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Bin ich es, der da blutet?


Ein Interview mit Roshi Bernie Glassman
von Andrew Cohen
 

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Interview



Bernie
Glassman
Andrew Cohen: Dies ist ein heikler Augenblick in der Geschichte des Planeten Erde. Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und eine moderne Waffentechnologie zur Massenvernichtung ist nicht nur für unsere eigene Spezies lebensbedrohlich, sondern für alles Leben auf unserem Planeten. Der Sozialwissenschaftler und evolutionäre Denker Duane Elgin stellt in dieser Ausgabe von WIE fest: „Wir müssen uns wirklich der Tatsache stellen, dass jetzt eine Anzahl kraftvoller Entwicklungen zusammenströmtKlimaveränderungen, Artensterben, Bevölkerungswachstum sowie die Ausbreitung von Armut. All diese Faktoren haben sich getrennt voneinander entwickeln können, das Einzigartige an unserer Zeit ist jedoch, dass die Welt zu einem geschlossenen System geworden ist. Es gibt keinen Ort mehr, an den man entkommen könnte, und all diese machtvollen Kräfte wirken nun zunehmend aufeinander ein und verstärken sich gegenseitig. Unsere Lage lässt sich mit einem Satz Gummibänder vergleichen, die man dehnt und dehnt und dehnt, bis die Grenze ihrer Elastizität erreicht istdas ist der Punkt, an dem das System zusammenbricht. An diesem Punkt wird etwas Gewaltiges geschehen, und obwohl wir im Moment noch unsere Augen davor verschließen können, werden wir uns in zwanzig Jahren mit der erbarmungslosen Realität einer Krise des Systems auseinandersetzen müssen.”

Der Kulturhistoriker Thomas Berry konstatiert in seinem neuen Buch
Die große Aufgabe: „Gerade, wo wir unszum ersten Malmit dem endgültigen und unwiderruflichen Zusammenbruch der Funktionsfähigkeit der Erde und ihrer Hauptlebenszyklen konfrontiert sehen, müssen wir feststellen, dass wir moralisch völlig mittellos dastehen. Unsere traditionelle Ethik weiß mit Suizid und Homizid, ja selbst mit Genozid umzugehen, aber sie bricht völlig zusammen, wenn sie mit Biozid, der Auslöschung der empfindlichen Lebenszyklen der Erde, und Geozid, der Zerstörung der Erde selbst, konfrontiert wird.”

Roshi Glassman, Sie sind Zen-Aktivist, leidenschaftlicher Zen-Aktivist. Seit vielen Jahren haben Sie in sehr praktischer Weise auf das enorm große Leiden in Ihrer Umgebung reagiert. Wie sollen wir, ethisch und spirituell gesehen, mit dieser Krise umgehen? Welches ist Ihrer Ansicht nach die angemessene, von uns zu kultivierende Haltung, um mit der Endgültigkeit, wie sie Elgin und Berry so anschaulich beschreiben, zurecht zu kommen?


Bernie Glassman: Wissen Sie, Andrew, im Grunde bin ich ein einfacher Mensch. Die Probleme, die Sie gerade ansprachen, sind globale Probleme. Ich betrachte sie vom Aspekt unseres menschlichen Körpers. Nach meiner Ansicht sind wir alle miteinander verbunden. Allerdings ist es nicht gerade einfach, so zu denken.



Deshalb möchte ich, wenn ich darüber spreche, unseren Körper als Beispiel nehmen. Denn in gewisser Weise finden wir diese Probleme, von denen Sie in Bezug auf die Welt gesprochen haben, doch alle ständig in uns selbst, in unserem Körper. Ich habe mit Diabetes und mit der Prostata zu tun. Und wenn ich mir das vor Augen halte, könnte mich das total überwältigen. Ich meine damit, ich könnte sagen: „Ich kann nichts daran ändern.” Aber wenn wir tatenlos zusehen, sterben wir. Es geht also darum, dass wir hier etwas tun! Wir tun etwas, damit wir Klarheit gewinnen, klar sehen. Wenn meine Hand blutet, kann ich nicht dasitzen und zusehen, wie sie blutet, und sagen: „Teufel auch, ich habe keine Ahnung, was ich tun soll.” Wenn deine Hand blutet, dann wirst du dich darum kümmern müssen. Wenn Du kein Verbandszeug hast, mußt du vielleicht das Blut auflecken oder einen Streifen Stoff von deinem Hemd abreißen und ihn als Verband benutzen. Irgendetwas wirst du doch machen. Ganz gewiss wirst du nicht einfach so dasitzen und denken: „Bin ich es, der da blutet?” Du wirst etwas tun. Wenn ich zum Beispiel einen obdachlosen Menschen auf der Straße oder jemanden, der zum Waldsterben beiträgt, als mich selbst sehe, dann sage ich mir: „Ich bin derjenige, der so ist, was also kann ich daran ändern?” Ich werde tun, was ich kann. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Ich habe keine Lösungen, denn ich weiß nicht. Das ist der erste Grundsatz unserer Peacemaker-Gemeinschaft. Wir mögen jede Menge WerkzeugeKenntnisse, Sprachen, Ausrüstung oder was auch immerhaben, dennoch nähern wir uns jeder Situation vom Standpunkt des Nicht-Wissens. Das bedeutet, vollkommen offen zu sein und zuzuhören. Und dann zu tun, was man kann. Nicht zu sagen: „Ich habe nicht genug Geld. Mein Wissen reicht nicht aus. Ich bin nicht erleuchtet genug. Mir fehlt...” Sondern stattdessen zu sagen: „Das ist es, was ich habe ...”und dann das Beste zu tun, was man kann. Dies treibt mich dazu, überall, wo ich tätig bin, weiterzumachen. Wenn man mal einen Schritt zurücktritt, dann kann man eigentlich nur sagen: „Weißt du, es überwältigt einen so sehres wird doch alles auseinander fallen.” Ja, es wird alles auseinander fallen. Aber bis dahin werde ich noch das und das tun.

AC: Sie würden also sagen: „Bleibe in einem Zustand des Nicht-Wissens und gibt dein Bestes?”

BG: Ja, geh an die Situation aus einem Zustand des Nicht-Wissens heran. Dann lege Zeugnis für sie ab. Versuche, mit ihr eins zu werden, und dann, glaube ich, wird rechtes Handeln automatisch geschehen. Dieses Handeln wird liebevolles Handeln sein, genau so, als wenn man versuchen würde, das Bluten seiner eigenen Hand zu stillen. Das heißt, es wird automatisch erfolgen.

AC: Sie sagen: Wenn wir Zeugnis ablegen, wenn wir uns dem Leiden stellen, wenn wir uns dem wirklich stellen, dann ergibt sich daraus eine natürliche Reaktion?

BG: Ja, dessen bin ich mir sicher. Ich habe es immer wieder erlebt. Wenn wir aber darauf aus sind, Probleme zu lösen, dann sitzen wir in der Falle.

AC: Weil wir die Fähigkeit dazu nicht haben?

BG: Ja. Unsere Rolle ist nur Teil eines Ganzen, und das ist alles, was wir tun können. Es gibt eine Geschichte von einem Bodhisattva, der einen ausgetrockneten Brunnen findet. In der Nähe sieht er einen schneebedeckten Berg, und mit einem Löffel in der Tasche erklimmt er ihn. Er nimmt einen Löffel voll Schnee, kehrt zurück, entleert ihn in den Brunnen und steigt wieder den Berg hinauf. Und so fährt er fortnicht in der Annahme, dass er den Brunnen auf diese Weise tatsächlich wird füllen könnensondern einfach nur, weil man das tun muß. Ich predige Aktivismus. Ich versuche den Leuten Mut zu machen, das zu tun, was immer sie können, mit was auch immer ihnen gerade zur Verfügung steht.

AC: Und wie sollten wir auf die „Endgültigkeit”, die Berry erwähnte, reagieren, die deshalb so erschütternd ist, weil sie möglicherweise das Ende des Lebens, wie wir es kennen, bedeutet?

BG: In gewisser Weise spielt es keine Rolle, ob du etwas Großes oder Kleines tust. Wer etwas in großem Maßstab schaffen kann, wird das tun, und wer in einem kleineren Maßstab etwas tun kann, wird auch tun, was er kann. Ich definiere Erleuchtung als den Grad der Tiefe, mit der jemand die Einheit des Lebensdie Verbundenheit allen Lebenserkennt. Und der Grad deiner Erleuchtung kann an deinen Handlungen gemessen werden.

AC: Wie können wir uns des Ernstes der Krise bewusst bleiben, ohne uns davon so überwältigt zu fühlen, dass wir von Angst und Verzweiflung völlig gelähmt sind?

BG: Ich glaube, wir sind nur wegen unserer Erwartungen überwältigtaufgrund unserer Erwartung, dass wir das Problem werden lösen können.

AC: Ich verstehe, das ist also der Schlüssel.

BG: Nimm Schritt für Schritt die größtmögliche Perspektive ein, und dann tu, was du kannst, ohne alle Erwartungen.

AC: Ohne zu erwarten, dass man das Problem vollständig lösen wird?

BG: Ja, oder ohne es auch nur verbessern zu können. Man tut, was man kann, und dann wird etwasder Teufel weiss, wasgeschehen.

AC: In Ihrem Buch Zeugnis ablegen sagen Sie: „In der Zen-Praxis machen wir unsere Sitzmeditation nicht für uns selbst, sondern für die Welt.” Glauben Sie, es ist angesichts des Ernstes dieser außerordentlichen Krise noch möglich, ungeachtet dieser Umstände seine spirituellen Übungen zu praktizieren? Ist esanders ausgedrücktfür den Einzelnen noch möglich, persönliche Erleuchtung und spirituelle Transformation nur für sich selbst zu verfolgen? Oder macht es für einen ernsthaften Menschen keinen Sinn mehr, spirituelles Erwachen anzustreben, ohne dass diese Suche Ausdruck einer von tief empfundener Verpflichtung geprägten, engagierten Beziehung zur Gesamtheit des Lebens ist?

BG: Wir haben viele Metaphern, die Erleuchtung als etwas darstellen, das einem selbst dient. Ich halte diese Metaphern für überholt. Ich glaube, dass wir uns mittlerweile so weit entwickelt haben, dass die Einheit des Lebens Teil unseres Bewusstseins geworden ist, unabhängig davon, ob wir persönliche Erleuchtung anstreben. Und wenn ich einmal den Mönch als Metapher nehmeich glaube, heutzutage ist das Mönchsein die Metapher einer Suche nach Erleuchtung für die Transformation der Welt, und nicht nur für den Einzelnen. Ob wir es nun erkennen oder nicht, ich glaube, dass wir das Wissen darum, dass wir nicht nur ein Individuum sind, sondern wahrhaftig die WeltTeil eines Ganzenin unserem Bewusstsein haben. Und nach meinem Empfinden müssen Erleuchtungspraktiken zu Handlungen in der Welt führen.

AC: Sie sagen also, im Kontext unserer heutigen Zeit sei es nicht möglich, Erleuchtung nur für sich selbst anzustreben?

BG: Ja, das glaube ich. Und ich denke, dass diejenigen, die immer noch glauben, sich aus der Welt heraushalten zu können, nur Frustration erleben werden. Ich stimme dem zu, was Sie vorhin gesagt haben, nämlich dass die Welt ein geschlossenes System ist und dass alles, was geschieht, einen Einfluss auf die ganze Welt hat. Ja, all unsere Handlungen wirken sich auf die ganze Welt aus und wir können nichts tundie Übungen für Transformation oder Erleuchtung eingeschlossenwas nicht einen Effekt auf die ganze Welt hätte.

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WIE Ausgabe 6:
Unsere Ausgabe zum Thema: Kann Erleuchtung die Welt retten?


Immer mehr Menschen sind heutzutage der Ansicht, dass jede Lösung, die eine umfassende Antwort auf die Krise unserer Welt sein soll, in ihrem Kern eine spirituelle Komponente bergen muss. Aber auf welche Weise kann denn Erleuchtung die Welt retten? Artikel und Interviews mit: Roshi Bernie Glassmann, Rabbi Michael Lerner, Ma Jaya Sati Bhagavati, Vimala Thakar und anderen …



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