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Einleitung
Vimala Thakar wurde in Zentralindien in einer mittelständischen Brahmanenfamilie geboren, und ihre Leidenschaft für das spirituelle Leben erwachte schon früh. „Das Bewusstsein für ‚etwas Jenseitiges' bildete sich bei mir im Alter von fünf Jahren,” schreibt sie und schildert, wie sie von zuhause fort in einen Wald lief, um Gott zu suchen und ihn anzuflehen, sich ihr zu offenbaren. Ihr Vater, ein kühner, unabhängiger Freidenker, förderte ihr spirituelles Interesse und unterstützte ihre Besuche in Ashrams, ihr Studium der Schriften und ihre Experimente mit spirituellen Praktiken. Von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter setzte sie ihre spirituellen Bestrebungen gewissenhaft fort und zog sich dann mit 19 Jahren für längere Zeit in eine Höhle im Himalaja zurück. Ihre zahllosen außergewöhnlichen Erfahrungen dieser frühen Jahre haben eine epische Aura wie die Erzählungen der Mahabharata. Als junge Frau engagierte sich Vimala Thakar dann in der von Vinoba Bhave initiierten sogenannten „Landschenkungsbewegung ”(Land Gift Movement). Gandhis spiritueller Nachfolger Bhave, der selbst als Heiliger angesehen wird, unterstützte dessen Mission und Vision einer neuen sozialen Ordnung. In den Jahren der engen Zusammenarbeit mit Vimala Thakar impfte er ihr Gandhis Leidenschaft für, wie sie selbst es formuliert, „eine grundlegende Strukturwandlung der menschlichen Gesellschaft sowie für radikale Veränderungen im Wesenskern des menschlichen Geistes” ein. In unermüdlichem Einsatz für die Land Gift Movement, eine Bewegung, die Ländereien vor dem Zugriff der Reichen sichert, um sie an Bauern ohne Grundbesitz umzuverteilen, reiste Thakar über acht Jahre lang von Dorf zu Dorf quer durch ganz Indien. 1960 nahm sie auf Einladung eines Freundes an einer Vortragsreihe teil, die ein spiritueller Lehrer in Varanasi abhielt In dem Augenblick, sagt sie, wurde „glühende Asche zu Feuer und Flamme”. Sie ließ das Land Gift Movement und den gesamten Bereich sozialen Engagements hinter sich, um ihre Aufgabe als spirituelle Lehrerin anzunehmen. Sie bereiste die Welt, hielt Vorträge und leitete Meditationscamps. In einem offenen Brief an Freunde und frühere Kollegen erklärte sie die Gründe, weshalb sie ihre Aufmerksamkeit nun ausschließlich der inneren Revolution zugewandt hatte: „Es gibt keine Worte für die Intensität und Tiefe der Erfahrung, durch die ich gehe. Alles hat sich verändert. Es ist, als sei ich neu geboren! ... Meine Verbindung mit der Bewegung ist zu Ende. Heute scheint es mir, dass das wahre Problem das innere Problem vollkommener Freiheit ist! ... Die einzige Rettung für die Menschheit besteht offenbar in einer religiösen Revolution des Individuums. ... Und weil die Quelle allen Übels im Wesen unseres Bewusstseins liegt, werden wir uns damit befassen müssen. Alles, was unserem Verstand jahrhundertelang eingetrichtert wurde, muss nun vollständig aufgegeben werden. Die karmische Schwungkraft eines millionenfachen Gestern kann nicht leicht überwunden oder beseitigt werden, wenn wir versuchen, dies auf eine beiläufige Weise anzugehen, oder wenn wir uns nicht einmal damit auseinandersetzen.” Während der folgenden zweiundzwanzig Jahre lehrte Vimala Thakar in mehr als zwanzig Ländern, und von ihren Büchern wurde eine stattliche Anzahl in zwölf Sprachen übersetzt. Obwohl sie für das umwelt- und sozialpolitische Tagesgeschehen der Welt stets ein sehr waches Interesse hatte, war und blieb ihre Lehre hauptsächlich auf die innere Revolution des Geistes gerichtet. Im Jahre 1979 jedoch lebte Thakars soziales Engagement wieder auf. Sie unterbrach ihre Lehrreise um die Welt für drei Jahre, um erneut in Indien Dörfer aufzusuchen, mit den Bewohnern über die Probleme vor Ort zu reden und Zentren zur Ausbildung in Agrarwirtschaft, Hygiene, lokaler Selbstverwaltung und aktivem demokratischem Bürgerrecht zu gründen. Nach dieser Unterbrechung setzte sie ihre Reisen ins Ausland fort, doch nun war die innere und die äußere Revolution in umfassenderer Weise das Zentrum ihrer Leidenschaft. Als der kalifornische Meditationslehrer Jack Kornfield sie einmal fragte, warum sie zur Entwicklungshilfe zurückgekehrt sei und wieder die Hungernden und Obdachlosen unterstütze, erwiderte sie: „Mein Herr, ich liebe das Leben, und deshalb kann ich mich von keiner Aktivität des Lebens ausschließen. Hungern die Leute nach Nahrung, dann werde ich mithelfen, sie zu nähren. Hungern sie nach der Wahrheit, dann werde ich ihnen dabei helfen, sie zu entdecken. Ich unterscheide nicht zwischen meinem Dienst an Menschen, die verhungern und deren physisches Leben ohne Würde ist, und meinem Dienst an Menschen, die ängstlich und verschlossen sind und deren mentales Leben würdelos ist. Ich liebe das gesamte Leben.” Vimala Thakar ist heute 80 Jahre alt und reist nicht mehr außerhalb Indiens. Doch nach wie vor empfängt sie Einzelne und Gruppen, die sich auf den langen Weg gemacht haben, um sie an ihrem Wohnort in Rajasthan oder in Ahmedabad, ihrem Winterquartier, aufzusuchen. Dort trifft sie mit Menschen aus aller Welt zusammen, deren Bandbreite von Buddhisten und Yoga-Lehrern über Industrielle, Ökologen und indo-pakistanische Friedensaktivisten bis hin zu Parlamentsabgeordneten reicht. „Spiritualität ist der Same”, sagt diese erwachte Aktivistin, „und soziales Handeln ist die Frucht, die aus ihm reift”. Thakars Worte haben eine Glaubwürdigkeit und Echtheit, wie sie nur aus einem Leben, das rückhaltlos und einzig und allein der vollkommenen Revolution des menschlichen Geistes gewidmet ist, hervorgehen können. Zitate aus: On an Eternal Voyage, Vimala Thakar (Vimal Parivar: Bombay, 1994) und Vimalaji's Global Pilgrimage, ed. Kaiser Irani (Vimal Prakashan Trust: Ahmedabad, 1996) Der folgende Artikel besteht aus Auszügen von Vimala Thakars Buch Spirituality and Social Action: A Holistic Approach (Vimala Programs California: Berkeley, 1984).
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