,” vom Ego, ist vielleicht die erste und am nächsten gelegene Linse, die erste Schicht auf der Hornhaut, durch die wir unsere Erfahrung und auch die Bedeutung des Menschseins betrachten. Freudder tief in die dynamischen Spannungen und Gegenspannungen innerhalb der Psyche eintauchte, von denen er annahm, dass sie die besondere Stellung des Menschen gegenüber den Tieren ausmacht und den eigennützigen Kompromiss ermöglicht, den wir menschliche Zivilisation nennenwar der Ansicht, dass das Ich ständig von entgegengesetzten Kräften herumgestoßen wird und sein Bestes tut, um zwischen ihnen allen zu vermitteln. „Das arme Ich … dient drei gestrengen Herren und tut, was es kann, um ihre Ansprüche und Forderungen miteinander in Einklang zu bringen. Kein Wunder, dass das Ich so oft an dieser Aufgabe scheitert,” schreibt er. Freuds therapeutisches Ziel war die mutige und ganz bewusste Anerkennung dieser harten Realität des menschlichen Zustands, und er hatte das Gefühl, dass genau diese Anerkennung seine höchste Vision von seelischer Gesundheit erleichtern würde: die „Transformation neurotischen Leidens in gewöhnliches Unglücklichsein”.

Die PsychoanalyseFreuds innovative Therapiemethode, in der der Patient ermutigt wird, frei über Erinnerungen, Assoziationen, Fantasien und Träume zu sprechen, und die sich auf seine Interpretationstheorien stütztwar sein nobles Anliegen und für eine gewisse Zeit auch das von Alfred Adler und Carl Jung. Alfred Adler, ein Arzt mit überaus großem Interesse an der Psychologie und der menschlichen Natur, traf Freud 1900 in ihrer gemeinsamen Geburtsstadt Wien bei einem Ärztekongress, wo Freud seine neuen Theorien über die Träume und das Unbewusste präsentierte. Freuds radikale Ideen trafen auf Spott und offene Ablehnungso wie das in diesen frühen Jahren der Bewegung der Psychoanalyse sehr oft der Fall war. Adler, einer der wenigen, der die Brillanz von Freuds erstem wichtigen Werk Die Traumdeutung erkannt hatte, war von den Vorgängen bestürzt und verteidigte Freud in einem Artikel in einer medizinischen Zeitschrift, in dem er verlangte, Freuds Ansichten den verdienten Respekt und die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen. Adler wurde bald Mitglied des Kreises von Psychologen, die sich mittwochabends in der Wohnung von Freud zu lebhaften Diskussionen, Debatten und zur Zusammenarbeit bezüglich der nun neu entstehenden Theorie der Psychoanalyse trafen. Mit Unterstützung seiner loyalen Anhängerviele von ihnen verständnisvolle Psychologen und selber originelle Denkerwuchs Freuds Bewegung im gleichen Maße, wie seine zukunftsträchtigen Ideen allmählich das Vorstellungsvermögen von Intellektuellen in Europa, England und Amerika fesselten. Adler war eine Zeit lang Präsident der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft und Herausgeber ihrer Zeitschrift. Es hatte jedoch immer Diskrepanzen zwischen seinen und den Ansichten Freuds gegeben, und im Laufe der Jahre wurden diese Unterschiede immer deutlicherund zunehmend problematischer. Ein Punkt war, dass Adler niemals die Ansicht Freuds hinsichtlich der allumfassenden Bedeutung des kindlichen sexuellen Traumas akzeptierte. Aber Freud hatte eine Revolution in Gang gesetzt, und für Widerspruch war kein Platz unter den Offizieren. In einem dramatischen und politisch brisanten Bruch trat Adler 1911 von seinem Posten zurück und verließ den Kreis um Freud zusammen mit acht Kollegen, um seine eigene Schule der Psychologie zu begründen. Er und Freud trafen einander nie wieder.

Adlers Lehre der Psychologie, die er „Individualpsychologie” nannte, basierte auf dem Gedanken der Unteilbarkeit der Persönlichkeit. Der bedeutendste Unterschied zu den Prämissen Freuds war seine Überzeugung, dass es absolut unumgänglich war, den Menschen als Ganzes zu sehennicht als ein Konglomerat von Mechanismen, Trieben und dynamischen Teilen. Und im Gegensatz zum Großteil des psychologischen Denkens dieser Zeit war Adler der Ansicht, dass der Mensch im Grunde selbstbestimmt sei. Im Zentrum seiner Therapiemethode stand seine Überzeugung, dass der Mensch immer Kontrolle über sein Leben hat und Entscheidungen trifft, die es formen. „Die Individualpsychologie durchbricht die Theorie des Determinismus,” schreibt er. „Keine Erfahrung ist ein Grund für Erfolg oder Misserfolg. Wir leiden nicht am Schock unserer Erfahrungenam so genannten Trauma, sondern wir machen daraus eben das, was unseren Zwecken dient. Wir sind selbstbestimmt, hinsichtlich der Bedeutung, die wir unseren Erfahrungen geben.” Adlers Betonung der Ganzheit der Person und der Umstand, dass unsere Werte unvermeidlicherweise unsere Erfahrungen formen, brachten ihn zu der Überzeugung, dass es letztendlich nur einen wahren Sinn im menschlichen Leben gibt: Liebe und Fürsorge für unsere Mitmenschen. „Es hat immer Menschen gegeben, die diese Tatsache verstanden haben; die wussten, dass es der Sinn des Lebens ist, Interesse an der gesamten Menschheit zu haben, und die versuchten, soziales Interesse und Liebe zu entwickeln. In allen Religion finden wir diese Sorge um die Rettung der Menschen.” Für Adler ist es einzig und allein diese Bedeutung, diese Interpretation unserer Erfahrungund unser bewusstes Verstärken des Gefühls von Brüderlichkeit und die Sorge um die gesamte Menschheit, die zu echter seelischer Gesundheit und zum Glück des Individuums führt.

Carl Jung traf Freud 1907, nachdem er ihm einen Bericht über einige seiner frühen Forschungen im Bereich der psychotherapeutischen Technik der Wortassoziation geschickt hatte. Freud antwortete ihm mit einer Einladung nach Wien. Jung lebte in Zürich, wo er Psychiatrie praktizierte und an der Universität lehrte. Bei diesem ersten Treffen in Freuds Wohnung unterhielten sich die beiden Männer „dreizehn Stunden lang buchstäblich ohne Unterbrechung”. Jeder war fasziniert vom genialen und leidenschaftlichen Interesse des anderen an der Psychologie, und sie begannen eine rege Korrespondenz, wobei sie bis zu dreimal wöchentlich Briefe austauschten. Jung nahm bald eine führende Rolle in der psychoanalytischen Bewegung ein und wurde ein zuverlässiger Verfechter und Hauptverbreiter von Freuds Ideen. Freud gestand Jung, dass er ihn als seinen „Nachfolger und Kronprinzen” sah, und Jung wurde für alle Beteiligten sein Thronanwärter. Von Anfang an fand Jung in den Theorien Freuds über „Verdrängung” und „das Unbewusste” eine geniale Erklärung für viele Dinge, auf die er in seiner Arbeit mit seinen eigenen Patienten gestoßen war. Aber, wie zuvor Adler, kämpfte auch er mit Freuds Beharren auf der Vorrangstellung des Sexualtriebes.

Es gab aber noch eine weitere bedeutsame Spannung zwischen Freud und Jung: Jungs wachsendes Interesse an den Weltreligionen, der Mythologie und der Alchimie, wofür Freud wenig Verständnis aufbrachte. Religiöse Fantasien und Okkultismus hatten Jung in der Tat immer wieder fasziniert, und in seiner Jugend hatte er einige „paranormale” Erfahrungen und Begegnungen mit hellsichtigen Medien gehabt. Ein entscheidender Wendepunkt in Jungs intellektueller Karriere war sein Buch Symbole der Wandlung, das er in den Jahren 1909–1912 recherchiert und geschrieben hatte, während er noch Freuds Hauptsprecher und -organisator war. Jung widmete sich den Weltmythologien und tauchte tief in die unterirdischen Höhlen von Traum, Fantasie und präverbalen Bildern ein, wo alle möglichen Götter und Dämonen beheimatet sind. „Das Ganze ist wie ein nicht aufzuhaltender Erdrutsch über mich gekommen,” so beschrieb er seine Arbeit in dieser Zeit. „Es ist die Explosion all dieser psychischen Inhalte gewesen, die in der einengenden Atmosphäre von Freuds Psychologie und in der Begrenztheit seiner Sichtweise keinen Platz und keine Luft zum Atmen hatten finden können.” 1914 brach Jung mit Freud, um seine eigene Schule der Psychologie zu entwickeln, die bei der Interpretation der psychischen Symbole mehr Gewicht auf eine universell-mythologische Sichtweise als auf eine persönlich-biografische legte. „Die Psyche stammt nicht von heute,” behauptet er. „Sie lässt sich über viele Millionen Jahre hinweg zurückverfolgen. Das individuelle Bewusstsein ist nichts anderes als Blüte und Frucht einer Jahreszeit.” Für Jung ist es das Ziel des Lebens, sich selbst zu erkennen, und sich selbst zu erkennen heißt eintauchen in die Tiefen der unbewältigten Ozeane, nicht nur des persönlichen, sondern auch des kollektiven Unbewussten.

Was ist das Ego? Ist es der malträtierte Diener der Ansprüche dreier gestrenger, miteinander wetteifernder Herren, wie Freud behauptet? Oder ist es, wie Jung sagt, das zentrale Gebilde in den Breiten des Bewusstseins, das den machtvollen Launen und Verrücktheiten des größeren Unbewussten unterliegt? Oder hat es keinen Sinn, über das Ego als etwas zu sprechen, das von der Gesamtheit des menschlichen Charakters getrennt ist, wie Adler es betont? Viele Namen haben in das Pantheon der modernen Psychologie Eingang gefunden, seit Freud, Jung und Adler dort ihre jeweiligen Plätze einnahmen. Psychologen, die in ihrer Methode und ihrem Schwerpunkt so unterschiedlich sind wie B. F. Skinner und Abraham Maslow, haben geniale Versuche unternommen, das Geheimnis des „Ich” zu entschlüsseln und das Wesen des Geistes in der Maschine zu entdeckenoder seine eigentliche Existenz zu entlarven. Vor mehr als zweitausend Jahren standen, eingeritzt in die Steinwände des Apollo-Tempels in Delphi, die Worte: „Erkenne dich selbst.” Bringt uns die Forschung der westlichen Psychologie an den Kern der Sache? Oder ist sie, wie uns die weltbekannte Theoretikerin der Entwicklung des Ego, Jane Loevinger, sagte, „… einfach ein Versuch, die Schatten an der Wand von Platos Höhle zu erkennen …”? Inwieweit die Psychologie die Geheimnisse des menschlichen Herzens und der Seele verstehen kann, bleibt vielleicht eine offene Frage. Trotzdem wollten wir für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? sehr gerne wissen, welches Licht die maßgeblichen Fackelträger für Freud, Jung und Adler und deren Geisteshaltungen auf unsere Fragen über das Ego werfen könnten. Es folgen hier drei erstaunliche Interviews mit passionierten Exponenten der psychologischen Schulen, die ein für alle Mal unser Verständnis des „Ich” geformt haben.

[ weiter zu leon hoffman über freud ]

[ weiter zu james hollis über jung ]

[ weiter zu henry stein über adler ]



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WIE Ausgabe 4:
Unsere Ausgabe zum Thema: Ego


Ist das Ego unser erbittertster Feind auf dem spirituellen Weg oder unser stärkster Verbündeter in den Wechselfällen des Lebens? Beiträge von: Ammachi, Pater Dionysios, Yogi Amrit Desai, Jack Engler, Robert Frager, Otto Kernberg, Zen Meister Sheng-Yen



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