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Artikel
„Ja, das wissen wir, aber wie willst du das unseren Lesern klarmachen?” „Ist es nicht genug, wenn ich einfach seine unglaubliche Geschichte erzähle? Ich meine, sieh doch mal: Umstrittener Freiheitskämpfer erlangt im Gefängnis Erleuchtung und gibt es auf die Revolution anzuführen, um einer der größten Philosophen/Yogis und evolutionären Denker zu werden, die je gelebt haben. Du musst zugeben, das ist eine unglaublich gute Schlagzeile.” Andrew lächelte. „Okay „...Tote Gurus knallen nicht rein!” beendeten alle Mitarbeiter diesen Satz im Chor. Ich konnte es nicht fassen, dass wir hierüber überhaupt diskutierten. „Und was ist mit Babaji”, rief ich aus. „Man kann nicht einmal den Beweis erbringen, dass er überhaupt jemals gelebt hat. Und über ihn machen wir eine Story!” „Unsterbliche Weise sind eine Sache. Aber Sri Aurobindo liegt ganz unbestritten seit 50 Jahren im Grab. Ich weiß, seine Ärzte waren erstaunt darüber, dass sein Körper auch nach vier Tagen noch nicht verweste, aber ich möchte nicht sehen, wie er jetzt aussieht.” Andrew lachte. „Und Swami Vivekananda ist in dieser Ausgabe, obwohl er heutzutage ja wohl auch keine hitzigen Debatten mehr auslöst, oder?” Ich war sicher, dass ich ihn damit kriegte. „Es ist völlig in Ordnung, Auszüge aus jemandes Buch zu drucken”, entgegnete er, „aber du willst, dass wir dich ganz bis nach Indien fliegen lassen, um tiefschürfende Untersuchungen über jemanden zu führen, über den man alles, was man wissen will, im Internet finden kann.” „Sieh doch”, bat ich, „wir machen eine Ausgabe über evolutionäre Erleuchtung. Wie viele Menschen wissen denn schon etwas darüber? Jeder denkt doch heutzutage, Erleuchtung sei das Ende, das große Finale, das endgültige Abdüsen ins Nirvana ohne Rückfahrkarte. Aber Sri Aurobindo hatte es BEGRIFFEN. Er war der Erste, der es begriffen hatte. Er begriff es, so wie kaum einer nach ihm. Klar können die Leute im Internet über ihn nachlesen, aber zuerst muss man einmal begreifen, wie außergewöhnlich er wirklich war. Um das zu zeigen, will ich diesen Artikel machen. Und ich glaube, damit mir das gelingt, muss ich nach Indien fahren, Aurobindos Ashram besuchen und dort mit den Leuten sprechen, die ihn gekannt haben, um so die wirkliche Insider-Story zu bekommen.” Andrew bat mich, Platz zu nehmen. „Ok, hör zu”, sagte er, „ich habe weder gegen deine Argumente etwas einzuwenden, noch sage ich, dass du auf keinen Fall fahren kannst. Aber bevor ich meine Zustimmung zu einer Reise um die halbe Welt gebe, musst du uns eine Art Aufhänger präsentieren, etwas, das Sri Aurobindo lebendig, faszinierend und ‚up-to-date' rüberbringt und Als wir unser tägliches Redaktionstreffen beendeten, war ich so aufgeregt, dass ich mich kaum beherrschen konnte. Es war zwar schwierig genug gewesen, aber mein erhofftes Ziel, einen Fuß in die Tür zu setzen, hatte ich erreicht. Zum nächsten Nachmittagstreffen brachte ich einen ganzen Stapel Bücher über Sri Aurobindo, den bahnbrechenden Weisen des 21. Jahrhunderts, mit, wohl wissend, dass mir eine ziemliche Aufgabe bevorstand. Zwar hatte ich nicht den geringsten Zweifel daran, dass jeder im Team riesigen Respekt vor Aurobindos Werk hatte, doch mir war auch klar, dass ein Feature über eine große Persönlichkeit aus der Vergangenheit „Ist er nicht extrem schwierig zu lesen”, hatte mich einer meiner Kollegen geradeheraus gefragt, „als wären seine Gene aus Versehen mit denen eines deutschen Philosophen oder so gekreuzt worden?” Er war schwierig zu lesen, das musste ich zugeben, denn als erstes hatte er Latein und Griechisch schreiben gelernt, zwei Sprachen, in denen lange Satzkonstruktionen als hohe Kunst gelten. Nichtsdestotrotz war mir klar, dass meine einzige Chance, diesen Fall zu gewinnen, darin bestehen würde, einige Textstellen aus seinem Werk laut vorzulesen: Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag ebenso selbst ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner bewussten Mitwirkung den Über-Menschen, den Gott, erarbeiten will.
Jetzt hatte ich Ihre volle Aufmerksamkeit. Ich las weiter: ...die volle und perfekte Erfüllung des evolutionären Impulses erfordert, dass die [spirituelle] Erleuchtung und Verwandlung das gesamte Wesen, seinen Geist, seinen Lebenswandel, seinen Körper, erfasst und neu erschafft: Sie sollte nicht bloß eine innere Gott-Erfahrung sein, sondern eine Umgestaltung der inneren und äußeren Existenz vermittels ihrer Kraft; sie darf nicht nur im Dasein des Individuums Gestalt annehmen, sie muss sich vielmehr in Form eines gemeinschaftlichen Zusam- menlebens gnostischer Wesen durch- setzen, welches die höchste Antriebskraft und Ausdrucksform der Entfaltung des Geistes in der Erd-Natur ist.
Nachdem ich noch ein paar Seiten mehr vom gleichen Stil vorgelesen hatte, blickte ich in die Runde: Sie waren davon gefesselt. Das überraschte mich nicht. Während unserer Recherchen für diese Ausgabe waren wir bereits auf mehrere herausragende evolutionäre Denker gestoßen, doch Sri Aurobindos Worte hatten eine spirituelle Bedeutung wie die von keinem anderen, den wir gelesen hatten; eine Bedeutung, die angesichts des Themas dieser Ausgabe und unserer Gründe, selbiges zum jetzigen Zeitpunkt zu wählen, großes Gewicht hatte. Denn die Idee, eine Ausgabe über Evolution und Erleuchtung zu machen, war von einer Reihe unerwarteter Durchbrüche in der kollektiven Praxis unserer eigenen spirituellen Gemeinschaft ausgelöst worden, die Obwohl mein lautes Vorlesen aus Sri Aurobindos Werk die Neugier des gesamten Redaktionsteams geweckt hatte und alle begierig waren, mehr über seine Lehre zu erfahren, war ich meinem Ziel doch erst um Haaresbreite näher gekommen. Als ich unser Treffen an jenem Nachmittag verließ, war mir klar, dass ich noch eine Menge Überzeugungsarbeit würde leisten müssen, bevor ich mich auf dem Weg nach Indien wiederfinden würde. In jener Nacht, als ich darüber nachgrübelte, wie ich die Welt davon überzeugen könnte, dass Sri Aurobindo cool ist, hatte ich plötzlich eine Art Geistesblitz
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