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Die Welt ist nicht verlässlich


Ein Interview mit Seiner Heiligkeit Penor Rinpoche
von Andrew Cohen
 






Penor Rinpoche
Andrew Cohen: Rinpoche, im Westen interessieren sich die Menschen zunehmend für die Lehre des Buddha. Sie sind Mönch. Und der Buddha selbst war Mönch. Welchen Wert hat das monastische Leben für den Suchenden?

PENOR RINPOCHE: In den Sutren lehrte der Buddha, dass in Entsagung zu leben und Mönch zu werden einem dabei hilft, dem spirituellen Weg besser zu folgen. Zunächst erhält man die Ordination und die Gelöbnisse, und danach entsagt man der Welt und wird Mönch. Mit dieser Basis für moralisches Verhalten verstärkt und vertieft man sein Verständnis. Man hat mehr Kraft in der Praxis des spirituellen Weges. In der Entsagung des Mönchs liegt mehr Kraft als in der Praxis des Laien.

AC: Der große Tibeter des 19. Jahrhunderts, Nyingma Yogi Shabkar, sagte über das weltliche Leben:
Fleisch, Alkohol, Sinnesfreuden, weltliche Vergnügungendie besten Dinge von Samsara sind zeitweilig verlockend. Besonders die jungen Bräutein der vollen Blüte ihrer Schönheit und Jugendkönnen einen vom Weg abbringen. Daher sollte man, selbst wenn man eine junge Tochter der Götter als Gefährtin hat, ohne Anhaftung und Begehren sein. Warum? Allgemein gesagt, weil alle Dinge dieser Welt wesenslos, unbeständig und unzuverlässig sind und allein durch die Art ihres Seins zu Leiden führen. Und im Besonderen, weil das häusliche Leben wie eine Feuergrube, eine Kannibalen Insel, ein Nest giftiger Schlangen ist. Der Genuss der ganzen Fülle samsarischer Vollkommenheit, von Reichtum und Vergnügen ist wie der Genuss mit Gift vermischter Speisen, ist wie Honig von einer Rasierklinge zu lecken, ist wie das Juwel auf dem Kopf einer Schlange: eine einzige Berührung tötet.

Rinpoche, könnten Sie etwas über die Gefahren des weltlichen Lebens und deren Abgründe für den spirituellen Aspiranten sagen?

PR: Es heißt, dass derjenige, der nur dem geringsten Vergnügen und dem kleinsten Glück verhaftet ist, keine Möglichkeit hat, größere spirituelle Freude oder größeres spirituelles Glück zu erlangen. Im samsarischen Leben steht man hauptsächlich unter dem Einfluss der fünf Anhaftungen des Geistes, d.h. Begierde, Hass, Ärger, Eifersucht und Stolz. Wo auch immer diese Anhaftungen zu finden sind und wer auch immer unter ihrem Einfluss steht, wird naturgemäß endlos im Samsara wiedergeboren werden. Sehen Sie, Samsara hat, auch wenn es keine Substanz hat, keine Grenzen.

AC: Sie sagten kürzlich in einem Interview in Toronto: „Im Westen gibt es einen solchen Hunger nach dem Dharma. Der Weg, den Dharma zu erhalten, ist die Lehren zu finden und sie zu absorbieren … Man sollte nicht nur an diese Welt denken. Man muss an Transzendenz denkenan etwas anderes als nur das materielle Leben.” Könnten Sie bitte erklären, was Sie damit meinen? Worauf muss man verzichten, um die Welt zu transzendieren?

PR: Viele Westler sind am Studium des Buddhismus interessiert und wollen auch einer spirituellen Praxis folgen. Gleichzeitig mögen wir jedoch Samsara, wir mögen diese Welt und wir arbeiten für sie und versuchen, in ihr eine Aufgabe zu erfüllen. Aber es gibt keine Grenze und kein Ende in dem, was wir zu erreichen suchen. Was auch immer wir in dieser Welt erlangen mögen, seien es nun all die vielen Arten materieller Güter oder ein gesellschaftlicher Rangauf nichts ist wirklich Verlass. Nichts ist beständig; alles überdauert nur wenige Augenblicke. Rang oder materielle Dinge helfen niemandem wirklich, denn wenn der Tod kommt, können wir nichts mitnehmen.

Aber es gibt einen Weg, vom Leiden des Samsara befreit zu werden. Wenn wir der Lehre des Buddha als spirituellem Weg folgen, können wir diese Welt von einem Platz wirklicher Tiefe aus transzendieren. Wir können endgültigen Frieden und GlückErleuchtungnur durch den spirituellen Weg erreichen. Und hier hängt es davon ab, dass wir von einem Lama in den Lehren unterwiesen werden. Es hängt auch von uns ab, wie viel wir durch die Praxis verstehen und in erster Linie, wie konsequent wir die Praxis machen. Von diesen Dingen hängt es ab, ob wir erleben, wie sie Früchte trägt.

Die Gelübde für ein moralisches Verhalten sind die Basis für den spirituellen Weg.



Sie sind wie das Fundament eines Hauses. Ohne dieses Fundament können wir kein Haus bauen. Man muss also alle Anhaftungen des GeistesBegierde, Hass, Ärger, Eifersucht und Stolzaufgeben, all das, was aus unserem Geist heraus entsteht, unseren Geist bedrängt und uns in der Welt ablenkt. Auch wenn wir die Leiden des Geistes aufgeben müssen, ist es nicht sehr leicht, sie auf der Stelle loszuwerden. Deshalb ist es nötig, mit Sorgfalt und Interesse zu lernen und dann das, was wir gelernt haben, auch in der Praxis anzuwenden. Dann können wir all diese Anhaftungen schließlich völlig aufgeben. Wenn man also seine höchste Fähigkeit, den Intellekt, mit Sorgfalt gebraucht, kann man die Praxis ausführen. Schauen Sie, es ist möglich, innerhalb einer Lebenszeit befreit zu werden, aber es könnte auch viele Leben lang dauern.

AC: Der große Chatrul Rinpoche und ich wurden in den frühen 90erJahren Freunde. Bei einem Treffen sagte er zu mir:
Das Wichtigste ist, Entsagung zu üben. Wenn man entsagt, bedeutet das, dass man erkennt, dass die Welt tatsächlich keine Substanz hat. Ich meine: Nichts existiert aus ihr heraus. Die Welt hat keine wirkliche Substanz; sie hat keine Bedeutung, die Gesamtheit des Samsara ist einfach bedeutungs los. In der Tat, die Unzulänglichkeit des Samsara vollständig zu erkennen ist die Verwirklichung. Das heißt, man ist über Samsara hinaus zu dem Verständnis gekommen, dass diese Welt letztendlich keine Bedeutung hat.

Er führte weiter aus, dass „Entsagung die gesamte Basis des spirituellen Weges ist. Wo es keine Entsagung gibt, gibt es auch keine Verwirklichung. Letzten Endes muss man, will man frei sein, einen Ekel vor Samsara entwickeln.”

Ich möchte Sie daher fragen: Stimmen Sie dem zu? Was bedeutet es, Ekel vor Samsara zu entwickeln? Warum heißt es, dass Entsagung die gesamte Basis des spirituellen Weges ist?

PR: Chatrul Rinpoche ist ein sehr großer verwirklichter Lama. Und was er sagte, ist wahr. Wir müssen das Leiden im Samsara sehen, das, was in einem den Ekel hervorruft. Wie viel Anstrengung wir auch in samsarische Aktivitäten stecken, wir werden schließlich einsehen müssen, dass wir auf diese Weise kein wirkliches Glück erlangen können. Wir müssen einsehen, dass die Welt des Samsara unbeständig ist, tatsächlich erfahren, dass sie ohne Substanz ist, und den Ekel fühlen. Aber nicht nur das: Wir müssen auch die Absicht haben, Erleuchtung zu erlangen. Sie ist das Gegenteil von Samsara.

In Wirklichkeit hat Samsara, da in ihm alles nur von vorübergehender Dauer ist, keine echte Substanz. Es ist nicht verlässlich, nicht einmal für die Dauer eines Augenblicks. Wenn wir Erleuchtung oder wahres Glück erreichen wollen, müssen wir es, bis wir befreit sind, auf diese Weise sehen.

Es heißt, dass Samsara keine Substanz hat. Man könnte allerdings auch sagen, es hat Substanz, weil wir alle seit Millionen und Milliarden von Leben im Samsara gefangen sind! Und sogar wenn wir glauben, dass wir ein wenig Dharma Praxis machen wollen, tun wir es dennoch nichtweil wir vollständig im Samsara verstrickt sind. Die spirituelle Praxis einfach nur durchzustehennur ein oder zwei Stunden langist so schwierig, und wir langweilen uns so schnell damit. Auf der anderen Seite verbringen wir unser ganzes Leben im Samsara, und langweilen uns dennoch nicht dabei. Das allein schon ist die Substanz des Samsara und die Kraft des Samsara.

Entsagung bedeutet, allen weltlichen Dingen den Rücken zu kehren. Wenn man frei sein will, muss man seinen Geist konsequent von den weltlichen Dingen abwenden. Erst dann, wenn wir bereit sind, das zu tun, werden wir uns der Praxis zur Erleuchtung wirklich widmen können.

AC: Der Buddha sagt: „Der blauhalsige Pfau erreicht beim Fliegen niemals die Geschwindigkeit des Schwans. In ähnlicher Weise kann jemand, der Familie und Haushalt hat, niemals dem Mönch gleichen, der fernab im Dschungel meditiert, ausgestattet mit den Eigenschaften eines Weisen.” Ein einflussreicher amerikanischer Buddhist, Jack Kornfield, sagt dagegen in seinem neuen Bestseller: „Die Opfer, die innerhalb einer Familie gebracht werden, sind die gleichen wie die in jedem strengen Kloster, die Familie bietet genau dieselbe Übung in Verzicht, Geduld, Standhaftigkeit und Großzügigkeit.” Kann das wirklich stimmen?

PR: Es stimmt nicht. Wenn man in einem Haushalt, im weltlichen Leben, lebt, ist die weltliche Anhaftung immer größer, auch wenn man ein spirituelles Training hatte. Es ist gut, als Familienvater Befreiung von den Anhaftungen des Geistes zu suchen. Aber es ist unter diesen Bedingungen sehr schwierig. Selbst in einem Kloster braucht man immer noch ein umfassendes Training, um all die Unreinheiten loszuwerden. Aber natürlich heißt das nicht, dass man nur durch den Eintritt in ein Kloster Befreiung finden kann.

AC: In Amerika ist derzeit eine neue spirituelle Bewegung im Entstehen. Sie wird als „neue amerikanische Spiritualität” bezeichnet. Eine der führenden Verfechterinnen, Elizabeth Lesser, sagt: „Der einzigartige und äußerst positive Aspekt der neuen amerikanischen Spiritualität ist ihre Betonung der SelbstAutorität.” Und tatsächlich sagt sie: „Mit einer demokratischen Spiritualität macht es keinen Sinn mehr, dass Ihnen eine äußere Autorität die heilige Wahrheit und den Weg, sie zu entdecken, beschreibt. In der neuen amerikanischen Spiritualität zeichnen Sie selbst den Weg vor.”

Rinpoche, Sie kommen aus einer großen Tradition, wo der Erfolg auf der spirituellen Reise gänzlich davon abhängt, dass der Suchende Zuflucht im Dreifachen Juwel sucht: dem Buddha, dem Dharma und dem Sangha. Der große Meister der NyingmaSchule, Patrul Rinpoche, sagte:
„Kein Sutra, Tantra oder Shastra berichtet von einem Wesen, das vollkommene Buddhaschaft erreicht hat, ohne einem spirituellen Lehrer zu folgen. Wir können selbst erkennen, dass niemand je aus eigenem Scharfsinn oder eigenem Heldentum die Vollendung der Stufen und Wege geschafft hat. Alle Wesen, uns eingeschlossen, zeigen vielmehr ein besonderes Talent, die falschen Wege zu entdeckenwährend wir verwirrt sind wie ein Blinder, der alleine in den Wüstenebenen umherirrt, wenn es darum geht, dem Weg der Befreiung und Allwissenheit zu folgen. Niemand kann die Juwelen von einer Schatzinsel nach Hause bringen, ohne sich auf einen erfahrenen Steuermann zu verlassen. In gleicher Weise ist ein spiritueller Lehrer oder Gefährte unser wahrer Führer für Befreiung und Allwissenheit, und wir müssen ihm mit Respekt folgen. Das geschieht in drei Phasen: Zunächst wird der Lehrer geprüft, dann folgt man ihm und schließlich eifert man ihm in seinen Erkenntnissen und Handlungen nach.„

Was also empfinden Sie, Rinpoche, als Oberhaupt der Nyingma-Schule des Tibetischen Buddhismus, über den Dharma der neuen amerikanischen Spiritualität? Wie stehen Sie zu dem Begriff der SelbstAutorität auf dem spirituellen Weg?

PR: Was Patrul Rinpoche sagte, ist wahr. Sogar der Buddha hat auf diese Weise gelehrt. Alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Buddhas mussten, beziehungsweise müssen sich auf einen Meister verlassen, der sie auf den spirituellen Weg führt, um in der Lage zu sein, ihm auf richtige Weise zu folgen, also nach der Methode, die wirklich befreit. Ohne Meister gibt es für niemanden die Möglichkeit, Erleuchtung zu erlangen.

AC: Wie empfinden Sie den Begriff Demokratieein amerikanisches Ideal wenn er auf den Weg zur Erleuchtung angewendet wird?

PR: Es erwächst kein Nutzen aus einem demokratischen spirituellen Weg. Und daraus kann keine Kraft entwickelt werden. Das ist das Problem. Warum? Nicht, weil sie größere Unreinheiten wie Hass, Ärger oder Ähnliches habensie haben schon auch Mitgefühl. Aber diese Art der Praxis wird kein Resultat erbringen; sie ist reine Zeitverschwendung.

Der Hauptgrund dafür: Es braucht die Übertragung und den Segen eines Lamas, eines Meisters, von jemandem, der das, was man Erleuchtung nennt, erfahren hat. Sonst ist es kein wirklicher Weg. Ein geeigneter Mei ster, der einen wirklich auf dem spirituellen Pfad zu leiten versteht, wird zum Gegenmittel, das einen vom Leiden des Samsara befreit. Von je her, vom erleuchteten Buddha bis zu den Meistern der Gegenwart, ist der erleuchtete Geist vom Meister zum Schüler übertragen worden. Immer wenn Übertragung stattfindet, muss sie sehr rein gehalten werden, also ohne gegen die Grundsätze, samayas, zu verstoßen oder ein Ehrenwort zu brechen. Die Übertragungslinie muss sehr rein sein, sonst wird es auf dem Weg Hindernisse geben, und man wird die letztendliche Verwirklichung nicht erlangen. Ist ein Same nur ein bisschen verfault, wird er nicht mehr wachsen.

Besitzt jemand nicht jenes klare Verständnis, jene klare Erfahrung, um andere zu leiten, dann können andere davon nicht wirklich profitieren. Deshalb müssen wir uns auf diejenigen verlassen, die diese Art von Verwirklichung haben und von ihnen Anleitung bekommen. Alles hängt davon ab, dass man einen qualifizierten Meister hat, der einen auf dem Weg leitet.

Der Pfad, durch den der Buddha vollständige Erleuchtung erlangte, ist von ihm in all diesen Lehren dargelegt worden. Er leitete seine Anhänger folgendermaßen an: „Wenn ihr diese Art von Praxis macht, dann könnt ihr diese Art von Befreiung erlangen.” In Indien und Tibet gibt es Tausende von Praktizierenden, die Buddhas Lehre und Anweisungen folgen, und sie haben davon die verschiedensten Arten von Verwirklichung und Nutzen erlangt. Wenn man seine spirituelle Praxis durchführt, muss man ein gewisses Ergebnis oder einen gewissen Nutzen oder Kraft daraus ziehen. Nicht nur ein geringes Resultat oder einen kleinen Nutzen. Wir müssen den unermesslichen Nutzen aus der letztendlichen Verwirklichung vollständiger Erleuchtung bekommen.

AC: Würden Sie sagen, dass das Konzept einer demokratischen Spiritualität für das Ego bequem ist?

PR: Ja, es ist für das Ego bequem. Die Leute sagen: „Ach, ich habe doch Rechte.” Sie denken: „Ich werde es einfach angenehm haben.” Das bringt keinen Nutzen. Wenn man einen Samen hat und dieser keine Energie in sich trägt, dann werden, auch wenn er ausgesät wird, daraus keine Früchte erwachsen.

AC: Rinpoche, heutzutage praktizieren mehr und mehr Menschen buddhistische Meditationsweisen. Einige praktizieren mit einigem Verständnis Buddhas Lehre von der Leeredie Lehre, dass alle Phänomene und alle Erfahrungen letztendlich leer und ohne Substanz sind. Andere üben Meditation ohne Verständnis oder Wertschätzung ihrer grundlegenden Rolle in der Lehre des Buddha. Kann die DharmaPraxis zur Befreiung führen, ohne dass sich die Praxis auf das Verständnis gründet, dass die Grundlage von allem die Leere ist?

PR: Generell gesehen hat die Leere verschiedene Ebenen. Nur zu denken oder zu fühlen, dass man Leere erlebt, führt nicht unbedingt zur Erleuchtung. Für jemanden, der überhaupt kein Verständnis von Leere hat oder nur einfache Meditation praktiziert, ist es sehr schwierig, Verwirklichung zu erreichen. Man braucht für die Verwirklichung einen Weg, der befreit. Und Befreiung bedeutet, vom anhaftenden Geist befreit zu sein. Um also vom anhaftenden Geist befreit zu werden, braucht man das Gegenmittel. Und das Gegenmittel ist die Verwirklichung von Selbstlosigkeit oder der Leere des Selbst und aller Phänomene. Wenn man die Praxis einfach durchführt, erreicht man nach und nach höhere Stufen des Weges, und auf diese Art und Weise kann man langsam Befreiung erreichen.

AC: Kann spirituelle Praxis zur Erleuchtung oder Befreiung führen, ohne dass der Übende seiner Anhaftung an die Welt innerlich entsagt?

PR: Das Problem dabei ist, dass man diese Anhaftung nicht aufgibt und so die Leere nicht erkennt.

AC: Weil man immer noch mit der Welt verhaftet ist?

PR: Ja.

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