Your email address is kept confidential, and will never be
published, sold or given away without your explicit consent.
Thank you for joining our mailing list! Close |

|
||||||||||||||
|
1 | 2 Interview
ELIZABETH LESSER: Ja, ich kenne einige Leute, die den Gedanken absurd finden, Amerika mit dem Wort „spirituell” in Verbindung zu bringen, weil Amerika so materialistisch, so schnelllebig und so sehr auf das Äußerliche fixiert ist. Aber es gibt zwei Seiten von Amerika, die ich liebe und deretwegen ich dieses Phänomen „amerikanische Spiritualität” nenne: eine ist unsere Liebe für die Demokratie und die Tatsache, dass wir mehr als 200 Jahre Zeit hatten, in unsere Psyche zu integrieren, was es bedeutet, ein demokratischer Mensch zu sein – in dem Sinne, dass man, anstatt von einer äußeren Autorität abhängig zu sein, Eigen-Autorität besitzt. Die demokratische Psyche will selbst wählen wie man lebt und sagen: „Das genau bedeutet Spiritualität für mich und genau so will ich das leben.” Der andere Aspekt ist unsere Vielfalt, ich meine damit die Tatsache, dass Sie und ich in einer Stadt leben, in der es in derselben Straße eine Moschee, eine Synagoge, eine Kirche, ein Yoga-Zentrum und die Praxis eines Psychotherapeuten und die eines Körpertherapeuten geben kann. Wir fühlen uns mit ausschließlich einer Religion und einer Art zu suchen einfach nicht mehr wohl. Und das ist an der amerikanischen Spiritualität so amerikanisch: die Vielfalt und der demokratische Charakter der Suche. Ein andere wichtige Veränderung, Spiritualität zu leben, hat damit zu tun, dass uns klar wird, dass Spiritualität nicht nur etwas für den Sonntag ist, oder etwas, wofür man die Welt verlässt; man integriert sie in sein gesamtes Leben. Wir erkennen, dass die Abkehr von der Welt, um unser inneres Selbst zu finden – obwohl es für viele ein wesentlicher Abschnitt des Weges sein kann – letztendlich einen anderen Teil unseres Menschseins unbeachtet und ungelebt lässt. Wer sind wir, in Beziehung zu Anderen? Wer sind wir, in Beziehung zu Fragen der Macht, zu Arbeit? Wer sind wir als Mann, als Frau? Wie wir uns der Gesellschaft stellen, kann uns viel darüber lehren, wer wir, spirituell gesehen, in der Welt sind. Ich glaube letztendlich, dass uns in jeder spirituellen Praxis der Weg zu Gott schließlich zueinander führt – ob das nun heißt, sechs Jahre als Eremit zu leben, in ein Kloster einzutreten oder aber ein Leben in einer Gemeinschaft zu führen; er führt uns zur Integration in der Welt. Um dahin zu kommen mag es nötig sein, Zeit allein zu verbringen, damit wir unser Ego und unser eigenes Selbst festigen können. Aber ich glaube, am Ende geht es bei dieser neuen Art von Spiritualität darum, die Welt zu einem Himmel auf Erden zu machen. Deshalb hat, glaube ich, Gott dieses eigenartige Experiment Mensch geschaffen, nicht, damit jeder von uns isoliert lebt, um Ihn zu finden, sondern damit wir miteinander die Freude unseres Mensch seins als Ausdruck Gottes finden. WIE: Wie es scheint, wird in der gegenwärtigen amerikanischen Spiritualität das weltliche Leben oft nicht nur als etwas gesehen, das man in die Spiritualität mit einbezieht, man versteht es vielmehr als das eigentliche Instrument unserer Transformation. Viele Menschen sehen heutzutage bestimmte Aspekte des weltlichen Lebens – von der Sexualität über die Kindererziehung bis zur Arbeit – als selbstständige spirituelle Praktiken an. Zum Beispiel schreibt Jack Kornfield in einem seiner neuesten Bücher: „Die Opfer, die innerhalb einer Familie gebracht werden, sind die gleichen wie die in jedem strengen Kloster, die Familie bietet genau dieselbe Übung in Verzicht, Geduld, Standhaftigkeit und Großzügigkeit.” Dieses Empfinden scheint an verschiedenen Stellen Ihres Buches Widerhall zu finden. EL: Ich glaube aber, es ist wichtig, sich klarzumachen, dass Jack Kornfield jemand ist, der fünf Jahre lang als Mönch in Asien gelebt hat. Er hat ein enormes Maß an Selbsterkenntnis gewonnen, das es ihm ermöglichte, als er schließlich heiratete und Kinder hatte, sein verheiratetes Leben als Sangha und Dharma zu nützen. Jack versäumt es selbst nie, diese Zusammenhäge in seinen Büchern und in seiner Lehre zu erwähnen. Aber einige Lehrer machen das nicht, und ich finde es von Leuten, die die Früchte der Selbsterkenntnis geerntet haben, unfair, sich dann umzudrehen und zu sagen: „Übrigens, ich habe durch diese jahrelange Selbsterforschung entdeckt, dass es eigentlich darum geht, mit anderen Menschen zusammen zu sein. Also vergesst das alles – seid einfach mit anderen zusammen.” Auch wenn das nicht in der Absicht dieser Lehrer und Autoren liegt, so kann das trotzdem für jemanden, der am Anfang steht, verwirrend sein. Ich erinnere mich immer gern daran, wie ich angefangen habe und was mir geholfen hat, dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Meine Fähigkeit, mein Familienleben zu meinem Weg zu machen, kommt aus den Jahren, in denen ich daran gearbeitet habe, mir meiner selbst bewusst zu werden. WIE: Was bedeutet es, sein Familienleben zum Weg zu machen – das Alltagsleben als spirituelle Praxis zu nehmen? EL: Nun, es ist eine Sache, in der Meditation die Kraft zu finden, ganz im Moment zu sein, zu erfahren wie befreiend es ist, sich so ehrlich der Realität zu stellen. Aber wenn man vom Meditationskissen aufsteht und zur Arbeit geht und versucht, ganz in der Realität zu stehen, mit allem, was da passiert – mit Leuten, die man nicht mag, mit Arbeiten, die termingerecht fertig werden müssen – dort findet dann die wirkliche Praxis statt. Denn wenn wir von spirituellen Übungen, zum Beispiel Meditation reden, benutzen wir das Wort „Übung”, weil es eine Übung fürs Leben ist. Wir machen das nicht, weil wir große Meditierer werden wollen. Wir machen es als Übung, für den Augenblick, wenn wir mit unseren Kindern sind, während diese vor Wut toben und wir sie am liebsten ohrfeigen würden oder wegrennen möchten oder alles andere lieber täten, als ganz beim Kind zu sein, das nur einfach unsere Gegenwart braucht. Oder wenn wir bei der Arbeit sind und um uns herum so viel los ist und man sich so leicht ablenken lässt, oder um sich schlagen möchte – dort hat die Mediationspraxis für mich wirklich gefruchtet. Ich kann also ganz da sein, in jedem Moment, ganz gleich, ob ich mag, was da gerade geschieht, oder nicht. Das sind die Segnungen eines vollen Lebens, mit Kindern, Arbeit und einem Lebenspartner. Man hat die Gelegenheit, Taten sprechen zu lassen. WIE: Sie sagen also, dass spirituelle Disziplinen wie Meditation Ihrem eigentlichen spirituellen Leben, nämlich dem praktischen Leben, Kraft und Nahrung geben? EL: Ja, und sie geben sich gegenseitig Kraft. Ich merke, dass das, was ich in meinem Training durch spirituelle Praxis – Meditation und Gebet – lerne, mir sehr hilft, in der Welt ein mitfühlender, wacher und intelligenter Mensch zu sein. Aber das Leben in der Welt macht auch meine Praxis sehr viel bedeutsamer, denn ich mache sie für etwas, sie ist für die Welt, sie ist für meine Kinder, sie ist für meine Partnerbeziehung. WIE: In Ihrer persönlichen Suche hatten Sie früher in gewissem Sinne die Welt hinter sich gelassen, als Sie sich mit einer Gruppe von gleich gesinnten Suchenden zusammenfanden, um gemeinschaftlich unter der Führung des Sufi-Lehrers Pir Vilayat Inayat Khan zu leben. Jetzt, 20 Jahre später, schreiben Sie, welchen Wert Sie darin sehen, den spirituellen Weg in Ihr tägliches Leben in der Welt zu integrieren. Was hat sich für Sie geändert? EL: Wenn es einen Wendepunkt in meinem Leben gab, dann war es der Moment, als ich anfing, mich für Psychotherapie zu interessieren und das zu meiner spirituellen Praxis hinzufügte. Das war eine innere Wandlung. Vorher war es bei meiner Praxis um Transzendenz gegangen, um das Transzendieren der Teile von mir, die ich im Widerspruch zum Spirituellen sah – die Teile von mir, die nicht liebevoll waren, die Teile von mir, die sich nach romantischer und sexueller Erfüllung sehnten, und die Teile, die ich als unersättlich ansah – warum also ihnen nachgehen? Ich wurde tatsächlich zu einer immer feineren Kommunikation mit dem Geist fähig, ich kam in der Meditation mit anderen Dimensionen in Berührung, wurde aber als Mensch immer unglücklicher. Ich war in meiner Ehe und meinem Alltag unglücklich, und mein Körper war nicht sehr gesund. So lagen die Dinge, als ich zu dem Schluss kam: „So geht das nicht. Ich kann nicht glauben, dass es Gottes Absicht ist, dass ich in der Lage bin, zwar mit ihm, aber nicht mit dem Leben zu kommunizieren.” Als ich dann anfing, durch Therapie körperliche und psychische Heilung zu suchen und in Kontakt mit meinem Körper zur Auseinandersetzung mit Sexualität und Partnerbeziehung kam, änderten sich die Dinge und ich fing an, nach einer Praxis Ausschau zu halten, die das tägliche Leben ins Spirituelle integriert. WIE: Das überrascht, denn der Sufi-Weg wird im Allgemeinen als eine „Spiritualität des Marktplatzes” angesehen und ist bekannt dafür, dass er die spirituelle Sichtweise umfassend ins ganze Leben integriert. Sie waren nicht dieser Ansicht – EL: Ich glaube nicht, dass die meisten östlichen Wege die Psychologie, was es bedeutet, Mensch zu sein, so gut verstehen, wie wir dieses Verständnis jetzt entwickeln. WIE: Wirklich? Die Sufi-Psychologie scheint doch die Stufen der menschlichen Entwicklung – die vielen verschiedenen Ebenen des Ego, des Selbst und der Seele – im Detail beschrieben zu haben. EL: Ich glaube aber nicht, dass sie daraus eine Kunst oder Wissenschaft gemacht hat, die ein normaler Mensch anwenden kann. Ähnlich steht es mit Aristoteles und den Griechen, die die Psyche anscheinend in vielerlei Hinsicht auf eine sehr gebildete Art verstanden. Neu ist aber, dass jetzt jedermann das Handwerkszeug für wirkliche psychologische Heilung erhält. WIE: Ein bedeutender Unterschied zwischen der „neuen amerikanischen Spiritualität” und traditionellen Ansätzen zur Integration des spirituellen Lebens in der Welt scheint in der Autoritätsfrage zu liegen. Historisch gesehen findet man diese Integration wahrscheinlich am stärksten in der jüdischen Tradition, die ein Leben lehrt, „das im Wesentlichen jede Handlung des Menschen zu einem Mittel für die Vereinigung mit Gott transformiert.” Während aber das Judentum lehrt, dass unser irdisches Leben nur heilig wird, wenn wir in Einklang mit einem höheren geistigen oder göttlichen Prinzip leben und uns diesem unterwerfen, betont die „neue amerikanische Spiritualität”, wie Sie schon sagten, die Wichtigkeit der Eigen-Autorität, und legt es in die Hände jedes Einzelnen, sich einen spirituellen Weg zu schaffen und zu formen, der seinen besonderen persönlichen Bedürfnissen und seiner Eigenart dient. Wenn es in der „neuen amerikanischen Spiritualität” keine höhere Autorität gibt, auf Basis derer das Leben heilig wird, was macht dann unser weltliches Leben zu einem heiligen Leben? EL: Nun, ich glaube, wenn Sie all die großen Weltreligionen studieren, unterscheiden sich diese nicht so sehr in ihrer Botschaft, sondern im Weg, wie wir zum Ziel gelangen. Das Judentum sagt in der Tat, dass alles heilig ist. Jesus sagte: „Alles ist heilig. Ich und mein Vater sind eins.” Wissen Sie, das Leben und Gott sind eins. Die großen Naturreligionen sagen dasselbe. Aber wenn Sie dem Weg eines anderen folgen – wenn Sie einen Rabbi haben, und der Rabbi sagt: „Machen Sie dies, dies ist gut; dies wird Sie zur heiligen Vereinigung mit Gott bringen. Und dies ist schlecht; es wird Sie vom Weg abbringen” – einerseits wird es dadurch so viel leichter, Teil einer moralischen Gemeinschaft zu bleiben. Das funktioniert. Das gibt der Gemeinschaft Zusammenhalt. Ich achte also ihre Absichten – die Absichten der patriarchalischen, auf Regeln basierenden Religionen. Ich achte das. Ich achte ihre Absichten. Aber das funktioniert nicht. Würde es funktionieren, wären wir nicht in dem fürchterlichen Zustand, in dem wir uns heute befinden. Für mich geht es in dem ganzen evolutionären Prozess darum, dass jeder Einzelne heil wird und selbst zu seinem Gottesverständnis kommt. Denn wenn einem gesagt wird, was man tun soll, transformiert einen das nicht als ganzen Menschen. Man macht es, weil man Angst hat, dass man, wenn man es nicht tut, in die Hölle kommt. Man macht es wegen jemand anderem. Und das funktioniert einfach nicht.
|
||||||||||||||