In dem in den letzten Jahren immer intensiver geführtenDialog zwischen
Ost und West ist „Transzendenz” ein beliebter Begriff im Munde von vielen
modernen Suchenden geworden. Was bedeutet Transzendenz? „Zu transzendieren”
bedeutet über etwas hinauszugehen oder die Grenzen von etwas zu überschreiten;
über Beschränkungen zu triumphieren; vor, jenseits und über dem
Universum oder der materiellen Existenz zu sein. Das Konzept von Transzendenz
ist besonders für all jene, die sich für Erleuchtung interessieren,
von Bedeutung. Buddha, der Erleuchtete, dessen Einsicht in die Natur der Wirklichkeit
im Herz-Sutra mit „alles überschreitende Weisheit” beschrieben wird,
ist ein leuchtendes Beispiel für jemanden, der durch sein Erwachen eindeutig
diese Welt transzendierte. In der spirituellen Terminologie bedeutet „die Welt
zu transzendieren”, sich von allen Fesseln und Anhaftungen zu befreien,
die mit Furcht und Verlangen, den beiden ewigen Feinden der Erleuchtung, verbunden
sind. Die „Welt” ist jenes Beziehungsmuster, das auf die Konditionierung
des unerleuchteten Verstands durch diese Feinde aufgebaut ist. Daher ist Transzendenz
der Welt für die meisten, die nach Erleuchtung suchen, das begehrte Ziel.
Die Idee der Transzendenz findet jedoch nicht bei allen spirituellen Suchern Widerhall. Tatsächlich wächst der Chor der Kritiker aus verschiedenen philosophischen Schulen des spirituellen Marktplatzes, die der Ansicht sind, dass das Konzept von Transzendenz, die übertriebene Betonung bei der Suche nach Erleuchtung „über Furcht und Verlangen hinaus zu gehen”, schlichtweg die unvermeidliche Realität unserer weltlichen Existenz verneint unserer Beziehung zur Erde, zu unserem Körper und unseren Gefühlen.
Zwei überzeugende Beispiele für das Paradigma „die Welt zu transzendieren”
sind Joseph Goldstein, einer der geachtetsten Lehrer für Buddhistische
Meditation in den USA, und Eckhart Tolle, der in Deutschland geborene erleuchtete
Mystiker, dessen Bestseller „JETZT! Die Kraft der Gegenwart” die
Aufmerksamkeit Tausender auf sich zieht. Tony Schwartz beschreibt in seinem
Buch „Was wirklich zählt”die entscheidenden Momente in Goldsteins
Leben folgendermaßen: „An der Columbia Universität, an der er Philosophie
studierte, begann Goldstein sich zum ersten Mal für östliche Religionen
zu interessieren. Er las die Bhagavad Gita das klassische, etwa 500 v. Chr.
geschriebene Gedicht, in dem der spirituelle Kampf der menschlichen Seele beschrieben
wird, sich von der Begierde zu lösen und sich selbst zu überwinden.
‚Da sind bei mir alle Lichter angegangen … Wenn ich mir heute mein mit Unterstreichungen
versehenes Schulexemplar anschaue, dann sehe ich, dass ich zu allen Elementen
des Nicht-Anhaftens hingezogen war.’” Nach seinem Examen schloss sich Goldstein
dem Peace Corps an und wurde nach Thailand geschickt, wo er dann nach einiger
Zeit den Buddhismus entdeckte. „Er spürte sofort eine Verbindung mit der
Lehre … aber nur wenn er sich zur Meditation hinsetzte fühlte er, wie sich
in seinem Innersten etwas regte. … ‚Ich hatte in meinem Leben viel nachgedacht
und wußte, dass das Grenzen hatte’ beschrieb er. ‚Hier war eine Öffnung
zu einer gänzlich anderen Welt.’” Nachdem er das Peace Corps verlassen
hatte, fuhr er nach Bodh Gaya in Indien und verbrachte dort mehrere Jahre, in
denen er unter der Anleitung des bengalischen Meisters Anagarika Munindra buddhistische
Meditation übte. Während dieser Zeit „wurde Goldsteins Disziplin legendär,
sogar unter seinen Mitschülern.” 1974 kehrte er nach Amerika zurück
und erhielt eine Einladung, anlässlich der Eröffnung des Naropa Institutes
in Colorado einen Vortrag zu halten. Hier traf er Jack Kornfield, der sein Lehrpartner
wurde. Das Resultat der Ereignisse in diesem Sommer war ein explosionsartiges
Interesse vieler junger Amerikaner an Vipassana-Meditation, der Theravada-Methode,
die Goldstein in Indien gelernt hatte. Das wiederum führte 1976 zur Gründung
der Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts eines der größten
buddhistischen Meditationszentren in Nordamerika, wo Goldstein heute lebt. Goldstein
teilt seine Zeit zwischen persönlichen Meditationsübungen, der Lehrtätigkeit
bei weltweiten Meditationsretreats und seiner Autorentätigkeit auf.
In der kurzen Einleitung zu seinem Buch „JETZT! Die Kraft der Gegenwart” sagt
Eckhart Tolle: „Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr lebte ich in einem
Zustand fast ständiger Sorge, durchsetzt von Perioden suizider Depression.”
Tolle war Forschungswissenschaftler und Doktorvater an der Cambridge University,
als er eines Nachts „mit einem Gefühl absoluter Bedrohung aufwachte”.
Während er über seine Situation nachdachte, so Eckhart Tolle, „konnte
ich spüren, dass jetzt eine tiefe Sehnsucht nach Auslöschung, nach
Nichtexistenz wesentlich stärker war als das instinktive Bedürfnis
zu leben.” Während er diesem Gedankenprozess „Ich kann mit mir selbst
nicht mehr weiterleben” folgte, erkannte er mit Schrecken, dass das „Ich”
und das „Selbst” nicht ein und dasselbe waren. Diese Erkenntnis katapultierte
ihn augenblicklich in eine unglaublich starke spirituelle Erfahrung, die sein
Leben völlig transformierte. „Selbstverständlich wusste ich, dass
mir etwas sehr Bedeutendes widerfahren war, aber ich verstand es überhaupt
nicht. Erst einige Jahre später, nachdem ich so manchen spirituellen Text
gelesen und spirituelle Lehrer besucht hatte, erkannte ich, dass das, wonach
alle suchten, mit mir bereits geschehen war. Ich verstand, dass der intensive
Leidensdruck jener Nacht mein Bewusstsein dazu gezwungen haben musste, sich
von der Identifikation mit dem unglücklichen und zutiefst besorgten Selbst das letztendlich nur eine Erfindung des Verstands ist zurückzuziehen.
… eine Zeit lang gab es für mich auf der körperlichen Ebene gar nichts
mehr. Ich hatte keine Beziehungen, keine Arbeit, kein Zuhause, keine soziale
Identität. Fast zwei Jahre verbrachte ich damit, in einem Zustand intensivster
Freude auf Parkbänken zu sitzen. … manchmal sprachen mich Leute an und
sagten: ‚Ich will, was du hast. Kannst du es mir geben oder mir zeigen, wie
man es bekommt?’ Und ich erwiderte: ‚Du hast es schon. Du kannst es nur nicht
spüren, weil dein Verstand zu viel Lärm macht.’ … Ehe ich mich versah,
hatte ich wieder eine äußerliche Identität –ich war ein spiritueller
Lehrer geworden.” Während der letzten zehn Jahre hat Tolle, der heute
53 Jahre alt ist, mit kleinen Gruppen von Leuten in Europa und Nordamerika gearbeitet.
Er lebt in Vancouver, British Columbia.
Goldstein und Tolle sind, als Menschen genauso wie als Lehrer, Verfechter
einer Transzendenz der Welt als Weg zur Freiheit. Im Gegensatz zum historischen
jüdischen Weg, der die Betonung darauf legt, die Welt anzunehmen, oder dem
traditionellen buddhistischen Weg, der die Entsagung der Welt betont, heben
beide hervor, dass wahres Glück nur in der Transzendenz des zutiefst
konditionierten Anhaftens an das „Ich-Konzept” gefunden werden kann. Goldstein
drückt es im nachfolgenden Interview so aus: „In den letzten Jahren ist
meine Praxis immer einfacher geworden. Letztendlich läuft alles auf eine
Sache hinaus, die Buddha gesagt hat: ‚Man sollte sich an gar nichts als ‚Ich’
oder ‚mein’ klammern. Das ist alles. Das ist die Praxis. Da ist die Freiheit.”
Eine ähnliche Betrachtungsweise spiegelt sich in der Aussage Tolles: „In
konkreten Begriffen, in der grundlegenden Bedeutung heißt es einfach ‚Ja’
zu diesem Augenblick zu sagen. Das ist der Zustand der Hingabe ein vollkommenes
‚Ja’ zu dem, was ist. Nicht das innere ‚Nein’ zu dem, was ist. Und das vollkommene
‚Ja’ zu dem, was ist, ist die Transzendenz der Welt. So einfach ist das eine
völlige Offenheit zu allem, was dieser Moment bringt.”
Die Freiheit, über die Goldstein und Tolle sprechen, ist zur beliebtesten
Darstellung des Dharma der Erleuchtung in der postmodernen Welt geworden. Sie
betonen, dass Freiheit ausschließlich eine innere Angelegenheit
ist. Und in diesen revolutionären Zeiten einer „erleuchteten” Spiritualität
in der die Essenz des höchsten Dharma frei von dem gelehrt wird, was
viele als unnötige Last lebensverneinender, patriarchalischer Religion
empfinden ist für westliche Suchende verständlicherweise der demokratische
und personenzentrierte Weg zur Erleuchtung, den beide lehren, der bequemere
Weg.
Goldstein und Tolle vertreten beide eine geradezu rigid undogmatische Erleuchtungslehre eine Lehre, in der jede unzeitgemäße Betonung von Formen, die eine
Suche nach Freiheit unterstützen könnten, als Ausdruck von Ego gesehen
wird, als Konzepte des Verstandes, oder als Zwang, die letztlich nichts mit
Freiheit zu tun haben. Beide wehren sich in der Tat vehement gegen die Vorstellung,
dass Erleuchtung je mit etwas anderem zu tun haben könnte als jene Ideen,
Konzepte und Anhaftungen loszulassen, die in der spirituellen Offenbarung als
falsch, irrig und unwahr erkannt werden. Beide sind Beispiele für eine
„persönliche Erleuchtung” in der Transzendenz der Welt und
persönliche Erlösung auf eine Weise verfolgt werden, bei der der Einzelne
immer von einer übermäßigen Teilnahme an der gewöhnlichen
Welt frei bleibt. Sie widmen sich beharrlich dem Weg bedingungsloser Freiheit
und vermeiden jede Art von Verbindlichkeit, bei der sie eine Form von Anhaftung
riskieren würden. Mit beiden Füßen im Bereich des Nichtmanifesten
verwurzelt, und nur mit leichten Schritten auf dieser Erde wandelnd, sind Goldstein
und Tolle, als Menschen, eine klare Demonstration für einen zutiefst unbeteiligten
Umgang mit dieser Welt. Beide haben keine sexuelle Beziehung, keine Kinder und
organisieren ihr Leben so, dass es mit Sicherheit viel Zeit und Raum für
Persönliches gibt.
Zitate von: Tony Schwartz, What Really Matters: Searching for Wisdom in America, Bantam Book, New York, 1995, pp. 310-11: Eckhart Tolle, The Power of Now, New World Library, Novato, 1995, pp. 1-3.



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