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Was bedeutet es, die Welt zu transzendieren?


Präsentiert zwei Interviews mit Eckhart Tolle and Joseph Goldstein
von Andrew Cohen
 


Einleitung

In dem in den letzten Jahren immer intensiver geführtenDialog zwischen Ost und West ist „Transzendenz” ein beliebter Begriff im Munde von vielen modernen Suchenden geworden. Was bedeutet Transzendenz? „Zu transzendieren” bedeutet über etwas hinauszugehen oder die Grenzen von etwas zu überschreiten; über Beschränkungen zu triumphieren; vor, jenseits und über dem Universum oder der materiellen Existenz zu sein. Das Konzept von Transzendenz ist besonders für all jene, die sich für Erleuchtung interessieren, von Bedeutung. Buddha, der Erleuchtete, dessen Einsicht in die Natur der Wirklichkeit im Herz-Sutra mit „alles überschreitende Weisheit” beschrieben wird, ist ein leuchtendes Beispiel für jemanden, der durch sein Erwachen eindeutig diese Welt transzendierte. In der spirituellen Terminologie bedeutet „die Welt zu transzendieren”, sich von allen Fesseln und Anhaftungen zu befreien, die mit Furcht und Verlangen, den beiden ewigen Feinden der Erleuchtung, verbunden sind. Die „Welt” ist jenes Beziehungsmuster, das auf die Konditionierung des unerleuchteten Verstands durch diese Feinde aufgebaut ist. Daher ist Transzendenz der Welt für die meisten, die nach Erleuchtung suchen, das begehrte Ziel.

Die Idee der Transzendenz findet jedoch nicht bei allen spirituellen Suchern Widerhall. Tatsächlich wächst der Chor der Kritiker aus verschiedenen philosophischen Schulen des spirituellen Marktplatzes, die der Ansicht sind, dass das Konzept von Transzendenz, die übertriebene Betonung bei der Suche nach Erleuchtung „über Furcht und Verlangen hinaus zu gehen”, schlichtweg die unvermeidliche Realität unserer weltlichen Existenz verneintunserer Beziehung zur Erde, zu unserem Körper und unseren Gefühlen.

Zwei überzeugende Beispiele für das Paradigma „die Welt zu transzendieren” sind Joseph Goldstein, einer der geachtetsten Lehrer für Buddhistische Meditation in den USA, und Eckhart Tolle, der in Deutschland geborene erleuchtete Mystiker, dessen Bestseller „JETZT! Die Kraft der Gegenwart” die Aufmerksamkeit Tausender auf sich zieht. Tony Schwartz beschreibt in seinem Buch „Was wirklich zählt”die entscheidenden Momente in Goldsteins Leben folgendermaßen: „An der Columbia Universität, an der er Philosophie studierte, begann Goldstein sich zum ersten Mal für östliche Religionen zu interessieren. Er las die Bhagavad Gitadas klassische, etwa 500 v. Chr. geschriebene Gedicht, in dem der spirituelle Kampf der menschlichen Seele beschrieben wird, sich von der Begierde zu lösen und sich selbst zu überwinden. ‚Da sind bei mir alle Lichter angegangen … Wenn ich mir heute mein mit Unterstreichungen versehenes Schulexemplar anschaue, dann sehe ich, dass ich zu allen Elementen des Nicht-Anhaftens hingezogen war.’” Nach seinem Examen schloss sich Goldstein dem Peace Corps an und wurde nach Thailand geschickt, wo er dann nach einiger Zeit den Buddhismus entdeckte. „Er spürte sofort eine Verbindung mit der Lehre … aber nur wenn er sich zur Meditation hinsetzte fühlte er, wie sich in seinem Innersten etwas regte. … ‚Ich hatte in meinem Leben viel nachgedacht und wußte, dass das Grenzen hatte’ beschrieb er. ‚Hier war eine Öffnung zu einer gänzlich anderen Welt.’” Nachdem er das Peace Corps verlassen hatte, fuhr er nach Bodh Gaya in Indien und verbrachte dort mehrere Jahre, in denen er unter der Anleitung des bengalischen Meisters Anagarika Munindra buddhistische Meditation übte. Während dieser Zeit „wurde Goldsteins Disziplin legendär, sogar unter seinen Mitschülern.” 1974 kehrte er nach Amerika zurück und erhielt eine Einladung, anlässlich der Eröffnung des Naropa Institutes in Colorado einen Vortrag zu halten. Hier traf er Jack Kornfield, der sein Lehrpartner wurde. Das Resultat der Ereignisse in diesem Sommer war ein explosionsartiges Interesse vieler junger Amerikaner an Vipassana-Meditation, der Theravada-Methode, die Goldstein in Indien gelernt hatte. Das wiederum führte 1976 zur Gründung der Insight Meditation Society in Barre, Massachusettseines der größten buddhistischen Meditationszentren in Nordamerika, wo Goldstein heute lebt. Goldstein teilt seine Zeit zwischen persönlichen Meditationsübungen, der Lehrtätigkeit bei weltweiten Meditationsretreats und seiner Autorentätigkeit auf.




In der kurzen Einleitung zu seinem Buch „JETZT! Die Kraft der Gegenwart” sagt Eckhart Tolle: „Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr lebte ich in einem Zustand fast ständiger Sorge, durchsetzt von Perioden suizider Depression.” Tolle war Forschungswissenschaftler und Doktorvater an der Cambridge University, als er eines Nachts „mit einem Gefühl absoluter Bedrohung aufwachte”. Während er über seine Situation nachdachte, so Eckhart Tolle, „konnte ich spüren, dass jetzt eine tiefe Sehnsucht nach Auslöschung, nach Nichtexistenz wesentlich stärker war als das instinktive Bedürfnis zu leben.” Während er diesem Gedankenprozess„Ich kann mit mir selbst nicht mehr weiterleben”folgte, erkannte er mit Schrecken, dass das „Ich” und das „Selbst” nicht ein und dasselbe waren. Diese Erkenntnis katapultierte ihn augenblicklich in eine unglaublich starke spirituelle Erfahrung, die sein Leben völlig transformierte. „Selbstverständlich wusste ich, dass mir etwas sehr Bedeutendes widerfahren war, aber ich verstand es überhaupt nicht. Erst einige Jahre später, nachdem ich so manchen spirituellen Text gelesen und spirituelle Lehrer besucht hatte, erkannte ich, dass das, wonach alle suchten, mit mir bereits geschehen war. Ich verstand, dass der intensive Leidensdruck jener Nacht mein Bewusstsein dazu gezwungen haben musste, sich von der Identifikation mit dem unglücklichen und zutiefst besorgten Selbstdas letztendlich nur eine Erfindung des Verstands istzurückzuziehen. … eine Zeit lang gab es für mich auf der körperlichen Ebene gar nichts mehr. Ich hatte keine Beziehungen, keine Arbeit, kein Zuhause, keine soziale Identität. Fast zwei Jahre verbrachte ich damit, in einem Zustand intensivster Freude auf Parkbänken zu sitzen. … manchmal sprachen mich Leute an und sagten: ‚Ich will, was du hast. Kannst du es mir geben oder mir zeigen, wie man es bekommt?’ Und ich erwiderte: ‚Du hast es schon. Du kannst es nur nicht spüren, weil dein Verstand zu viel Lärm macht.’ … Ehe ich mich versah, hatte ich wieder eine äußerliche Identität –ich war ein spiritueller Lehrer geworden.” Während der letzten zehn Jahre hat Tolle, der heute 53 Jahre alt ist, mit kleinen Gruppen von Leuten in Europa und Nordamerika gearbeitet. Er lebt in Vancouver, British Columbia.

Goldstein und Tolle sind, als Menschen genauso wie als Lehrer, Verfechter einer Transzendenz der Welt als Weg zur Freiheit. Im Gegensatz zum historischen jüdischen Weg, der die Betonung darauf legt, die Welt anzunehmen, oder dem traditionellen buddhistischen Weg, der die Entsagung der Welt betont, heben beide hervor, dass wahres Glück nur in der Transzendenz des zutiefst konditionierten Anhaftens an das „Ich-Konzept” gefunden werden kann. Goldstein drückt es im nachfolgenden Interview so aus: „In den letzten Jahren ist meine Praxis immer einfacher geworden. Letztendlich läuft alles auf eine Sache hinaus, die Buddha gesagt hat: ‚Man sollte sich an gar nichts als ‚Ich’ oder ‚mein’ klammern. Das ist alles. Das ist die Praxis. Da ist die Freiheit.” Eine ähnliche Betrachtungsweise spiegelt sich in der Aussage Tolles: „In konkreten Begriffen, in der grundlegenden Bedeutung heißt es einfach ‚Ja’ zu diesem Augenblick zu sagen. Das ist der Zustand der Hingabeein vollkommenes ‚Ja’ zu dem, was ist. Nicht das innere ‚Nein’ zu dem, was ist. Und das vollkommene ‚Ja’ zu dem, was ist, ist die Transzendenz der Welt. So einfach ist daseine völlige Offenheit zu allem, was dieser Moment bringt.”

Die Freiheit, über die Goldstein und Tolle sprechen, ist zur beliebtesten Darstellung des Dharma der Erleuchtung in der postmodernen Welt geworden. Sie betonen, dass Freiheit ausschließlich eine innere Angelegenheit ist. Und in diesen revolutionären Zeiten einer „erleuchteten” Spiritualität in der die Essenz des höchsten Dharma frei von dem gelehrt wird, was viele als unnötige Last lebensverneinender, patriarchalischer Religion empfindenist für westliche Suchende verständlicherweise der demokratische und personenzentrierte Weg zur Erleuchtung, den beide lehren, der bequemere Weg.

Goldstein und Tolle vertreten beide eine geradezu rigid undogmatische Erleuchtungslehreeine Lehre, in der jede unzeitgemäße Betonung von Formen, die eine Suche nach Freiheit unterstützen könnten, als Ausdruck von Ego gesehen wird, als Konzepte des Verstandes, oder als Zwang, die letztlich nichts mit Freiheit zu tun haben. Beide wehren sich in der Tat vehement gegen die Vorstellung, dass Erleuchtung je mit etwas anderem zu tun haben könnte als jene Ideen, Konzepte und Anhaftungen loszulassen, die in der spirituellen Offenbarung als falsch, irrig und unwahr erkannt werden. Beide sind Beispiele für eine „persönliche Erleuchtung”in der Transzendenz der Welt und persönliche Erlösung auf eine Weise verfolgt werden, bei der der Einzelne immer von einer übermäßigen Teilnahme an der gewöhnlichen Welt frei bleibt. Sie widmen sich beharrlich dem Weg bedingungsloser Freiheit und vermeiden jede Art von Verbindlichkeit, bei der sie eine Form von Anhaftung riskieren würden. Mit beiden Füßen im Bereich des Nichtmanifesten verwurzelt, und nur mit leichten Schritten auf dieser Erde wandelnd, sind Goldstein und Tolle, als Menschen, eine klare Demonstration für einen zutiefst unbeteiligten Umgang mit dieser Welt. Beide haben keine sexuelle Beziehung, keine Kinder und organisieren ihr Leben so, dass es mit Sicherheit viel Zeit und Raum für Persönliches gibt.

Zitate von: Tony Schwartz, What Really Matters: Searching for Wisdom in America, Bantam Book, New York, 1995, pp. 310-11: Eckhart Tolle, The Power of Now, New World Library, Novato, 1995, pp. 1-3.

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Unsere Ausgabe zum Thema: Was bedeutet es, in der Welt zu sein, aber nicht von ihr?


Wie können wir in der modernen materialistischen Welt leben und uns gleichzeitig mit Herz und Seele dem spirituellen Weg widmen? Artikel und Interviews mit Ken Wilber, Eckhart Tolle, S.H. Penor Rinpoche, Elizabeth Lesser, Joseph Goldstein, Pater McNamara, Scheich Tosun Bayrak



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