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Man kann der Welt nicht entkommen


Ein Interview mit Joseph Goldstein
von Andrew Cohen
 

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Interview



Joseph
Goldstein
ANDREW COHEN: Joseph, es scheint, als wären Sie jemand, der die Welt aufgegeben hat, damit Sie Ihr Leben der Meditation und der Suche nach Befreiung widmen können und auch, um ein spiritueller Beistand für andere sein zu können. Sie sind zwar kein Mönch, aber verglichen mit den meisten anderen Leuten hier im Westen könnte Ihr Leben als ein sehr „mönchähnliches” bezeichnet werden. Da Sie also Ihr Leben Buddhas Weg des Erwachens verschrieben haben, warum sind Sie eigentlich kein Mönch geworden?

JOSEPH GOLDSTEIN:
Mir kommt es nicht so vor, als wäre mein Leben besonders von Entsagung geprägtich nehme großen Anteil an der Welt. Ich bin bei einigen Institutionen wie der Insight Meditation Society, dem Barre Center for Buddhist Studies und einem neuen langfristigen Retreat-Projekt stark engagiert. Ich reise und lehre. Und um keine Irrtümer aufkommen zu lassen: ich lebe auch bequem. Ich lebe eigentlch kein von Entsagung geprägtes Leben, das der intensiven Meditationspraxis gewidmet ist, obwohl ich natürlich jedes Jahr gewisse Perioden damit verbringe.

AC: Aber im Vergleich zu den meisten anderen Leuten gleicht Leben doch am ehesten dem eines Mönchs. Sie leben abgeschieden von der Welt in einem Meditationszentrum. Sie haben zur Zeit keine sexuelle Beziehung. Alles, womit Sie sich befassen, hat mit der Verbreitung des Dharma und der Meditation zu tun.

JG: Ich bin unter anderem deswegen kein Mönch geworden, weil ich in Indien war, als ich mit meiner Praxis begann, und Indien ist kein buddhistisches Land. Die meisten meiner Lehrer waren Laien und obwohl ich später auch Mönche als Lehrer hatte, bin ich doch mit der Laienform aufgewachsen. Für kurze Zeit war ich sogar ordiniert, aber ich fühlte mich nie besonders von der Formalität der klösterlichen Disziplin angezogen.

AC: Wenn Ihre ersten Lehrer Mönche gewesen wären, glauben Sie, dass Sie sich dann für längere Zeit hätten ordinieren lassen?

JG: Vielleicht, wenn ich mit meiner Praxis in Thailand oder Burma begonnen hätte. Aber ich glaube eigentlich, dass das Leben des Laien zu mir passt und auf gewisse Weise passt es auch zu unserer Zeit. In unserer Arbeit der letzten 25 Jahre war so manches leichter, weil wir es als Laien getan haben.

AC: Wenn man Buddhist werden will, muss man zum dreifachen Juwel „Zuflucht nehmen”: dem Buddha, dem Dharma und der Sangha. Von Buddha wird behauptet, dass er über die Welt hinausgegangen war, sie transzendiert hatte. Der Dharma ist Buddhas Lehre der Befreiung, eine Lehre, die uns von der Anhaftung an die Welt befreit und uns dazu befähigt, aus dem Kreislauf des Werdens herauszutreten. Die Sangha ist die Gemeinschaft unserer spirituellen Brüder und Schwestern, von jenen, mit denen wir einen Bund der gemeinsamen Verpflichtung für Erleuchtung und für ein spirituelles Leben haben. Die Beziehung innerhalb einer Sangha unterscheidet sich von Beziehungen, die auf weltlichen oder materialistischen Werten beruhen. Die Laienschüler des Buddha und die so genannten Haushalter mussten, obwohl sie weiterhin mit den Aktivitäten der Welt beschäftigt blieben, wie die Mönche Zuflucht zum dreifachen Juwel nehmen. Aber weil sie Zuflucht genommen hatten, fühlten sie sich der Welt und ihren materialistischen Werten nicht mehr verpflichtet, sondern der Erleuchtung, was ein Transzendieren der Welt bedeutet oder ein Nicht-Anhaften daran.

Meines Wissens wird die Definition des dreifachen Juwels heutzutage von einigen Leuten re-interpretiertzum Beispiel von Ihrem alten Teamkollegen Jack Kornfieldso dass inzwischen auch das weltliche Leben als vollkommenes Vehikel für spirituelle Praxis angesehen werden kann, genau so wie zu Zeiten des Buddha ein Leben der Entsagung als perfektes Umfeld betrachtet wurde. In seinem neuesten Buch
After the Ecstasy the Laundry sagt Kornfield: „Die Opfer des Familienlebens sind genauso anspruchsvoll wie die eines Klosters und bieten dieselbe Übung in Entsagung, Geduld, Standfestigkeit und Großzügigkeit.” Aber in einem Interview, das Sie vor zwei Jahren gaben, meinten Sie: „Einer meiner Lehrer wurde einmal gefragt, ob es, wenn man Befreiung sucht, wirklich nötig sei der Welt zu entsagen. Er hat darauf geantwortet: ‚Nun ja, sogar Buddha musste der Welt entsagen!’ Und er hatte schon ein paar Paramis (zuvor entwickelte spirituelle Eigenschaften)!”

Ist es also nötig der Welt zu entsagen, um befreit zu werden? Ich glaube, das ist eine wichtige Frage. Einige der neuen Sichtweisen im East-meets-West-Dharma, die auch von Jack Kornfield und Elizabeth Lesser, der Autorin von The New American Spirituality, vertreten werden, scheinen das persönliche Beispiel Buddhas, der Welt zu entsagen, eher als eine Metapher für Nicht-Anhaften zu gebrauchen und weniger daran zu denken, dass sein Beispiel notwendigerweise wirkliche Konsequenzen haben müsste. Hatte Ihr Lehrer Recht, als er uns daran erinnert hat, dass sogar der Buddha buchstäblich die Welt aufgeben musste, um frei zu sein? Und hat Kornfield Ihrer Meinung nach Recht, wenn er behauptet, dass das Familienleben genau das selbe Training bietet wie das klösterliche Leben?

JG: Mir fällt es schwer, einigermaßen informiert über das Familienleben zu sprechen, weil ich nämlich nie eines hatte. Im Buddhismus wird der Weg zur Befreiung mit verschiedenen Stufen der Erleuchtung beschrieben, von der jede jeweils andere Formen der Hindernisse oder Verunreinigungen des Verstandes ausräumt. In den buddhistischen Schriften gibt es viele Geschichten über Menschen, die als Haushalter eine sehr hohe Stufe des Erwachens erreicht haben. Die Leute, von denen ich weiß, dass sie das Haushalterleben erfolgreich geführt haben, fühlten eine überaus große Verpflichtung, ihr Leben in der Welt zu ihrer Praxis zu machen. Man könnte sagen: „Mein Leben ist meine Praxis.” Aber ob es das nun tatsächlich ist, muss jeder für sich sorgfältig prüfen. Der Weg des Haushalters scheint in vielerlei Hinsicht schwieriger zu sein als ein Leben der Entsagung, weil es dort viel mehr Ablenkung gibt.

Aber ich denke, dass wir alle einen sehr ehrlichen Blick darauf werfen müssen, was unser spirituelles Streben eigentlich ist. Ich glaube nicht, dass es eine Entweder/oder-Frage ist. Es ist im Haushalterleben möglich, aber man braucht dazu eine sehr starke Absicht und große Verpflichtung. Ich hatte einmal eine Lehrerin, eine Frau namens Dipa Ma, die außerordentlich erleuchtet war und erstaunliche Stufen der Konzentration und des Samadhi (meditative Vertiefung) erreichte. Ihre Entwicklung von Weisheit, Mitgefühl und die Macht ihres Verstands waren außergewöhnlich; sie war eine unglaublich vollendete Yogini. Und sie war eine Haushalterin. Sie hatte eine Tochter und einen Enkel und lebte ein Haushalterleben, tat das aber auf beeindruckende Art und Weise.

AC:Stimmen Sie mit der Aussage Kornfields überein, dass die Opfer des Familienlebens „genauso anspruchsvoll sind wie die eines Klosters und die selbe Übung in Entsagung, Geduld, Standfestigkeit und Großzügigkeit bieten?”

JG: Das Familienleben hat das Potenzial, diese Eigenschaften zu entwickeln, aber ich glaube nicht, dass das notwendigerweise der Fall ist. Offensichtlich verlangt die Aufgabe von Eltern sehr große Opfer und bietet die Möglichkeit, Liebe, Verständnis und Geduld zu entwickelnviele der Paramis. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob es nun wirklich tiefe, transformierende Weisheit in Bezug auf die leere, selbstlose Natur der Dinge entwickeltes führt nicht unbedingt dorthin. Ansonsten wäre ja der Großteil der Welt vollkommen erleuchtet!

AC: Glauben Sie, dass jemand, der nach Erleuchtung strebt, sich wahrscheinlich nicht für ein Familienleben entscheiden würde?

JG: Wenn das zentrale Streben unseres Lebens Befreiung ist, gibt es die unterschiedlichsten Möglichkeiten, dem nachzugehen. Es hängt sowohl von der Stärke des Wunsches und der karmischen Prägung als auch von unseren individuellen Neigungen und Anlagen ab. Ich könnte mir vorstellen, eine Beziehung mit der Hoffnung einzugehen, keine Anhaftung zu kreieren. Aber auch hier glaube ich, dass es sehr großer Ehrlichkeit bedarf, das Trägheitsmoment unserer Verhaltensmuster zu durchbrechen und unsere wirklichen Motive zu sehen. Sowohl auf der Dharma-Ebene als auch auf der weltlichen Ebene werden wir von unterschiedlichen Energien getragen, und man kann sich in Bezug darauf, was wirklich los ist, leicht irren.

AC: Was hat Ihr Lehrer also gemeint, als er sagte: „Sogar der Buddha musste der Welt entsagen!”

JG: Um es einmal von der anderen Seite dieser Diskussion zu betrachten, es istwie ich vorhin schon sagteleicht, in diese Falle zu tappen und zu denken: „Oh ja, mein Leben ist meine Praxis”, sie dann aber nicht wirklich zu tun, weil es eben schwer ist. Und am Ende unterschätzt man, wie wichtig es ist, sich wirklich für längere Zeiträume seines Lebens zurückzuziehen, wenn man schon nicht ein ganzes Leben lang Mönch oder Nonne sein will. Der Impuls, es nicht zu tun, ist ungeheuer groß. Daher könnte man versäumen, die Kraft und Stärke und Klarheit zu erfahren, die von einer solchen Entsagung kommen. Unter anderem deswegen schätzen die Leute Retreats. Es ist eine Zeit des Zurücktretens und Abstand nehmens, und das ist in unserer Kultur sehr selten. Ich glaube, dass wir das nötig haben, und je stärker unser Streben ist, desto häufiger sollten wir es vielleicht tun.

Das ist das große Dharma-Experiment im Westen. Mich interessiert, ob wir für Menschen, für die Befreiung das Zentrum ihres Strebens ist, eine Form schaffen können, in der sie dieses Streben verwirklichen können, ohne Mönch oder Nonne werden zu müssen. Wir sind gerade am Anfang der Antwort zu dieser Fragevielleicht ist es möglich, vielleicht auch nicht.

AC: Meine nächste Frage führt diesen Gedanken weiter. Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Mehrzahl der Menschen im Westen, die die Lehre Buddhas über Meditation und Achtsamkeit leben, Laien sind. Obwohl sie völlig im weltlichen Leben mit all seinen Sorgen und Nöten aufgehen, zeigen sie Interesse, ihr eigenes Verständnis vom Wesen und der Bedeutung des menschlichen Lebens im Lichte der Lehre Buddhas zu vertiefen. Buddha selbst jedoch war ein Entsagender, der gesagt hat: „Das Haushalterleben ist ein staubiger Pfad voller Hindernisse, während das asketische Leben wie der offene Himmel ist. Für jemanden, der zu Hause lebt, ist es nicht leicht, das Leben in all seiner Fülle, all seiner Reinheit, all seiner strahlen den Vollkommenheit zu führen.” Er hat auch gesagt: „Der blauhalsige Pfau, der durch die Luft fliegt, erreicht niemals die Geschwindigkeit des Schwans. Ebenso kann der Haushalter niemals dem Mönch ähneln, der mit den Eigenschaften eines Heiligen ausgestattet abgeschieden im Dschungel meditiert.”

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Unsere Ausgabe zum Thema: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?


Wie können wir in der modernen materialistischen Welt leben und uns gleichzeitig mit Herz und Seele dem spirituellen Weg widmen? Artikel und Interviews mit Ken Wilber, Eckhart Tolle, S.H. Penor Rinpoche, Elizabeth Lesser, Joseph Goldstein, Pater McNamara, Scheich Tosun Bayrak



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