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Artikel Eine postmoderne Fabel über die immer währende Frage, mit der jeder echte Erleuchtungsuchende irgendwann in seinem Leben zu kämpfen hat: Soll ich bleiben wo ich bin, oder soll ich lieber alles aufgeben und mich ganz und gar der spirituellen Suche hingeben? Am Vorabend seines Abschieds von seinem herrschaftlichen Anwesen Marin County in Kalifornien schildert der junge Suchende Sid Arthur von Sausalito bei einer Tasse heißem Cappuccino seinem spirituellen Lehrer Lloyd Hirshfeld seine wachsende innere Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die ihn inspirierte, sein weltliches Leben und seine Anhaftungen bedingungslos aufzugeben, um auf seiner Suche nach Erleuchtung ins Ungewisse vorzudringen. Sid Arthur: Lloyd, ich muss dir unbedingt von meiner immer größer werdenden Unruhe und meiner Unzufriedenheit mit dem Leben, das ich im Augenblick führe, erzählen. Als ich kürzlich in der Stadt unterwegs war, war es, als würde ich zum ersten Mal das ganze Ausmaß menschlichen Leidens erkennen. Ich sah, wie unglaublich zerbrechlich das Leben ist. Mir wurde das erschreckende Ausmaß der physischen und sozialen Entartung bewusst, die die Welt, in der wir leben, peinigt. Mir wurde die allem innewohnende Realität von Krankheit, Alter und Tod unmittelbar klar, und plötzlich erschien mir unser aller weltliches Streben wie schiere Tollheit. Auf der Stelle erkannte ich, wie dumm und nutzlos es ist, nach Dingen zu streben, die nicht dauerhaft sind, und im Lichte dieser Erkenntnis begann ich, meine Prioritäten neu zu betrachten. In mir wächst nun die Überzeugung, dass ich mein Leben radikal ändern muss. Ich weiß, dass ich den Traum und das Spiel, in dem wir gefangen und dem wir aus geliefert sind, durchbrechen muss. Ich merke, wie mich der große Wunsch beherrscht, herauszufinden, was wahr ist, was unveränderlich ist, um den Frieden tiefsten Verstehens zu erlangen. Lloyd Hirshfeld: Entschuldige, Sid, aber sagtest du, du würdest deine Eltern, dein Zuhause, deine Frau und dein Kind verlassen?! Warum um Himmels Willen glaubst du, es sei notwendig, so etwas zu tun? Sid: Obwohl ich weiß, wie schmerzhaft das für meine Familie sein wird, steht mein Entschluss, auf dem Weg zur letztendlichen Befreiung voranzuschreiten, unumstößlich fest. Um diese überaus edle Jagd nach dem Gutem und nach Ganzheit zu unternehmen, muss ich so frei sein wie der offene Himmel. Das Leben des Haushalters ist eine beengende und schmutzstarrende Angelegenheit, bei der es um die Jagd nach anderen Bedürfnissen geht, die zwangsläufig sehr viel Leid mit sich bringen. Daran habe ich kein Interesse. Es ist mir zuwider, und es ist sicher nicht die angemessene Umgebung für die Art der Suche, die mir vorschwebt. Lloyd: Du bist gewiss sehr inspiriert! Aber Sidney, deine Frau und dein Kind und deinen ganzen Besitz zu verlassen klingt doch sehr extrem. Wie steht es mit deiner Verantwortung als Familienvater
Sid: So viel von dem Leid, das ich in meiner Umgebung sehe, entsteht aus Unwissenheit, und ich spüre die Pflicht, sie zu zerstören. Wenn ich danach trachte, die Symptome der Unwissenheit zu verringern, ohne dass ich mir die Ursachen dieser Unwissenheit in mir selbst betrachtet und überwunden habe, werde ich die Stricke, die mich binden, niemals durchtrennen können! Ich muss mich dieser Suche nach dem Nirvana von ganzem Herzen und ohne Ablenkung hingeben. Lloyd: Ich spürte diese Art des leidenschaftlichen Idealismus ebenfalls in mir, als ich noch jünger war. Aber weißt du, Sid, ich stellte fest, dass ich durch den Rückzug von der Welt, wie du es vorschlägst, letztlich vielen Problemen, mit denen ich mich hätte auseinandersetzen sollen, auswich. Sid: Aber Lloyd, ich fühle es ganz stark, dass ich von den Ketten der Welt frei bleiben muss. Nur wenn mein Geist von den Sorgen der Welt frei ist, wird es mir möglich sein, jene Schärfe der Unterscheidungskraft zu entwickeln, die nötig ist, alles zu durchtrennen, was mich an sie bindet. Lloyd: Nun, die Ergebnisse könnten möglicherweise unausgewogen sein. Wenn man hingegen im Kontext des weltlichen Lebens nach Freiheit sucht, kann gewiss sein, dass man sich allem stellt, was das Leben zu bieten hat. Themen wie Beziehungen, Sexualität, Geld und Macht machen sich früher oder später bemerkbar. Bei mir war es so, dass ich nach Jahren, die ich als Mönch verbracht hatte, bemerkte, wie die Überbetonung meiner spirituellen Praxis mein Leben aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Es war tatsächlich so, dass die ganze Konzentration auf die Meditation schließlich dazu führte, dass ich andere wichtige Teile von mir unterdrückte, die in meinem täglichen Leben einfach nicht angesprochen wurden. Anstatt mich ehrlich mit mir selbst und diesen Dingen auseinander zu setzen, zog ich es lieber vor, mich in eine Situation zu begeben, in der ich mich keinem dieser Dinge zu stellen hatte Sid: Aber warum sollte ich die Befreiung „in der Welt” suchen, wenn die Welt, wie du sagst, ein Ausdruck eben dieser Unwissenheit ist, von der ich mich so verzweifelt befreien möchte? Ich suche nichts, was von dieser Welt ist, nichts, was „Geburt, Alter, Leiden, Tod, Sorgen und Beschmutzung” unterliegt, sondern ich suche „das Ungeborene, nicht Alternde, das nicht Leidvolle, nicht Sterbende, das Sorgenfreie, das reine, höchste Ende der Knechtschaft”; ich bin auf der Suche nach dem Nirvana! Lloyd: Sehr gut, Sid, aber weißt du, Freiheit bedeutet nicht, etwas zu erkennen, was in irgendeiner Weise von der Welt getrennt wäre, und auch nicht, einen Zustand zu entdecken, der von dem, was wir bereits sind, verschieden wäre. Es geht dabei vielmehr darum, einen Ort der Reife und der natürlichen Entwicklung zu finden. Du kannst versuchen, vor den Gegebenheiten des Lebens davonzulaufen, wie ich es selbst einst tat. Doch eines Tages, wenn du in die Welt zurückkehrst, wirst du erkennen müssen, dass die vielfältigen Erfordernisse des täglichen Lebens sehr wahrscheinlich wieder genau dieselben alten Mechanismen auslösen wie zuvor. Sid: Du sagst „wenn ich in die Welt zurückkehre”, aber weshalb sollte ich in ein brennendes Haus zurücklaufen? Ich gehe nicht auf Urlaub, sondern mit dem festen Wunsch, mich ganz und gar der Erkenntnis der ungeborenen, unmanifestierten Wirklichkeit hinzugeben! Ich habe kein Interesse an den Dingen dieser Welt, an den Annehmlichkeiten der Welt, an den Verlockungen der Welt. All das bringt keine Ruhe, kein höheres Wissen, keinen ewigen Frieden oder Zufriedenheit. In einer Welt der endlosen Begierden und des Strebens nach Illusionen brennt in mir nur der heftige Wunsch, ein Leben der Entsagung zu leben und das zu entdecken, was wirklich ist! Lloyd: Aber, aber, Sidney, du wirst in deiner Leidenschaft doch nichts überstürzen wollen! Die Abneigung, mit der du vom Leben in dieser Welt sprichst, weckt in mir den Verdacht, ob es da nicht vielleicht etwas gibt, dem du ausweichen oder entfliehen möchtest. Freiheit hat absolut nichts damit zu tun, vor irgendetwas wegzulaufen, sondern eher damit, das ganze Leben, so wie es ist, zu umarmen, es anzunehmen und willkommen zu heißen und mit ihm wie mit einem Freund und nicht wie mit einem Feind umzugehen! Erst wenn wir zulassen, dass alle Dualitäten des Lebens Gestalt annehmen und wenn wir sie nicht verurteilen, wird es uns möglich sein, wirklichen Frieden mit dem Leben und mit uns selbst zu schließen. Du findest es offensichtlich schwierig, den ganzen Stress und die Enttäuschungen zu akzeptieren, die uns so oft im Leben begegnen. Es gab eine Zeit, als ich ganz ähnlich redete wie du jetzt, doch letztendlich, nachdem ich viele Jahre der Psychotherapie hinter mir hatte, konnte ich mich mit vielen Dingen auf eine Weise auseinander setzen, wie es mir sonst nie möglich gewesen wäre. Ich lernte mit meiner Verletzlichkeit, meinem Zorn, meinen Ängsten und meinen geheimen Wünschen umzugehen. Glaube mir, Sid, ich bin durch eine harte Schule gegangen und habe gelernt, dass man zwar nach den Sternen greifen und sich von allen möglichen Arten spiritueller Erfahrungen und Einsichten faszinieren lassen kann, wenn man jedoch einen ehrlichen Blick auf die eigene Lage wirft, stehen die eigenen Füße doch immer noch auf der Erde und wenn wir es uns noch so sehr anders wünschen. Unser Wunsch glücklich zu sein ist so groß, und es ist so leicht zu vergessen, dass wir Menschen sind, die allen menschlichen Schwächen unterworfen sind. Wir empfinden alle Schmerz, Zorn, fühlen uns missverstanden, haben verletzte Gefühle und tiefe Wunden, die aus unserer Kindheit rühren oder von der Gesellschaft verursacht wurden, und mit all dem müssen wir früher oder später auf irgendeine Weise umgehen. Und es ist überaus wichtig, dass wir mit all dem Schmerz und dem Zorn voller Versöhnlichkeit und Mitgefühl für uns selbst und alle, die uns auf unserem Weg begegnen, umgehen. Missbrauche also bitte die spirituelle Suche und all die Aufregung, die du gerade erlebst, nicht dazu, vor etwas auszuweichen, was sich für mich nach sehr starken und schmerzhaften Gefühlen anhört! Sie werden wieder zurückkehren, um dich einzuholen, wenn du dich ihnen jetzt nicht stellen willst. Sid: Aber Lloyd, es gibt keine Zeit zu verschwenden! Das ganze menschliche Leben ist dem Tod und dem Zerfall, der Krankheit und dem Altern und ununterbrochenem Wandel unterworfen. Du schlägst mir Psychotherapie vor, doch wie kann ich mich damit beschäftigen, meine Träume zu untersuchen, wenn ich doch gesehen habe, dass dieser Traum einer separaten Existenz ein Alptraum ist, der endloses Leid verursacht und aus dem ich erwachen muss! Lloyd: Sid, du klingst schrecklich verärgert und auch verurteilend! Bitte entschuldige, wenn ich danach frage, aber ist mit deiner Beziehung zu deiner Frau alles in Ordnung? Ich weiß, dass es seit der Geburt eures Kindes schwierig geworden ist. Hast du schon mal über eine Eheberatung nachgedacht? Sid Arthur ist wieder zur Vernunft gekommen. Er nimmt den Rat seines Lehrers an und kehrt an diesem Abend zu seinem herrschaftlichen Anwesen in Marin County und zu seiner Familie zurück. Am nächsten Morgen wirft er einen ernsthaften Blick auf sich selbst und sein Leben und prüft, was seine Motive dafür sind, von seinem Zuhause und seinen Verpflichtungen weglaufen zu wollen. Er denkt viel an seinen Vater, der von ihm erwartet, das Familienimperium zu übernehmen, an seine sexuellen Probleme in der letzten Zeit und an seine mangelnde Bereitschaft, seine nur allzu menschlichen Begrenzungen zu akzeptieren. Er kommt zu dem Schluss, dass der innere Aufruhr, den er durchlebt hatte, tatsächlich nur ein Ausdruck seines unreifen Wunsches war, vor Verantwortung und Verpflichtung davonzulaufen, und er ergänzt seine Meditationspraxis mit einer Psychotherapie. Hier begreift er langsam, warum er dieses starke Bedürfnis verspürte, vor seinen Freunden, seiner Familie und seinen Nachbarn wegzulaufen. Er taucht tief in die Vergangenheit ein, erfährt dabei viel über sich selbst und versteht mit der Zeit seinen naivromantischen und idealistischen Gedanken der spirituellen Befreiung, der ihn einst davon überzeugt hatte, er müsse der Welt den Rücken kehren. Seine Neigung zur Psychologie inspiriert ihn schließlich, transpersonaler Psychotherapeut zu werden, und als er sein Universitätsdiplom in den Händen hält, eröffnet er das Zentrum der Heiligen Ganzheitlichkeit, das Entspannungstechniken anbietet, Psychotherapie, Meditationspraktiken, Atemarbeit und die neuesten Körper-Geist-Techniken, die den Menschen helfen sollen, sich auf ihrer spirituellen Suche mit all ihren persönlichen Aspekten auseinander zu setzen. Während er sich unermüdlich um die Erziehung seiner drei Kinder kümmert, als erster Geschäftsführer der internationalen Gesellschaft seines Vaters arbeitet, seine Pflichten als Aktivist und Vorstandsmitglied verschiedener wohltätiger Organisationen erfüllt und Bücher schreibt, in denen er seine Auffassung darüber weitergibt, wie wertvoll es ist, die spirituelle Reise inmitten des täglichen Lebens zu unternehmen, steigt sein guter Ruf und sein Ansehen, und viele andere Menschen fühlen sich inspiriert, seinem Beispiel zu folgen und „das Heilige ins tägliche Leben einzubinden”. Gelegentlich erinnert er sich an jenen Wendepunkt in seinem Leben, als er Cappuccino schlürfend seinem Lehrer Lloyd Hirshfeld gegenübersaß, den er heute gelegentlich beim Lehren unterstützt, und seine idealistischen, drängenden Wünsche erläuterte. Er schüttelt den Kopf und lächelt vor sich hin, während er sich fragt, wo in aller Welt er wohl gelandet wäre, wenn er auf seiner Suche nach Befreiung seinem Impuls nachgegeben hätte und auf und davon gelaufen wäre. Als Sid Arthur von Sausalito mit einem Ruck erwacht, bemerkt er sofort den vollen Mond, der hell auf ihn und Hunderte seiner Schüler herabscheint, die in den frühen Morgenstunden im Redwood-Wald um ihn herum schlafend daliegen. Den Kopf in seine rechte Hand gestützt, liegt er auf der Seite und lacht in sich hinein, als er sich an den Inhalt des Traumes erinnert, aus dem er eben erwacht ist. In Gedanken versunken erinnert er sich voller Dankbarkeit daran, dass er dem Rat seines Lehrers Lloyd Hirshfeld damals nicht gefolgt war. Er hatte ihm Adieu gesagt, hatte seine Familie und sein Zuhause verlassen und alles zurückgelassen, was an sein früheres Leben erinnerte. Auf seiner Suche nach Befreiung, bei der er immer weiter in das Unbekannte vordrang, war er weit gereist und hatte sich verschiedenen spirituellen Praktiken unterworfen, immer in dem Bemühen, ein Verständnis und einen Zustand jenseits des Vergänglichen zu entdecken, ein Wissen, das die Vergeblichkeit offenbaren würde, in dem, was letztendlich leer ist, nach Sicherheit zu suchen. Eines Tages, als er in den weitläufigen Feldern nahe einem Dorf unter einem Baum saß, erlebte er eine explosive Transformation, die ihn vom endlosen Kreislauf von Geburt und Tod befreite. In seiner Verwirklichung der Wahrheit wurde er frei von jeglicher Unwissenheit, von aller Anhaftung und allem Sehnen nach dem, was vergänglich ist, von jedem Zweifel und aller Angst, und vom endlosen Rad des Werdens. Er hatte die höchste Zufriedenheit erreicht, den höchsten Sieg, und war auf jenes Wissen gestoßen, welches jenseits allen Wissens liegt. Sein Erwachen erschütterte die gesamte spirituelle Welt, und die Neuigkeit seiner Verwandlung verbreitete sich in alle Richtungen. Er begann zu lehren und belebte in vielen Menschen wieder den Glauben an die Möglichkeit letztendlicher Befreiung in diesem Leben. Bald schon hatten sich Tausende von Schülern um ihn versammelt, von denen viele von derselben Leidenschaft für die Freiheit angesteckt wurden, die ihren Lehrer motiviert hatte, auf der Suche nach diesem überaus kostbaren Juwel alles hinter sich zu lassen. Nach dem Frühstück beginnt Sid Arthur, jene zu unterweisen, die sich bei ihm versammelt haben. Er erzählt ihnen seinen Traum von der Nacht zuvor und von der Zeit, als sein ehemaliger Lehrer ihn überzeugen wollte, seine Suche nach der Wahrheit mit anderen, weltlicheren Unternehmungen und Belangen zu kombinieren. Er spricht lange an diesem Tag über die Freuden der Entsagung und über die Notwendigkeit, sich voll und ganz der Suche und der Entdeckung dieses höchsten Gutes hinzugeben. Später sitzen Sid Arthur und seine Anhänger zur Abendmeditation beieinander. Als sie beendet ist, erhebt er sich und lächelt, zwinkert dann einem Schüler zu, der einst sein Lehrer war, und entfernt sich, während sich der Tag langsam dem Ende zuneigt.
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