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1 | 2 Buchbesprechung Susan Bridle, Redakteurin von Was ist Erleuchtung? krempelt die Ärmel hoch und enthüllt den Trugschluß hinter der „Plateau Spiritualität", wie sie es nennt, der in den beiden neuen spirituellen Bestsellern – After the Ecstasy, the Laundry (deutscher Titel: Das Tor des Erwachens. Wie Erleuchtung das tägliche Leben verändert.) von Jack Kornfield und Yoga and the Quest for the True Self (deutsch: Yoga und die Suche nach dem wahren Selbst) von Stephen Cope äußerst klar umrissen wird. Es gibt in der Spiritualität eine schleichende Krankheit, die in der zeitgenössischen spirituellen Kultur Verwirrung stiftet, ein scheinbar nicht identifizierbares Virus, das durch die Meditationshallen und Yogastudios, durch Buchläden und Seminarzentren und darüber hinaus durch Sitzungssäle, Hollywood-Filmproduktionen, Elternabende und Beratungskolumnen geistert. Es handelt sich um eine allseits vorhandene spirituelle Lauheit, die man „Plateau-Spiritualität” nennen könnte. Oder eine Spiritualität des „Ich will den Kuchen haben und ihn auch essen.” Oder eine alles ein-schließende, relativierende Spiritualität, wo jede Definition so lange gedreht und gewendet wird, bis sie alles – und nichts – aussagt. Es ist die sensible und unzählige Perspektiven berücksichtigende Einsicht, dass „ich meine Wahrheit habe, und du deine”. Dass jeglicher Sinn und jedwede Bedeutung sich immer vom Persönlichen ableitet. Dass nichts von Natur aus „spiritueller” ist als irgend-etwas anderes. Dass der Slogan „Folge deiner Freude” (was immer das bedeuten mag) einen ebenso seriösen spirituellen Weg darstellt wie irgendein anderer. Und dass vielmehr jede Vision eines spirituellen Lebens, das von uns verlangt, uns zu den Höhen menschlicher Möglichkeiten, der Vorstufe der Transzendenz, emporzuschwingen, repressiv, linear hierarchisch und – sogar gerade – die Ursache für alles Leid auf diesem Planeten ist. In der Schlussbetrachtung ihres Buches Zen in Amerika spricht die Herausgeberin des Magazins Tricycle und Zen-Praktizierende Helen Tworkov dieses Thema in ihrer von großem Einblick zeugenden Analyse über den Niedergang der Erleuchtung im westlichen Zen-Buddhismus an. Sie sagt, dass „Erleuchtung merkwürdigerweise schon zu einem regelrechten Schimpfwort geworden ist (…) Das Streben nach Erleuchtung wird neuerdings als romantisches und unrealistisches Streben des veralteten, patriarchalischen Mönchtums verhöhnt.” Sie beobachtet, dass in den zeitgenössischen Interpretationen des spirituellen Weges, deren Fokus „Zen im Alltag” und „wache Aufmerksamkeit inmitten des täglichen Lebens” ist, das Streben nach dem Höhepunkt der spirituellen Suche „jetzt oftmals als Hindernis betrachtet wird”. Der Buddhismus und andere Erleuchtungstraditionen haben schon immer daran festgehalten, dass ein radikaler Sprung über das Bekannte hinaus, der zu einer tiefen und anhaltenden Transformation des Menschen führt, das einzige bleibende Ziel des spirituellen Weges ist. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bei der Übertragung dieser Traditionen auf den Westen haben sich nicht nur unsere Augen von dem erhabenen Ziel, die spirituelle Erfüllung zu erreichen, abgewendet, sondern das Ziel selbst ist radikal umdefiniert worden. In der Tat ist es so, dass die spirituelle Reise, die einst ein heldenhafter Weg auf der Suche nach einem seltenen Schatz war, nun keine „Suche” mehr, sondern ein „Prozess” geworden ist. Ein Prozess, den man am zutreffendsten mit der universellen Anwendung des Prinzips „Ich bin O.K., du bist O.K.” beschreiben könnte. Unsere Mantren und Koane inspirieren uns nicht mehr, über uns selbst hinauszuwachsen – denn das käme ja dem gefürchteten „Urteil” gleich, dass wir in Wirklichkeit nicht schon alle Buddhas geworden sind und vielleicht doch noch ein bisschen weiter zu gehen haben. Vielmehr stellen unsere modernen Mantren und Koane Affirmationen dar, die uns beschwichtigen und beruhigen sollen, oder eine Art Zauberpulver, das wir über unsere höchst weltlichen Aktivitäten streuen, um sie – zumindest in unserem eigenen Geist – in tiefe, spirituelle Rituale zu verwandeln. Diese Krankheit der Plateau-Spiritualität wird durch so unterschiedliche Boten wie Gesundheits- und Fitness magazine auf der einen Seite und angesehene Professoren der Theologie auf der anderen weitergegeben. Und zwei der maßgeblichsten
After the Ecstasy, the Laundry ist Jack Kornfields achtes Buch, und es drückt bisher am deutlichsten seine Überzeugungen über die Natur der Erleuchtung und den spirituellen Weg aus. Als eine Synthese aus traditioneller Lehre, Parabeln, Mythen, persönlichen Anekdoten und Auszügen aus , die er mit langjährigen Übenden und spirituellen
Kornfields spezielle Variante der Plateau-Krankheit ist seine Sichtweise der „reifen” Spiritualität – einer von unrealistischen Idealen und Erwartungen befreiten Spiritualität. In der Tat ist es der Titel seines Buches selbst – After the Ecstasy, the Laundry (Nach der Ekstase kommt die Wäsche) –, der die Essenz seiner Botschaft am treffendsten vermittelt. Schonungslos erklärt er immer und immer wieder, dass trotz der kurzzeitigen Eindrücke vom spirituellen Erwachen, die wir erleben mögen, das Hauptereignis auf dem spirituellen Weg darin bestehe, uns auf lange Sicht in der „Waschküche unserer anhaltenden (spirituellen) Praxis” fest einzurichten. Und für Kornfield kann „spirituelle Praxis” so gut wie alles bedeuten. Seine persönliche Vorliebe scheint jedoch das beständige Reflektieren und Wiederkäuen unserer Schatten, Begren-zungen, unseres Zorns, unserer Ängste, Sorgen und „unerfüllten Bedürfnisse” zu sein. Sein Rat für den spirituell Suchenden beinhaltet ungefähr ein Prozent Ekstase und 99 Prozent schmutzige Wäsche. Die Titel einiger Kapitel lauten etwa wie folgt: „Ideale sind keine Realität”, „Die Boten des Leidens”, „Zusammenbruch und Flammenmeer”, „Das Tor der Sorgen”, „Demut und die dunkle Nacht”, „Dem Untergang Ehre erweisen” und natürlich „Die schmutzige Wäsche”. Er betont nachdrücklich, dass „wir sowohl unsere Stärken als auch unsere Schwächen anerkennen müssen – ganz gleich, wer wir sind”, und ermahnt uns eindringlich, „Heiligkeit mit menschlicher Schwäche zu vereinen”, um „einen demütigeren Zugang zu unserer ganzen menschlichen Natur” zu finden, um es so „unseren Idealen zu ermöglichen, unser Menschsein anzunehmen” – und da-mit dann im Großen und Ganzen eine endlose Brutstätte für Neurosen und Negativität zu schaffen. Eigentlich ist Kornfields „reife Spiritualität” nichts weiter als Zynismus im dünnen Tarnkleid der Demut – einer „Demut”, die er gerne zur Schau stellt. In seinem mehr bekennenden als inspirierenden Stil spickt er das Buch mit persönlichen Berichten über seine verschiedenen Schwächen und Begrenzungen, die uns vermutlich durch ihre Ehrlichkeit und auffallende Bescheidenheit aufbauen sollen. Mit diesem Buch zeigt sich Kornfield als leidenschaftlicher Verfechter der Kampagne der Plateau-Spiritualität, die den höchsten Höhen und sogar der geringsten Steigung ausweichen will. Nach dem ersten Drittel des Buches, in dem diese Themen von unterschiedlichen Seiten beleuchtet werden, kommen wir zu einem Kapitel mit der Überschrift „Jenseits von Satori”. Was die Frage aufkommen lässt, ob man wohl irgendetwas verpasst hat.
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