WIE: Im Judentum werden wir, im Gegensatz zu vielen fernöstlichen Traditionen, dazu ermutigt, uns uneingeschränkt auf die Welt einzulassen; das gehört ganz wesentlich zum spirituellen Weg. Warum wird die Bejahung eines Lebens in der Welt als ein solcher Grundstein jüdischer Frömmigkeit betrachtet?
RABBI DAVID EDELMAN: Man dient Gott durch die Welt, indem man auf rechte Weise von der Welt Gebrauch macht und nicht, indem man sich von der Welt lossagt und in einer Höhle lebt. Als Gott die Welt erschuf, erschuf er sie als etwas Positives. Und alles auf der Welt kann zum Dienst an Gott benutzt werden. Verstehen Sie, das Judentum erhebt die materielle Welt, es bringt sie auf eine spirituelle Ebene. So wird zum Beispiel in der Art und Weise, wie der Jude den Sabbat feiert, das Essen selbst zu etwas Höherem. Es ist keine Schlemmerei, wenn wir eine besondere Mahlzeit essen, um den Tag Gottes zu feiern. Und den Segen über den Wein zu sprechen das ist etwas Himmlisches.
Gott gab uns die Thora, die Gottes Weisheit und Gottes Wunsch enthält. Sie sagt uns, wie man ein spirituelles Leben führen, wie man in der Welt leben und alles auf der Welt zum Guten nutzen soll. Es heißt, alles in dieser Welt ist ein Abglanz dessen, was sich in der himmlischen Welt befindet. Wir lieben unsere Kinder so sehr, weil Gott seine Kinder liebt. Wir wollen das Beste für unsere Kinder Gott will das Beste für uns. Wir fragen: „Wie können wir Gott nahe kommen?” Der Talmud antwortet: „Ahme Gott nach, tue, was Gott tut.” Gott ernährt die Welt, er lässt morgens die Sonne aufgehen und er lässt es regnen. Auf die gleiche Weise geben wir anderen Menschen. Die Welt wurde in Cheszed, in Güte, erschaffen. Also seid auch gut zu anderen. Gott hat Moses begraben; auch wir begraben die Toten. Auf diese Weise folgen wir Gottes Wegen. Wir betrachten Wohlstand als einen Segen Gottes. Sehen Sie nur, wie viel Sie mit Ihrem Reichtum tun können! Ein Mensch, der in Armut lebt, ist wie tot er kann nichts tun. Wenn Sie alles, was Gott gibt, als einen Segen betrachten, werden Sie es immer auf positive Weise anwenden. Und alle Wechselfälle des Lebens und die schlimmen Dinge werden einfach abfallen, denn Sie sind ständig damit beschäftigt, positive, gottgefällige Dinge zu tun.
DE: Diese Welt ist keine Welt für Engel; es ist eine Welt für Menschen. Und unsere Mission ist es, den Himmel auf die Erde herab zu holen. Der erste Lubawitsch Rebbe sagte, wenn jemand hergeht und sich von der Welt absondert, sich in eine Synagoge einschließt, um den ganzen Tag zu studieren, dann mag das eine wunderbare Sache sein, aber es ist ein Ausweichmanöver. Dafür sind wir nicht geschaffen worden; das ist nicht unsere Bestimmung in der Welt. Wir sind hier mit der Aufgabe, uns selbst zu bessern und die Welt zu verbessern, und das ist ein Weg voller Schwierigkeiten.
WIE: Eine der wohl am häufigsten zitierten Bibelstellen, welche die Beziehung des Menschen zur Welt veranschaulicht, ist die Geschichte von Jakob und seinem Traum von einer Leiter, die von der Erde bis hoch hinauf zum Himmel reicht. Der jüdische Gelehrte David Ariel kommentierte diese Metapher folgendermaßen: „Mit seinem Kopf im Himmel und den Füßen fest auf der Erde ist es die Aufgabe des Menschen, die Funken des Göttlichen in die Welt zu bringen ... Wenn wir einem anderen Menschen helfen, die Leiter zu erklimmen, vollenden wir das Werk der Schöpfung ... Gott braucht uns, denn nur wir können die Welt vollkommen machen.” Was bedeutet es, die Funken Gottes in die Welt zu tragen?
DE: Sehen Sie, der Allmächtige legte Funken Gottes in jeden von uns und in jedes einzelne Ding der Schöpfung. Und wenn ein Mensch die Dinge der Welt richtig benutzt, dann entfacht das diese Funken. Im Allgemeinen sehen wir nichts besonders Göttliches in leblosen Objekten wie Steinen, doch jedes Ding hat einen Funken Leben in sich.
Wenn wir alles in der Schöpfung auf die rechte Art gebrauchen, wenn wir einen Segen sprechen, bevor wir essen und trinken, und wenn wir die Mitzvot (Gebote) befolgen, dann entfachen wir die Funken Gottes, die in allem Geschaffenen sind. Wenn Sie falschen Gebrauch von etwas machen, zerstören Sie die Schöpfung. Wenn Sie Ihre Fähigkeit zu sprechen zum Lügen gebrauchen oder Dinge benutzen, um Unrecht zu tun jemanden zu verletzen oder zu bestehlen oder jemanden zu hassen damit nehmen Sie die Funken der Göttlichkeit, die Gott in die Welt gesandt hat, und zerstören sie. Das sollen Sie nicht tun; denn damit zerstören Sie die Funken der Schöpfung.
WIE: Wie manifestiert sich eigentlich Gottes Heiligkeit in der Welt?
DE: Durch Taten. Jeder Mensch ist dreifach motiviert. Wir nennen das unsere drei Gewänder: Taten, Worte und Gedanken. Wenn es in der Thora heißt: „Du sollst nicht stehlen”, bedeutet das, du darfst auf keiner der drei Ebenen stehlen. Nicht mit der Hand, nicht mit dem Mund, nicht im Geist. Und das Denken ist das Schlimmste, denn es spielt sich auf einer höheren Ebene ab. Du musst daran arbeiten, die höheren Stufen zu vervollkommnen, du musst studieren und nachdenken, du verstehst nicht einfach alles über Nacht.
WIE: Nach den Lehren des Judentums ist es die Pflicht aller Juden, alles zu tun, was sie können, um Ungerechtigkeit wieder gut zu machen und auf diese Weise Gott in die Welt zu bringen. Diese Verpflichtung ist als Tikkun Olam bekannt, die Wiedergutmachung der Welt, und das bezieht sich praktisch auf jeden Aspekt unseres täglichen Lebens auf unsere Beziehung zur Familie, zum Geld, zur Arbeit, auf die soziale Gerechtigkeit und selbst auf die Kindererziehung. Können Sie erklären, was „die Wiedergutmachung der Welt” bedeuten soll, und wie dieses heilige Gebot erfüllt werden kann?
DE: Der Begriff des Tikkun Olam, die Welt zu vervollkommnen, stammt aus dem allerersten Kapitel in der Bibel. Am Ende der sechs Schöpfungstage heißt es: „Gott ruhte von all seinem Werk, das er zu wirken geschaffen.” Und es sieht so aus, als sei der Satz unvollständig „zu wirken”, was? Nun, der große Raschi* erklärte, Gott meinte damit, dass wir nun mit allem in dieser Welt „wirken” oder „tun”, „wiedergutmachen” oder „voll machen” müssen. Sehen Sie, Gott hat uns von der Welt einen kleinen Teil überlassen, den wir selbst tun sollen. Und das ist das Wiedergutmachen der Welt, das ist Tikkun Olam.
Zum Beispiel schuf Gott den Sabbat, und indem wir diesen Tag heiligen, erfüllen wir diesen Teil der Schöpfung der Welt. Am Freitagabend sprechen wir den Kiddusch (Segen), wir beten am Samstagmorgen, wir holen die Thora heraus, wir arbeiten nicht wir heiligen den Tag durch unser Tun. Und auf diese Weise helfen wir Gott bei der Schöpfung der Welt. Indem wir gute Taten tun durch Wohltätigkeit, ein freundliches Wort, einem anderen Menschen in Not helfen, jemanden etwas lehren machen wir die Welt zu einem besseren Ort, einem vollständigeren Ort. Das ist Tikkun Olam, den Menschen helfen. Ein solches Leben müssen wir führen.
Sehen Sie, indem man gerechte Dinge in der Welt tut, vollendet man Gottes Werk auf dieser Erde. Wir sagen: „Jeder Richter, der ein gerechtes Urteil fällt, ist ein Partner Gottes in der Schöpfung.” Das ist Tikkun Olam. Und das durchdringt jeden Bereich unseres Lebens. Ehrlich zu deinen Mitmenschen zu sein du darfst nicht betrügen, du darfst nicht stehlen, du darfst nicht lügen das alles ist Tikkun Olam. Anderenfalls geht es schief mit der Welt, sie wird verrückt; die Menschen nutzen andere Menschen aus, versuchen besser zu sein als alle anderen, es ist eine Welt des brutalen Wettbewerbs. Das ist das Gegenteil von Tikkun Olam; es zerstört die Welt. Warum wurden die Städte Sodom und Gomorrah völlig zerstört? Was haben sie so Schlimmes getan? Sie haben gesagt: „Mein ist mein und dein ist dein. Komm mir nicht zu nahe, und ich werde dir nicht zu nahe treten.” Sie waren extrem selbstsüchtig. Das war es. Und das ist das Gegenteil von Tikkun Olam.
WIE: Der große Mystiker und Gründer der chassidischen Bewegung, Baal Schem Tow, sagte: „Der Mensch ist der Kanal, der Gottesfurcht in die Welt bringt, aber nur das vollkommene Individuum, ein Zaddik (Weiser), kann das wirklich tun. Wenn der spirituelle Neuling dem Zaddik folgt und auf seine Lehren hört, kann er eine ungetrübte Vision des Göttlichen erfahren.” Was ist die Rolle des Zaddik bei der Vervollkommnung der Welt?
DE: Jeder Mensch hat eine Verpflichtung gegenüber sich selbst, seiner Familie und seiner Gemeinde. Aber die Verantwortung der Zaddik ist die Welt. Sie weisen der Welt den Weg. Gott schickt der Welt in allen Zeiten sechsunddreißig gerechte Menschen, damit die Welt weiter existieren kann. Viele von ihnen sind Frauen. Viele von ihnen sind verborgen. Und wenn du das Glück hast, unter der Führung eines Zaddik zu stehen, dann hast du es um vieles leichter.
YE: Es gibt viele kluge Menschen auf der Welt, aber ein Zaddik ist jemand, der ein feines Empfinden für die Seele des anderen hat. Der hervorstechende Aspekt der Persönlichkeit des Zaddik ist seine Seele, und wenn er eine andere Person sieht, sieht er seine Seele. Ein Zaddik schaut dir in die Augen, und er sieht, was die Ursache deiner Probleme ist, und er kann dich auf den richtigen Weg lenken.
WIE: Im mystischen Judentum heißt es, dass das höchste Ziel des Menschen Dewekut, wörtlich die „Anhaftung” an Gott, ist. Der große Baal Schem Tow* lehrte, dass wir versuchen müssen, Gott immer näher zu kommen, bis es nicht mehr die geringste Entfernung zu ihm gibt. Die chassidischen Mystiker, die ihr Leben nach diesem Prinzip ausrichteten, ließen ihre emotionalen Verstrickungen mit den Dingen der Welt offenbar hin-ter sich und erfüllten ihre weltlichen Pflichten in einem Geist des Losgelöstseins. Im Gegensatz zu den bekannteren jüdischen Lehren des Annehmens der Welt enthält dieses Prinzip des Dewekut die Aufforderung, die Welt zu transzendieren, „in der Welt, doch nicht von ihr” zu sein. Können Sie das Ziel von Dewekut und die richtige Beziehung zur Welt aus dieser Perspektive erklären?
*Kommentator aus Bibel und Talmud (1040 - 1105)


