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Aus der Redaktion


Einleitung zu dieser Ausgabe
 




Je tiefer ich nach den Wurzeln unserer globalen Umweltkrise forsche, umso mehr bin ich davon überzeugt, dass sie die äußere Manifestation einer inneren Krise ist, diein Ermangelung eines besseren Worteseine spirituelle Krise ist.
Al Gore
Die Erde im Gleichgewicht


Das Jahr 2002. Fünfundsechzig Millionen Jahre nach dem Tag, als sich ein unberechenbarer Asteroid in die Erdoberfläche rammte und auf einen Schlag fünfundachtzig Prozent des Lebens auf dem Planeten auslöschte. Jenes Ereignis markiert das Ende der Dinosaurier und den Anfang des Känozoikums, einer Ära, die später einen Primaten mit aufrechtem Gang namens Homo sapiens hervorbringen sollte. Und jetzt, vierzigtausend Jahre nachdem der Homo sapiens auf der Bühne erschienen ist, behaupten Wissenschaftler aus der ganzen Welt, dass diese Primaten mit dem aufrechten Gangdie Menschen alsodafür verantwortlich sind, dass die Welt in eine Krise steuert, wie es sie seit jenem verheerenden Aufprall vor so langer Zeit nicht mehr gegeben hat.

Zu Beginn dieses dritten Jahrtausends gibt es kaum einen Zweifel, dass dieser von der Sonne aus gesehen dritte Felsbrocken, den wir unser Zuhause nennen, zumindest ökologisch, bessere Zeiten gesehen hat. Mit der zunehmenden Bedrohung durch globale Erwärmung, schnelle Abnahme der Artenvielfalt, sich verringernde Reserven fossiler Brennstoffe, massive Entwaldung, ungehemmte Umweltverschmutzung und die zahlreichen anderen Umweltprobleme, ist die fragile Biosphäre des Planeten Erde in einen regelrechten Belagerungszustand geraten. Doch damit hören die Herausforderungen noch nicht auf. Sechstausend verschiedene Zivilisationen auf der ganzen Welt erleben einen Wirbelsturm der Globalisierungökonomisch, politisch, sozial und kulturellund wir erkennen, dass wir in einem globalen Dorf leben, das sich in nie da gewesener Weise verändert und neu gestaltet. In dieser schönen neuen Welt schaukeln sich Wohlstand und Armut, neue Visionen und uralte Hassgefühle in eine prekäre Balance. Nach Aussage unserer Wissenschaftler werden nukleare Sprengköpfe unsere geringste Sorge sein, unsere Technologen versprechen im einundzwanzigsten Jahrhundert noch fortgeschrittenere Waffen von ungeahnter Stärke. Einige sagen sogar, dass wir uns mit hoher Geschwindigkeit einem Punkt nähern, wo es kein Zurück mehr gibt, und dass wir dem Komfort der modernen Zivilisation ade sagen müssensoll uns nicht das Schicksal der Dinosaurier ereilen. Und der Primat mit dem aufrechten Gang, der dieses ganze Durcheinander fabriziert hat, wird in fünfzig Jahren seine gegenwärtige Bevölkerung wahrscheinlich um mehr als fünfzig Prozent erhöht haben. Ob es uns nun passt oder nicht, wir lebenwie es Jim Garrison, der Präsident des State of the World Forum, kürzlich formuliert hatin einer Welt, die in Flammen steht.

Bei Fragen von dieser überwältigenden Größe und Tragweite wächst die Erkenntnis, dass wir heute an einem Scheideweg stehen, an einem kritischen Punkt in der Geschichte unserer Evolution. In der Tat behaupten viele, dass die Entscheidungen, die wir in den nächsten paar Jahrzehnten treffen, eine Auswirkung auf Hunderte, wenn nicht Tausende von Jahren haben werden. Wo sollen wir daher nach einer Vision suchen, die uns zu mehr Verständnis, zu einer Antwort auf diese Krise verhelfen kann? Wo ist die Vision, die im umfassendsten Sinne des Wortes wirklich global istuniversell, allumfassend, ganzheitlich? Vielleicht ist es die Erkenntnis dieser Herausforderung, die in unserer Geschichte ohne Beispiel ist, dass Sozialtheoretiker and evolutionäre Denker jetzt einen Begriff einführen, der in den strategischen Denkfabriken globaler Entscheidungsträger nicht sehr geläufig ist: Spiritualität.

Im ganzen Land und überall in der Welt scheint eine neue Bewegung im Gange zu sein. Von der spirituellen Ökologie eines Thomas Berry bis zur integralen Sichtweise eines Ken Wilber; von der Erforschung des höheren menschlichen Potentials durch das Institute of Noetic Sciences bis hin zu einer Bewegung, die eine freiwillige Einfachheit propagiert, wie sie von Duane Elgin initiiert wurde; von Gorbatschows State of the World Forum zu einer „Politik des Sinns” eines Michael Lerner; vom Weltfriedensgipfel der Vereinten Nationen anlässlich des Millenniums bis zu dem in jüngster Zeit wieder zusammengekommenen Parlament der Weltreligionen: Hier bahnt sich eine ungewöhnliche Mischung von Spirituellem und Sozialem ihren Weg in die Angelegenheiten der Welt. Es ist das Bestreben dieser geistigen Pioniere, das Schicksal dieses Experiments, das unser menschliches Leben ist, nicht allein jenen Disziplinen zu überlassen, die mit ihren Vorgehensweisen die Lage der Menschheit nicht auf ganzer Linie erfassen können. Und sie sind sich einig in der Überzeugung, dass nur eine Vision von der Dimension einer spirituellen Perspektive an den Kern dieser facettenreichen Krise vorzudringen vermag.

Aber was bedeutet es bei den Problemen der modernen Gesellschaft wirklich, der Spiritualität Geltung zu verschaffen? Wenn es stimmt, dass in der Menschheitsgeschichte die spirituelle Erleuchtung fast durchweg als letztendliche Lösung für das Individuum angesehen wurde, was bedeutet das dann für die Verantwortung des Einzelnen, die eigene Spezies zu retten oder die Lebenssysteme des Planeten zu schützen? Wie der Öko-Theologe Thomas Berry in seinem Buch „The Great Work” aufzeigt, wurden die großen Weisheitstraditionen der Vergangenheit und die geistigen Werte, die aus ihren Lehren erwachsen sind, in einer Welt geformt und gestaltet, die mit derartigen globalen Problemen, wie wir sie heute haben, nie zu kämpfen hatte. Die Frage ist daher: Kann Erleuchtung nicht nur das Individuum, sondern darüber hinaus auch die Welt retten? Und wenn das so ist, was bedeutet das in Hinsicht auf die Natur des spirituellen Weges, jetzt, an diesem Punkt unserer evolutionären Geschichte?

Das sind einige der Fragen, mit denen unsere Recherchen für diese Ausgabe von Was ist Erleuchtung? begannen. Und wie immer nahmen wir zunächst unser eigenes Leben in genaueren Augenschein. Bei unserer Entscheidung, dem spirituellen Ruf zu folgen, waren wirwie viele Sucherüberwiegend von der Überzeugung geleitet, dass die letztendliche Lösung für die Probleme unserer Gesellschaft in einer Transformation des menschlichen Bewusstseins liegt und dass der spirituelle Weg wirklich der direkteste Zugang ist, um mit unserem Egoismus und unserer Selbstbezogenheit auf Konfrontationskurs zu gehen; denn hier schien die Wurzel für fast alle Probleme in der äußeren Welt zu liegen. Als wir aber über die nüchterne Realität unserer ökologischen Krise zu lesen begannen, als wir die Abläufe der Klima-Veränderung studierten und von dem massiven Artensterben erfuhren, das innerhalb der großen Vielfalt der Welt-Ökosysteme vor sich geht, da machten wir einige kritische Momente durch. Wir fragten uns, ob es nicht an der Zeit wäre, ganz das spirituelle Handtuch zu schmeißen und unseren „Erst der Geist”-Glauben gegen einen „Erst die Erde”-Radikalismus einzutauschen. Evolutionsbiologen sagen, dass unser Primaten-Verstand eigentlich nicht dazu angelegt ist, über die lokalen Umstände hinaus zu denken; doch als wir dann den unangenehmen Tatsachen unserer kollektiven Situation direkt ins Auge sahen, waren wir von den tiefgehenden globalen Folgen des Kurses, den wir Menschen schon eine ganze Weile steuern, wie vor den Kopf geschlagen. Meditieren wir seelenruhig auf dem oberen Deck der Titanic, fragten wir uns, und führen wir Debatten über Details von spirituellen Einsichten, während das Schiff am Sinken ist? Fiedeln wir mit Nero, während Rom in Flammen steht? Vielleicht sollten wir einfach nur alles geben, was wir haben, um die Umwelt zu retten, dachten wir, und alles andere sein lassen und uns dem Kampf anschließen. Was können die höheren Ebenen menschlicher Evolution letztendlich noch bedeuten, wenn bei unseren Lebensgrundlagen in der Biosphäre nichts mehr funktioniert.

Obwohl wir am Ende doch nicht alles zurückließen, um in die Regenwälder zu ziehen, machten wir immerhin die Entdeckung, wie beunruhigend es sein kann, seine eigene spirituelle Reise in den Zusammenhang einer Weltkrise zu stellen, insbesondere einer von einem Ausmaß, mit dem wir heute konfrontiert sind. In dieser Ausgabe unseres Magazins haben wir mit Persönlichkeiten gesprochen, die unserer Erwartung nach einerseits auf die Frage, wie Erleuchtung die Welt retten kann, eine Antwort geben und andererseits zu der ebenso wichtigen Frage nach der Bedeutung und Wichtigkeit von Erleuchtung in einer Welt, die Rettung braucht, würden Stellung nehmen können. Und in der Tat, jeder einzelne von ihnen hat, wie auf den folgenden Seiten zu lesen ist, entscheidende Fragen zum Wesen des spirituellen Weges am derzeitigen Stand unserer geschichtlichen Entwicklung untersucht; und viele von ihnen sind zu unerwarteten und sehr herausfordernden Schlüssen gekommen. Sie vermitteln uns Einsichten aus Wissenschaft und Technik, aus der Evolutionstheorie und aus den spirituellen Traditionen von Vergangenheit und Gegenwart, und aus ihrem eigenen Mitgefühl herausaus Blut, Schweiß und Tränen. Von dem Mut und der Entschlossenheit der spirituellen Aktivisten bis zu den neuen Perspektiven der Evolutionstheoretiker, von hochfliegenden Zukunftsvisionen bis zur harten Realität einer leidenden Gesellschaft: Ihre Worte beschwören und inspirieren uns, auf unser eigenes spirituelles Leben zu schauen, in dem drängenden und überwältigenden Kontext einer Welt, die in Flammen steht.

Carter Phipps


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WIE Ausgabe 6:
Unsere Ausgabe zum Thema: Kann Erleuchtung die Welt retten?


Immer mehr Menschen sind heutzutage der Ansicht, dass jede Lösung, die eine umfassende Antwort auf die Krise unserer Welt sein soll, in ihrem Kern eine spirituelle Komponente bergen muss. Aber auf welche Weise kann denn Erleuchtung die Welt retten? Artikel und Interviews mit: Roshi Bernie Glassmann, Rabbi Michael Lerner, Ma Jaya Sati Bhagavati, Vimala Thakar und anderen …



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